Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,12

Prädikant Ralf Bröcker (ev.)

10.11.2016 Landeskirchenamt der Ev. Kirche im Rheinland

Zur Einführung von Hauptamtlichen Jugendleiterinnen und Jugendleitern am 10. November 2016 im Landeskirchenamt der Ev. Kirche im Rheinland.

Nele wandert

Vielen Menschen ist noch die wandernde Nele bekannt. In ihrer Heimat aber auch auf den großen Fernwanderwegen war sie oft mit Stiefel und Rucksack zu sehen.  Angefangen hatte alles als Nele eine Jugendliche war. Im Fernsehen gab es eine Dokumentation über den Kungsleden. Der Kungsleden ist auch heute noch ein berühmter Wanderweg in Lappland. Kungsleden ist schwedisch und bedeutet „Der Pfad des Königs“. Diesen Königspfad fand Nele wirklich toll. Die Wälder und Seen beeindruckten sie ebenso wie die wunderbare Pflanzen und Tiere. Und so beschloss sie als Jugendliche: „Ich reise nach Schweden und wandere den Kungsleden.“

Fleißig und beharrlich wie Nele nun mal war, bereitete sie sich gründlich für diese Wanderung in der einsamen Natur vor. Regelmäßig joggte sie, um körperlich fit für den anstrengenden Weg zu sein. Sie las alle Reiseführer mehrfach gründlich durch. Sie unterhielt sich mit erfahrenen Wanderern und merkte sich deren Tipps.

Als junge Frau plante Nele die Wanderung im Detail. Sie durchforschte Testberichte über spezielle Funktionskleidung zum Wandern. Sie verglich den Wärmeschutzfaktor von Daunenschlafsäcken mit dem Isolierwert von synthetischen  Materialien in der Korrelation zu Gewicht und Volumen. Sie kaufte Expeditionsnahrung für den errechneten Kalorienbedarf und keimfreie Trinkwasserfilter. Alles verstaute sie sorgfältig im atmungsaktiven wasserdichten Hardwear-Trecking-Rucksack mit ausgeklügelter Lastverteilung. Und obwohl sie jedes Teil einzeln gewogen hatte, wurde der Rucksack doch mächtig schwer und zog an ihren Schultern.

 

Endlich waren alle Vorbereitungen abgeschlossen und sie bestieg den Flieger nach Schweden. In Stockholm musste sie noch einmal das Flugzeug wechseln und endlich kam sie in Kiruna an. Doch dort erwartete Nele eine böse Überraschung: Ihr Gepäck war verschwunden. Der sorgfältig gepackte Rucksack mit der gesamten Spezialausrüstung war weg. Die Fluggesellschaft suchte natürlich emsig und versprach den vollen Wert zu bezahlen, aber Nele stand dort traurig und verzweifelt. Kein Rucksack, kein Schlafsack, kein GPS-Wanderführer und keine Expeditionsnahrung - so stand sie am Beginn des Kungsleden.

Die Sonne schien, ein seichter Wind wehte und Nele dachte: „Wenn ich schon mal hier bin, mache ich zumindest einen Spaziergang auf dem Königspfad und kehre dann heute Nachmittag zum Flughafenhotel zurück“. Im Flughafen kaufte sie noch ein paar Kekse und eine Flasche Wasser für den  Spaziergang und ging los. Der Kungsleden war wirklich wunderschön. Schnell verließ der Weg die Stadt und tauchte in die herrliche Natur ein. Es war ein schöner Spaziergang. Nele lief einfach und vergaß sogar manchmal die Sorgen um den Rucksack. Doch schnell wurde es Nachmittag und Nele wollte gerade zum Flughafenhotel zurückkehren, als sie am nächsten Bergkamm eine Hütte entdeckte. „Bis dahin gehe ich noch, dort drehe ich um“, beschloss sie und lief weiter. Die Aussicht von der Hütte war fantastisch. In der Hütte gab es einen Ofen und trockenes Feuerholz. Da dachte Nele. „Heute Nacht bleibe ich hier. Ich mache mir im Ofen Feuer gegen die Kälte und ein paar Kekse habe ich auch noch, das wird schon gehen. Morgen früh laufe ich dann zum Hotel zurück.“ Sogar Streichhölzer lagen in der Hütte aber Nele machte das Feuer mit zwei Hölzern und Birkenrinde, denn sie hatte Lust dazu. Der Ofen prasselte schön warm, Nele setzte sich auf den Fußboden und schlief ein.

In der Nacht brannte der Ofen leer und Nele wachte bereits sehr früh und durchfroren auf. Sie trank etwas Wasser aus dem klaren Bach und wollte gerade auf den Rückweg gehen, als die Sonne hinter den Wolken hervorkam und sie wärmte. „Ich gehe noch eine oder zwei Stunden weiter, wenn ich dann umdrehe komme ich immer noch rechtzeitig zum Hotel“, dachte sie noch, während ihre Füße schon weiter liefen. Es wurde schon immer später und dringend Zeit endgültig umzukehren, als Nele eine andere Gruppe Wanderer traf. Nachdem sie von Nele gehört hatten, wie es ihr geht, luden sie sie ein. „Lauf noch ein Stück mit uns. Heute Abend rutschen wir alle im Zelt zusammen, dann reicht der Platz auch für dich. Morgen läufst du dann bis zur Hütte zurück und übermorgen bist du wieder am Flugplatz.“ Nele zögerte nicht lang und ging mit. Sie teilten das Essen und schenkten Nele eine silbern glänzende Rettungsdecke aus den Erste-Hilfe-Päckchen. Die war zwar nicht kuschelig, aber warm hielt sie trotzdem.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich die Wanderer und gingen einen anderen Weg. Nele aber war mutig geworden und dachte: „Jetzt bin ich schon zwei Tage auf dem Kungsleden und bislang ging alles gut, jetzt dreh ich doch nicht mehr um.“ Also lief sie fröhlich weiter. Mittags begann es zu regnen. Der Magen knurrte kräftig trotz der Beeren die sie aß. Dicke schwarze Wolken machten den Tag grau. Abends fand sie keine Hütte. Im Reiseführer hatte zwar gestanden, dass hier eine wäre, aber was weiß so ein Reiseführer schon. Sie hockte im Regen unter einer großen Tanne und fror die ganze Nacht. In dieser Nacht beschloss sie einen Ranger zu suchen. Der würde ein Rettungsfahrzeug bestellen oder sie zum Flughafen fahren. Wie naiv war sie doch gewesen: Sie würde nie den Königspfad laufen, egal ob mit oder ohne Rucksack. Der Kungsleden hatte sie besiegt.

 

Ganz früh am nächsten Tag lief sie los. Nass, hungrig und bitterkalt war ihr, als sie nur wenig später die Hütte sah. In der Hütte fand Nele Notfallproviant eine Kochstelle und sogar ein Notfalltelefon mit dem man die Ranger erreichen kann. Bevor sie anrufen würde, machte sie nur schnell den Ofen an (Diesmal mit den Streichhölzern). Sie kochte sich einen süßen starken Tee und aß zwei ganze Notfallproviatpäckchen. Das Essen und die Wärme machten Nele müde und statt zu telefonieren schlief sie ein.

Vor Erschöpfung schlief sie den ganzen Tag und die halbe Nacht. Es war Mitternacht als sie wach wurde und vor die Hütte trat. Da sah sie, was sie noch nie zuvor gesehen hatte: Die Mitternachtssonne erleuchtete den Kungsleden. Licht vom Himmel, mitten in der Nacht.  

Was soll man noch weiter erzählen. Nele rief natürlich keine Ranger an. Sie lief weiter auf dem Königspfad. An manchen Tagen fror sie, manchmal traf sie andere Menschen, die sie unterstützten. Manchmal konnte sie in den Hütten ein wenig Essen kaufen, manchmal blieb sie hungrig. Aber immer wieder sah sie auch die Mitternachtssonne.

 

Seit damals ist Nele immer wieder Wandern gewesen. Meist war ihr Rucksack klein und leicht aber eine Sache fehlte nie darin. Immer nahm sie eine zweite Decke mit, denn man weiß ja nie, wann man einen Wanderer trifft, der eine Decke braucht.

 

Johannes 8, 12 „Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

 

(Anmerkung: Den Kungsleden mit den Hütten sowie dem Proviant gibt es tatsächlich, ebenso das Licht vom Himmel inmitten der Nacht.)