Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Kolosser 3,12–14

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

18.10.2014 Christus-Kirche in Neuss

Trauung

Liebe K., lieber G.,

beim Traugespräch habe ich vergessen euch etwas zu fragen. Das hole ich jetzt nach. (Ich hoffe ihr habt nichts dagegen; wir sind hier ja fast unter uns.) Ich wollte euch gefragt haben, ob ihr auch so ein rotes Liebesschloss an die Kölner Hohenzollernbrücke gehängt und den Schlüssel in den Rhein geworfen habt. Das scheint nämlich gerade unheimlich in zu sein. An allem möglichen Brücken weltweit hängen solche Liebesschlösser, häufig mit den eingravierten Namen der Liebenden.

Für viele Paare ist ein solches Schloss ein passendes Symbol für ihre Beziehung, für ihre Hochzeit und für ihre Ehe: Da gibt es einen Zeitpunkt, an dem zwei Menschen zusammengekommen und ein Paar geworden sind. Das ist der Moment, in dem es Klick gemacht hat in der Beziehung und im Liebesschloss. Die beiden sind seitdem fest miteinander verbunden. Dann gibt es einen Zeitpunkt, an dem die beiden beschlossen haben, nicht nur einen Teil ihres Lebensweges gemeinsam zu gehen, sondern den ganzen Weg. Ein Punkt an dem sie sich die Treue versprechen, bis dass der Tod sie scheidet. An dem sie heiraten und nun auch formal verbunden werden zu Ehemann und Ehefrau. Mit Brief und Siegel auf dem Standesamt und dem Segen Gottes in der Kirche. Das ist der Zeitpunkt, an dem der Schlüssel für das Schloss von der Brücke in den Fluss geworfen wird. Damit ihn niemand mehr finden kann, um das Liebesschloss zu öffnen. Damit die Liebe fest ist und sicher.

Diese Liebesschlösser sind schon ein starkes Symbol für Ehe und Partnerschaft ... und gleichzeitig – meine ich – steckt in ihnen ein großes und manchmal verhängnisvolles Missverständnis. Denn bei der kirchlichen Trauung wird die Liebe gerade nicht ein für alle Mal eingeschlossen oder festkettet. Ganz im Gegenteil: Die Liebe wird freigesetzt! Damit sie sich immer wieder suchen und finden kann. Damit sie in den Höhen und Tiefen des Lebens neu und anders werden kann, um zu bestehen. Damit sie größer und tiefer werden kann im Laufe der Zeit. Der Trauspruch, den ihr euch ausgesucht habt, der bringt das deutlich zum Ausdruck:

Ihr seid von Gott erwählt,
der euch liebt und zu seinem heiligen Volk gemacht hat.

Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an,
was den neuen Menschen ausmacht:
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde, Geduld.

Ertragt einander!
Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat,
sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat.

Und über das alles zieht die Liebe an,
die alles andere in sich umfasst.
Sie ist wie ein (roter) Faden,
der alles zusammenhält und vollkommen macht.

(Kol 3,12–14)

***

Euer Trauspruch, liebe K., lieber G., setzt dem roten Vorhängeschloss als Bild für die Liebe das Bild des (roten) Fadens entgegen. Das ist nicht nur von der Sache her viel besser – ich komme darauf zurück – sondern es passt auch viel besser zu euch und eurer Beziehung. Als ich euch nämlich gefragt habe, seit wann ihr denn nun zusammen seid, da habt ihr euch angesehen und gelacht. Denn für eure Beziehung gibt es keinen Tag X und keinen klar bestimmbare Stunde, die man als Beginn festhalten könnte. Es war, wie ihr sagt – ich habe es mir extra aufgeschrieben – „eher ein Prozess“. Wer eine genaue Zeitangabe möchte, muss sich mit „2003/2004“ zufrieden geben. Dass ihr euch zum ersten Mal begegnet seid ist jetzt schon 20 Jahre her. Da habt ihr schon zusammen in einem Orchester gesessen, ohne allerdings von einander Notiz zu nehmen. Knapp zehn Jahre später hat sich das geändert.

Ich habe von euch gelernt, dass Posaune und Cello im Orchester nah zusammensitzen; so nah, dass man sich viel unterhalten kann. Ich habe auch gelernt, dass Posaune und Cello zu den „geselligen Instrumentengruppen“ gehören. Wenn man die beiden über Instrumente und das Orchester reden hört, kann man meinen, dass Instrumentengruppen so etwas wie Sternzeichen sind. Manche sind offenbar sehr gesellig. So gesellig, dass ihr nach den Proben häufig als letzte aus der Kneipe gekommen seid.

So habt ihr euch Zeit genommen, um euch kennen zu lernen. Oder besser gesagt: G. hat sich Zeit genommen und K. hat ihm Zeit gegeben. Denn ihr seid – wie ihr selber sagt – mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs. Anders als beim gemeinsamen Musizieren habt ihr in eurer Beziehung den unterschiedlichen Geschwindigkeiten Raum gegeben und Geduld gehabt.

Ihr habt Erfahrungen gesammelt und euch und eure Beziehung in unterschiedlichen Lebenslagen kennen gelernt und erlebt. Ihr habt euch füreinander und miteinander gefreut. Über all das, was gelungen ist beruflich und privat. Ihr lebt gemeinsam eure Liebe zur Musik, die euch glücklich macht und viele Bekannte und Freunde beschert (von denen viele heute mit euch feiern). Ihr lebt als Familienmenschen eng verbunden mit euren Eltern und euren Brüdern und deren Familien. Und vor allem lebt ihr zu Dritt euer Elternglück mit eurer Tochter.

Ihr wisst aber auch, dass es nicht nur gute Zeiten gibt im Leben. Ihr habt erlebt, wie aus Freude Sorge, aus Sorge in Verzweiflung und aus Verzweiflung Trauer werden kann. Ihr habt aber auch erlebt, wie stark ihr zu zweit sein könnt, wenn es darauf ankommt. Dass ihr den jeweils anderen ein Stück tragen könnt, wenn er oder sie zu schwach ist und keinen Mut mehr findet. Dass euer Mut, eure Kraft und eure Liebe dann für euch beide reicht, bis beim anderen Liebe, Kraft und Mut zurückgekehrt sind. Ihr habt erlebt, dass eure Liebe euch trägt, in guten und in schlechten Tagen.

***

Ihr habt erlebt – da habe ich ganz genau zugehört – dass eure Liebe euch trägt, weil sie von Gott getragen wird. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn von Liebe können wir als Christinnen und Christen nicht reden, ohne auch von Gott zu reden. Genauso wenig, wie wir von Gott reden können, ohne auch von Liebe zu reden. Euer Trauspruch setzt genau an diesem Punkt an:

Ihr seid von Gott erwählt,
der euch liebt und zu seinem heiligen Volk gemacht hat.

Der Gedanke war für euch komisch und fast ein bisschen unangenehm: „Erwählt“ zu sein und „heilig“, das klingt doch ganz schön elitär und überheblich. Wenn wir auf uns und unser Leben blicken, dann halten wir uns doch meist ehr nicht für Heilige und Erwählte. Und dennoch sind wir genau das!

Entscheidend ist dabei wer hier wen erwählt und damit heilig macht. Nicht wir suchen und erwählen uns einen Gott, sondern Gott sucht und erwählt uns. Bevor wir etwas hätten sagen oder tun können, was uns für Gott und seine Liebe qualifiziert, sind wir von Gott erwählt worden, weil er uns liebt. Gott erwählt nicht die Qualifizierten. Gott qualifiziert die Erwählten. Seine Liebe macht uns zu geliebten und zu liebenden Menschen. Seine Liebe befähigt uns einander in Liebe zuzuwenden. Euer Trauspruch stellt sich das vor wie das Anziehen neuer Kleider:

Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an,
was den neuen Menschen ausmacht:
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde, Geduld.

Ertragt einander!
Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat,
sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat.

Das gilt nicht allein für Brautpaare. Das gilt nicht allein für Verliebte. Das gilt für alle Menschen, die aus der Liebe Gottes leben. Die Gott lieben und ihren Nächsten wie sich selbst. Es gilt für uns alle!

Es gilt aber natürlich auch und besonders für euch als Brautpaar!

Wenn ihr euch gleich das Ja-Wort gebt,
wenn ihr euch versprecht euch zu lieben und zu ehren,
wenn ihr euch versprecht Freude und Leid miteinander zu teilen
und den Bund der Ehe treu zu bewahren,
bis dass der Tod euch scheidet,
dann werdet ihr von mir gefragt,
ob ihr euch als Ehemann und Ehefrau
aus Gottes Hand annehmen wollt.

Das heißt ihr werdet gefragt,
ob ihr euch als von Gott ERWÄHLTE
und seine HEILIGEN annehmen wollt.

Ob ihr als von Gott GELIEBTE einander lieben wollt.

Ob ihr die Liebe Gottes anziehen wollt,
die alles andere in sich umfasst.
Die wie ein (roter) Faden ist,
der alles zusammenhält und vollkommen macht.

***

Liebe K., lieber G.!

Ich wünsche euch, dass ihr zu dieser Frage
heute aus vollem Herzen Ja sagen könnt.

Ich wünsche euch, dass ihr in eurer Ehe erlebt, ...

...    dass eure Liebe sicher und fest ist und trotzdem frei genug,
euch in ihr immer wieder neu zu suchen und finden.

...    dass eure Lieben in den Höhen und Tiefen eures Lebens
neu und anders werden kann, um zu bestehen.

...    dass eure Liebe immer größer und tiefer wird im Laufe der Zeit.

Ich wünsche euch, dass ihr in euerm Leben, in eurer Ehe und in eurer Liebe immer auch die Liebe Gottes seht, die euch zusammenhält, verbindet und trägt.

Nicht, wie ein Liebesschloss am Brückengeländer, dessen Schlüssel in den Fluss geworfen wurde, sondern wie ein roter Faden, der alles zusammenhält und vollkommen macht.