Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kolosser 3,12–17

Ferenc Herzig (wissensch. Assistent)

24.04.2016 Universitätsgottesdienst in der Nikolaikirche Leipzig

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war und der da ist.

Und der da kommt.

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Liebe Gemeinde,

so zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;

und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!

Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in „einem“ Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

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Du bist eine Auserwählte Gottes und Dein Tag war lang.

7.30 Uhr Vorlesung bei Prof. Frenschkowksi,  „Jesus und die Dynamik messianischer Bewegungen“ im Hörsaal 5;

19.15 Uhr Seminar bei Prof. Schüle, „Herz, Lebenskraft, Geist: Grundkonzeptionen alttestamentlicher Anthropologie“ im Seminarraum 4.

Zwischendurch hat man Dir im Fachschaftsrat die Tür aufgeschlossen und war so gnädig, Dir die Couch für einen Mittagsschlaf zu überlassen.

Jetzt bist Du zuhause angekommen und im Flur brennt Licht, weil Deine Mitbewohnerin Besuch da hat.

Kennst Du nicht, ist Dir auch egal.

Du grüßt freundlich, gehst an den drei Mädels vorbei ins Badezimmer.

Du schaust in den Spiegel und siehst darin Gottes Ebenbild – spiegelverkehrt.

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Du bist eine Auserwählte Gottes und Dein Tag war nicht gut.

Ein Kommilitone hat sich im Seminar gemeldet, nachdem Du Dein Referat gehalten hast.

„Kann man das denn eigentlich nach Fichte noch so sagen?“, hat er Dich gefragt.

Wenn Du Dich an sein überlegenes Grinsen erinnerst, wirst Du immer noch zornig.

Nun aber legt den Zorn ab von euch.

Du ärgerst Dich, weil der Dozent nicht nachgehakt hat, was denn Fichte jetzt mit diesem Thema zu tun haben soll.

(Fichte im Original: „Ich bin schlechthin, d.h. ich bin schlechthin, weil ich bin; und schlechthin, was ich bin; beides für das Ich“.)

Und der hat das einfach freundlich weggenickt.

Wahrscheinlich hat der auch keine Ahnung von Fichte, traut sich das aber nicht zu sagen.

Nun aber legt alles ab von euch: Zorn und Grimm.

Ach, überhaupt, diese ganze Wichtigtuerei.

Du willst Pfarrerin werden.

Du willst Deine eigene Frömmigkeit entdecken und irgendwie will Dir der Sinn von Semiotik einfach nicht einleuchten.

Aber das ist wohl zu viel verlangt an einer ‚wissenschaftlichen‘ Fakultät.

Beten die anderen überhaupt manchmal? Schwer vorzustellen.

Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde.

Ach, komm. Egal.

Du legst Deine Klamotten ab und ziehst Dir Deinen Pyjama an, putzt Dir Deine Zähne vor dem Spiegel und gehst in Dein Zimmer.

Auf dem Weg dahin lädt Dich Deine Mitbewohnerin noch auf ein Glas Wein ein.

Na gut, warum eigentlich nicht, putzt Du halt nachher nochmal nach.

Nach einer Stunde schaust Du auf die Uhr, es ist fast Mitternacht, aber ihr habt Euch einfach zu gut verstanden, Du und die vier Kommilitoninnen:

„Was, Theologie studierst Du? Das ist ja krass. Warum denn?“

Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht, denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.

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Ich bin ein Heiliger Gottes und wenn es gut geht – manchmal, eher selten – beginnt mein Tag früh.

Dann stehe ich um halb sechs Uhr morgens auf, wenn die ersten Sonnenstrahlen in mein Zimmer dringen.

Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.

 

Ich schalte die Kaffeemaschine an und stelle Zucker und Milch bereit.

Und die Lieblingstasse – die mit dem mittlerweile abgebrochenen Henkel, die mir meine Exfreundin geschenkt hat und die ich trotzdem nicht wegwerfen kann.

Um Sechs sitze ich dann – manchmal, wenn es gut geht – an meinem Schreibtisch, Fensterblick nach Osten, und die Sonne geht auf.

Ich schlürfe einen Schluck Kaffee, mache das Mailpostfach auf und atme erleichtert durch.

Nur eine ungelesene Nachricht; bis um 10 werden es ein paar mehr sein:

„Lieber Herr Herzig, entschuldigen Sie bitte, daß ich es heute nicht zu Ihrem Seminar schaffe, aber ich kann leider aus privaten Gründen nicht.“

Ich gehe ins Badezimmer, nehme eine Dusche und putze meine Zähne, vor diesem Spiegel, in dem ich Gottes Ebenbild sehe – spiegelverkehrt.

Heute wird es mal wieder ein weißes Hemd werden, und das blaue Jackett wie immer.

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.

„Lieber Herr Müller, danke für Ihre Nachricht! Das ist natürlich bedauerlich, aber ich hoffe, daß es sich nicht um allzu ernste Angelegenheiten handelt. Bis zur nächsten Woche würde ich mich freuen, wenn Sie noch von Karl-Heinrich Bieritz ‚Dass das Wort im Schwang gehe‘ lesen würden und sich Gedanken machen über einen Alternativvorschlag zum ‚Vorzeichen vor der Klammer‘ (Sie finden den Hinweis im Text). Danke und herzlichen Gruß, Ihr Ferenc Herzig.“

Herzliches Erbarmen.

Das weiße Hemd und das blaue Jackett, wie immer, und Freundlichkeit.

Dann muss ich in die Ritterstraße, Treffen mit den anderen Seminarleiterinnen und Seminarleitern der groß angelegten und finanziell gut geförderten LaborUniversität.

Ich erzähle den anderen von meinem fantastischen Projekt: Interreligiös und interdisziplinär, Judentum und Islam und Christentum, eine Schauspielerin kommt auch noch.

Herzliches Erbarmen und freundliches Nicken der Kollegen, dann stellen sie ihre Projekte vor:

Der Kunstpädagoge mit der Jeansjacke hat ein Projekt mit dem Namen:

„Das Partizipatorische Virtuelle Museum – Konzeption, Erstellung und Nutzung von digitalen musealen Plattformen, die auf Beteiligung von InternetnutzerInnen ausgerichtet sind“.

Wow.

Als nächstes die dunkelhäutige Kollegin von den Feminismusstudien:

„Praxen der De-Thematisierung von Differenzierungskategorien“.

Aha.

Der Amerikanistik-Kollege mit den afrikanisch aussehenden Ringen in seinen Dreadlocks:

„Social Hypertext Reader & Interactive Mapping Platform“.

Puh.

Und ich habe noch nicht ‘mal Fichte so richtig verstanden, glaube ich.

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut.

Ich gehe in mein Büro und öffne wieder den Laptop.

Die nächste Mail, die ich lese, kommt von einer Studentin.

Sie schildert mir eine ausdifferenzierte Darstellung der koptischen Liturgie im Vergleich mit der syrisch-orthodoxen Liturgie aus ihrer Heimatstadt Hamburg.

Heute das weiße Hemd, das blaue Jackett wie immer. Und Demut.

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Die Geliebten Gottes tragen heute Sanftmut.

Sie lassen sich nicht von der überarbeiteten Schwester im Krankenhaus abwimmeln.

Einer von ihnen hat vorsorglich schon einen Strauß Blumen vom Markt für sie dabei.

 

Die Geliebten Gottes tragen heute Geduld.

Eine von ihnen sitzt am Bett ihrer dementen Mutter und vervollständigt immer wieder ihre Sätze.

Schweigt lange. Liest ihr Psalm 98 vor und betet mit ihr.

 

Die Geliebten Gottes haben sich gut angezogen.

Einer von ihnen trägt mit der neuen Nachbarin zusammen den massiven Eichentisch in ihre neue Wohnung.

 

Als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten tragen sie mit und ertragen sie einer den andern. Wie Christus.

 

Die Geliebten Gottes tragen heute nicht viel Geld in ihrem Portemonnaie mit sich herum, aber ein freundliches Wort:

für die Roma-Frau mit dem Pappbecher vor der Kirche

und auf facebook für die beiden Musikerinnen, die ganz spontan in der S-Bahn in Frankfurt „Kiss“ von Prince spielen.

 

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Du bist hier und ich bin hier.

Wir sind hier, an diesem Sonntag mit diesem klangvollen Namen Kantate.

Wir sind heute Morgen aufgestanden, und aus dem Spiegel schaute uns ein erwartungsvolles Ebenbild Gottes an – spiegelverkehrt, vielleicht noch ein bißchen müde.

Wir haben gebetet und wir haben Gott mit Herz und Mund gesungen, unseres Herzen Lust.

Mit einem der frühesten Kirchenlieder, die Luther geschrieben hat, haben wir uns gefreut, wir, die lieben Christen. Gemeinsam.

Vielleicht springt der eine oder die andere auch noch auf dem Nachhauseweg, dass wir getrost und all in ein mit Lust und Liebe singen.

Über alles aber zieht an die Liebe,

die da ist das Band der Vollkommenheit,

… die Du mich zum Bilde Deiner Gottheit hast gemacht,

… die Du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht.

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Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in „einem“ Leibe, regiere in euren Herzen.

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Amen.

 

[Predigtlied: Liebe, die Du mich zum Bilde (EG 401, 1–4)]