Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 13,29.30 u. 22,29.30a u. 1. Mose 1,27

Pfarrerin Ulrike Scheller (ev.)

07.05.2016 Ev. Kirche Dörstewitz

Predigt über das Gedicht ‚Ella im Himmel‘ (Wisława Szymborska) & Lk 13,29.30 & Lk 22,29.30a & Gen 1,27

 

I           Ella im Himmel, Herr Müller und Gertrud

 

Das ist die Geschichte von Ella.

Ella im Himmel.

Und Ella auf der Erde.

Sie hat: eine große Stimme.

Jahrhundertstimme.

Immer schon.

Was sie nicht hat: Idealmaße. 90-60-90 oder so was in der Art. 

Sie hat: Gewicht.

Dunkle Haut,

und zwei Probleme mindestens.

 

Deswegen gibt es dieses Gedicht.

 

Wisława Szymborska,

Ella im Himmel

 

Sie betete zu Gott,

betete inständig,

er möge aus ihr

ein glückliches weißes Mädchen machen.

 

Und wenn es schon zu spät ist für diese Veränderung,

dann, lieber Gott, schau wenigstens, wieviel ich wiege

und nimm mir mindestens die Hälfte weg.

 

Aber der gnädige Gott sagte nein.

Er legte ihr nur die Hand aufs Herz,

sah ihr in die Kehle, strich ihr über den Kopf.

 

Und wenn alles vorbei ist, sagte er,

machst du mir die Freude und kommst zu mir,

mein schwarzer Schatz, du singender Klotz.

 

 

Und das ist die Geschichte von Herrn Müller.

Herr Müller ist klug.

Er hat Phantasie und Ideen, auf die sonst keiner kommt.

Er denkt, und zwar anders.

Nur – leider – merkt das keiner.

Denn – leider – fragt ihn keiner.

Weil: Herr Müller ist schüchtern.

Er stottert.

Ganz fürchterlich.

 

Er betet zu Gott, so gut er kann.

Der möge aus ihm einen glücklichen mutigen Mann machen.

Und wenn es schon zu spät ist für diese Veränderung,

dann, lieber Gott, schau wenigstens,

dass ich nicht immer rot werde.

Nicht jedes Mal.

 

Aber der gnädige Gott sagte nein.

Er legte ihm nur die Hand aufs Herz,

sah ihm in den Verstand, strich ihm über den Kopf.

 

Und wenn alles vorbei ist, sagte er,

machst du mir die Freude und kommst zu mir,

so eine helle Leuchte steht mir gut zu Gesicht.

 

 

Die Geschichte von Gertrud spielt in einem Bus.

Denn da ist sie fast immer. Sie fährt ihn.

Sie sitzt sehr gerade, denn sie ist ziemlich klein, aber das bringt auch nicht viel.

Eine Sitzerhöhung braucht sie trotzdem.

Was nicht sitzt, ist die Uniform – sie weiß ja selbst, dass sie kein Faible hat für Mode und Trends, aber das macht’s auch nicht besser.

Schlimmer noch ist das: Jeden Morgen muss sie in Gesichter sehen, die ihr das alles nicht zutrauen. Bus fahren. Die Leute sicher von A nach B bringen. Als Frau. Als kleine Frau. Dabei ist sie die Einzige unter den Kollegen, die sanft bremsen kann.

 

Sie betet zu Gott.

Der möge aus ihr eine glückliche Frau machen, die gesehen wird.

Und wenn es schon zu spät ist für diese Veränderung,

dann, lieber Gott, schau wenigstens,

dass mir die Verkehrsbetriebe eine ordentliche Uniform geben.

Maßgeschneidert. Für 35 Jahre unfallfreies Fahren.

 

Aber der gnädige Gott sagte nein.

Er legte ihr nur die Hand aufs Herz,

sah ihr in die Hände, strich ihr über den Kopf.

 

Und wenn alles vorbei ist, sagte er,

machst du mir die Freude und kommst zu mir –

und tupfst sanfte Fußabdrücke in die Wolken.

 

II          Und es werden kommen

 

Und Jesus sagt: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

(Lk 13,29.30)

 

Gertrud wird kommen.

Und Ella.

Und Herr Müller auch

– wenn alles vorbei ist.

 

Von Osten und Westen und Norden und Süden – aus den Bussen und Büros werden sie kommen und aus den Bars. Von den Straßen. Und aus einsamen Ecken.

 

Das ist eine Geschichte von Menschen. Und von Gott. Von zu vielen Kilos, betörenden Stimmen, roten Köpfen und verkannten Busfahrerinnen.

 

Bleibt so, sagt Gott.

Ihr seid, wie ihr seid.

Gut gemacht.

Am 6. Tag.

Und immer wieder.

 

Und mein Angesicht leuchtet.

Über euch.

Auf euch.

Durch eure Gesichter,

durch das, was ihr seid.

 

Mein Angesicht leuchtet.

Lasst leuchten –

Stimmen & Kilos,

Ideen,

sanftes Bremsen.

Ihr seid, wie ihr seid.

Gut gemacht.

 

Und wenn alles vorbei ist,

macht ihr mir die Freude und kommt zu mir.

 

Und Jesus sagt:

Ich will euch das Reich zueignen, wie mir's mein Vater zugeeignet hat, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich. (Lk 22,29.30a)

 

III         Wenn alles vorbei ist – Die Geschichte der Tafelrunde

 

Wenn alles vorbei ist

werden wir dort sein.

Offen ist der Himmel längst.

 

Und dann kommt die Geschichte mit dem Tisch auf den Tisch.

Die Geschichte einer Tafelrunde.

Vielleicht ist das Tischtuch buttermilchweiß. Oder himmelblau. Wer weiß das schon.

Es wird wohl lang sein. Denn die Tafel ist lang.

Und irgendwo sprießen Blumen.

Vergissmeinnicht.

Pfingstrosen.

Himmelsschlüsselchen.

Und was-auch-immer.

 

5 Brote und 2 Fische.

Wasser und Wein.

 

Alle sitzen am Tisch.

Und Herr Müller – der mit dem roten Kopf und den guten Ideen, der so gern mutig werden wollte –, hält eine Tischrede. Eine ziemlich lange und ohne Stottern. Dafür mit viel Witz.

 

Die Busfahrerin ist groß und braucht kein Kissen an dieser Tafel.

 

Viele sind hier. Manche schon lange.

Alle mit Geheimnissen.

Und mit dem, wofür man sich schämen wollte bis in alle Ewigkeit. Und nun?

Mal sehen.

 

Die Pharisäer mit den Gesetzen in der Hand sind auch da.

Sie schütteln den Kopf.

Sollen sie. Gott lächelt.

 

Die Schriftgelehrten wedeln mit den Buchstaben.

Zu Hilfe!, rufen sie, wenn ein Komma verrutscht.

Gott zwinkert ihnen zu.

 

Die Alles-Richtigmacher, die nie falsch geparkt haben und die auch sonst niemals falsch abgebogen sind im Leben, sitzen, sagen wir, zwischen den Stühlen. Und finden dann doch, irgendwann, ihren Platz. Ihre strengen Gedanken werden allmählich weich. Sie selbst werden weich. Und schlagen ein wenig über die Stränge.

 

Ella fängt an zu singen.

Einfach so.

Mit der Wucht ihrer Stimme und der Wucht ihrer Kilos.

Es klingt – göttlich.

Und sein Angesicht leuchtet.

 

Und alles leuchtet.

Gottes Angesicht in ihren Gesichtern.

In ihren Gesichtern Gott.

 

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. (Gen 1,27)

 

Das ist die Geschichte einer Tafelrunde.

Die Geschichte von uns und von Gott

– wenn alles vorbei ist.

Und alles anfängt.

Der Heilige Geist sorgt für die Atmosphäre.

Jesus schenkt Wein nach.

Und Gott?

Sieht alle an.

Sieht das, was man sehen soll,

und auch das andere.

 

Auf euch!,

sagt er,

und erhebt sein Glas.

 

Amen