Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Kolosser 3,12-14

Regina Groot Bramel (kath.)

13.07.2016 Freiluft-Gottesdienst in Eschenburg

Trauung

Liebes Brautpaar,

liebe Verwandte und Freunde der Beiden,

liebe Gemeinde!

 

Kleider machen Leute! Das weiß jeder, der schon einmal vor seinem Schrank gestanden hat und nicht wusste, was er zum bevorstehenden Anlass passend tragen soll.  Bei aller Toleranz und trotz aller Geschmacksrichtungen gibt es Konventionen, über die man sich nicht ohne weiteres hinwegsetzt. Der erste Eindruck zählt, man kann ihn nicht zweimal machen, und er orientiert sich zuerst am äußeren Erscheinungsbild. Und es ist peinlich, unpassend angezogen zu einem offiziellen Anlass zu erscheinen.

Kleider machen Leute! Das weiß auch der Apostel Paulus, aus dessen Brief an die Kolosser wir eben einen Abschnitt gehört haben. Da spricht er von Kleidung, von einer Art Grundausstattung für alle Wechselfälle des Lebens. „Bekleidet euch...“ so fordert er uns auf. Er beschreibt nicht das Hochzeitskleid einer Braut, nicht den Anzug am Feiertag - er gibt Hinweise für den Alltag des Lebens, den Alltag, der auch in eurer Ehe einkehren wird und den ihr zusammen bestehen wollt, ab heute für immer.

 

Die wenigen Sätze aus der Bibel sind wie Stichworte für das Programmheft einer Modenschau, und zu dieser möchte ich jetzt die anwesenden Mitfeiernden einladen! Schauen wir uns die Modelle an, die Paulus uns ans Herz legt! Er ist nicht provinziell, sondern weitgereist und welterfahren! Was er auf den Laufsteg der Zeit schickt, ist klassisch-zeitlos und top-aktuell!

 

Da ist zunächst der Mantel „Erbarmen“. Vermutlich hat Maria den Prototyp dieses Mantels getragen - damals, auf der Tour von Nazareth nach Bethlehem. Mit dem Baby im Bauch brauchte sie einen Mantel, der geräumig war und vor Kälte und Regen schützte. Auch auf der Flucht nach Ägypten tat er ihr gute Dienste und ließ das Jesuskind geradezu unsichtbar erscheinen, als Herodes seine blutrünstigen Truppen auf die Jagd nach ihm schickte.

Das daraus entwickelte Folgemodell ist wettertauglich und hat eine spezielle Imprägnierung gegen harte Worte, vorschnelles Urteil und üble Nachrede. Erhältlich ist es in allen Schattierungen himmlischer Blautöne.

Das weiche Innenfutter aus wattiertem Stoff lädt zum Ausruhen und Anschmiegen ein. Mit wenigen Griffen lässt sich der Mantel „Erbarmen“ in ein Zelt oder wahlweise in eine geräumige Decke verwandeln. So bietet er Unterschlupf und einen Ruheort durch inzwischen 20 Jahrhunderte!

Es wird berichtet, dass ein stadtbekannter blinder Bettler seinen bis dahin einzigen Besitz, einen Bettelumhang, in hohem Bogen von sich warf, als er durch Jesus mit dem Mantel „Erbarmen“ in Berührung kam.

Der heilige Martin, dessen hohe Popularität bis heute unbestritten ist, verdankt dies nicht zuletzt dem Umstand, dass er von seinem Exemplar des Mantels „Erbarmen“ die Hälfte verschenkte, ohne dabei ärmer zu werden. Diese bedeutsame Geste sagt mehr über die Qualität des von Paulus empfohlenen Kleidungsstückes aus als viele Worte!

 

Dazu passend wählen modebewusste Christinnen und Christen gern den Schal „Güte“!

Er ist in allen Farbtönen des Regenbogens lieferbar und eignet sich besonders gut zur Bedeckung der „kalten Schulter“, die sich als schmerzhaft erweist, wenn sie zu oft gezeigt wird. Der Schal „Güte“ wirkt, behutsam umgelegt, wahre Wunder!

Er ist multifunktional und kann auch problemlos als Halteseil oder Verbandsmaterial genutzt werden. In der bekannten gleichnamigen Geschichte hat nur der barmherzigen Samariter den Schal „Güte“ getragen. Ein Glück für das unter die Räuber gefallene Opfer! Die Gleichgültigkeit hätte es liegenlassen, die Güte hat ihm beigestanden!

Wenn er konsequent getragen wird, bewirkt der Schal „Güte“ eine erfreuliche Stabilisierung des Rückgrates. Die gefährliche Rückgraterweichung erweist sich immer wieder als Volksseuche, die für viel Kummer und traurige Schlagzeilen sorgt. Paulus ruft uns zu:

„Tragen Sie ‚Güte’ zur Schau - denn Vorbeugen ist besser als Heilen!“

Der geschichtlich interessanteste authentische Schal „Güte“ wurde, wie außerbiblische Quellen zuverlässig bezeugen, von seiner Trägerin Veronika übrigens als Schweißtuch genutzt, eine kreative Abwandlung des ursprünglichen Verwendungszweckes. Er erhielt dadurch einen einzigartigen Aufdruck, der bis heute Eindruck macht!

Liebe Anwesende - nutzen Sie den Schal, wenn Sie ihn einmal umgelegt haben, kreativ und mutig, so gelingt auch ihnen eine individuelle Ausprägung der Güte – jedes Stück ein Unikat!

 

Zu den Basics im christlichen Kleiderschrank gehört das Shirt „Demut“. Manchem Zeitgenossen erscheint das Label unmodern, geradezu abschreckend – Demut, wer will denn sowas? Doch Paulus hält bewusst daran fest und verleiht dem alten Begriff neuen Pepp.

Der Aufdruck mit dem roten Kreuz und den leuchtenden Buchstaben MUT lädt zu freier Assoziation ein. Mut tut gut, das wissen wir alle. Und wer „De“ mit „Dienst“ übersetzt, erhält ein Motto-Shirt, das seinesgleichen sucht!

Mut zum Dienst am Nächsten, das ist Mangelware, damit kommen Sie groß heraus, damit heben Sie sich von anderen Modestandards heilsam ab! Tragen Sie dieses Hemd vorzugsweise bei Anlässen, bei denen Action angesagt ist anstelle feiner Zurückhaltung!

Auch bei diesem Modell gibt es eine interessante geschichtliche Verknüpfung:

Der bis dahin nur verächtlich als „looser“ eingestufte Modeschöpfer aus der Provinz Samarien gab mit seiner konsequenten und provokativen Antwort auf die Frage:  „Wer ist mein Nächster“ diesem Wort eine völlig neue Bedeutung. Er ist damit bis heute ganz oben in den Charts.

Selbstbewusstsein und eine Portion Mut gehört dazu, dieses Hemd zu tragen, aber eines ist sicher: Sie haben damit einen ungewöhnlichen und nachhaltigen Auftritt, nicht nur im Internet, sondern vor allem in der Vernetzung mit dem pulsierenden Alltags-Leben vor Ort!

 

Als nächstes Stück in der paulinischen Modenschau folgt „Milde“ - ein Schuh, den Sie sich für die kommende Saison reservieren sollten! Sein Name ist Programm!

Wer „Milde“ gewählt hat, wird sich nicht mehr jeden anderen Schuh anziehen lassen!

Er ist wetterfest, geländegängig, hat Profil und eine liebevoll gearbeitete Oberflächenstruktur, die bis in die Tiefe wirkt! Er ist atmungsaktiv gefertigt und sorgt für optimales Klima: gibt es keine Probleme mehr mit dicker Luft! Wer sich für das Modell „Milde“ entscheidet, geht damit leichtfüßig durchs Leben und niemandem auf die Nerven!

Eine weitere charakteristische Eigenschaft ist das leise Auftreten der elastischen Sohle. Stampfende Stiefel und trampelnde Treter sind out! Das Empfinden für Länge und Schwierigkeitsgrad einer Wegstrecke verändert sich durch das Tragen dieses Schuhes auf geheimnisvolle Weise. Mitunter werden Sie das Gefühl haben, selbst getragen zu werden, besonders bei anstrengenden Etappen und bei aufkommender Erschöpfung. Sie werden Ihr Ziel anders erreichen oder es neu definieren.

In einem einzigen Punkt ist der Schuh völlig untauglich, aber diese Funktionsstörung ist beabsichtigt: Sie können damit niemandem in den Hintern oder auf die Zehen treten!

 

Als nächstes kommen wir zur Hose „Geduld“, ein besonderes, geräumiges Kleidungsstück für SIE und IHN! Ihre außergewöhnliche Wirkung erzielt diese Hose durch ihr konsequent durchgehaltenes XXL-Format! Die Aussage dieses unkonventionellen Kleidungsstückes ist eindeutig: Geduld kann man nie genug haben!

Zerreißproben unterschiedlichster Art haben gezeigt, dass knapper kalkulierte Modelle sich nicht bewähren und in entscheidenden Momenten fadenscheinig oder löchrig werden. Die von Paulus empfohlene Kreation hingegen ist fast unsichtbar mit Stretch gearbeitet, daher schier unendlich dehnbar!

Als witziges Zubehör kann man erwerben, was sie witzig, spritzig und charmant daherkommen lässt: Humor-Phantasie-Optimismus!

Die Anschaffung dieser Kleidung kostet eine Menge Mühe und auch Pflege – auf lange Sicht können Sie sich durch „Geduld“ jedoch über eine erhebliche Ersparnis an Nervenkraft und Arztkosten freuen, die gar nicht mit Geld aufzuwiegen ist!

 

Zuletzt empfiehlt Paulus das „Band der Liebe“. Es dient keineswegs nur der Verzierung, es ist ein multifunktioneller Haltegurt für wirklich jede Lebenslage – schaffen Sie sich gleich ein ganzes Set davon an! Es gibt Bänder der Liebe in allen Formen und Farben und für jeden sozialen Zweck! Egal ob Sie etwas befestigen oder zusammenbinden, zurückhalten oder vernetzen wollen, das Band der Liebe hält alles am richtigen Ort!...

Sie können sich mit dem Band der Liebe das Haar aus dem Gesicht halten, so dass Ihnen der Durchblick und die Übersicht nicht verloren geht. Sie können sich mit Liebe gürten und mit lieben Menschen eine Seilschaft bilden. Sie können fest darauf beißen, wenn Sie verhindern wollen, dass Ihnen in bestimmten Situationen Worte entschlüpfen, die der Liebe abträglich sind. Es eignet sich zum Schnürsenkel für den vorhin gezeigten Schuh Sanftmut.

Unbedenklich ist es als Lasso nutzbar, um einzufangen, was im Alltag gar zu schnell abhanden kommt: Aufmerksamkeit füreinander, freundliche Worte, Dankbarkeit.

Das Band der Liebe eignet sich nicht als Fessel oder Leine, sein Gewebe löst sich bei unsachgemäßem Gebrauch sofort auf. Zum Anbinden des gepflanzten Apfelbäumchens im Garten eurer Beziehung, liebes Brautpaar, ist es sehr nützlich und witterungsunempfindlich. Paulus bietet es als Meterware an, denn es ist in nahezu jeder Alltagssituation eine unverzichtbare Hilfe.

 

Kleider machen Leute! Heute feiern wir die junge Liebe in legerer Kleidung, in wenigen Tagen vor dem Altar ganz in Weiß. An allen Tagen, die dann folgen, steht die eben betrachtete Kollektion christlicher Alltagskleidung dem frischgebackenen Ehepaar und uns allen gut zu Gesicht. Mit ihr kommen wir passend angezogen und anziehend für unsere Mitmenschen durch die Höhen und Tiefen des Lebens und der Liebe!  Amen

 

Gestaltungshinweis:

Die Ansprache wird lebendiger, wenn die beschriebenen Kleidungsstücke (z.B. Mantel oder Cape, Schal, Shirt, weicher Hausschuh und Latzhose) wirklich gezeigt werden. Wenn Kinder zur Gemeinde gehören, können sie als „Stegreif- Models“ die jeweiligen Stücke kurz anlegen und zeigen. Zuletzt beim „Band der Liebe“ ergibt es ein schönes Bild, wenn sie sich an den Händen fassen und einen Kreis bilden. Falls eine Band vorhanden ist, kann man das „Band der Liebe“ als Wortspiel auch auf die „Band der Liebe“ übertragen und um ein passendes Lied als Überleitung zur weiteren Feier bitten.