Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18,9-14

Pastoralassistent Martin Diewald

23.10.2016 Kirche St. Laurentius, Plettenberg

Weltmissionsonntag (Radiogottesdienst)

„Allahu akbar!“

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

 

das klingt befremdlich: Allahu akbar – ein islamischer Gruß zu Beginn einer Predigt eines katholischen Gottesdienstes!? Dabei besagt dieser Ruf im Grunde genommen nur „Gott ist der Größte!“ Und diesen Satz kann ich als Christ sogar unterschreiben.

Viele Menschen fühlen sich heutzutage allerdings durch diesen Satz bedroht. Offenbar verbindet sich mit ihm die Angst vor einer islamischen Überfremdung. Bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden Anfang des Monats zum Beispiel sind Menschen unter anderem deshalb auf die Straße gegangen: Sie fühlen sich in ihrer Identität in Frage gestellt und bedroht. Mehr noch: Sie sehen eine Islamisierung, die unter Sätzen wie „Allahu akbar“ Einzug hält in das christlich geprägte Abendland.

„Allahu akbar“ – nicht hier bei uns – so höre ich die Parolen. Ganz im Gegenteil: Man solle sich an unsere Werte und Traditionen anpassen. So jedenfalls die Forderung von Zeitgenossen bei Integrationsdebatten und Diskursen über die Frage, ob und wie der Islam zu Deutschland gehört. Die unterschwellige Befürchtung, die oft dahintersteckt lautet doch: „Wir fühlen uns scheinbar einer Missionierung durch den Islam ausgesetzt.

Allahu akbar – Keine Frage: Der Missbrauch dieses Ausrufs bei Terroranschlägen durch radikalisierte und fanatische Täter lässt auch mich zusammenzucken. Da sind Radikale, die mir ihre Menschenverachtenden Ideen aufzwingen wollen durch Gewalt, Krieg und Terror. Es sind jene fanatisch-überzeugten Augen in den Gesichtern der Terroristen, die ich im Fernsehen sehe aus den Kesseln der Gewalt, die leider überall auf unserer Welt lodern – nicht nur in Aleppo und Mossul. Nein – danke! Eine solche Form von Missionierung macht auch mir Angst. Ich möchte, dass meine Identität gewahrt bleibt. Ich möchte zudem Sicherheiten für unser gesellschaftliches Zusammenleben und nicht ständig neu darüber verhandeln müssen. Es ist für mich ein hoher Wert in unserer Gesellschaft, dass ich – wie alle anderen Menschen auch – das Recht habe, meine Religion frei auszuüben! Dazu gehört auch, dass ich und andere auch missionieren dürfen.

Also ist eine Missionierung durch den Islam in unserem Land doch möglich? Ja, aber für mich hat das auch Grenzen: Und die hat mit der Freiheit des Anderen zu tun!

Missionierung hat in unserem Sprachgebrauch keinen hohen Stellenwert. Die Vorstellung herrscht vor: Jemand der missionieren möchte, will mich unbedingt überzeugen – koste es was es wolle. Jemand der missionieren möchte, gibt mir keine Luft zum Atmen, will mich und meinen Standpunkt nicht akzeptieren. Missionieren ist gleich bedrängen, so könnte man sagen.

Aber ist damit schon alles über Mission und Missionierung gesagt? Ich frage mich das vor dem Hintergrund, dass in der katholischen Kirche heute der Weltmissionssonntag gefeiert wird. Müsste ich da nicht auch zurückschrecken, wenn ich als Christ von Mission und Missionierung spreche? Wenn ich an meinen Geschichtsunterricht denke, verbindet sich mit christlicher Mission nicht nur Gutes. Auch im Christentum gab es Gewalt und wurde Religion durch blinden Fanatismus missbraucht. 

Dabei meint doch eigentlich Mission von der Wortbedeutung her nichts anderes als Sendung. Gesendet sein, einen Auftrag zu haben, für etwas einzustehen oder beispielsweise an etwas zu glauben. Für mich geht das einher mit dem Gedanken, dass ich herausgefordert bin, dass ich gebraucht werde, dass ich mich beweisen kann und ja, auch Anerkennung finde.

Ich frage mich daher am Weltmissionssonntag: Wie kann Mission eigentlich heute aussehen? Ist sie noch zeitgemäß oder – wie viele meinen – bevormundend und übergriffig?

Eine Antwort gibt mir das heutige Evangelium. Jesus stellt darin zwei Personen vor, die unterschiedlicher nicht sein können: einen Pharisäer und einen Zöllner, oder anderes formuliert: einen superfrommen Alleskönner und eine graue Maus. Der Pharisäer hat wohl das, was auch heute noch ankommt: Er ist selbstsicher, total von sich überzeugt und weiß, was er will. Der Zöllner dagegen steht nicht in der ersten Reihe, sondern hält sich sehr zurück. Das Überraschende ist sicherlich, dass Jesus den Zöllner als den Gerechten bezeichnet. Offenbar stimmt hier das, was schon im Alten Testament gesagt wird (1 Sam 16,7):

„Ein Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“

Jesus sieht tiefer: Der Pharisäer stellt sich im Tempel in die erste Reihe, um sich selbst vor allen herauszustellen. Nachdem er Gott erst einmal erklärt hat, wie toll er doch ist und wie viel Gutes er geleistet hat, zeigt er auch gleich noch auf, was andere nicht können oder was sie besser machen müssten. Seine Mission, so könnte man sagen: Selbstdarstellung! Der Pharisäer stellt den Zöllner bloß, nur um dadurch selbst dazustehen als jemand, der mehr ist, mehr kann und mehr erreicht als andere. Es ist ihm dabei egal, ob und wie andere vor Gott stehen können – er nimmt den ganzen Raum und die Aufmerksamkeit nur für sich ein. Kurz gesagt: Er ist überheblich.

Der Zöllner dagegen steht in der letzten Reihe. Er weiß um sich und seine Fehler, kennt seine Schwächen, aber sicherlich auch seine Stärken und hat dabei nicht den Drang allen vorzutäuschen, was für ein furchtbar cooler Typ er dabei doch ist. Er ist unaufdringlich und weiß um sich, ganz realistisch. Und genau das ist das wirklich Überzeugende vor Gott und – so würde ich ergänzen – das ist das Überzeugende auch vor den Menschen.

Hier setzt für mich Missionierung an: Missionierung geht nämlich zuerst nach innen: Ich bin zu mir gesandt, um bei mir zu sein und realistisch um mich selbst zu wissen. Und erst dann kann der zweite Schritt gelingen: Ich bin nach außen gesandt, zu den Menschen.

Bemerkenswert ist für mich: Der Zöllner hat das rechte Maß gefunden, wer er vor den Menschen und auch vor Gott ist. Und mit diesem Maß nimmt er sich vor Gott zurück, weil Gott derjenige ist, der allein das Maß setzt und nicht der Mensch. Anders formuliert: Für ihn gilt Allahu akbar – Gott ist der Größte – und nicht etwa ich selbst. Daher kann ich mich auch vor den anderen Menschen zurücknehmen, kann auch einmal eine Reihe zurücktreten, meine Befindlichkeiten und meine Geltungsansprüche bei Seite lassen.

Ich bin schließlich davon überzeugt: Wer authentisch bei und in sich selbst ist, keine Fassaden nach außen aufbaut, sondern realistisch um sich weiß, der wird durch ein überzeugendes Leben andere beeindrucken können. Der Zöllner des Evangeliums zeigt mir als Christ: Rede nicht darüber, wie du bist, sondern lebe so, dass andere fragen, wer du bist.