Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Korinther 12,4-11

Pastorin Kathrin Günther (ev.)

16.05.2016 Emmauskirche in Marsberg

Pfingsten

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch.  Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

„Was wir unbedingt brauchen, das ist eine Schokoladen- Hohlkörperfigur für Pfingsten!“ Ich sehe uns noch da stehen, nach dem Osterfrühstück, erwachsenen Menschen, mit kindlichem Entzücken jeweils einen Schokoladen Osterhasen in der Hand. Die gab es nämlich als Tischdekoration beim Osterfrühstück. Und dann wurde überlegt: Wir brauchen unbedingt eine passende Hohlkörperfigur für Pfingsten, eine Taube vielleicht, oder Feuerflammen, Hauptsache aus Schokolade! Für Weihnachten gibt’s so was ja massenweise, für Ostern natürlich auch, aber Pfingsten erscheint da doch irgendwie etwas - arm. Arm? Dieses Stichwort machte mich stutzig. Was ist das für eine merkwürdige Armut an Pfingsten?!

Schauen wir uns das an.

 

Der Predigttext für diese Woche steht im Brief des Apostels Paulus an die Korinther im zwölften  Kapitel:

 

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist.

Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr.

Und es sind verschiedene Kräfte; aber ein Gott, der da wirkt alles in allen.

In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller;

dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem anderen wird gegeben von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem anderen Glaube, in demselben Geist; einem anderen die Gabe, gesund zu machen, in dem e i n e n Geist;

einem anderen die Kraft, Wunder zu tun; einem anderen prophetische Rede; einem anderen die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem anderen mancherlei Zungenrede; einem anderen die Gabe, sie auszulegen.

Dies alles aber wirkt derselbe e i n e Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.

 

Vater im Himmel, bitte segne Du Dein Wort, heute auch an uns. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

         dieser Text klingt ja nun überhaupt nicht nach Armut, sondern im Gegenteil, wir finden eine lange Reihe von Gaben, Begabungen und Kräften. Das sind die sogenannten ‚Charismen‘, die Gnadengaben des Geistes an seine Gemeinde: Weisheit oder Erkenntnis auszusprechen, zu heilen, Wunder zu tun, prophetisch zu reden, die Geister zu unterscheiden,  …lauter solche Kräfte, die wir allein aus unserer Bemühung, nicht wirken lassen können.

Das worauf es ankommt, ist allerdings, dass alle diese Gaben, zusammen in demselben, einen Geist wirken!

Da ist er, dieser heilige Pfingstgeist, der so schwer zu fassen ist.

Er offenbart sich - und teilt Gaben zu - und wirkt… und ist doch unmöglich in eine feste Gestalt zu gießen. Pfingsten lässt sich so schwer greifen, und deshalb wohl auch so schlecht vermarkten.

Das Pfingstfest ist unter den drei großen christlichen Festen eindeutig das unbeliebteste. „An Pfingsten sind die Geschenke am geringsten!“ Die Menschen wissen gar nicht so recht was das ist - Pfingsten - was das soll, geschweige denn, wie man es feiern könnte. Wenn es überhaupt wahrgenommen und gestaltet wird, dann wird meistens eine Art Frühlingsfest daraus, mit Ausflügen ins Grüne, Picknick oder Grillen ist beliebt. Man freut sich über diesen kleinen Sonderurlaub und macht Rad- oder Wandertouren. (In diesem Jahr ja nun leider plötzlich so kalt und verregnet.)

Wenn ich in der Schule frage, wie der Tag heißt, wenn wir Himmelfahrt feiern, dann sagen die Kinder prompt: Vatertag.

Und wenn ich in B. frage, was jetzt war und ist, dann kommt die Antwort: Schützenfest!

Dabei kann ich es den Leuten nicht einmal verdenken, denn es ist wirklich nicht so einfach mit diesem Pfingstfest. Was soll man damit anfangen?

Mir will scheinen, Pfingsten sei etwas für Leute mit mehr Tiefgang!? Vielleicht für religiös Fortgeschrittene, für Insider überlege ich, quasi für den Kern der Gemeinde….und denke schließlich:  Pfingsten ist genau für die, die jetzt grade hier sind, für sie und für mich.

 

Die liturgische Farbe des Pfingstfestes ist Rot.

(Und es freut mich, neben den roten Paramenten an Kanzel und Altar, auch die vielen roten Jacken in den Bänken zu sehen.)  Rot – das ist die Farbe des Feuers. Es ist nicht zufällig auch die Farbe des Blutes, die Farbe der Liebe - eine sehr lebendige, anregende und aufregende Farbe.

 

Ich habe für mich in diesem Jahr an Pfingsten etwas entdeckt, was mir dieses Fest noch einmal ganz neu und wieder anders nahebringt. Das möchte ich jetzt versuchen Ihnen mitzuteilen. Es ist nämlich ausgerechnet die Armut von Pfingsten, die mich auf diese Spur bringt, ganz im Gegensatz und in der Gegenbewegung zu all diesen Berichten von Reichtum und Fülle an Gaben und Begeisterungen. Und zwar liegt diese Armut von Pfingsten – wie ich finde - in dem Gottesbild: Pfingsten ist eine Wirklichkeit Gottes, ohne Gesicht! Kein bärtiger Weihnachtsmann, kein lila Schmunzel-Hase, und eben auch kein Kind in der Krippe und kein Auferstandener.

Zuerst hatte ich befürchtet, diese Armut, dieser Mangel an Bild und Gesicht wäre ein Schade, wäre eine Traurigkeit. Wo ich doch Bilder so liebe, grade auch Gottesbilder! Ich habe mit großer Begeisterung und Andacht Ikonen gemalt, immer wieder das Gesicht, die Gestalt Jesu, als Pantokrator, als Allherrscher, oder auch einfach als Lehrer, als König oder Priester, als Hirte oder Bräutigam, als Richter oder als Vorbeter… immer wieder, in immer neuen Facetten und neuen Bildern.

Aber mit der Zeit finde ich heraus, wie kostbar auch grade diese Armut, diese Gesichts- und Bildlosigkeit des Heiligen Geistes sein kann! Pfingsten - ist ein Platzhalter für eine Wirklichkeit, die viel weniger etwas darstellt, was man greifen, bewundern oder anbeten könnte, sondern es ist vielmehr eine Kraft, die vor allem Etwas tut! Ein mitfühlender Geist, der im Inneren wirkt und antreibt, etwas in Bewegung bringt. Eigentlich sehr sympathisch!

Weg von dem Starren auf ein ganz bestimmtes festgelegtes Gottesbild, wo um Richtigkeiten diskutiert wird und um Worte und Buchstaben gestritten und gekämpft - hin zu einem offenen, freien und lebendigen Geschehen!

 

So lässt sich der Geist weniger in Dingen und Hauptwörtern, als vielmehr in Tätigkeitsworten, also in Verben, erspüren. Wir haben im Predigttext für heute von den verschiedenen Gaben und Begabungen, den sogenannten ‚Gnadengaben‘ gehört, die der Geist in der Gemeinde wirken kann.

 

Ich möchte sie heute einladen zu einem frommen kleinen Spiel, das ich mir ausgedacht habe: Ich bitte Sie jetzt, jeden und jede Einzelne von Ihnen, sich etwas vorzustellen in ihrem eigenen Leben, was bei ihnen grade dran ist…. wo sie vielleicht nicht recht weiterkommen…. wo sie vielleicht göttliche Hilfe brauchen könnten.

Vielleicht fallen Ihnen ja sogar mehrere Dinge ein, aber jetzt bitte ich sie, sich für eine Sache zu entscheiden, eine Frage, eine Aufgabe….

Haben Sie etwas gefunden? Versuchen sie es mit einem Stichwort für sich zu benennen, damit sie es sich merken können.

Nun habe ich eine ganze Reihe Tätigkeiten des Heiligen Geistes aufgeschrieben, was dieser Pfingstgeist alles macht und tut, lauter verschiedene Verben. Und ich lese uns die lange Reihe dieser Worte jetzt zuerst einmal vor:

 

bewegen

beatmen

mitteilen

eingießen

erfüllen

befruchten

erleuchten

berühren

lösen

aufhelfen

öffnen

durchfluten

verschließen

brennen

beruhigen

erschaffen

erneuern

vollenden

 

Haben sie noch das Stichwort, was sie für sich persönlich gerne in den Blick nehmen möchten? Sie bekommen jetzt jeder die Chance ein Los zu ziehen, -(Korb hochhalten)- ein rotes Los natürlich, und auf diesem Pfingstlos werden sie eine dieser Tätigkeiten des Heiligen Geistes wieder finden. Schauen sie, ob diese Tätigkeit für sie ganz persönlich etwas bewirken kann, etwas was mit dem zu tun haben könnte, was sie sich jetzt heute in den Blick genommen haben. Es ist ein Geschenk und -  es gibt keine Nieten!

 

LOSVERTEILUNG (Körbchen herumgeben)

 

Haben sie ihr Los schon geöffnet? Sie können das jetzt sofort tun, oder auch später zuhause.

Dieses kleine Spiel, oder Ritual, möchte bitte nicht missverstanden werden. So ein Los, wie sie es jetzt in der Hand halten, oder schnell in die Tasche gesteckt haben, so ein Los mit einem Wort, mit einem Tun, das ist keine Magie, wo jetzt automatisch das passieren wird, was sie da für sich gezogen haben.

Wer bin ich, dass ich dem Heiligen Geist Regieanweisungen geben könnte, bei wem er bitte was zu schaffen hätte?! Der Predigttext sagt ja ganz nüchtern: Der Geist teilt einem jeden zu, wie er will, nicht wie man es grade gerne hätte, oder wie die Pastorin es sich ausgedacht hat. Der Geist lässt sich nicht zuweisen oder verordnen, aber er lässt sich bitten! Es ist eine Möglichkeit, eine Chance. Ich kann Gott bitten seine Kraft und seinen Geist dahin zu schicken, wo sie und ich es grade nötig haben. Und sie selber können das auch tun.

 

Vielleicht fällt Ihnen auf Anhieb noch gar nichts ein, zu diesem verrückten Spiel, wie jetzt dieses Verb, das sie da heute geschenkt bekommen haben, bei dem, was für Sie dran ist, irgendetwas ausrichten soll.

Bitte nicht angestrengt darüber nachdenken, sondern etwas spielerisch, mit frei schwebender Aufmerksamkeit, dieses Wort heute erst einmal mitnehmen – und schauen ob was damit passiert. Lassen Sie sich Zeit. Der Heilige Geist findet manchmal überraschende und verrückte Wege. Ein Los, das sie gezogen haben, mit dem sie heute spontan vielleicht erstmal wenig oder gar nichts anfangen können, wo ihnen kein Zusammenhang einfällt oder keine Verbindung aufleuchtet - so ein Los kann morgen vielleicht aus einem ganz anderen Blickwinkel Sinn ergeben, oder Weisung, Trost oder Inspiration.

Alles was sie tun müssen, ist die Aufmerksamkeit dafür wach halten, den Wunsch, die Frage, die Bitte an Gott…

 

So sehr ich ja Schokoladen- Hohlkörperfiguren toll finde, - ich gebe es zu, - so sehr ist mir doch klar, dass das was wir unbedingt brauchen leider nicht Schokolade ist. Was wir wirklich brauchen, ist eine persönliche Begegnung, eine echte eigene Berührung des göttlichen Geistes.

Bitten wir Gott, dass sie uns in diesen Pfingsttagen geschenkt werde. Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.