Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10, 25-37

Pfarrerin Nicola Neitzel (ev.)

30.04.2017 Marienkirche in Unterferrieden

Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden,

liebe Festgemeinde,

 

jetzt ist der große Tag endlich da!

Nach Bergen von Organisation und Dekoration,

nach Kleider- bzw. Anzugkauf und Friseurterminen

kommt nun endlich die Zeit

zum Feiern und Genießen.

 

Und in der nächsten Woche? Ja, da geht dann eigentlich alles so weiter wie bisher:

Der Wecker klingelt zu früh.

Der Mathe Test kommt mal wieder total unerwartet

und die Hausaufgaben trüben die Freude eines sonnigen Nachmittags.

 

Eine Konfirmation im Jahr 2017 ist ein schönes Fest.  Aber Euer Leben verläuft danach in den vertrauten Bahnen.

 

Für Eure Großeltern war das anders. Mit dem Osterfest und der Konfirmation endete für die meisten von ihnen die Schulzeit. Sie kamen in eine Lehre, zu Hilfsdiensten auf einen Hof oder in die Fabrik.

Sie mussten ab jetzt für ihre Familien mitverdienen. Sie hatten ab dem Zeitpunkt der Konfirmation die Pflichten von Erwachsenen.

 

Das sind die Unterschiede in den Lebensläufen der Generationen. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten:

 

Denn anno 1950 wie heute durfte man ab der Konfirmation auch mehr und mehr an den Vergnügungen der Erwachsenen teilnehmen.

Für eure Großeltern hieß das, dass sie auf dem Tanzboden nun mit dabei sein konnten.

Und auch ihr werdet bald abends immer öfter mal weggehen.

Eine Tatsache, die manchen Eltern den Nachtschlaf raubt, aber zum Erwachsenwerden einfach dazu gehört.

 

Bei den Getränken zeigen sich wieder Gegensätze: Damals war es das eine oder andere Glas Bier, was beim Fest getrunken wurde.

Heute ist es gerne auch mal ein Cocktail.

 

Glas hervor holen – Exotische Farben, flotte Strohhalme, Verzierungen und -halt, es fehlt ja noch was zum perfekten Cocktail –

natürlich viele Eiswürfel. (Eiswürfelbereiter mit Eiswürfeln aus Gelatine)

Die klackern lässig an den Wänden des Glases.

Geben einem das gute Gefühl von großer weiter Welt.

 

Sieht cool aus und schmeckt auch so.

Und irgendwie fühlt man sich gleich anders mit einem solchen Getränk in der Hand.

So wie dieser Cocktail – so wäre man selbst auch gerne.

 

Überlegen.

So schnell durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Einfach cool halt.

 

James Bond – für einen Augenblick.

So möchte man sich fühlen.

Aber bloß nicht wie Johnny English.

 

Denn, wer will schon hören: „Celine , du wackelst.

Nein, natürlich soll es heißen: „Karina, ich habe heute ein Foto für dich.“

 

Wer will schon zur der Mannschaft gehören, für die der Traum vom DFB Pokal ausgeträumt ist.

Nein, man will natürlich zu denen zählen, die eine Runde weiter in Richtung Finale gehen.

 

Cool sein, wie dieser Eiswürfel,

überlegen,

ein Gewinner halt – das ist doch ein lohnendes Ziel!

 

Klingt verlockend.

Es gibt da nur ein Problem.

Wir sind keine Eisbären.

Anders als es der knuddelige Knut vermuten lässt sind Eisbären nämlich unfähig zu sozialer Gemeinschaft.

Sie sind absolute Einzelgänger.

Aber wir sind Menschen.

Wir verkümmern ohne die Gesellschaft anderer.

Wir sind auf einander angewiesen.

Wir brauchen unseren Nächsten und er uns.

 

Wer ist unser Nächster? Um einem halsstarrigen Gesprächspartner  genau das zu erklären, erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wir haben sie gerade in der Lesung gehört.

 

Ein Mann wird überfallen, halb tot geschlagen, ausgeraubt und einfach so liegen gelassen.

Irgendwo auf dem Weg zwischen Jerusalem und Jericho.

Es ist eine einsame Gegend.

Aber endlich sind Schritte zu hören.

 

Ein Priester kommt die Straße herab.

Er sieht den Mann.

Zögert keinen Augenblick,

sondern geht schnurstracks weiter.

Ein Priester,

der die heiligen Schriften genau kennt.

Der weiß, welche Gebote Gott den Menschen gegeben hat, damit ein gutes Miteinander gelingen kann.

Ein Priester, der sein Leben ganz in den Dienst dieses Gottes gestellt hat.

Er geht ohne zu zucken an einem Hilflosen vorbei.

 

Aber es kommt noch doller.

Wieder sind Schritte zu hören.

Ein Levit geht in Richtung Jericho.

Auch er verrichtet priesterliche Dienste am Tempel in Jerusalem.

Auch er kennt die Gebote Gottes.

Und dennoch geht auch er einfach an dem Schwerverletzten vorbei.

 

Es ist viel spekuliert worden, was die beiden Männer davon abgehalten hat, dem Verletzten zu helfen.

Wir wollen nicht über die Gründe grübeln.

Aber eins ist klar,

Priester und Levit haben sich von ihrem Verstand leiten lassen.

Ihr Herz hat zum Elend des Halbtoten geschwiegen.

Sie haben sich nicht von seiner Not berühren lassen.

Sie sind cool geblieben –

Cool wie dieser Eiswürfel -

und weiter gegangen.

 

Als drittes kommt ein Samariter des Weges. Man muss sagen, die Samariter galten nicht viel in Israel.

Sie wurden von den Israeliten abgelehnt und  gemieden. 

Und ausgerechnet dieser Mann aus Samarien, so erzählt Jesus, der handelt anders als der hoch angesehene Priester und der Levit.

 

Er sieht den Verletzten und der Anblick des übel zugerichtete Mannes jammert ihn.

So übersetzt es Luther.

Das Wort, das dort im Griechischen steht, ist noch viel stärker.

Es beschreibt wie sich die Eingeweide des Samariters förmlich zusammenziehen, als er das Opfer sieht.

Das Unglück des Anderen berührt ihn bis ins Innerste.

Der Samariter bleibt nicht cool und geht weiter.

Nein, er hält an,

versorgt die Wunden,

hebt den Verletzten auf sein Reittier

und bringt ihn in Sicherheit. 

 

Und da sind sie, die beiden Welten, die so gar nicht zu einander passen wollen.

Hier unser Eiswürfel, kühl und kantig.

Er steht für die eine Welt, in der wir leben:

Für die Welt der kühlen Gründe, der Gewinner, für die, die es geschafft haben.

 

Und dort ist unser Helfer.

Der Samariter, der in einer einsamen und gefährlichen Gegend einfach stehen bleibt.

Sich anrühren lässt von einem Hilflosen.

Der sein Herz öffnet.

Zeit und Geld investiert, damit der völlig Fremde wieder auf die Beine kommt.

 

Ihr lebt als Christen immer zwischen diesen beiden Welten.

Müsst euch entscheiden.

Handle ich nach kühlen Gründen

oder treffe ich meine Entscheidungen mit dem Herzen?

Wer ist mein Vorbild und prägt damit mein Leben?

 

Mit dem Bekenntnis, das ihr gleich sprecht, sagt ihr, zu wem ihr in Zukunft gehören wollt. 

Zu Jesus Christus. Der uns vorgelebt hat, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen.

Barmherzig.

Der uns von seinem Vater im Himmel erzählt hat.

Unserem Schöpfer.

Der uns genau mit dieser Barmherzigkeit anschaut.

Unseren Kummer sieht. Unsere Fehler vergibt.

Uns darin bestärkt unser Leben in Liebe zu leben.

 

Genießt die Freiheiten, die Euch jetzt mehr und mehr geschenkt werden.

Tanzboden oder Party.

Bier oder Cocktail.

Das sind Freuden, die das Leben leichter machen.

Dem Alltag schöne Unterbrechungen schenken.

Aber vergesst darüber nicht die Pflichten und Herausforderungen, die mit dem Erwachsenen sein verbunden sind. Ihr trefft jetzt mehr und mehr Eure eigenen Entscheidungen.

 

Wie  entscheide ich mich:

zugunsten meines eigenen Vorteils?

zugunsten meiner Bequemlichkeit?

Nein, denn ihr seid keine Eisbären, die einsam durch die Weiten  am Nordpol ziehen.

Ihr seid Menschen, die zu einer Gemeinschaft gehören, wo jeder auf den anderen angewiesen ist.

 

Als kleine Erinnerung an die beiden Welten und die Herausforderungen in ihnen zu leben, habe ich Euch dieses Geschenk mitgebracht. (Eiswürfelbereiter von IKEA in Form von Fischen)

Hier steckt der kühle Eiswürfel.

Aber er ist in die Form des Zeichens der Christen gegossen.

Eines Fisches.

Der Fisch diente den Urchristen als geheimes Erkennungszeichen.

Ihr könnt ihn heute ohne Gefahr für Leib und Leben an Eurem Schlüsselbund tragen, oder später am Auto.

 

Aber Ihr werdet an diesem Zeichen gemessen.

Ich wünsche Euch, dass es euch gelingt: mit einem barmherzigen Blick durchs Leben zu gehen.
Und wir alle bekräftigen diesen Wunsch mit dem Wort, das auf die Predigt folgt und besagt: So sei es.

Amen.