Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,1-7

Vikarin Sabrina Hoppe (ev.-luth.)

02.07.2017 Ev. Heilandskirche, Bernau am Chiemsee und Ev. Friedenskirche, Aschau im Chiemgau

Liebe Gemeinde,

ich habe mir wirklich sehr große Mühe gegeben. Ich habe alle Straßen rund um meine Wohnung abgesucht. Ich habe nochmal alle Taschen ausgeleert, alle Jacken durchsucht. Ich habe meinen Mann und meine Töchter suchen lassen, sogar die Lego-Kiste durchwühlt. Aber bis auf einen fehlenden Socken und eine Filzstiftkappe habe ich nichts gefunden.

Ich habe sogar beim Fundamt angerufen - die meinten natürlich, das wäre jetzt aber wirklich nicht ihr Problem. Da müsste ich schon woanders suchen - wo, das konnten sie mir allerdings auch nicht sagen. Aber wo soll ich denn noch suchen?!

Ich hab mich dann in ein Café gesetzt und einen Cappuccino bestellt. Da kann ich meistens am besten nachdenken. Dann musste ich mir noch ein Stück Kuchen bestellen. Mit Sahne. Und dann - sie werden es nicht glauben - dann wurde es endlich wiedergefunden - mein Ich. Ich war mir selber verloren gegangen. Irgendwo war ich mir abhanden gekommen. Irgendwo zwischen Frühstückstisch abräumen und Unterricht vorbereiten, zwischen Taufgespräch und Gottesdienstplan, irgendwo zwischen Blumen pflanzen und Feierabendbier - ich hab mich zwischendurch immer wieder mal gesehen, wie im Vorbeigehen eher. Wie ein Schatten, der nur kurz sichtbar ist. Ich hab mich immer wieder mal kurz getroffen, kurz gefragt - Na, wie geht's Dir so? - und dann war ich wieder weg. Funktionieren kann man natürlich trotzdem. Listen abarbeiten und Mittagessen kochen kann man trotzdem. Aber so richtig nach Leben fühlt es sich dann nicht an. Eher wie gelebt werden. Ich glaube, ich hatte Glück, dass ich mich selbst so schnell wiedergefunden habe. Oder eher - wieder gefunden wurde. Gesucht habe ich da ja eigentlich nicht mehr. 

Manchmal findet man sich nicht so schnell wieder. Manche Menschen verlieren sich selbst für eine ziemlich lange Zeit. Sie verlieren ihre Heimat. Oder den besten Freuns. Sie müssen einen Traum begraben. Menschen verlieren sich selbst, weil sie ihren Sinn des Lebens verlieren. Da reicht dann kein Stück Kuchen mit Sahne. Aber was hilft dann?

 

 [Lesung des Predigttextes aus der Bibel]

Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?5 Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

 

Wann hat der Hirte seinen Verlust wohl bemerkt? Tagsüber schon, beim Weiden der Schafe? Wahrscheinlich erst abends, als er sie zusammengetrieben hat auf dem Platz, wo er die Nacht mit Ihnen verbrachte. Und dann geht er los und sucht es, das verlorene Schaf. Und er findet es und legt es sich auf die Schultern und trägt es heim. Von so einem Hirten würde ich auch gern gefunden werden, wenn ich verloren gehe. Der kommt und sieht mich und fragt und fackelt nicht lang: Nimmt mich hoch und auf die Schultern. Wie ein Vater sein Kind auf die Schultern nimmt, wenn es nicht mehr laufen kann. Wie eine Mutter, die das schlafende Kind ins Bett trägt, wenn es unterwegs eingeschlafen ist. Geborgen und in Sicherheit. Behütet und getröstet wunderbar.

Das Schaf hat sich verstiegen, irgendwo. Falsch abgebogen, nicht auf die Herde geachtet. Vielleicht hat es den Weg zurück zur Herde nicht mehr gefunden. Den Anschluss verloren. Macht nichts. Der Hirte kommt, er sucht es und er trägt es zurück.

Es gibt Menschen, die gehen verloren, so scheint es manchmal. Irgendwo falsch abgebogen, den Anschluss verpasst. Zu spät kapiert, wo's langgeht im Leben.

Es gibt Momente, da geh ich mir verloren. Irgendwo falsch abgebogen, den Anschluss verpasst. Zu spät kapiert, was die richtige Entscheidung gewesen wäre.

Es gibt Momente, da geht mir der Mut verloren. Irgendwo zwischen Hinfallen und Aufstehen ist er auf der Strecke geblieben.

Es gibt Momente, da geht mir die Moral verloren. Irgendwo zwischen Wollen und Dürfen, zwischen Sehnsucht und Beständigkeit.

Es gibt Momente, da geht mir Gott verloren. Irgendwo zwischen Vernunft und Nachdenken. Irgendwo zwischen Schicksalsschlag und Gerechtigkeit. Irgendwo zwischen Utopie und Realität.

 

Nicht nur Schafe gehen verloren, eines von hundert. Auch wir gehen verloren, irgendein Teil von uns. In Zürich gibt es ein Fundbüro, da können Sie eine Verlustanzeige aufgeben, wenn Sie etwas Wertvolles verloren haben, etwas, das man nicht anfassen kann. Im Fundbüro der Immateriellen Dinge können Sie eine Anzeige aufgeben, wenn Sie zum Beispiel Ihre Freude verloren haben, oder auch die Geduld. Oder sie können sich melden, wenn Sie was wichtiges gefunden haben - den Sinn Ihres Lebens vielleicht. Oder eine neue Heimat. In diesem Fundbüro gibt es keinen Finderlohn. Weil man nur selber suchen und finden kann. Das kann einem dort keiner abnehmen. Weil man selber der Einzige ist, der weiß, was man sucht. Und was man gefunden hat.

In unserem Gleichnis ist das anders. Da gibt es einen Hirten, der sucht. Und auch in den beiden folgenden Geschichten in der Bibel ist das anders: Da sucht eine Frau den Groschen, der ihr fehlt. Das ganze Haus stellt sie auf den Kopf, bis sie ihn hat. Sie hat zehn und einen hat sie verloren. Und dann der Vater, der seinen Sohn verloren hat. Der seinen Sohn loslässt und ihn im Herzen trägt. Weil er weiß, dass man Menschen manchmal suchen lassen können muss. Der Vater wartet, bis er wieder da ist, der verlorene Sohn. Und geht ihm entgegen. Und seine Freude war unglaublich groß.

Liebe Gemeinde, dass gleich drei Geschichten im Lukas-Evangelium vom Suchen und vom Finden handeln, das ist kein Zufall. Denn das Suchen und Finden gehört zum Leben dazu wie kaum etwas anderes. Wir suchen den richtigen Weg. Nach der richtigen Ausbildung. Viele suchen nach dem richtigen Menschen für die Zukunft. Das Suchen, das Ver-Suchen von Möglichkeiten, daraus besteht unser Leben. Und im Finden. Wir können Leidenschaften entdecken und Freunde finden. Wir können eine Heimat finden.

Und gar nicht so selten, da suchen wir hinter all diesen Dingen den Sinn des Lebens, da suchen wir eigentlich das große Ganze. Da suchen wir krampfhaft nach dem richtigen Weg, nach der richtigen Entscheidung. Weil wir denken, das wäre der Schlüssel zum Glück. Noch dazu, wenn es doch die neue Maxime unserer Zeit ist: Finde Dich selbst! Werde ganz Du selbst!

Was für eine Selbstüberschätzung.

Nein, ich glaube, wir können uns nicht endgültig selber finden. Denn das würde ja bedeuten, dass wir uns selbst so gut erkennen und begreifen können, dass wir schon immer wissen könnten, wo wir hingehören. Und nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass es etwas gibt in meinem Leben, das mir nicht ganz allein gehört. Dass ich nicht ganz mir selbst gehöre. Sondern Gott. Weil ich mir mein Leben nicht selbst gegeben habe. Weil ich mich manchmal selbst nicht verstehe. Weil ich mir manchmal selbst ein Rätsel bleibe. In all meiner Freiheit und in all meinen Möglichkeiten gehöre ich mir nicht selbst. Ich habe mich nicht selbst in der Hand. Und genau deshalb, haben wir uns manchmal nicht „im Griff“, wie wir sagen. Genau deshalb gehen wir uns selber manchmal verloren. Genau deshalb gibt es manchmal Situationen, in denen wir uns selbst nicht mehr wiedererkennen.

Wir können uns nicht selber finden. Sich krampfhaft selbst zu suchen, das hat, glaube ich, selten Erfolg. Wir versuchen, die beste Version von uns selbst zu werden. Wir versuchen, ganz wir selbst zu sein. Aber manchmal erliegen wir  dann der Illusion, wir könnten uns selbst gerade biegen. Das ist, bei aller Liebe, zuviel verlangt. Wir können Schlüssel finden und Brillenputztücher, wir können den richtigen Partner und einen wunderbaren Beruf finden - aber finden wir darin ganz uns selbst? Werden wir dadurch vollkommen glücklich? Werden wir dadurch selig?

„Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Selig machen, was verloren ist - der Hirte, der sein Schaf auf den Schultern nach Hause trägt. Behütet und getröstet wunderbar. So fühlt es sich glaube ich an, wenn man gefunden und nach Hause getragen wird. Es gibt Bereiche und Momente im Leben, da können wir nicht mehr suchen, sondern nur noch gefunden werden. Wenn ich gefunden werde, nachdem ich mir selbst verloren gegangen bin. Weil ich dann spüre, dass ich nicht jeden Schritt zur Selbstoptimierung gehen muss. Weil ich mich selber eben nicht selig machen kann. Weil es Leerstellen in uns gibt, die wir nicht selber füllen können. Abgründe, die wir nicht selbst ergründen können. Verlorenes, das wir selbst nicht mehr finden können. Manchmal müssen wir selber aufhören, zu suchen. Damit Gott uns finden kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.