Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lk 1,28

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

08.12.2015 Pfarre Allerheiligen in Innsbruck

Offen werden für Gottes Gnade                             

Du bist voll der Gnade (Lk 1,28)

Wir feiern haute das Fest Mariä Empfängnis. Maria wurde unbefleckt empfangen, weil sie die Gottesmutter werden sollte. Aus diesem Grund hat der Engel Gabriel zu Maria gesagt: „Freue dich Maria, du bist voll der Gnade“ (Lk 1,28). Wenn Maria voll der Gnade ist, muss sie schon im Schoß der Mutter Anna begnadet gewesen sein. Das bedeutet, dass die Mutter Anna ein außergewöhnliches Kind empfangen hat. Denn in Maria ist das himmlische Jerusalem für uns heute bereits voll abgebildet. Ihr Leib wird ganz und gar geheiligt, weil Gott selbst in ihr Wohnung nimmt. Gott hat auf die Niedrigkeit Mariens geschaut und sie in sein Licht gestellt. Das ist ein Grund zur Dankbarkeit und Freude. Das ist ein Festtag.

Der Herr ist mit dir

Wir feiern das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau Mariae“. Was bedeutet das? Mit dem Wort Erbsünde ist keine persönliche Sünde gemeint. Es wird nur ausgedrückt, dass Maria von der Neigung zum Bösen befreit war. Aus diesem Grund hat sie auch nie eine Sünde begangen. Sie ist die Makellose, das Urbild der Kirche. Es fällt jedoch auf, dass Maria als Ersterlöste vom Leiden nicht befreit war. Der böse Feind verfolgte sie und ihren Sohn (Gen 3,15). Daher wird Maria auch Königin der Märtyrer genannt. Ich erwähne das, weil es in unserer Pfarre solide Menschen gibt, die Schweres zu ertragen haben. Aber Gottes Gnade ist mit ihnen und wirkt.

Mit dem Fest Mariae Empfängnis beginnt die Schöpfung neu. Maria verkörpert das neue Menschengeschlecht, das aus Gott geboren ist. Maria ist die reine Empfänglichkeit, weil sie ganz und gar offen war und ist für Gottes Wirken.

Eine Ausstellung in Graz zeigte im Jahre 2015 eine große Anzahl von Marienbildern.  Maria wird dargestellt als junge Frau und Gottesmutter, die sich nicht herausputzen wollte, nicht die schönsten Kleider getragen oder in Luxus gelebt hat. Sie will nur Magd des Herrn, Dienerin, Diakonissin Gottes sein. Für sie ist nur eines notwendig: Auf Gott zu hören und seinen Willen zu tun. Denn wer Gottes Willen tut, wirkt für Zeit und Ewigkeit.

Weil Maria ganz offen für Gott war, konnte der Mächtige Großes an ihr tun (Lk 1,49). Der Unsichtbare wurde im Fleisch Mariens sichtbar. Daher verehren wir sie. Sie wurde zum Fenster, durch das wir Gott sehen können. Sie ist eine Frau, „bekleidet mit der Sonne, der Mond unter ihren Füssen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen“ (Apk 12, 1). Sie wurde die Auserwählte Gottes, die Braut des Heiligen Geistes, die Mutter des Gottessohnes. Das ist das Sympathische an Maria, dass sie trotz ihrer hohen Würde eine demütige und bescheidene Frau aus dem Volke blieb. Sie stellt sich nie in den Mittelpunkt. Bei der Hochzeit zu Kana sprach sie: „Alles, was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5).

Wir lieben Maria, weil sie uns Gott nahe bringt. Sie steht auch mit den Aposteln am Anfang Der Kirche. Ja, sie ist die Mutter der Kirche. Denn sie hat uns Christus gebracht. 

Der Herr ist auch mit uns

Im Buch „Maria - Ecclesia“ (im Pustet Verlag, Regensburg, erschienen 2014) behauptet Professor Greshake, dass alle Mariendogmen auch Aussagen über die Kirche in gewisser Hinsicht Aussagen über uns selbst sind. „Jungfräulich sein“, das heißt: ganz offen für Gott sein, still werden und auf Jesus hören. Dann können wir wie Maria den überschwänglichen Reichtum der Gnade empfangen (vgl Eph 2, 7). Die Jungfräulichkeit Mariens ist nach dem Innsbrucker Dogmatiker Niewiadomski nicht im biologischen Sinn zu verstehen.

Der Strom der Gnade hat Maria schon im Mutterschoß der heiligen Anna erreicht, aber der Gnadenstrom ist auch bei uns durch die Taufe angekommen. Daher ist der heutige Tag ein Festtag, nicht nur für Maria, sondern auch für uns. Der 8. Dezember sagt uns: Gott will nicht nur Maria, sondern auch uns Gnade über Gnade schenken. Alle Menschen führt Christus aus ihrer Vergänglichkeit heraus. Und Maria war die erste Frau, welche die Fülle des Lebens erhielt. Was aber Gott an Maria getan hat, will er auch an uns tun. Daher haben wir heute einen Feiertag.

Der heutige Festtag bringt auch zum Ausdruck, dass Gott Großes an den Menschen tut. Alles ist Gnade. Maria und wir haben uns nicht selbst erfunden. Wir sind von Ewigkeit erwählt. Alles ist ein Geschenk der Liebe Gottes.  

Mein verstorbener Bruder war Pfarrer. Er hat in seinem Testament den Satz geschrieben: „Alles, was ich geworden bin, schulde ich anderen“. Jeder Mensch verdankt sich Gott, den Eltern, Lehrern und vielen anderen Personen.

Das ist die Botschaft des heutigen Hochfestes. Gott verlässt uns nicht. Wir können immer mit seiner Gnade und seinem Beistand rechnen. Gott ist barmherzig. Der heutige Festtag sagt uns, dass wir nicht etwas „leisten“ müssen, sondern Gott durch uns wirken möchte. Wenn wir Gott Raum geben, dann kann alles anders werden, kann alles neu werden, die Familie Gottes entstehen. Das heutige Fest verkündet allen Geschöpfen: Alles ist Gnade. Fürchte dich nicht.