Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,25–37

Siegmar Beer (ev.-luth.)

07.11.2015 Schutzengelkirche in Eichenau

Ökumenischer Gottesdienst (Friedensgebet)

Liebe Schwestern und Brüder,

was haben wir bei der Lesung aus dem Lukasevangelium gehört? Ein jüdischer Gesetzeslehrer will den Juden Jesus auf die Probe stellen. Er fragt ihn deshalb: »Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?« Jesus kontert mit zwei Gegenfragen: »Was steht im Gesetz? Was liest du dort?« Der Gesetzeslehrer antwortet, indem er das sogenannte Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zitiert. Und Jesus bestätigt: »Du hast richtig geantwortet. Tu das, so wirst du leben.«

Nächstenliebe – was heißt das? Liebe ganz allgemein betrachtet ist ein Gefühl starker Zuneigung zu einem Menschen. Gilt das auch für die Nächstenliebe? Nein, so nicht – vielmehr bedeutet Nächstenliebe zuallererst, dass wir handeln sollen. »Tu das«, sagt Jesus. Wir sollen einem Mitmenschen, der gerade jetzt unserer Hilfe bedarf, tatkräftig und zeitnah helfen – und das auch, wenn kein Gefühl starker Zuneigung mit im Spiel ist.

Der Gesetzeslehrer will seine Frage nach der Voraussetzung für das ewige Leben rechtfertigen; er sagt zu Jesus: »Und wer ist mein Nächster?« Auch diese Frage müsste er eigentlich selbst beantworten können. Denn als Gesetzeslehrer ist er bewandert in den Schriften der Hebräischen Bibel, die wir Christen zumeist als Altes Testament bezeichnen, obwohl dieses Buch auch für uns Christen keineswegs veraltet ist. Aus den Schriften der Hebräischen Bibel kennt der Gesetzeslehrer nicht nur das Gebot der Gottesliebe und das der Nächstenliebe, sondern zudem die Beispiele, mit denen die Reichweite der Nächstenliebe verdeutlicht wird. So dürfte er sich eigentlich darüber im Klaren sein, wer in einer bestimmten Situation nach biblischem Gesetz der Nächste ist.

Werfen wir einen Blick in die Hebräische Bibel:

Im Buch Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, heißt es:

»Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.«[1]

Im Buch Levitikus, dem 3. Buch Mose, steht: » Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«[2]

Und hier drei Bibelstellen zur Reichweite der Nächstenliebe. Im Buch Levitikus heißt es:

»Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.«[3]

Im Buch Exodus, dem 2. Buch Mose, steht:

»Wenn du dem verirrten Rind oder dem Esel deines Feindes begegnest, sollst du ihm das Tier zurückbringen. Wenn du siehst, wie der Esel deines Gegners unter der Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe![4]

 

Und das Buch der Sprüche fordert: »Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken.«[5] – Ja, liebe Schwestern und Brüder, als Christen können wir immer wieder erstaunt feststellen, was alles bereits in der Hebräischen Bibel steht.

Der Kreis derer, die zu unseren Nächsten werden können, ist also praktisch unbegrenzt; denn auch Fremde und sogar Feinde gehören dazu. Doch im Gegensatz hierzu legt man zur Zeit Jesu den Begriff »Nächster« sehr eng aus. Man zählt nur Glaubens- und Gesinnungsgenossen und Angehörige des eigenen Volkes dazu – keineswegs jedoch Fremde oder gar Feinde. Vielleicht hat das den Gesetzeslehrer mit veranlasst, Jesus nach dem Begriff des Nächsten zu fragen.

Die zeitgenössische Einengung der Nächstenliebe auf einen begrenzten Kreis von Mitmenschen will Jesus aufbrechen. Er will dem wieder Geltung verschaffen, was schon in den Schriften der Hebräischen Bibel über die Nächstenliebe auch zu Fremden und Feinden gesagt ist: Jeder kann unser Nächster werden – jeder, der unsere Hilfe braucht.

In diesem Sinne fordert Jesus in der Bergpredigt:

»Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?«[6]

Dass Nächstenliebe keine personellen Grenzen haben darf, führt uns Jesus schließlich eindrucksvoll mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter vor Augen: Wer hilft dem von Räubern überfallenen Juden? Sind es die Repräsentanten vom Kultpersonal des Jerusalemer Tempels – der Priester und der Levit? Von ihnen sollte man ja am ehesten annehmen, dass sie das Gebot der Nächstenliebe verinnerlicht haben. Nein, beide sehen zwar den halb tot Darniederliegenden, aber sie gehen einfach vorbei, ohne zu helfen. Über die Beweggründe ihres Verhaltens sagt Jesus allerdings nichts – und wir müssen auch nicht darüber spekulieren.

Hilfe in vorbildlicher Weise kommt indes von einem mitleidigen Samariter. Aber warum lässt Jesus in seinem Gleichnis ausgerechnet einen Samariter Barmherzigkeit an einem Juden üben? Samariter sind die Bewohner der Landschaft Samaria, die zwischen Galiläa und Judäa liegt. Zwar gehören auch die Samariter zur Volksgruppe der Israeliten; sie sind jedoch eine von der übrigen Judenschaft religiös getrennte und verachtete, ja gehasste Sondergruppe des Judentums. Zur Zeit Jesu ist das Wort »Samariter« sogar ein Schimpfwort.[7] Alles in allem war es am wenigsten zu erwarten, dass der von Räubern überfallene Jude gerade von einem Samariter barmherzige Hilfe empfängt.

 

Nachdem Jesus mit seiner Gleichniserzählung geendet hat, fragt er den Gesetzeslehrer: »Was meinst du: Wer von diesen dreien ist nun der Nächste dessen gewesen, der von den Räubern überfallen wurde?« Der Gesetzeslehrer antwortet: »Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.« Mit seiner Frage kehrt Jesus also die Blickrichtung um. Es geht ihm nicht mehr nur darum, wer im konkreten Fall mein Nächster ist, sondern vor allem auch, ob ich selbst dank meines Verhaltens diesem Nächsten ein Nächster werde.

Diese Frage ist natürlich besonders bedeutsam bei längerfristigen Kontakten zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen – etwa, wenn wir als Integrationshelfer Flüchtlinge beim Einleben in die neue Heimat begleiten. Kommt es doch darauf an, unserm Nächsten nicht nur praktisch zu helfen. Vielmehr ist darüber hinaus wesentlich, in welcher Geisteshaltung wir mit ihm umgehen. Begegnen wir ihm mit Einfühlungsvermögen, mit Taktgefühl und auf Augenhöhe? Treten wir ihm mit Achtung und Respekt gegenüber? Hören wir ihm zu? Messlatte für unser Verhalten ist auch hier die althergebrachte Goldene Regel, die Jesus in der Bergpredigt zitiert: »Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.«[8]

Signalisiert uns dann der Nächste, dass er seinerseits in uns den Nächsten sieht, dann haben wir in Sachen Nächstenliebe wohl etwas richtig gemacht. Als Beispiel hierzu eine kleine wahre Begebenheit: Eine Eichenauerin, die sich im Asylhelferkreis engagiert, geht die Eichenauer Hauptstraße entlang. Plötzlich hört sie durch den Verkehrslärm hindurch, dass ihr Vorname gerufen wird. Sie schaut sich um – und was entdeckt sie? Von der anderen Straßenseite wird ihr fröhlich zugewinkt: Es ist eine Asylbewerberin aus dem Wohncontainer vom Schreberweg.

Liebe Schwestern und Brüder, hören wir zum Schluss aus den Briefen des Neuen Testaments zwei Verse, die uns motivieren mögen. Im Brief an die Galater schreibt Paulus: »Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.«[9] Und im Brief an die Hebräer heißt es: »Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige – ohne es zu ahnen – Engel beherbergt.«[10]

Amen.


[1]     Dtn 6,4 f.

[2]     Lev 19,18.

[3]     Lev 19,34.

[4]     Ex 23,4 f.

[5]     Spr 25,21.

[6]     Mt 5,44–46; vgl. Lk 6,27 f.

[7]     Vgl. Joh 8,48.

[8]     Mt 7,12; vgl. Lk 6,31.

[9]     Gal 6,9.

[10]   Hebr 13,2.