Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,25-37

Pfarrerin Karin Bredull Gerschwiler

19.05.2007 in der reformierten Kirche Cham, Schweiz

Zum 75-jährigen Jubiläum des Samaritervereins

Zum 75-jährigen Jubiläum des Samaritervereins

Anwesend waren die Samariterinnen und Samariter: die meisten sind Katholiken und Reformierte aus der Schweiz und anderen europäischen Ländern, aber es gibt darunter auch Leute, die mit Kirche sonst nichts zu tun haben (wollen) sowie Menschen anderer Religion, etwa ein tamilisch-muslimischer Samariter.
Und natürlich die Honoratioren: der Gemeindepräsident, der Regierungsrat mit Ressort Gesundheit, etc. 

Liebe Samariterinnen und Samariter, liebe Festgemeinde

Ein Jubiläum ist immer ein guter Anlass, im Alltagsgeschäft innezuhalten und sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie hat sich der Verein im Lauf seiner Geschichte entwickelt? Wo stehen wir heute? Wo liegen die Herausforderungen im Blick auf die Zukunft?
Ich möchte an dieser Stelle für einmal den Namen des Samaritervereins beleuchten. Als Samariter nennen Sie sich ja nach einer berühmten Gestalt aus der Bibel. Lukas 10...

Wenn ich diese Geschichte im Blick auf den Samariterverein lese, finde ich 7 Aspekte bemerkenswert.

1.Jesus fühlt sich ein in die Wahrnehmung dessen, der unter die Räuber gefallen ist, und beginnt damit seine Geschichte. Typisch biblisch. Und was nimmt der Verletzte wahr? Einer geht vorbei, der nächste geht vorbei, ein dritter bleibt stehen, schaut genau hin, spürt Mitleid, hilft. Für den Verletzten bedeutet dieser Dritte Trost in Person, Hoffnung in Person, Liebe in Person, vielleicht Gebetserhörung. Was er empfindet, ist mass-geblich.

2.In manchen Auslegungen erscheint an dieser Stelle der moralische Zeigefinger: Wehe, wenn du so gefühllos bist wie der Priester und der Levit und nicht hilfst! Oder: Da sieht man's wieder: die Pfarrer! - Ich meine allerdings, im Priester und Levit begegnen uns einfach zwei moderne Menschen: Völlig verplant, von Termin zu Termin hetzend, nirgends darf man zu spät kommen, alles muss effizient und noch schneller erledigt werden...Wo bleibt da die Ruhe, um einen Verletzten am Wegrand nicht nur zu sehen, sondern wahrzunehmen, innezuhalten, Mitleid aufkommen zu lassen? - Ruhe, Wahrnehmung, Hinschauen, Mitleid - in unserer Leistungs- und Informationsgesellschaft ist das ein seltenes Gut.

3.Der Samariter reagiert kompetent. Er ist mit einer Reiseapotheke ausgerüstet. Er desinfiziert die Wunde mit Wein, behandelt sie mit Olivenöl und legt einen Verband an. Jeder Handgriff sitzt. Fachliches Know-how gehört also ebenso zum Helfen wie guter Wille. Wenn Sie im Verein Kurse anbieten und Übungen durchführen, fördern Sie die Kompetenz der Helfenden ganz im Sinne der Geschichte.

4.Wenn jetzt der Samariter den Verletzten mit eigener Kraft schleppen müsste, würde er wohl unter der Wüstensonne bald selber zusammenbrechen. Doch er hat gar keinen Ehrgeiz, den Helden zu spielen. Vielmehr nimmt er ein Transportmittel: seinen Esel. Heute hiesse der Esel Rollstuhl oder Auto, Tixi, Krankenwagen oder Rega. Gutes Material und eine geeignete Infrastruktur gehören aber immer noch zum Samariterdienst.

5.Der Samariter bringt den Verletzten zu einer Herberge und sorgt erst mal für ihn, auch in der folgenden Nacht. Dann muss er weiter. Auch das ist interessant. Es geht hier wirklich um Erste Hilfe, nicht um Langzeitpflege. Der Samariter hat seine Verpflichtungen wie jede und jeder von uns und wird sicher schon irgendwo erwartet. Aber für eine begrenzte Zeit hat er sich unterbrechen lassen und disponiert um zugunsten eines Mitmenschen, der ihn gerade jetzt braucht.

6.Die Erste Hilfe reicht nicht. Es braucht eine längere Pflege als sie der Samariter leisten kann. Was tun? Er delegiert die Pflege an den Wirt, macht eine Anzahlung für den improvisierten Spitalaufenthalt, vertraut dem Wirt, dass der die Pflege fortsetzt, der Wirt vertraut umgekehrt dem Samariter, dass er wiederkommt und allfällige Mehrkosten übernimmt, und so kann der Verletzte sich sorglos seinem Heilungsprozess anvertrauen. - Die eigenen Grenzen erkennen, delegieren, das längerfristige Wohl des Verletzten im Auge behalten, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens aufbauen - auch das gehört zum Samariterdienst.

7.Noch einmal zurück zum Namen: "Samariter" klingt in den Ohren der damaligen Juden so wie für Schweizer das Wort "Albaner" oder "Rumäne". Da leuchtet ein rotes Lämpchen auf: sei vorsichtig! - Warum erzählt Jesus diese Geschichte ausgerechnet von einem Samariter? Ich denke, er will sagen: Mitleid haben, tatkräftig helfen, ist nicht an eine bestimmte Nation oder Religion gebunden. Es ist etwas allgemein Menschliches. Jeder kann das. Und oft tun es diejenigen, von denen man es am allerwenigsten erwartet.

Sieben Aspekte zum Samariterdienst haben wir betrachtet:
Die massgebliche Perspektive ist die des Opfers
Der Samariter nimmt sich Zeit und Ruhe für den Verletzten und spürt Mitleid
Er leistet die erste Hilfe medizinisch kompetent
Er benutzt ein Transportmittel zu seiner Entlastung
Die Zeit, die er für den Verletzten aufbringen kann, ist begrenzt
Darum delegiert er die längerfristige Pflege vertrauensvoll an den Wirt und zahlt dafür Samariter sein ist etwas, das jeder Mensch kann, wenn er dazu bereit ist.

Schauen wir zuletzt noch einmal den Rahmen dieser Erzählung an. Die Ausgangsfrage des Gesetzeslehrers war: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Heute würden wir fragen: Was ist denn der Sinn des Lebens? Es ist eine Frage, die sich viele Jugendliche und Erwachsene in unserer Wohlstandsgesellschaft stellen.

Die Antwort Jesu ist ganz einfach: Den Sinn des Lebens findest du, indem du zum Nächsten wirst dem, der dich jetzt gerade braucht. Du musst gar nicht weit suchen. Er liegt auf deinem Weg. Wenn du ihn siehst, bleib stehen, schau hin, lass dich unterbrechen und hilf. Benutze alle Hilfsmittel, die dir zur Verfügung stehen. Beziehe andere ein, die dir helfen können. Setze deine Geldmittel verantwortlich ein. Und wenn du dein Teil getan hast, dann zieh fröhlich deines Weges.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird sich von alleine beantworten, du wirst es sehen.

Liebe Festgemeinde: In dieser Antwort liegt der Grundgedanke des Samaritervereins. Einen würdigen Namen tragen Sie, für einen sinnvollen Dienst! Danke, dass Sie diesen Dienst tun! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude daran und Gottes Segen für jeden Ihrer Einsätze.

Amen.