Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Kolosser 3,14

Prädikantin Sabine Klatt (ev.)

23.07.2016 Ev. Kirche in Schönstadt

Liebe Ivonne, lieber Markus,

fast acht Jahre ist es her, dass Ihr euch zum ersten Mal begegnet seid. Es war beim „Heidelbeerfest“ in Rauschenberg. Mehr als einen schnellen Blick riskieren war nicht drin, aber Ivonne’s Herz schlug schon etwas schneller. Etwas später seid Ihr Euch erneut „rein zufällig“ auf einer Kirmes begegnet. „Jetzt oder nie“ war wohl Ivonne’s Devise und so sprang sie Markus einfach in den Weg. Ein bisschen Smalltalk, Telefonnummer wurden ausgetauscht und das 1. richtige Date in Marburg festgemacht. Im Kino seid Ihr Euch dann näher gekommen. Wie Ihr mir beide übereinstimmend erzählt habt, war es Liebe auf den ersten Blick. Seither habt Ihr viel Spaß miteinander, lacht gemeinsam, haltet zusammen und seid unzertrennlich. Euer gemeinsames Hobby sind Eure beiden Schildkröten – Schildy und Kröty –, das Reisen und die Welt kennen lernen. Auf der Urlaubsinsel Fuerte Ventura vor zwei Jahren war es dann soweit. Markus hatte heimlich Ringe gekauft, auf den richtigen Zeitpunkt gewartet und Ivonne am Strand bei einem traumhaften Sonnenuntergang einen Heiratsantrag gemacht. Und Ivonne hat ihn hoch erfreut angenommen. Bei einem Glas Sekt wurde darauf angestoßen.

 

Vergangene Woche, am 24. Juni, habt Ihr Euch bereits auf dem Standesamt in Kirchhain das „Ja-Wort“ gegeben. Heute seid Ihr in diese Kirche gekommen und wollt im Kreise Eurer Familien und Freunde um Gottes Segen für Euren gemeinsamen Lebensweg bitten. Lange habt Ihr Euch auf diesen Tag gefreut und Euch vorbereitet. Aber irgendwann geht auch dieser besondere Tag zu Ende. Bestimmt werdet Ihr ihn noch lange in Erinnerung behalten, in Euren Herzen bewegen, Euch darüber austauschen und Fotos anschauen. Aber – was bleibt von diesem Tag, von den Fotos, dem Brautkleid und dem Anzug im Schrank? Ein bisschen wehmütig und nachdenklich kann man bei diesem Gedanken schon werden. Wir müssten doch etwas mitnehmen können von heute, etwas, das für immer bleibt, unzertrennlich mit diesem Tag verbunden bleibt.

 

Ihr habt Euch einen Trauspruch für Euer gemeinsames Leben ausgesucht, der Euch eine Antwort darauf gibt. Er steht im Neuen Testament und ist ein Vers aus dem Brief des Paulus an die Kolosser: „Vor allem aber liebt einander. Die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“

 

Die Liebe wird mit einem Band verglichen. Ein schöner Vergleich. Die Liebe ist wie ein Band, wie ein Ehering. Die Liebe als „ein Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“

Ein Symbol dafür ist auch das weiße Band, das oft bei Hochzeiten an der Antenne jedes Autos in der Kolonne von der Kirche zum Lokal hängt – vielleicht auch bei Euch? Das weiße Band – eine Erinnerung an die Liebe, die alles vollkommen macht.

 

Doch so fragt sich vielleicht jemand bang: Was geschieht, wenn die Schere der Zeit auf die Liebe einwirkt? – Die Liebe kann zerfallen. Für jede Liebe gibt es Gefahren und Bedrohungen. Und manche Liebe scheitert letztlich, weil sie sich auf die Dauer nicht leben lässt.

Anders der Trauspruch: Die Liebe hält alles zusammen.

Die Liebe hört niemals auf. Und es gibt Menschen, die das auch erfahren haben. Könnt Ihr also etwas tun, damit Eure Liebe Bestand hat? - Ja, natürlich!

 

Euer Trauspruch steht in einem Brief, in dem es um den Zusammenhang zwischen Glauben und Liebe geht. Da heißt es:

 

„Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der HERR euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“

 

Wer Christ oder Christin geworden ist, kann und soll mit seinen Mitmenschen gut umgehen – und dies wird mit Worten beschrieben, die auch und gerade für die Ehe wichtig sind. Neben wichtigen Eigenschaften wie Güte, Geduld miteinander und so weiter lebt eine Ehe immer auch von der Vergebung von Fehlern und Verletzungen, die man sich gegenseitig unweigerlich zufügt. Dies kann gelingen, wenn über all diesem die Liebe als das Band steht, das das Paar verbindet und Vollkommenheit bedeutet.

Jedoch ist keine Liebe in dem Sinne vollkommen, dass sie ohne Fehler und Schuld sein wird. Denn wir Menschen sind einmal nicht vollkommen. Jeder hat seine ganz speziellen Macken. Das ist auch bei Euch nicht anders und trotzdem liebt Ihr Euch so, wie Ihr seid.

 

Zu Eurem Trauspruch fiel mir ein Bild mit Bändern ein, eine Geschichte, die ihr vielleicht auch kennt:

 

Da war ein Mann, der für ein paar Jahre ins Gefängnis musste. Nichts hatte er mehr von seiner Familie gehört, als er entlassen wurde. Er schrieb seiner Frau einen Brief und erzählte, dass er wieder frei sei. Er bat sie um Vergebung für alles Leid, das er ihr durch seine Gefangenschaft angetan hatte. Und er schrieb:

 

„Ich möchte dich nicht belästigen. Wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, kann ich das gut verstehen. Daher möchte ich gar nicht zu dir ins Haus kommen, wenn du es nicht möchtest. Ich werde nächste Woche einfach mit dem Bus an unserem Haus vorbeifahren. Wenn du mir vergeben kannst und einen Neuanfang wagst, dann hänge doch ein weißes Band in unseren alten Apfelbaum. Wenn ich das Band sehe, dann steige ich aus. Wenn dort kein Band hängt, fahre ich weiter und belästige dich nicht wieder.“

 

Voller Sorge und Aufregung saß der Mann im Bus. Er hielt die Spannung nicht aus. Er konnte nicht hinschauen, schloss lieber die Augen, als der Bus um die letzte Kurve fuhr, und bat seinen Sitznachbarn, für ihn nach dem Band Ausschau zu halten. „Was siehst du?“, fragte er ihn. „Siehst du ein Band?“ „Nein“, sagte der Mann. „Ich sehe nicht ein Band. Ich sehe Hunderte von weißen Bändern im Apfelbaum!“

 

Ich wünsche Euch beiden immer wieder solche weißen Bänder in Eurem Apfelbaum.       Ich habe Euch ein kleines Apfelbäumchen mitgebracht. Es gehört Euch – und es findet sich sicherlich jemand, der es nachher für Euch mitnimmt.

Ich wünsche Euch immer wieder die Kraft, einander zu ertragen, und den Mut, Euch gegenseitig zu vergeben. Vergebung fällt immer leichter, wenn man nicht damit anfangen muss. Darum ist es gut, dass Euer Trauspruch daran erinnert: Gott hat uns zuerst vergeben. Darum können wir Menschen auch einander vergeben. Gott selbst schenkt Euch die Liebe, „das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“ Und er schenkt Euch den Frieden in Euren Herzen, er segnet Euch. Denn das bedeutet Segen: Gott spricht Euch seine Begleitung, seine Bewahrung und seinen Frieden zu – für Euch und für Eure Ehe. Und mit dieser Zusage kann man immer neu Bänder in den Apfelbaum hängen und immer neu einander lieben, „denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“ Amen.