Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Kolosser 3,12-15

Pfarrer Uwe Sundermann (ev.-ref.)

17.09.2016 Kilianskirche in Lügde

Trauung

Trauspruch:

 

„Ihr seid von Gott geliebt,

seid seine auserwählten Heiligen.

 

Darum bekleidet euch

mit aufrichtigem Erbarmen,

mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

 

Tragt euch gegenseitig!

 

Und vergebt einander,

wenn einer dem anderen

etwas vorzuwerfen hat!

Wie der Herr euch vergeben hat,

so vergebt auch ihr!

 

Vor allem aber liebt einander!

Denn die Liebe

ist das Band,

das alles zusammenhält

und vollkommen macht.

 

In eurem Herzen

herrsche der Friede Christi.

Dazu seid ihr berufen

als Glieder des einen Leibes.

 

Seid dankbar!“ (Kolosser 3, 12-15)

 

 

Liebes Brautpaar Birgit und Frank!

Liebe Festgemeinde!

 

Im Vorfeld der Trauung habe ich etwas leichtfertig gesagt bzw. per E-Mail geschrieben. Birgit weiß das bestimmt noch. Ich habe nämlich gewitzelt: „Ich komme zur Trauung mit einem Fußball in die Kirche!“

 

Und seht, ich halte mein Versprechen ein. Ich habe heute einen Fußball mitgebracht. Anhand des Fußballs möchte ich euch ein paar Gedanken mit auf den Weg geben:

 

 

 

I.

Schauen wir uns diesen Fußball einmal genauer an: Ein Fußball besteht aus unterschiedlichen Lederstücken. Es gibt fünfeckige und sechseckige Stücke. Die fünfeckigen sind etwas kleiner, die sechseckigen etwas größer. Von den fünfeckigen gibt es weniger, von den Sechseckigen mehr.

 

Der Fußball ist nach einem genauen Bauplan zusammengesetzt: Jedes fünfeckige Stück ist von 5 sechseckigen umgeben, jedes sechseckige Stück von jeweils 3 sechseckigen und 3 fünfeckigen im Wechsel.

 

Wie die Fünf- und Sechsecke verschieden sind, so seid auch ihr zwei unterschiedliche Menschen.

 

Da ist Frank. Du hast im kaufmännischen Bereich mit Papier und mit Daten zu tun, mit Bestellungen und Rechnungen, mit Haushaltsplänen und Rechnungsabschlüssen. – Und da ist Birgit. Als Physiotherapeutin und in den Yoga-Kursen hast du mit Menschen zu tun.

 

Genauso verschieden sind eure Interessen und Hobbies: Birgit macht gern weite Reisen. Zweimal schon warst du für mehrere Wochen in Indien. – Frank dagegen ist eher bodenständig. Dafür begeisterst du dich für Fußball und spielst viele Jahre lang selbst.

 

Und jeder von euch hat seine Prägung und seine Geschichte. Jeder von euch hat seine Begabungen und Fähigkeiten. Ihr seid mit unterschiedlichen Erziehungsstilen groß geworden. Ihr habt jeder seine eigene Geschichte und seinen eigenen Weg.

 

Diese Verschiedenheit möchte ich einmal mit der Verschiedenheit der fünf- und sechseckigen Lederstücke auf dem Fußball vergleichen. – Nehmt einander in dieser Verschiedenheit an! Sagt ein innerliches Ja dazu, jeden Tag neu! „Tragt euch gegenseitig!“

 

 

II.

Das mit den verschiedenen Lederstückchen ist aber auch gefährlich. Ihr beide fang vielleicht an zu diskutieren: „Du bist aber der Sechseckige. Du hast eine Ecke mehr als ich!“ – „Dafür hast du als Fünfeckiger viel spitzere Ecken als ich. Ich bin nicht so spitz. Da habe ich lieber eine Ecke mehr!“

 

Oder der Sechseckige könnte sagen: „Ich bin wichtiger als du. Von meiner Sorte gibt es mehr auf dem Fußball! Ich komme viel häufiger vor!“ – „Mach dich besser nicht so breit! Neben Dir habe ich mit meinem Fünfeck kaum Platz. Gib mir gefälligst den Platz, den ich brauche!“ – Und schon ist man mitten in einer tiefen Diskussion.

 

Davor hütet euch! Fangt gar nicht erst an, so zu diskutieren. Es macht keinen Sinn. Jeder Mensch hat seine Stärken und seine Schwächen. Jeder hat seine Interessen, für die er brennt, und jeder hat seinen „blinden Fleck“. Und wenn man sich über die Schwächen des anderen aufregt, sollte man an seine eigenen Schwächen denken.

 

Ihr beide, haltet die Versäumnisse und Fehler des anderen nicht fest! Führt nicht Buch darüber! Sonst gerät Sand in das Getriebe eurer Beziehung. Dadurch geht jede Beziehung Schritt für Schritt kaputt. Das gilt für eine Freundschaft genau wie unter Nachbarn und Arbeitskollegen.

 

Vielmehr vergebt einer dem anderen! Überall gibt es Missverständnisse und Verletzungen. Lasst aber die Sonne darüber nicht untergehen! Schenkt einander immer wieder Vergebung!

 

Vergebung aber hat am Ende mit Gott und mit dem Glauben zu tun. Ich kann einem anderen Menschen erst dann vergeben, wenn ich weiß: „Gott hat mir schon längst vergeben. Gott schenkt mir Tag für Tag einen neuen Anfang. Seine Treue ist jeden Morgen neu!“

 

In diesem Wissen können wir Menschen einander vergeben. „Und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“

 

 

III.

Man stelle sich vor: Wir machen einen Ball aus lauter Fünfecken oder lauter Sechsecken!

 

Dann gibt es am Ende auch eine runde Form. Aber es wird kein so schöner Fußball wie dieser hier. Nehmen wir nur Fünfecke oder nur Sechsecke, dann ist das Ergebnis am Ende nicht überzeugend. Seht: Die Fünf- und Sechsecke gehören zusammen!

 

Genauso gehört ihr beide zusammen. Im Chat habt ihr einander kennen gelernt. Ihr habt einander geschrieben. Dann habt ihr ein Foto ausgetauscht. Nach einem Vierteljahr habt ihr einander zum ersten Mal getroffen. So ist eure Beziehung zueinander Schritt für Schritt gewachsen.

 

Ein wesentlicher Punkt auf eurem Weg war der Kauf und Umbau des Hauses. Im Prinzip habt ihr damit ja schon JA zueinander gesagt. Mit der standesamtlichen Trauung auf der Passat in Travemünde habt ihr dieses JA öffentlich gemacht. Und heute wollt ihr euren Bund vor Gott schließen. JA, ihr habt entschieden, einen gemeinsamen Weg zu gehen.

 

Behaltet diesen gemeinsamen Weg im Blick! Ihr müsst euch Zeit nehmen, um einander zuzuhören. Ihr müsst einander erzählen, was ihr in eurem Beruf und in eurer Freizeit erlebt habt. Ihr müsst füreinander Sorge tragen. Und ihr müsst euch Zeit nehmen für gemeinsame Unternehmungen.

 

Es ist nicht gut, wenn jeder „sein Ding macht“. Es ist nicht gut, wenn man nebeneinander her lebt. Es ist nicht gut, wenn soviel Arbeit ist, dass keine Zeit zum Reden bleibt. Dann funktioniert es nicht mit dem gemeinsamen Weg. Darum: „Vor allem liebt einander! Denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“

 

 

IV.

Ich muss gestehen, dieser Fußball sah jämmerlich aus, als ich ihn bei mir in der Wohnung fand. Er lag ja einige Jahre unbeachtet in der Ecke. Er war schlapp geworden. Man konnte ihn leicht mit den Händen eindrücken.

 

Mit einem solchen schlappen Kameraden konnte ich hier bei einem richten Fußballer ja nicht ankommen. Ich hätte mich ja zum Gespött der Leute gemacht. Also haben wir den Ball aufgepumpt und ihm neue Luft eingehaucht.

 

Auch das ist ein Gleichnis für euren gemeinsamen Weg. Ihr braucht das nämlich auch. Auch ihr müsst immer wieder neue Kraft tanken. Ihr müsst euch regenerieren. Ihr müsst Zeiten der Ruhe einplanen. Kirschen pflücken, Fußball spielen, mit Fanni herumtollen, Gassi gehen, Yoga machen, gute Musik hören, gemeinsam etwas unternehmen, Pläne schmieden. Ihr habt viele Wege und Möglichkeiten. Ihr müsst sie nur nutzen!

 

Ja, und dann ist da die heutige Trauung. Ihr bekommt Gottes Segen zugesprochen, Gottes Segen für euren weiteren Weg. Gott sagt euch: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage!“ (Matthäus 28, 20) An den heutigen Tag dürft ihr immer wieder zurück denken. Und an diese Zusage dürft ihr euch immer wieder erinnern.

 

Und ihr könnt Gottes Segen gleich mit allen Sinnen erfahren. Ihr könnt Gottes Segen sehen, indem wir beide uns euch persönlich zuwenden. Ihr könnt den Segen hören in den Worten, die wir euch zusprechen. Ihr könnt ihn spüren, indem wir die Hände auf euch legen. So bekommt ihr Gottes Zusage, erfahrbar für alle Sinne!

 

Ihr tankt neue Kraft, indem ihr euch bewusst macht: Gott begleitet euch. „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.“

 

 

V.

Nun hat der Fußball eine Aufgabe. Er ist zu etwas da. Man kauft ihn ja nicht, damit er schön im Schrank liegt und damit keine Macken drankommen. Man kauft ihn auch nicht, damit er Jahre lang in der Ecke liegt und seine Luft verliert. Ein Fußball ist zum Gebrauch da!

 

Und wie soll man den Fußball gebrauchen? Nun, man kann damit wunderbar das gebrauchte Geschirr in der Küche abräumen. Man kann damit dem Unkraut im Garten zu Leibe rücken. Der Fußball ist auch gut gegen dreckige Fenster. Und einen Hund kann man auch damit ablenken.

 

Doch die Bestimmung ist eine ganz andere: Dieser Ball ist zum Fußballspielen da. Und dafür ist er so gut geeignet wie kein anderer Ball. Man könnte auch mit einem Volleyball oder Basketball kicken. Doch am besten, man nimmt diesen Fußball dafür!

 

Genauso hat unsere menschliche Gemeinschaft einen Sinn und Zweck. Gott hat das schon am Anfang der Bibel deutlich gemacht. Da sagt er Abraham und Sarah: „Ich will euch segnen, und ihr sollt ein Segen sein!“ (Genesis 12, 4) Das heißt: Ich gebe euch meinen Segen, und ihr sollt diesen Segen zu den anderen Menschen weitertragen!

 

Auch das kann man wunderbar auf euren gemeinsamen Weg übertragen:

 

Es reicht nicht, wenn ihr zueinander sagt: „Ich habe dich, und du hast mich, und dann ist alles gut. Wir zwei sind uns genug.“ Das ist auch wichtig, aber das ist nicht alles. Denn zu zweit seid ihr auch für die Menschen um euch da.

 

Zu zweit könnt ihr viel besser zuhören, wenn ein anderer ein Problem hat. Ihr hört das mit Frauen- und mit Männerohren. Und dann könnt ihr viel besser und ausgewogener einen Rat geben.

 

Zu zweit habt ihr auch vier Beine, um anderen Menschen beizustehen. Ihr habt vier Hände, um anderen zu helfen, wenn man mal zupacken muss. Zu zweit habt ihr eine doppelte Kraft! „Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

 

 

VI.

Und ein letzter Gedanke: Zum Fußballspielen gehört ein bestimmter Geist. Und dieser Geist verbindet die Menschen untereinander.

 

Man braucht sich ja nur die Stimmung in einem Stadion anzuschauen. Und man spürt das, wenn die Fans einer Mannschaft zusammen sind. Da wird gemeinsam gejubelt, gebangt und gelitten.

 

Ganz unmittelbar habe ich diesen Geist bei der Europameisterschaft in diesem Jahr gespürt. Da haben wir zum Public Viewing in unser Gemeindehaus eingeladen. An den Abenden hatten wir eine super gute Stimmung. Wir hatten sogar einige Gäste von auswärts dabei!

 

Genauso ist das auch im Glauben an Gott. Da leitet uns ein und derselbe Geist. Es ist der Geist dessen, der uns geschaffen hat. Es ist Jesu Geist, der für uns Mensch geworden ist. Es ist der Geist der Hoffnung und des Friedens. Er ist stärker als alle Mächte dieser Welt.

 

Und dieser Geist verbindet uns über alle Grenzen hinweg. Gottes Geist ist es egal, ob wir evangelisch oder katholisch sind. Ich bin überzeugt, er hätte lieber ein „kathogelisch“ oder ein „evantholisch“. Über alle Unterschiede hinweg verbindet er uns zu einer Gemeinschaft.

 

Dieser Geist möge auch euch leiten – der Geist des Friedens. „In eurem Herzen herrsche der Friede Christi. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und seid dankbar!“

 

Amen.