Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Judas

Pfarrer Christopher Reif (ev.)

13.04.2017 Gemeindehaus der Kirchengemeinde Manderbach

 „Du Judas!“ Das ist eine starke Beleidigung, auch wenn sie heutzutage nicht mehr so häufig verwendet wird. Da kennen wir ganz andere Begriffe für Menschen, die uns enttäuscht haben.

„Der Name Judas steht für den heimtückischen Menschen schlechthin.“ So steht es im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm aus dem Jahre 1877. Niemand hätte damals sein Kind nach dem Jünger von Jesus benannt, der ihn an die Römer verraten hat. Und auch heute noch ist der Name „Judas“ als Vorname in Deutschland nicht gestattet.

Aber, wer war dieser Judas eigentlich, was wissen wir über ihn und was bewog ihn überhaupt zu seiner Tat?

 

Was diese Fragen anbelangt, sind die Evangelien sehr eindeutig: Judas war ein geldgieriger Heuchler, so ihr Urteil. 30 Silberlinge waren genug, um seinen Freund und Lehrer Jesus auszuliefern. Von dem Geld konnte man sich damals einen Esel oder ein kleines Stück Land kaufen. Heute bekommt man dafür einen guten Gebrauchtwagen.

Judas verrät also Jesus für einen, schon etwas in die Jahre gekommenen, Sportwagen?

So klar sich die Bibel in dem Punkt ausdrückt, muss ich aber ehrlich zugeben, dies reicht mir nicht als Antwort.

Ich lade sie ein, sich auf ein Gedankenexperiment einzulassen. Wenn Judas Briefe geschrieben hätte, wie würden sie sich lesen?

Vielleicht so:

 

16.Juni im Jahre 27

Hallo Simon, mein Vater. Hier dein Sohn Judas. Ich habe dir länger nicht mehr geschrieben und ich weiß wie du von mir denkst. Doch trotzdem hoffe ich, dass du meine Briefe liest, denn mir ist etwas Wunderbares passiert.

Ich weiß noch, wie du mich aus dem Haus geschmissen hast, als ich dir gesagt hatte, dass ich mich den Zeloten angeschlossen habe. Es wäre dir unbegreiflich, was du in deiner Erziehung falsch gemacht haben musst, dass ich mich dieser aggressiven und radikalen Vereinigung anschließen würde, um die römische Besetzungsmacht aus dem Land zu vertreiben. Das sind alles Terroristen. Und nun wäre dein Sohn ein Teil davon. Den Familiennamen würde ich damit beschmutzen. Man würde mich nur noch Judas Ishkariot nennen. Ishkariot, der Messerträger.

Aber Vater, mir ist etwas Unglaubliches passiert. Unser Ziel ist viel näher gerückt. Du hast sicher schon von Jesus aus Nazareth gehört. Ein sehr kluger Mann, der weiß, wie man die Leute fesselt und begeistert. Ich habe ihn Wunder vollbringen sehen. Kranke wurden geheilt und Tote wurden auferweckt. Er sagt von sich selbst, dass er der Sohn Gottes sei. Für viele ist diese Behauptung unerhört, aber ich glaube ihm. Er ist derjenige, der gekommen ist, das Land von den Römern zu befreien.

Und er hat die Macht dazu. Als Sohn Gottes unterstehen ihm die himmlischen Heerscharen. Er wird sie rufen, um die Soldaten zu besiegen. Ich bin mir sicher.

 

28. März im Jahre 30

Hallo Vater,

ich konnte dir seit drei Jahren nicht schreiben. Die letzten Jahre und Monate waren erstaunlich. Mittlerweile habe ich seit 3 Jahren kein festes Zuhause mehr gehabt. Ich fühle mich immer etwas getrieben und unstet. Wir ziehen von Ort zu Ort und müssen immer sehen, wo wir unterkommen. Das Leben ist schwer und jeder Tag birgt neue Ungewissheiten. Aber Jesus ist faszinierend. Seine Worte und Taten sprechen immer lauter. Aus allen Ecken und Enden des Landes strömen die Menschen zusammen. Er ist es wirklich: Der Messias. Heute Morgen sind wir in der großen Stadt Jerusalem eingezogen. Die Menschen haben ihn wie einen König empfangen. Und ich war direkt hinter ihm.

Ich verwalte die Kasse von Jesus und des engsten Jüngerkreises. Das ist viel Arbeit. Mittlerweile kommen viele Spenden aus unterschiedlichen Richtungen zusammen. Wir behalten davon nichts und geben alles an die Armen und Außenseiter weiter. Die anderen Jünger trauen mir dabei nicht voll und ganz und meinen, ich würde einiges unterschlagen. Aber Jesus hat mich für diese Aufgabe persönlich benannt. Er hat meinen Weitblick und mein strategisches Denken wahrgenommen und dadurch als die geeignetste Person für diese Arbeit erkoren.

 

3.April im Jahre 30

Vater, ich bin verwirrt.

Jesus spricht immer öfter vom Frieden. Und davon träume ich ja auch. Aber ich werde nicht ganz schlau aus ihm. Vorgestern noch waren wir alle gemeinsam im Tempel. Dort sah Jesus die ganzen Buden und Verkaufsstände. Er wurde so unglaublich wütend.

Er fing an zu brüllen, man solle das Haus seines Vaters nicht entehren. Dabei stieß er Händler zur Seite, riss Stände ab und warf Tische um. Zum Schluss rief er, dass dieser Tempel bald abgerissen würde und ein neuer gebaut werden würde. Ich war begeistert. Die anderen Jünger schienen verwirrt von diesem Wutausbruch, aber ich war überglücklich. Genau so wird es bald weitergehen. Jesus wird die Engel aus den Himmeln rufen und sie werden die Römer überrennen und aus unserem Land schmeißen, wie Jesus die Händler aus dem Tempel geschmissen hat.

Heute aber sprach er wieder von Gewaltlosigkeit. Ich werde so langsam ungeduldig. Wann bringt Jesus die Sache mit den Römern endlich zu Ende?

 

4. April im Jahre 30

Ich habe einen neuen Plan. Ich werde Jesu Macht provozieren. Jesus ahnt etwas. Er erschien heute Abend sogar sehr sicher.

Es gab ein gemeinsames Mahl zum Passahfest. Wir kamen alle zusammen und Jesu brach das Brot und reichte uns den Wein. Dazu sprach er, dass sein Ende bald kommen würde und ihn einer verraten wird. Alle Jünger waren sich unsicher, ob sie als Verräter gemeint waren. Ich bin mir aber sicher, dass er mich damit gemeint hat. Er muss meine Ungeduld erkannt haben. Nach dem Essen bin ich direkt zum Hohen Rat gerannt. Ich habe ihm angeboten zu sagen, wo sich Jesus heute Nacht außerhalb der Stadtmauern verstecken wird, damit man ihn verhaften kann. Dafür gaben sie mir 30 Silberlinge als Kopfgeld. Aber das interessiert mich nicht. Jesus wird sich nicht verhaften lassen. Sobald die Soldaten in den Garten Gethsemane marschieren, wird er sich verteidigen. Er wird seine Engel schicken und das Land wird frei. Heute Nacht wird es passieren.

 

4. April im Jahre 30. Später am Abend.

Vater, dies ist mein letzter Eintrag. Heute Nacht führte ich die Soldaten in den Garten Gethsemane, wo sich Jesus mit den anderen Jüngern zurückgezogen hat. Aber er rief keine Engel, sondern ließ sich wehrlos verhaften. Ich verstehe es nicht. Die Soldaten kamen in den Garten mit Fackeln und Schwertern. Ich verriet wer er war und ich habe in seinen Augen gesehen, dass er wusste, was nun auf ihn zukam. Das Leid, der Schmerz und der Tod. Das wollte ich nicht, ich dachte es wird anders verlaufen. Doch er schien nicht sauer. Er sah mir fest in die Augen und nannte mich seinen Freund. Obwohl er genau wusste, was ich ihm antat. Er nannte mich nach allem noch immer seinen Freund. Ich schäme mich so!

 

Liebe Tischgemeinschaft,

wir wissen nicht, ob Judas solche Briefe oder ähnliches geschrieben hat. Es war ein Gedankenexperiment. Ein interessantes wie ich finde.

Fest steht: Judas hat Jesus verraten. Doch interessanterweise sind auch die anderen Jünger beim Abendmahl erst einmal verunsichert, als Jesus den Verrat anspricht.

„Der Verräter sitzt hier heute Abend am Tisch.“ Und jetzt läuft nicht nur Judas rot an, sondern auch die anderen Jünger fragen zweifelnd: „Herr, bin ich es?“ Da kommt kein selbstbewusstes: „Ich bin es aber nicht!“

Ich bin mir sicher, einige hier wurden schon einmal verraten oder waren schon einmal in der Situation etwas oder jemanden verraten zu haben und da nehme ich mich nicht raus. Vielleicht einen Menschen, oder auch seine eigenen Überzeugungen oder auch christliche Grundwerte, die wir teilen.

Ich behaupte, ein bisschen Judas steckt in jedem von uns.

Ich habe in vielen Angelegenheiten klare Überzeugungen. Aber ich merke selbst, dass ich sie doch oft selbst nicht befolge. Will ich, dass andere hinter meinem Rücken schlecht über mich sprechen? Natürlich nicht! Bin ich dabei immer selbst befreit vom Lästern? Leider auch nicht.

Oder ein unbedachtes Wort im Streit. Oder eine herabsetzende Geste vor Freunden. Manches Unverständnis gegenüber den Problemen meines Gegenübers.

Verrat kann in vielen Bereichen geschehen. Dabei kann es um Geld gehen, es kann um Versprechen gehen und wie so oft findet Verrat gerade in dem Bereich statt, wo er gar keinen Platz haben sollte: In der Liebe.

Eines bleibt dabei aber immer gleich: Ich verfolge dabei meine eigenen Absichten und übersehe dabei, bewusst oder unbewusst, die Wünsche und Ziele der Anderen um mich herum. Meist sogar die der Personen, die mir am nächsten stehen und am liebsten sind. Und das tut weh! Es hinterlässt tiefe Verletzungen.

Und dann möchte ich es meistens nur vergessen und so tun, als wäre nie etwas passiert. Und wenn ich derjenige war, der verraten wurde, dann bin ich eventuell so verletzt, dass ich mich rächen will. Dann soll der andere genauso leiden wie ich. Ja, damit wäre mir geholfen. Aber, wäre es das wirklich? Würde die Beziehung nicht noch weiter verletzt, ja nahezu misshandelt werden? Es wäre auf jeden Fall ein weiterer Verrat an dem christlichen Grundwert schlechthin: Der Nächstenliebe.

Der einzige Weg auf dem ich die angeschlagene oder zerbrochene Beziehung noch retten kann, ist die Vergebung.

 

Liebe Tischgemeinschaft,

Auch Jesus handelt nach diesem Prinzip. Er bietet Judas seine Vergebung an, von dem er weiß, dass er ihn verraten hat, aber er schließt ihn nicht aus.

Sie sitzen gemeinsam am Tisch, brechen Brot und teilen den Wein, sie feiern das letzte Abendmahl. Judas wird hier wie jeder andere Jünger behandelt.

Alle sitzen zusammen am großen Tisch und essen und trinken.

Und auch, wenn mindestens ein bisschen Judas wohl in jedem von uns steckt, bedeutet das nicht, dass wir seinen Weg zu Ende gehen müssen.

Er konnte oder er wollte die Vergebung Jesu nicht annehmen. Seine Geschichte findet ein tragisches Ende, indem er sich selbst richtet. Doch sein Ende, muss nicht unser Ende sein. Damals wie heute sind wir alle eingeladen zum Abendmahl. In diesem bleibt bis heute die Vergebung Gottes symbolhaft erhalten. Eine Vergebung die den Menschen als Wichtiger erachtet, als seine Fehler.  

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre und erhalte unsere Sinne in Christus Jesus. Amen.