Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18, 9-14

Pfarrerin Claudia Kook (ev.)

14.08.2016 ev. Peter- und Paulskirche in Pfedelbach

Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner

Im Zeltlager ruft der Gruppenleiter seine Jungs zusammen. „Hallo Jungs, hört mal her. Morgen sind wir mit der Andacht dran“, sagt der Gruppenleiter. „Andacht? Wie langweilig!“ ruft Jens dazwischen. Der Gruppenleiter seufzt: Könnte ich doch nur mal einen Satz sagen, ohne dass Jens gleich alles wieder kaputt macht. Aber wie immer bleibt er ganz ruhig und fährt fort: „Es geht um eine Geschichte, die Jesus erzählt. Ein Gleichnis, das wir nachspielen sollen. Es steht im Lukasevangelium Kapitel 18. Ich lese es euch jetzt vor, und ihr überlegt euch schon mal, wer welche Rolle übernehmen möchte und wie wir das nachspielen sollen“. Jens gähnt demonstrativ und kaut gelangweilt auf seinem Kaugummi.  

9Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dieses Gleichnis: 10Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.

 

„Sei mir gnädig!“ ruft Jens in dramatischem Tonfall und äfft den Zöllner nach, indem er sich ein paar mal wie ein Gorilla an die Brust schlägt. Der Gruppenleiter, genervt aber betont ruhig, sagt: „Okay, das klingt ja schon sehr überzeugend, Jens. Ich schlage vor, du spielst den Zöllner. Wer übernimmt den Pharisäer?“ „Matthias soll den spielen!“ rufen einige. „Ich bin aber doch nicht hochnäsig!“ protestiert Matthias. „Aber du machst immer alles richtig, wie dieser Pharisäer“, sagt einer. „Gut“, entscheidet der Gruppenleiter, „dann machen wir es so. Und ich spiele den Jesus und erzähle die Geschichte. Wir probieren es gleich mal aus“.

Und so verbringen sie den Vormittag damit, das Gleichnis zu spielen, Lieder auszusuchen, Gebete zu schreiben, eben alles, was zu einer Andacht dazu gehört. Und sie basteln auch noch eine schöne Kulisse. Die Nerven des Gruppenleiters werden aufs Äußerste strapaziert, denn immer wieder geht Jens höhnisch grinsend auf Matthias los und schubst ihn, „nur so zum Spaß“, wie er sagt.

 

Als Matthias abends erschöpft in seinem Schlafsack liegt, fragt er sich: Warum ist der so, der Jens? Warum tut er das? Sagt dem zu Hause niemand, wie man sich benehmen soll? Und dann fällt ihm ein, dass bei Jens meistens niemand zu Hause ist, der ihm irgendetwas sagen könnte. Sofort hat Matthias ein schlechtes Gewissen. Das ist ja auch ungerecht, denkt er. Ich habe es viel besser getroffen im Leben. Bei mir ist immer jemand zu Hause. Alle freuen sich, wenn ich gut bin in der Schule. Alle interessieren sich für das, was ich tue. Aber dafür kann ich ja nichts, dass es so ist. Und Jens auch nicht. Wie wäre es, wenn ich an seiner Stelle geboren wäre, und Jens an meiner? Wäre Jens dann hilfsbereit und freundlich? Wenn Gott jeden Menschen so unterschiedlich zur Welt kommen lässt, sind dann auch die Aufgaben anders? Also, ich meine, habe ich dann mehr Verantwortung als andere? Zum Glück bin ich nicht so wie Jens! – Matthias erschrickt bei diesem Gedanken, weil er erkennt, dass es die Worte des Pharisäers sind. Dabei meint er das ganz ehrlich. Er ist wirklich froh und dankbar dafür, dass Gott ihm ein so gutes Leben geschenkt hat. Es ist ja auch ein Geschenk. Und nicht sein Verdienst.

Eigentlich, so denkt Matthias erstaunt, habe ich sehr viel mit dem Pharisäer gemeinsam. Ich gebe mir Mühe, ein braver Junge zu sein und allen Erwartungen zu entsprechen. Ich weiß, was mir wichtig im Leben ist und versuche, das auch zu tun. Genau wie der Pharisäer. Matthias erinnert sich noch daran, was der Religionslehrer dazu gesagt hatte: Nämlich dass Pharisäer damals, zur Zeit Jesu, eigentlich sehr beliebt gewesen waren. Sie waren gebildet und versuchten, so gut es ging, nach Gottes Regeln zu leben. Für viele Menschen damals waren sie Vorbilder, aus denen die anderen Kraft schöpfen konnten.

 

Von solchen Überlegungen wird Jens in seinem Schlafsack nicht belästigt. Er hat noch nie zugehört, wenn der Relilehrer etwas erzählt hat. Also weiß er gar nicht, welche Bedeutung die Zöllner haben. Er weiß nicht, dass Zöllner damals, als Jesus gelebt hatte, ausgesprochen unbeliebt waren. Dass sie mit den Römern zusammenarbeiteten, den Besatzern, den Heiden, und deshalb verachtet wurden. Dass es sich dabei oft um flüchtige Sklaven oder Heimatlose handelte, die froh waren, überhaupt eine Arbeit zu finden, und die ganz nebenbei noch versuchten, so viel wie möglich für die eigene Tasche zu erwirtschaften. Natürlich illegal. Jens weiß nur, das spürt er in dieser Erzählung: Zöllner sind unerwünscht. Er weiß zwar nicht, warum. Aber er weiß, wie sich das anfühlt, unerwünscht zu sein. Dafür hat er ein besonderes Gespür. Seine Eltern hatten sich ständig gestritten, immer war er im Weg. Jetzt ist sein Vater verschwunden. Seine Mutter muss entweder arbeiten oder ist mit sich selbst beschäftigt. Was er tut und wo er sich aufhält, weiß sie nicht und es interessiert sie auch nicht. Die Lehrerin sagt immer nur drohend: „Aus dir wird nie was“. Unerwünscht wie dieser Zöllner. Also, denkt er trotzig, es ist genau die richtige Rolle für mich!

 

Am nächsten Morgen versammeln sich alle zur Andacht vor der Bühne. Matthias hat extra sein letztes sauberes weißes T-Shirt hervorgekramt. Er weiß schließlich, was sich gehört, und will auf der Bühne ordentlich aussehen. Doch kurz bevor alles anfängt, wird er geschubst. Er fällt in den Dreck und ist voller Schlamm. Er dreht sich um, sieht, wie Jens und seine Clique dastehen und lachen. Sein gutes T-Shirt! Die Zeit reicht gerade noch dazu, dass Matthias mit einem Freund das T-Shirt wechselt, damit er nicht völlig verdreckt auf der Bühne steht.

Matthias ist stinksauer. All das Verständnis, das er in der Nacht versucht hat, für Jens aufzubringen, ist dahin. Er steigert sich richtig in seine Wut hinein. Wie kann man nur so sein! Kann der sich nicht ein einziges Mal einfach nur normal benehmen?

Und dann ist er schon an der Reihe. Sein Text ist dran. Der Pharisäer. Doch als Matthias anfängt zu reden, sind es nicht mehr die Worte des Pharisäers, die er spricht, sondern da sind es seine eigenen Worte geworden, voller Wut und Abscheu: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie der da!“. Er spuckt die Worte förmlich in Richtung Jens.

Der Gruppenleiter, in der Rolle des erzählenden Jesus, schaut auf, irritiert von der Heftigkeit des Gesprochenen.

Jens steht da, am Rand, kaum richtig auf der Bühne. Plötzlich hat er Angst. Er ist es nicht gewöhnt, von so viel wohlwollender Aufmerksamkeit umgeben zu sein. Ohne seine coole Clique hinter sich. Und dann diese heftigen Worte. Erschrocken sieht er in das zornfunkelnde Gesicht von Matthias. Unsicher schaut er zu dem Gruppenleiter im weißem Jesusgewand, der ihm freundlich und erwartungsvoll zunickt. Er blickt in die vielen Gesichter, die gespannt nach vorne schauen. Sie warten auf seinen Text. Jetzt geht es nur um ihn, jetzt ist er dran.

Er blickt zum Boden, beinahe gelähmt vor Angst. Die eine Hand schlägt er vor die Brust, hält sie da verkrampft fest. Und dann stammelt er mit heiserer Stimme: „Gott, sei mir gnädig“.

Völlige Stille. Keiner wagt auch nur zu Atmen. Es knistert in der Luft.

Endlich räuspert sich der Jesus-Gruppenleiter, löst die Starre, zeigt auf Jens, und sagt laut und vernehmlich: „Dieser ist von Gott gerecht gesprochen!

Jens schaut auf, will sehen, ob der Gruppenleiter es ernst meint, wirklich ernst: Ich? Ich bin von Gott gerecht gesprochen? Er sucht den Blick des Gruppenleiters. Der schaut ihn ruhig und offen an. Der Gruppenleiter nickt kaum merklich, aber für Jens ist es eine überdeutliche, eine befreiende Geste. Endlich kann er seinen Arm wieder sinken lassen, und er strahlt.

Die drei aus Jens’ Clique brechen in einen Jubel aus, klatschen Beifall, und nach und nach stimmen alle mit ein. Jens strahlt übers ganze Gesicht. Nicht das hämische Grinsen, das er sonst so gerne aufsetzt. Sondern ein richtiges, echtes Strahlen, von den Mundwinkeln über die Augen zu den Schultern bis in die Zehenspitzen hinein.

 

Die Andacht ist vorbei. Matthias schaut nachdenklich zu dem noch immer strahlenden Jens. So sieht also einer aus, der von Gott gerecht gesprochen ist, denkt er. Ich möchte auch so sein wie Jens! Bei diesem Gedanken ist er über sich selbst ganz überrascht. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, immer alle Erwartungen zu erfüllen? Vielleicht gibt es Wichtigeres im Leben? Vielleicht ist das Allerwichtigste, sich so zu freuen, wie Jens es gerade tut? Bei Gott geschehen immer die unerwarteten Dinge. Auch Jesus verhält sich meistens ganz anders, als die Leute es erwarten. Wieder einmal hat Jesus den Blick auf einen Menschen gerichtet, der sonst nie solche Aufmerksamkeit bekommt.

 

Beim Anstellen fürs Mittagessen drängeln sich welche vor Jens, schubsen ihn zur Seite, lachen und sagen: „He, du Zöllner, mach Platz! Keiner will dich hier!“ Gerade will Jens zum gezielten Boxschlag ausholen, da drängt sich Matthias dazwischen und sagt: „Lasst ihn in Ruhe! Er stand zuerst hier“. „Hi“, sagt Jens, grinst wieder sein freches Grinsen, kramt in seiner Hosentasche und fördert einen noch frischen Kaugummi zu Tage, den er Matthias in die Hand drückt.

Das kommt für Matthias völlig unerwartet.

Amen.