Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 1,67-80

Pfarrer i.R. Jürgen Eggebrecht

24.08.2001 in St. Brieuc, Eglise Reformee de France

Die politische, rechtliche, kulturelle und religiöse Lage war verzweifelt. Ein offenes Wort und man war ein Opfer der Löwen. Die Wahrheit aber sucht sich trotz allen Widerstands einen geheimnisvollen eigenen Weg, wobei sie die gegenwärtige Lage zur Karikatur werden lässt. Wir befinden uns im Römischen Reich. Der Evangelist Lukas beschreibt die Lage dadurch, dass er sich eines Gebets entsinnt, das neunzig Jahre alt ist. Wir müssen uns fragen, wieso ein derart privates Gebet sich vom ersten Moment an derart frisch erhalten konnte. Dieses Dankgebet erwägt die Geburt eines Kindes auf dem Hintergrund der Geschichte Israels. Mit anderen Worten: Zacharias verbindet seine Familiengeschichte mit der des jüdischen Volkes. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sein Gebet eines Tages als versteckte Anklage einer unerträglichen Politik dienen würde. Lukas bedient sich, um so die aktuelle Lage lächerlich zu machen. In Zeiten des Drucks entsinnt man sich häufig alter Texte, um sie für die Gegenwart fruchtbar werden zu lassen. So umgeht man die Gefahr, allzu direkt zu sein. Lukas weiss, dass die Spürhunde der Diktatoren häufig humor- und geistlos sind. Sie verstehen weder Symbole noch Ironie. Sie kennen lediglich ihre vorgeschrieben Texte und stützen sich auf ihren Wortsinn. Für sie ist ein Gebet nicht mehr als eine Angelegenheit für solche, die jenseits von gut und böse sind.

Lukas greift also zu einem unverdächtigen Text, um über die Gegenwart herzuziehen. Er spielt mit seinen Gegnern, die ihn gerne den Löwen zum Frass vorwerfen möchten. Seine Absicht jedoch erschöpft sich nicht in der Irreführung seiner Feinde. Sein vornehmstes Ziel sieht er in der Tröstung derer, die unter der Verfolgung der Christen in Rom zu leiden haben. Ein mehr oder minder persönliches Gebet erhält so von einem Augenblick zu anderen ein politisch-religiöses Gewicht. Indem er vom Gott Israels spricht und an seine unverdrossene Treue erinnert, vergleicht er die Geschichte des Römischen Reiches mit der des Gottesvolkes. Dank dieser Methode schafft er es, denen ein ziemlich gnadenloses Zeugnis auszustellen, die die Macht besitzen. Der römischen Politik fehlt es an Visionen. Sie hat keine Zukunft, ist dumm, grausam und intolerant. Wir haben es mit einem der intelligentesten und bösartigsten Texte der gesamten Bibel zu tun. Jedes Wort greift einen Begriff der römischen Propaganda auf, wenn vom "Frieden" die Rede ist. Damit ist die "PAX ROMANA" gemeint, DER RÖMISCHE FRIEDE, ein politisches Programm seinerzeit. Von Gerechtigkeit und Frömmigkeit ist die Rede, die zu diesem Programm gehören. Lauter Begriffe, die sich in ihr Gegenteil verkehrt haben. Mit einer derartigen Ideologie, die sich wohlwollend gibt, möchte man die Völker der gesamte Weit in den Griff bekommen, ohne ihre Eigenarten zu berücksichtigen; ohne Rücksicht auf ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten. Man missachtet ihre Gesetze, ihre Kultur und Religion. Die eine oder die andere Idee mag ja gut sein. Doch niemals lässt sich eine Ideologie rechtfertigen durch eine einzelne Idee oder eine einzelne Guttat. Lukas klagt an, angeregt durch eine Schreckensherrschaft, bei der jede Freiheit flieht.

Dieser Text lässt uns empfindsam werden Worten gegenüber, die etwas anderes sagen als ihre eigentliche Absicht. Wir haben es mit einem Text zu tun, der uns auch Einblicke in die Politik unserer Tage gewährt. Die hintergründigen Züge einer aktuellen Politik offenbaren ihren gefühlsarmen Wirklichkeitssinn durch eine Justiz, die glaubt alle Probleme global regeln zu können. Was fehlt, ist ein Blick auf eine weltweite Zukunft. Man ist hingerissen von der Idee, dass wir alle ja gleich seien, und dass alle Probleme der Weit durch den Menschen bewältigt werden könnten. Dabei wechseln wir unsere Götter alle vier oder fünf Jahre. Doch die wahre Strasse des Friedens, von der Zacharias in seiner Dialektik spricht, rechnet mit langen Zeiträumen. Sie entsteht weder durch einer Propaganda mit lauthals klingenden Stimmen, noch durch den besten Willen ihrer Bürokraten. Sie hat etwas zu tun mit der langen Geschichte Gottes mit Israel; mit seinem eigenen Volk und mit uns als den Nachfahren Israels in einer zweifelhaften Kirche mit all ihren gegenwärtigen und historischen Problemen. Zacharias heroisiert weder Leute wie Abraham noch David. Wenn er aber David erwähnt, dann hören wir daneben den Namen Goliath, den David trotz aller militärischen Schwäche besiegte. Darin besteht für uns, die wir mehr und mehr in einer religiösen Wüste leben, ein kräftiger Trost. Aus der Mitte des Textes hören wir, dass der Gott der Geschichte sich den Schwachen und denen zuwendet, die kaum noch in dieser Weit ernst genommen werden. Wir, wir leben unter einem einem Frieden, den der Schöpfer des Himmels und der Erde uns anbietet. Er hat in Jesus Christus seinen Zielpunkt erreicht. Seine Augen richten sich auf diejenigen am Rande der Geschichte und auf die in der Diaspora. Darin besteht der eigentliche Wandel, von dem Zacharias in seinem Gebet spricht. Die Geburt seines Sohnes, an den wir heute denken, verschafft uns das Empfinden, dass Gott sich um die entlegenen Ecken der Welt kümmert. Später wendet sich Jesus Christus dem Individuum zu. Er ist nicht zu den Massen gekommen, die nichts mehr wünschen als Brot und Spiele. Von daher betrachtet können wir nicht so weiter leben, als ob nichts geschehen wäre. Das ist die Botschaft im Mittelpunkt der Botschaften, die so tun, als ob sie die Welt retten könnten, indem sie die Beugung von Bananen und Gurken vorschreiben.

Wir wissen nur zu gut, dass Widerstand dagegen utopisch ist und nichts bewegt. Das ist unsere Lage. Wer glaubt, befindet sich stets zwischen einer Utopie, die weitab liegt von jeder Hoffnung, und einer Wirklichkeit, die uns sagt, dass jede Utopie nur Torheit ist. Diese Situation zwischen Utopie und Wirklichkeit muss man aushalten. Aber der Frieden, der fern ist von jeder Propaganda betrifft uns, und jede Utopie wird ein wenig realistisch, wo wir mit den Jahrtausenden der Geduld Gottes rechnen, die er mit Israel gehabt hat. Wir sollten alle Zeit der Welt haben, Ewigkeit genannt. Ein Rätsel mag den Unterschied zwischen der Ewigkeit und der Hölle kurzer Zeitabläufe verdeutlichen. In der Ewigkeit wie in der Hölle sitzen Menschen an langen Tischen, bedeckt mit den köstlichsten Speisen. Aber da wäre ein Problem: es gibt nur Löffel mit langen Stielen. In der Hölle findet sich keine Lösung, wie man mit einem solchen Löffel essen könnte. Am Tisch der Ewigkeit füttert jeder sein Gegenüber mit seinem Löffel. Der Unterschied zwischen den Wirklichkeiten ist minimal, aber entscheidend. Der Traum von der Strasse des Friedens, der Zacharias träumt, besteht darin, dass einer den anderen stützt. Das ist noch längst nicht das vollendete Paradies, aber ein Anfang. Die alten Realitäten haben ihr Recht verloren, auch wenn sie noch vorhanden sind und uns Angst einflössen. Wir bleiben in der Welt, die wir lieben. Wir sind ausserstande, die Geschichte zu ändern. Auch das Gebet des Zacharias konnte den Mord an seinem Sohn nicht verhindern. Aber es veränderte die Perspektiven. Auch unsere Gebete könnten unserer Weit einen neue Sichtweise verschaffen, können die beunruhigen, die glauben, all das, was sie können, auch zu dürfen. An die grossen Versprechungen der Welt glauben wir längst nicht mehr. Wir haben uns auf die Seite eines alten Priesters geschlagen, der die Vorzeichen des wahren Friedensweges ahnt. Für ihn und für uns muss das in diesem Moment genügen.