Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,38ff

Wolfgang Gerlach (ev)

20.02.2011 im Deutschlandfunk

im Deutschlandfunk, Sendeplatz "Am Sonntagmorgen"

Jesus zwischen den Stühlen

Hören Sie die Predigt hier.

Autor

Zwischen den Stühlen zu sitzen – das sucht man sich nicht freiwillig aus. Und wer es dennoch tut, muss damit rechnen, dass er – wie man so sagt – „zwischen die Räder kommt“. Zwischen den Stühlen sitzend wird Versöhnung zweier Parteien schwierig. Da ist es besser, man setzt sich außerhalb, gegenüber, hat beide zugleich im Blick. Denn zwischen den Stühlen – da muss man mal nach links, mal nach rechts sehen. Der Vorwurf wird einem nicht erspart bleiben, man habe eben doch mehr nach der einen oder der anderen Seite geschaut. Und schon sitzt man in der Falle der Parteilichkeit. Was immer man sagt oder nicht sagt – man kann es nur falsch machen. So findet sich bei dem Sprachkundler des 17. Jahrhunderts, Georg Henisch, der Satz: „zwischen zweyen Stülen mit dem Hintern im Dreck sitzen!“

 

Liest man in den Evangelien, so kann man den Eindruck gewinnen, als sei der Platz Jesu auch sehr oft zwischen den Stühlen. Ja, manchmal scheint er den Platz zwischen den Stühlen geradezu zu suchen. Und von dort aus ergreift er Partei – bewusst, entschieden und nicht selten überraschend:

Partei für den Betrüger am Zoll gegen die gottesfürchtigen Gutmenschen,

Partei für den Zweifler gegen die Glaubensentflammten,

Partei für die Ehebrecherin gegen die Gesetzestreuen.

Und dies immer mit der Kunst, dem Bibelwort seine menschlich einfühlsame Seite abzugewinnen. Er fällt auch nicht herein auf teuflischen Wortmissbrauch. Noch am Kreuz bittet Jesus seinen Gott für die gedungenen Peiniger, die „nicht wissen, was sie tun“ und lässt ungenannt die Drahtzieher, die genau wissen, was sie tun.

Am Kreuz hängt er zwischen zwei Kreuzen und sagt dem einen Sträfling, der Reue zeigt vor dem schuldlos Gehängten, Gottesnähe zu. Die zynischen Lästerungen des anderen überschweigt er.

 

Aber es gibt auch eine Geschichte, wo er zwischen den Stühlen nicht Partei ergreift, eine Geschichte, die sich zwischen zwei Frauen zuträgt – und Jesus mitten drin. Die Geschichte geht so:

Sprecherin

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Autor

Jesus, der Mann zwischen den Stühlen, laviert nicht, zieht sich nicht aus der Affäre; er reagiert wie ein professioneller Mediator, der selbst Schwesternstreit zu schlichten weiß: Er würdigt Marthas mühevollen Küchendienst, ihre Umsicht und Gastfreundschaft. Gleiche Würde lässt er Marias Rolle zuteil werden, die nichts tut – nur zuhört. Jesus schützt die Pflicht der Martha und die Neigung der Maria. Was tut not? Dass jeder zu seiner Zeit sein Recht bekommt. Übrigens, Jesus erweist sich hier geradezu als feministischer Provokateur. Denn sich in die Lehre und Erzählung eines Rabbis einweisen zu lassen, das war allein Männersache. Frauen gehörten in die Küche und nicht ins Kolleg.

 

Mein Herz schlägt zunächst für Martha. Denn auch ich ärgere mich oft über Leute, die sich bedienen lassen, statt mit mir die Ärmel hochzukrempeln. Ich tät’s ihnen am liebsten sagen: Eins ist jetzt Not, nämlich - dass das Essen zubereitet wird und auf den Tisch kommt, statt, abgeschieden im gemütlichen Wohnzimmer wortreich und gescheit die Rätsel dieser Welt lösen zu wollen.

 

 

Ich habe letztes Jahr einen Adventskalender geschenkt bekommen. Statt der kleinen Türchen, die wir früher als Kinder täglich aufzumachen hatten, schlägt man in diesem Kalender für jeden Tag ein Bild und eine Geschichte auf. Für den 2. Dezember war ein Gebet der spanischen Mystikerin aus dem 16. Jh.., Teresa von Ávila, (gekürzt) abgedruckt. Dort holt sie Jesus – oder gar Gott selber? – zu sich in die Küche:

Sprecherin

Herr der Töpfe und Pfannen,

ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein

und dir zum Wohlgefallen

in der Nacht zu wachen,

auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung

und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen,

indem ich Mahlzeiten zubereite

und Teller wasche.

Nimm an meine rauen Hände,

weil sie für dich rau geworden sind.

Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen,

der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne?

Herr der Töpfe und Pfannen,

bitte, darf ich dir

anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten,

die mich ankommt

beim Anblick von angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles,

was ich leicht vergesse,

nicht nur um Treppen zu sparen,

sondern, dass mein vollendet gedeckter Tisch

ein Gebet werde.

Autor

Welch ein emanzipatorischer Akt einer Frau im 16. Jahrhundert! Sie, die „keine Zeit hatte, eine Heilige zu sein“, wird 40 Jahre nach ihrem Tode heiliggesprochen.

 

„Herr der Töpfe und Pfannen“, so ruft die Nonne und Patronin Spaniens den Himmel an. Sie hat’s begriffen; sie erdreistet sich, den Herrn in die Küche zu holen, dorthin, wo das Leben spielt, ihr Leben. Der Künstler dieser Adventskalender-Seite hat es trefflich ins Bild gesetzt, da hält die tüchtige Magd die Bratpfanne an  ihre Wange; mit der linken Hand spielt sie auf dem Pfannenstil, als greife sie Saiten einer Geige; und mit der Rechten streicht sie den Spüllappen wie einen Geigenbogen über die Pfanne.

 

Teresa von Avila kocht das „Ora et Labora“ zu köstlichem Gericht. Teresas Hände lassen das Beten im Arbeiten und das Arbeiten im Beten aufgehen. Ja, als ob sie die Geschichte von Maria und Martha auf die Schippe nimmt oder auf den Kochlöffel legt. Hier bringt die Parodie die Wahrheit an den Tag: Maria und Martha unzertrennlich zusammengefügt. Keine klösterliche Trennung zwischen Bet- und Arbeitsschwestern, keine Spaltung zwischen pastörlichen Berufsbetern und arbeitsamen Weltkindern. Die Vita activa und die vita contemplativa entsprechen zwei Händen desselben Menschen, der zum Arbeiten wie zum Beten dieselben Hände braucht.

 

Jesus befindet sich gleichsam zwischen den Stühlen, denn der Platz zwischen Martha und Maria ist frei. Er sagt weder: „Komm, Martha, mach mal Pause, setz Dich mit zu uns!“ Noch sagt er zu Maria: „Du, deine Schwester hat ja recht. Du kannst nicht einfach auf ihre Kosten dich von mir unterhalten lassen. Es ist besser, Ihr deckt den Tisch gemeinsam. Dann ist es fürs Tischgebet noch nicht zu spät“. Das alles sagt Jesus nicht. Er würdigt Marthas Tüchtigkeit und Marias Besinnlichkeit. Keine von beiden hat das „bessere Teil“. Beides hat sein Gutes. Und das Gute will mit Güte behandelt werden.

Musik

 

Sprecherin

„Herr der Töpfe und Pfannen, ... erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse, nicht nur um Treppen zu sparen, sondern, dass mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde“.

Autor

Was wohl kann ein „vollendet gedeckter Tisch“ sein? Und wie wird daraus ein Gebet?

Ich könnte auch umgekehrt fragen: Wie kann mein Gebet so ausfallen, dass es klingt wie ein „vollendet gedeckter Tisch“? Wie also kann ich das Beten und Arbeiten so in einander fügen, dass eins zum anderen passt, dass das eine nicht ohne das andere leben kann?

 

Bei dieser Geschichte fühle ich mich ertappt. Der Martha ähnlich – ein Macher bin auch ich. Marthas Küche ist mein Arbeitszimmer. Wie oft hab ich mir schon vorgenommen, nach dem Frühstück den Tag beginnen zu lassen mit zehn Minuten Stille, die Herrnhuter Losungen zu lesen und den Gedanken ihren Lauf, nein, ihren langsamen Gang zu lassen. Aber immer kommt etwas dazwischen: ein Telefon, ein dringender, fast vergessener Termin, im Radio – ausgerechnet jetzt – eine Sendung, die ich nicht verpassen will. Und vor lauter Rotation sinke ich nachts ins Bett und schlafe mitten im Abendgebet ein.

 

Und  wenn ich auf meine Kirche schaue, dann denke ich: In der Kirche geht’s auch zu wie in Marthas Küche: da wird viel organisiert, da wird geplant und bedacht, da geht in der Hetze manches zu Bruch, da wird geflucht und geheult, da leide ich unter dem täglich Gleichen, die Gewohnheit verkommt zum Gewöhnlichen, ich leiere aus – und immer die Angst: Wird es reichen, wird es genug sein, werd ich selber genügen? Denn die „Marthas dieser Welt“ zernagt die Angst, immer noch nicht genug getan zu haben. Die Marthakirche hat Konjunktur.

Und dann, dann kommt die Zeit für die Mariakirche: Es ist Sonntag – ein Tag zum Ausruhen gedacht, zum Ausschlafen genutzt.

Die Kirchenglocken der Mariakirche – sie rufen nicht mehr, viele fühlen sich gestört. Die Mariakirche, in der eigentlich gehört, gesungen und gebetet werden soll, lebt von der kleinen Zahl. Die Macher der Marthakirche halten sich fern. Man hört sie sagen: Wir sind hier im falschen Film. Die Mariakirche bietet weder Ruhe noch Besinnlichkeit. In ihr geht es zu wie in der Marthakirche. Da gibt es  Rummel und Geschäftigkeit, Klampfengedudel und Nachrichtenersatz. Dort suche ich das gerade nicht Alltägliche, das nicht Banale: Mich verlangt nach anderer Musik als in der Disko, nach anderer Sprache als in der Zeitung, nach anderem Ort als Marktplatz oder Kino. Es muss auch Zeiten geben, wo Maria und Martha deutlich getrennt und kenntlich sind.

 

Und unversehens überfällt mich der Gedanke: Ich selber sitze zwischen den Stühlen von Martha und Maria. Nur – vor lauter Martha-Aktivität scheint mir die Maria mit ihrer besinnlichen Spiritualität zu entschwinden.   Bei Martha zu Gast könnte ich fragen: „Sag Martha, wo ist deine Schwester Maria?“ Und Martha könnte mir antworten: „Ach, ich habe sie lange nicht mehr gesehen.  Sie fehlt mir“. Darauf ich: „Hattet Ihr nicht oft auch Streit? Gab’s nicht Zeiten, wo Dir Deine Schwester zu fromm, zu brav, zu besinnlich vorkam?“ „Ja, ja, das schon. Aber jetzt, wenn sie nicht mehr kommt, merke ich doch, was ich an ihr hatte. Die Ruhe, die sie ausstrahlte, die fehlt mir. Jetzt ist keiner da, der mich bremst“.

Musik

 

Autor

Ich wünsche mir für die Bühne meines Glaubens drei besetzte Stühle in ungewöhnlicher Trinität: Martha, Maria und dazwischen  ein guter Geist, vielleicht ein heiliger Geist.

„Eins ist not“ – so begann der Gast in Marthas Haus. Was tut heute Not? Die Antwort kommt mir aus dem Taufbrief Dietrich Bonhoeffers an seinen Patensohn: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“.

Im Beten der Maria, im Tun der Martha.

 

“Herr der Töpfe und Pfannen“, sei unser Gast, „dass mein vollendet gedeckter Tisch

ein Gebet werde“.

 

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