Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 13,29

Pfarrerin Ulrike Heimann

26.06.2016 Mutterhauskirche in Kaiserswerth, Düsseldorf

Gemeindefest

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste!

Dass wir heute und hier miteinander ein Fest feiern, das tut gut. Das tut gut, gerade nach den ganzen Vorkommnissen der letzten drei Tage („Brexit“). Denn eines ist nicht nur mir, sondern ich denke auch sehr vielen anderen bewusst: die Völker Europas, die Menschen Europas stehen vor einer Zerreißprobe. Die hat sich schon länger angebahnt und ist durch das Flüchtlingselend, das sich nicht mehr nur weit weg in fremden Ländern abspielt, sondern mittlerweile in unseren Städten und Kommunen angekommen ist, verschärft worden. Urängste sind aufgebrochen: die Angst vor dem Fremden, die Angst vor Kontrollverlust, und eben auch die Angst, abgeben zu müssen, selbst zu kurz zu kommen. Und weil einem diese Ängste eher unheimlich und auch peinlich sind, werden sie umetikettiert zur Sorge um das „christliche Abendland“, zur Sorge um die eigene Nation „British first“.

Enger, ängstlicher sind viele Menschen in Europa geworden, wenn wie an die Zukunft denken. Nationalistische Töne bestimmen in vielen Ländern die Politik. Populisten haben Zulauf wie seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr.

Selbst  viele Kirchen und Kirchenführer pflegen die nationalistischen Töne. Was man da z.B. von Vertretern der russisch-orthodoxen Kirche und anderer orthodoxer Kirchen im östlichen Europa  in den letzten Jahren hören konnte, macht mich fassungslos.  Der Islam ist dabei  meistens ein willkommenes Feindbild - neben den ach so unmoralischen westlichen Gesellschaften.

Es ist einfach nur traurig, welches Bild Europa heute abgibt. Wo jeder immer mehr bestrebt ist, sein eigenes Süppchen zu kochen, den Tisch nur für das eigene Wohlergehen zu decken.

Es ist traurig, dass offensichtlich viel zu viele vergessen haben, dass Europa nicht Bürokratie in Brüssel ist, sondern die Frucht einer Vision von Freiheit und Frieden nach zwei fürchterlichen Kriegen mit zig-Millionen Toten, Ermordeten, Verwundeten, Traumatisierten und Vertriebenen.

„Ein Volk ohne Vision geht zugrunde.“ , so heißt es im Buch der Sprüche (29,18). Und genau an dieser Wegmarke stehen wir, stehen die Völker Europas heute:

Die gemeinsame Vision ist abhandengekommen. Und eben da haben – eigentlich – die Kirchen, die Gemeinden, haben wir  Christen unseren Platz und Auftrag. Denn wir alle verdanken uns einer Vision, einer Vision, die Jesus von Nazareth erfüllte und antrieb: die Erwartung des Reiches Gottes. „Es ist so weit: das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und vertraut dieser Botschaft.“ (Mk.1,15) Jesus verkündigte und lebte diese Vision in einer Zeit, in der Gewalt und Unterdrückung durch das Imperium, durch Rom, den Alltag der Menschen in Judäa und Galiläa bestimmten. Die Vision des nahen Reiches Gottes, das mitten unter den Menschen beginnt, war sein Gegenentwurf zum Imperium Roms, sein Evangelium.

Das Reich Gottes, ein Reich nicht von dieser Welt,

das nicht ihren scheinbar alternativlosen Mechanismen unterworfen ist,

wo die politisch Verantwortlichen auf militärische Stärke und fiskalische Ausbeutung setzten und setzen,

aber ein Reich, das in dieser Welt und Zeit Wirklichkeit werden wollte, Wirklichkeit werden will zum Wohl der Menschen.

Jesus hat dieses Reich Gottes in immer neuen Bildern umschrieben,

in Bildern vom Wachsen und Werden – eine Saat geht auf, bringt Frucht, auch wenn vieles von Dornen erstickt, von Füßen zertreten wird –

und im Besonderen im Bild eines großen Festmahles. Nicht Absonderung, sondern Zusammenkommen, Gemeinschaft, Teilhabe. Der Tisch Gottes, ein großer runder Tisch ohne Oben und Unten, keine Stammplätze, sondern jeder ist überall willkommen, jeder mit seiner Geschichte, seinen Stärken und Schwächen, mit seiner Kultur und Sprache, mit seiner Art und Weise, Gott anzurufen, sich ihm vertrauensvoll zu nähern. „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“

Das Bild des großen Festmales hat Jesus aus der prophetischen Tradition Israels übernommen. Bei Jesaja heißt es im 25.Kapitel: „Und der Ewige wird auf dem Berg Zion allen Völkern ein reiches Mahl machen. Und er wird die Decke wegnehmen, mit der bis dahin alle Völker zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Zu der Zeit wird man sagen: Das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe.“

Die Tischgemeinschaft des Reiches Gottes ist ökumenisch: die Einladung gilt allen Menschen. Und alle, die sich einladen lassen, gewinnen neue Einsichten. Die Decke, die bis dahin die Sicht auf Gott und seinen Heilswillen verhüllte, wird weggenommen.  Wo wir uns von Gott einladen lassen, gewinnen wir einen neuen Blick – auf Gott, auf uns selbst und auf unsere Tischnachbarn. Wir alle sind Gäste, keiner mehr und keiner weniger. Keiner mit größerer Nähe zum Gastgeber als der andere.

Die Vision Jesu ist meines Erachtens genau die, die wir heute dringend brauchen. Sein Evangelium vom Reich Gottes, das mitten unter uns Wirklichkeit werden will, ist die Botschaft, die uns kraftvoll und zuversichtlich gegen alle Ängste und Sorgen aufstehen lassen kann. Eine Vision von Frieden und Freiheit, von Solidarität, Gemeinschaft und Gerechtigkeit, nach der sich die Menschen überall auf der Welt sehnen.

Eine Vision, die sich ja schon immer wieder einmal realisiert hat – und das gerade auch im Zusammenhang mit gemeinsamem Essen, mit einer offenen Tischgemeinschaft. Ich erinnere an das Paneuropäische Picknick in Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze am 19.August 1989, wo sich zum ersten Mal der Eiserne Vorhang auftat und hunderte Menschen in die Freiheit, in den Westen liefen – der Auftakt zum 9.November 1989.

Ich denke auch an das Fastenbrechen im Gemeindehaus Fliednerstraße vor 2 Wochen, zu dem uns unsere syrischen Mitbürger eingeladen haben, wo wir in bunten Reihen zusammensaßen, Muslime und Christen, und miteinander das Leben gefeiert haben.

Wer das so erlebt, dem wird einfach die Decke von den Augen, oder wir können auch sagen: die Scheuklappen der Vorurteile von den Augen genommen. Der kann sehen: Einer ist der Gastgeber, Gott, und wir alle sind seine Gäste, Gäste des Lebens.

Ja, die Welt ist heute im Umbruch, gar keine Frage. Es liegt aber an uns, ob der Umbruch in einen aggressiven Zusammenbruch führt, wo jeder nur noch versucht, sein eigenes kleines Reich gegen die fremden Anderen zu verteidigen, ober ob es einen Aufbruch gibt in eine Zukunft, die uns heute noch fremd und sehr anders vorkommen muss, eine Zukunft, die wir als Europäer, ja Weltbürger, Gotteskinder, Brüder und Schwestern gemeinsam gestalten, in die jeder einbringt, was er oder sie hat und wo am Ende alle die Erfahrung machen: alle werden satt – an Leib und Seele.

Liebe Festgemeinde, wir feiern heute miteinander.

Auf dem Plakat steht: es laden ein – die ev.Kirchengemeinde Kaiserswerth, Spectrum International Church und die koreanische Missionskirchengemeinde. Aber eigentlich, und das wollen wir nicht vergessen, sind wir alle Gäste, Eingeladene zum Fest des Lebens in versöhnter Verschiedenheit. Und Gott ist der Gastgeber, der sich freut, wenn alle die Einladung annehmen, der uns die Gelegenheit schenkt, uns gegenseitig als Brüder und Schwestern, als Freundinnen und Weggefährten wahrzunehmen, und so ein Stück weit sein Reich in dieser Welt zu verwirklichen.

Amen.

 

Pfarrerin Ulrike Heimann