Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,2-11

Pfarrer Roland Hadorn

04.03.2007 in CH-Klosters

Der Mann weiss es und fürchtet es zuweilen: Er ist der Frau, oder sagen wir's mit einem starken Wort aus dem 19. Jahrhundert, er ist dem Weib gegenüber schwach; zumindest in gewisser Weise. Das hängt mit einigem zusammen, auch mit den Trieben. Wen die Triebe treiben, verliert gerne die Kontrolle, sei's Mann oder Frau. Und also gilt es, Zügel anzulegen, damit die Gäule nicht durchgehen.

Hier ist es ein sakrales Gesetz, welches die Ehe schützen will. In ihm lebt vom Wissen um die Triebkräfte des Menschen, die sich im Rausch ins Masslose steigern und alle Schranken hinter sich lassen können. Und in ihm lebt vom Wissen um das verletzbare Herz, das zu bluten beginnt, wenn ein dritter Mensch in das hineintritt, was angelegt worden ist für zwei Menschen.

Das sakrale Gesetz unterscheidet zwischen Todsünden und anderen. Und für den Fall der Todsünde sieht es als Strafe den Tod vor. Mit dem Text hier sind wir in einer Rechtssituation, in der das sakrale Gesetz massgebende Instanz ist oder sein will.

Unsere heutige Rechtspraxis ist weit davon entfernt: Da steht kein Gotteswille, sondern Menschenwille hinter dem Gesetz. Es gibt das weltliche Gesetz und nur dieses ist rechtswirksam; es weist allenfalls noch Spuren sakraler Gesetze auf.

Die Liebe unter Menschen hat vielfältige Formen angenommen und wenn sie zerbricht, steht rechtlich nicht die Schuldfrage im Vordergrund, sondern es gilt die Zukunft unter getrennten Verhältnissen zu gestalten.

Man gibt sich insgesamt aufgeklärter, abgeklärter, und das hat sein Gutes. Es ist eine andere Perspektive, wenn angesichts einer zerbrochenen Liebe nicht gefragt wird: Wer ist schuld? Sondern gefragt wird: Wie ist das zu verstehen? Die Liebe ist deswegen kein reines Spiel. Denn wenn sie auflebt, steht immer auch viel auf dem Spiel; und wenn sie stirbt, nicht weniger.

Es ist eine Lektion besonderer Art, wenn es zu erkennen gilt: Die Zeit unserer Liebe ist abgelaufen. Wir wollten sie seinerzeit für immer verstanden wissen; nun ist es anders gekommen. Die alte Sehnsucht nach einer Partnerschaft, die hält, was sie verspricht, sie kann sich erfüllen und sie kann sich nicht erfüllen. Und wenn die Wahrheit dazwischen liegt, kann es spannungsvoll werden.

Immer bleibt viel auf dem Spiel: Denn in der Liebe, die lebt, "sitzt" der Mensch als ganzer; und in der Liebe, die enttäuscht wird, "sitzt" der Mensch als ganzer. Und die Emotionen schlagen hoch, und zwar auf alle Seiten hin.

Gesteinigt wird in demokratischen Rechtsstaaten niemand. Die meisten kennen auch die Todesstrafe nicht mehr. Nur - das Pulverfass der Gefühle ist damit nicht entschärft.

Es vergeht kein Jahr ohne sogenannte Beziehungsdramen. Dramen von der Art, als Menschen Menschen umbringen aus enttäuschter Liebe. Dabei sind Männer gefährlicher als Frauen, wenn es denn um die körperliche Gewalt geht; die seelische Gewalt ist etwas anderes.

Man muss sehen, in welch verzweifelte Gefühlslagen Menschen fallen können und welche Kräfte plötzlich frei werden können. Und man kann diese Meldungen hören mit einer Mischung von Neugierde und Furcht: Die Neugierde, die das Kriminelle aufsaugt und die Furcht, die um diese kriminellen Kräfte weiss, auch in sich selbst.

Es entsteht das Bedürfnis zu beseitigen, was sich nicht konform verhält: Aus den Augen und aus dem Sinn soll, wer vorgelebt hat, was nicht gelebt werden darf und was doch jederzeit als Möglichkeit in allen angelegt ist und bleibt. Das todbringende Strafmass zeigt auch etwas von Mass der Auswirkungen der Tat und vom Willen, solchen Auswirkungen nie ausgesetzt zu werden.

Nebst dem Bedürfnis zu beseitigen, besteht auch jenes nach Sühne und nach Strafe. Nicht wenige Täter wollen sühnen. Und nicht wenige Opfer wollen eine Strafe für die Täter und - zumindest vorerst - keine Gnade. Menschliche Regungen, auch diese! Und wie unterschiedlich darüber gedacht wird, zeigt etwa die derzeitige Diskussion um eine Form von Begnadigung der sog. RAF-Terrorisiten in Deutschland (Rote-Armee-Fraktion; Baader-Meinhof-Gruppe).

Die Männer hier bringen eine Frau vors Gesetz, das Männer gemacht haben, und zwar tendenziell für Männer. Der Mann, der mit der Frau zusammen schuldig geworden ist, er fehlt; über ihn verlieren die Männer kein Wort. Hier, sie, die Frau. Und hier, das Gesetz. Sind Fragen? Ja, schon:

Niemand fragt hier nach den anderen, die, ob sie wollen oder nicht, dazu gehören: nach der Ehefrau des Ehebrechers bzw. nach dem Ehemann der Ehebrecherin. Welches Strafmass würden die beiden anlegen, sagen wir nach einer Bedenkzeit von einem halben oder einem ganzen Jahr?

Oder fragen wir so: Gesetzt diese Frau hier ist der einzige Nachkomme eines der Gesetzeslehrer hier, seine geliebt Tochter. Was dann?

Nein, den Männern des Gesetzes scheint alles klar. Und, sie nutzen die Gelegenheit, dem unbequemen Rabbi aus Nazareth auf den Zahn zu fühlen, und zwar gleich mit letzter Gründlichkeit.

Es gibt nicht wenige künstlerische Darstellungen dieser Szene. Eine davon, zu sehen in Brüssel, eine ein-drückliche, stammt von Peter Paul Rubens, 1577 - 1640, dem flämischen Maler. Er zeigt diese eine Situation, und er zeigt, wie so unterschiedlich diese eine Situation für die beteiligten Menschen sein kann und muss.

Es ist eine Situation, in der unterschiedliche Ansprüche aufeinander prallen: Hier das Gesetz mit dem Todesurteil. Und dort: eine Frau, unter deren Brust ein Herz schlägt, das durchaus zu lieben imstande ist, ein Mensch eben und damit ein Stück weit Sinnbild für den Menschen, für den Menschen: der fallen kann, der sich verrennen und verstricken kann und der doch Mensch bleibt und hofft und liebt und geliebt werden möchte.

Wem ist Recht zu geben, dem Gesetz oder dem Herzen, das für diesen Menschen nicht schlagen muss, aber schlagen kann?


Zwischenspiel

Die Antwort steigt aus diesem Entweder-Oder aus; und sie steigt auf in die Reihe grosser moralischer Sätze: Sie enthält ein Sowohl-als-Auch. Wohl: das Gesetz gilt. Vollzieht es! Und es beginne zu werfen, wer von sich weiss: meine moralische Bilanz ist makellos, ich bin sündlos. Das Gesetz gilt und hinzu kommt ein Zusatz - nicht im Sinne einer zwingenden, aber einer möglichen Erwägung, nämlich der Frage:

Bist du so vorbehaltlos gut, also du endgültig über gut und böse befinden kannst und in diesem Sinne berechtigt, das Urteil zu sprechen, ja, Steigerung der Verantwortung!, selber zu vollziehen? Das Gesetz gilt und hinzu kommt: Hätte man nicht auch schon auf dich zeigen können und sagen? - auf frischer Tat ertappt! - bei was auch immer. Und es kommt hinzu etwas von dem: Willst du für immer ausschliessen, du könntest dich so verhalten, dass Ungutes festgestellt werden könnte?

Sie, die Gesetzeskundigen, hätten eigentlich ein Leichtes und könnten empört einwerfen: Wenn moralische Vollkommenheit zur Bedingung des Gesetzesvollzugs werden soll, kann letztlich niemand mehr Gesetze vollziehen, und das ist der Beginn der Anarchie (Gesetzlosigkeit). Aber, sie, die Gesetzeskundigen von Hause aus, sie - lassen das bleiben! Sie scheinen getroffen und betroffen zu sein; und haben die Grösse, dies zu zeigen. Sie schweigen, sie gehen. Jeder für sich, wohl jeder für sich wissend.

Und also geschieht Gnade vor Recht. Und in den wenigen Worten, die jetzt noch fallen zwischen der Frau und dem Mann liegt viel:

Einmal scheint Jesus überrascht: "Frau, wo sind sie? Hat keiner dich verurteilt? ". Offensichtlich ist für ihn der Ausgang offen gewesen. Er kann kaum anders als offen sein, den Gnade wird gewährt, nicht befohlen.

Dann: "Geh! Von jetzt an sündige nicht mehr". Es wäre viel, wenn nicht alles missverstanden, wollte man sagen: "Schön, lasst uns wacker sündigen, die Gnade ist uns sicher!"

Nein, die Gesetze, die sich eine Gesellschaft gegeben hat und geben liess, die müssen gelten; sonst brechen die Dämme.

Die Schonung der Frau damals steht vor dem Hintergrund des damals gültigen Gesetzes. Und indem ausnahmsweise geschont wird, wird die grundsätzliche Gültigkeit des Gesetzes nicht infrage gestellt.

Und auch die heutigen Gnadenerlasse werden so zu verstehen sein. Wie kann man ihn begründen, den Gnadenerlass? Es ist schwer, denn Gnade ist weniger ein Kopf-, mehr ein Herzentscheid. Er Herzentscheid ist nicht logisch; aber er gibt war. Zumindest dem Täter.

Gnade kann nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Sie wirkt auf das, das nach der Tat geschieht oder nicht geschehen soll. Und die Regung der Gnade ist womöglich einer der Wege, auf dem die Opfer wieder etwas ins Leben zurückfinden können, so sie denn noch leben.

Und dann geschieht wohl auch noch etwas von dem, und es ist womöglich das Wichtigste: Offensichtlich scheint Jesus zu sehen: Das Destruktive (Zerstörerische) ist da. Man kann die, die ihm verfallen, töten. Aber damit rottet man das Destruktive an sich nicht aus.

Und also geht er einen anderen Weg: Er liebt das Destruktive weg. Wer, wie diese Frau, sich in der Tiefe seinerselbst geschont weiss und sich aufgerichtet weiss und ins Leben zurückentlassen weiss, müsste sich geliebt wissen. Und diese Kraft müsste stärker sein als die der Gesetze.

Und damit gelingt es Jesus, in dieser ausweglos scheinenden Situation seinem Gott treu zu bleiben und den Menschen ebenso; und ihnen etwas von diesem Gott zu zeigen:

Ein grosses, grosses Herz, das den Menschen in seinen mitunter tragischen Verstrickungen sieht, versteht, begnadigt und: doch von ihm, dem Menschen, will, dass er menschlich lebe, mit sich, mit den anderen.

Amen.