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Predigt über Lukas 15,11-32

Manfred Mergel (ev.)

05.10.2008 auf dem Cannstatter Volksfest im Schwaben Bräu-Festzelt

Hier die Predigt hören

 

Komm du mr heim!

On er hat gsagt: A Mann hat zwei Buba ghabt. On dr jüngere von n hat zum Vater gsagt: Vater, gib mr mei Erbe – des, was mr zusteht! Na hat r alles für se aufteilt. Net lang drnach hat dr jüngere Sohn sei ganz Sach gnomma on isch fort ganga - weit fort in d Fremde; do hat r glebt in Saus on Braus on alles verjubelt. Wo r nix mehr ghabt hat, isch en dem Land a arga Hungersnot ausbrocha on er hat darba müssa. On er hat sich aufgrappelt on hat bei dene fremde Leut ebber gfunda, wo m a Gschäft hat; der hat n auf sein Acker gschickt zum d Säu hüta. On er hätt sich gern amol da Bauch vollghaua mit Saubohna, aber net amol des hat r dürfa. Na isch r in sich ganga on hat gsagt: Wieviel Knecht hat mei Vater, die wo grad gnug zum essa hen on i gang dohanna drauf vor lauter Kohldampf! I mach me auf da Weg on gang heim zu meim Vater on sag zu m: Vater, i han me versündigt vor Gott on au an dir. I bin s nemme wert, daß i dei Sohn bin. Stell me ei wie ein von deine Knecht! On er hat sich auf da Weg gmacht on isch heimganga zu seim Vater. Aber scho von weitem hat n sei Vater gseha, on r isch in d Seel nei verschrocka on isch m entgegaglaufa on isch m um da Hals gfalla on hat n druckt vor lauter Freud. Aber der Sohn hat zu m gsagt: Vater, i han me versündigt vor Gott on au an dir. I bin s nemme wert, daß i dei Sohn bin. Aber der Vater hat zu seine Knecht gsagt: Holet tapfer ds beste Gwand on ziehet s m an on stecket m en Ring an d Hand on dent m Schuh an on bringet des Kälble, des wo mr gmästet hen, on metzget s; na essa mr mitnander on feiret a Fest! Weil – mei Bub dohanna war tot, jetzt isch r wieder lebendig; er war verlora, jetzt isch r wieder do. On se hen fröhlich gfeiert.
Aber dr ältere Sohn isch no draußa auf m Feld gwesa. Wo r heimkomma on auf ds Haus zuglaufa isch, hat r ghört, wie se singet on tanzet. On er hat ein von de Diener gheißa, er soll gschwind herkomma, on hat n gfragt, was n do los wär. Na hat der zu m gsagt: Dei Bruder isch heimkomma; on dei Vater hat des Kälble gmetzget, des wo mr gmästet hen, weil r n gsund wieder kriegt hat. Na isch r narret worda on hat gar net neiwolla. Na isch sei Vater rauskomma on hat mit m gschwätzt. Aber er hat zu seim Vater gsagt: Guck, so viel Jahr schaff e scho für di on han dr immer gfolgt; mir hasch no nie a Böckle geba, daß e mit meine Freund hätt amol festa könna. Jetzt wo der drherkommt, dei Sohn dohanna, der wo dei Sach mit zweifelhafte Weibsbilder auf da Kopf ghaua hat, do metzgest m du des Kälble, des wo mr gmästet hen. Nat hat der Vater zu m gsagt: Bub, du bisch doch immer bei mr, on alles, was mir ghört, des ghört dir. Du sottst froh sei on de freua; weil der do, dei Bruder, war tot, jetzt isch r wieder lebendig – er war verlora, jetzt isch r wieder do.


Herr Jesus Christus,
mir möchtet höra,
was du ons saga möchtest.
Mach ons innerlich frei dodrzu.
Amen.


Liebe Wasengemeinde, liebe Landsleut, liebe Christaleut!


Dui Gschicht isch anders. Do kann keins saga: I verstand nix. Des isch mr z hoch. Des isch mr z altmodisch. I kann nix drmit anfanga. S langweilt mi. I komm net drin vor. S betrifft me net. Dui Gschicht isch anders. Au du kommst drin vor – jeder von ons. Do bin i felsafest überzeugt. I glaub net, daß der Kerle leichtfertig ganga isch. So wird r manchmal nagstellt. Er sei halt a Lebemensch gwesa, a Raubauz, a Tunetgut. Viele hen den scho verurteilt. Aber Vorsicht! Der jüngere Sohn könntet mir selber sei. Mir wissat net, was n umtrieba hat, daß r so a Entscheidung trifft. Vielleicht war s a längerer Kampf mit seim Gwissa, mit de Umständ, mit seim Vater oder seim Bruder. Hen se öfter lebhaft diskutiert? Hat m ds Gschäft nemme gfalla? Hen se mitnander gstritta? Warat se sich net einig, wie dr Hof gführt werda soll? Mir werdat s nie erfahra. Aber i weiß, so ebbes gibt s bis heut.

Egal, wie s im einzelna war – für ons normale Leut mit ama einigermaßa normala Lebenslauf isch s natürlich schwer nachvollziehbar. Er isch net bloß ganga, er isch regelrecht abghaua. Er hat sich vom Acker gmacht mit seim Vater seim Geld – mit seim ganza Erbe. Des war scho frech. Aber manchmal gibt s halt a Biographie, wo net alles glatt lauft. Bei wem geht s n immer gradaus? Unter jedem Dach ein Weh und Ach! Bei dera Bauersfamilie war s halt au so, on zletzta isch dr Jung fort. Freilich, des mit dem Geld hätt r besser glassa. S hat m en ziemlich schlechta Ruf eibracht. Net daß r ganga isch, isch ds Problem, sondern wie r ganga isch. Oinaweg – darfst n fei net verurteila. I tät saga, der Kerle hat eifach sein Platz no net gfunda. Hasch du no nie des Gfühl ghabt, du bisch an dr falscha Stell? Aber hättst du des gwagt, fortzumganga, weit fort – dei alts Leba komplett hinter dir zum lassa? Alles aufgeba? Nomal ganz neu anfanga? In ma fremda Land bei fremde Leut mit fremde Sitta? Des fangt scho an mit ra fremda Sprach.

Zuerst isch au alles gut ganga. Er hat schnell Anschluß gfunda on viele neue Freund kennaglernt. Schö war s. Bestimmt. In Saus on Braus lebt r jetzt. Jeden Tag a anders Fest. Wenn ebber nix ghabt hat, na hat r den eiglada. Geizig war r net, on gnug Geld hat r ghabt. Sei Vater hat s m ja mitgeba. Do bisch bald überall bekannt on beliebt. Bloß manchmal hat r no an drheim denkt - an sein Bruder on sein Vater. Des früher, des isch wie in ra andera Welt gwesa, hat r sich na gsagt. Aber so recht glücklich on zfrieda isch r in dr Fremde au net worda. Vom Spaß allei kannst auf Dauer net leba. Ob derjenige wirklich frei isch, der wo all Tag tun on lassa kann, was r will, des möcht e amol bezweifla. Irgendwann bisch do genauso gfanga.

Mir sind nie frei. Niemand kann sich sein Weg eifach raussucha. Dr Mensch denkt on Gott lenkt. Was isch gut? Was isch bös? Was isch richtig? Was isch falsch? Mir legat so arg viel Wert auf onsre Entscheidunga, daß mr selber für alles allei verantwortlich sen. Selbstverwirklichung, Freiheit, Selbstbestimmung – des wird bei ons  großgschrieba. Drbei hem mr no gar net begriffa, daß arg viele Sacha gibt, wo da gar net gfragt wirst. Ds Wichtigste in onserm Leba isch doch, daß bei allem, was mr machat, dr liebe Gott drbei isch; daß er entscheidat, weil r weiß, was für ons letztlich am besta isch – au wenn mir s net glei verstandet.  

Also, dr Spaß isch m bald verganga. Mir glaubat heut, Spaß sei alles. Ds Leba sei von morgends bis abends a einziger Spaß. Hen r des Wort Spaßgesellschaft scho amol ghört? Net bloß dr Urlaub oder a Hobby soll Spaß macha, sondern au d Schul oder ds Gschäft - alles. I hör des Wort andauernd. Sem mr zum Vergnüga auf dera Welt? Mi hat allen Ernstes scho ebber gfragt, ob mir mei Job – Job! – Spaß macht. I han na gsagt: Ja no, s isch wie bei ma andera Beruf au. Dr Spaß hält sich in Grenza. Mei Pfarrersalltag isch net grad vergnügungssteuerpflichtig. Bei keim Gschäft isch des so. Sonst wär a Gschäft kei Gschäft mehr. A Beerdigung zum Beispiel hat mir no nie Spaß gmacht. Spaß han i, wenn i mit meiner Familie auf s Volksfest gang. Oder mit meiner Frau ins Theater. Aber des tun mir selta. Mir hen zwei Buba, da isch drheim Theater gnug.  

Weiter! Sei Geld war weg. Freund hat r keine mehr ghabt, on ganz schnell au kei Dach mehr über m Kopf. Jetzt – von was leba? Mit Müh on Not hat r ebber gfunda, wo m ebbes zum schaffa gibt. Säu hat r dürfa hüta. Drzuna isch a arge Hungersnot ausbrocha. Zmal isch alles zsammakomma, dem Kerle isch s echt dreckig ganga. Seine Säu hen s besser ghabt wie er. Traurig, oder? Sei ganzer Plan für a neus Leba isch grad für d Katz gwesa. Hasch du so ebbes Ähnlichs au scho amol erlebt? Daß da ebbes obedingt wolla on genau plant hasch, on na isch s ganz anders komma, wie da denkt hasch? Do stehst fei gschwind do. Was hilft dr na, wenn da nemme weiter weißt? Was bleibt? Warum isch r wieder heim?

Ihr meinat vielleicht, er sei zrück, weil r denkt hat: Bei meim Vater krieg e wenigstens wieder a rechts Gschäft on han mei Auskomma, selbst wenn r me bloß no als en bessera Knecht nimmt. Aber deshalb isch r net heim. I sag euch, warum r heim isch. Er hat gwußt, daß r heimkomma darf. Egal, was passiert isch. Mei Vater mag mi immer no. Des hat r gspürt. Vielleicht wartet r scho lang auf mi. Heim kann bloß ebber, wo a Heimat hat, on a Heimat im Himmel hem mr alle. Gott sei Dank! Net weil s m in dr Fremde zmal oheimlich war, hat r sich an sei Heimat erinnert, sondern weil r sich an sei Heimat erinnert hat, isch s m in dr Fremde oheimlich worda.

Komm du mr heim! Natürlich isch s m klar gwesa, daß er viel verbockt hat. Er hat Angst ghabt. Net umsonst sagt r zu seim Vater: I han mi versündigt. I weiß des. I bin s nemme wert, daß i dei Sohn bin. Komm du mr heim! Hört sich s net an wie a Drohung? Wie war s n früher, wenn da a Scheib neikickt oder sonst ebbes bosget hasch? Vor de andere bisch net verschimpft worda, aber kaum warst drheim, isch s losganga. Komm du mr heim! Des gilt bis heut. Wer kennt des Klischee net? Wenn a Ehepaar mitnander fort isch on dr Mann ein über da Durst trinkt, na heißt s mit ama Seitablick: Komm du mir heim! Do weiß jeder, was gmeint isch. Ihr kennat die schlechte Witz. I geb euch bloß ei Beispiel.

Dr Franz hat isch drheim unterm Pantoffel. Sei Weib hat d Hosa an. Se hat net bloß ds größere Mundwerk. Se geht au gschickter mit m  Kehrwisch um. An ma schöna Tag hen se amol wieder Händel mitnander. Dr Franz isch drvongsprunga, on sei Ursel hat m Schläg androht, wenn r heimkommt. Dr ganza Tag treibt r sich draußa rum, weil r Angst hat hat vor seim Weib. Na geht r in seiner Not zum Schultes on verzählt dem, wie schlimm r s drheim hat on fragt n um en Rat. Franz, sagt na dr Schultes, ds Beste wird sei, du gehst oinaweg heim zu deiner Ursel on sprichst de mit ra aus. So, ds Beste, sagt na dr Franz. Ja, on was wär ds Zweitbeste?

So hat s der verlorene Sohn au gmacht. Ds Zweitbeste gibt s net. Er isch heim. Ds Beste isch immer, daß mr sich versöhnt, wenn mr ghändelt hat. S isch freilich schwer. Do ghört ebbes drzu, wieder nach m Vater zum fraga, wenn da drnach ebbes verbockt hasch. Komm du mr heim! So hätt der Vater au dastanda könna. I will de nemme seha! Vermutlich hat r Angst ghabt, daß sei Vater so reagiert. Dui Angst hat r innerlich zuerst amal überwinda müssa. Ihm isch klar gwesa, daß r sich versündigt hat. Aber er hat sich trotzdem an sein Vater erinnert - an sei Liebe, an sei Herzlichkeit, an sei Wärme. Er hat Heimweh kriegt. Jetzt zugeba, was r em Vater ando hat – mein lieber Scholli, da mußt über dein Schatta springa. Des schafft niemand aus eigener Kraft. Ebber anders muß des do. Du brauchst Hilfe von ganz oba, daß da heimfindest.

Freilich, alle warat net begeistert. Der ältere Bruder isch vom Feld komma on hat seine Auga nemme traut. So eine Ungerechtigkeit, des gibt s ja gar net! I bin recht zum schaffa, on für den wird a Fest gfeiert! Horch in de nei, bevor da den au verurteilst. Wenn du an seiner Stell wärst, wie tätst du di verhalta? Du wärst bestimmt genauso neidisch. Sei ehrlich! I verstand n. Aber i glaub trotzdem, daß Gerechtigkeit, Gnade on Liebe stärker sen wie alles andere - stärker wie a riesiga Schuld, stärker wie jedes Versaga, stärker wie alle onsre Fehler. Bei onserm Vater im Himmel wird keins nach dem beurteilt, was in seim Leba schiefglaufa isch. Oh je, do wära mr alle mitnander arm dran. Vertrau deim Heiland. Sei Liebe isch immer größer wie dei Schuld. Komm du mr heim! Jetzt hört sich s anders an - wie a Eiladung. Komm no, trau de, brauchst kei Angst han. So sagt s dr liebe Gott, on von dem verzählt onser Herr Jesus. Sei Gschicht isch anders, weil se bis heut jeden Tag irgendwo passiert.
 
Do isch ebber lang im Gfängnis gsessa - jahrelang. Mit seiner Familie hat r nix mehr zum do ghabt. Erst kurz vor seiner Entlassung scheibt r em Vater wieder en Brief. I weiß, i bin a Schande für euch. I verstand s, wenn r me nemme seha wollat. Sen so gut on gebat mr a Zeicha. Do on do komm e raus. I fahr mit m Zug an euerm Haus vorbei. Wenn e wieder heimdarf, na hänget bitte a weiß Tuch in den Baum vor m Haus. Wenn nix drinhängt, na fahr e weiter. Na sehet r me nemme - nie mehr. Bald drauf isch r entlassa worda, isch en Zug gstiega on losgfahra. Allmählich isch sei Heimat immer näherkomma - des Dorf, wo r aufgwachsa isch, wo seine Leut heut no lebat. Vor lauter Aufregung hat r könna schier net aus m Fenster gucka. Na hat r ema Mitreisenda sei Elternhaus beschrieba on den Baum drvor. Er hat n gfragt, ob r net nausgucka tät – er könnt die Spannung nemme aushalta. Der Fremde hat genau aufpaßt. Wo des Haus na komma isch, hat r aufgregt gschriea: Komm tapfer on guck selber! Alles weiß – dr ganze Baum hängt voller weißer Tücher!

Gott isch anders, wie mir denkat. Deshalb isch dui Gschicht anders. Komm du mr heim! Du darfst heimkomma, weil da a Heimat hasch – egal, was passiert isch. Dr liebe Gott freut sich. Er wartet. Auf di. Freu de. Amen.



Danke,
lieber Vater im Himmel,
daß mr zu dir immer heimkomma dürfat;
weil du ons obacha magst,
weil mir a Heimat hen bei dir,
weil du ons liebend gern heimholst
aus dr Fremde,
aus dr Schuld,
aus onserm Versaga.
Amen.