Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 19, 1-10

Pfarrer Jörg Coburger (ev.-luth.)

16.06.2013 im Freiberger Dom

Predigtpreis 2013 für die beste Predigt

Predigtpreisträger 2013

Lebensgeschichten.

Zachäusgeschichten.

Unzählig, wie Menschen einmalig, nichts wiederholbar.

Die Lebensgeschichte des Bernd Z.

Ich wurde zum Trauergespräch gebeten.

Übermorgen soll er zu Grabe getragen werden.

Frau M. steht bei „Hinterbliebene/Ansprechpartner“ auf dem Formular; wer Bernd Z. ist, weiß ich überhaupt nicht. Eine Bibliothek aus Ereignissen, Verstandenes und Gelungenes und Dunkles, viele Dinge, die nur ganz alleine bei Gott ganz und vollständig sind, nicht so bruchstückhaft, wie wir Menschen es sehen können.

Wer war Z.? Erinnerung, die schöne Lügnerin. Und mit einem Mal habe ich neu verstehen gelernt, was es heißt, der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Ja, verlorene Seelen, sicher, aber nicht auch verlorene und vergessene Lebensgeschichten? Also bringt der Menschensohn, der in dem Abgrund tiefster Schuld sein Licht hinterließ, auch in dieses Leben hier Licht und Klarheit hinein?

Frau M. legt vor uns ein Foto auf den Tisch, noch wie früher, mit gezackten Rändern.

Darauf steht „Foto Geising, Benndorf“.

Ich weiß, das liegt in Thüringen.

Dort in der Gegend waren 1945 zuerst die Amis, dann kamen die Russen.

Das war in Potsdam so ausgemacht worden, was wem gehören soll.

Auf dem Bild ist ein kleiner, leicht schielender Mann zu sehen; geradezu anmutig liegen seine dünnen Hände auf einer Stuhllehne auf, halb dahinterstehend schaut er im Seitenprofil mit schönem vollem Haar wie staunend und durchaus nicht ängstlich in Richtung Fotograf.

So war er offenbar hingestellt worden, das wurde um diese Zeit so gemacht, denke ich.

Und bei der Tochter vom Bürgermeister und noch einer anderen hätte er Chancen gehabt, erzählt sie mir. Seinen Erzählungen nach habe er immer von zu Hause einen Geruch im Gedächtnis gehabt, der ihm als Kernseife im Gedächtnis geblieben war, und dass seine Mutter in der Familie oft, selbst wenn er dabei war, sagte: „Hüte dich vor kleinen Männern! Er sei dann noch kleiner geworden. „Die sind gefährlich, weil sie immer größer und wichtiger sein wollen, als sie sind.“ Und danach folgten von seiner Mutter lange Minuten mit Stacccato-Worten zwischen ihren Zähnen.

Frau M.: Eines Tages war dann auch der Name gefallen.

Bernd Z. Von ihrer Freundin.

Die Freundin: „Einer von den Schweinen, die mithalfen, welche ins Lager zu bringen.“

Zusammen mit den Russen hatte 1946 die KVP eine Gruppe gebildet, müssen sie wissen, für die, als manche Deutsche alsbald Russisch konnten, es sich durchaus lohnte, darauf aufzupassen, wer auffällig war oder besser noch, aus den Kasernen ausbrechen wollte, der Krieg war doch vorbei, endlich nach Hause in den Osten zu kommen. Fahnenflucht. War ja gefährlich, der Kriegzustand war von den Russen auch nach dem Krieg nie aufgehoben. Also immer eine Flucht quer durch Deutschland.

Die wurden wieder geschnappt.

Dafür brauchten Russen aber Hilfe von Unseren.

Die sind dafür mit Extras und Wohnungen, sogar mit Autos und irgendwelchen anderen Sachen entlohnt worden, Mangel und Bedarf gab es ohnehin genug.

Und Frau M. erzählt noch weiter:

1945 war dieser Bernd Z. gerade aus der Schule gekommen, er war schon siebzehn.

Besser gesagt, hatte mehr abgebrochen, versäumt und wiederholt, was mit Unterrichtsausfall, Bombenalarm, gefallenen oder vermissten Lehrern zu tun hatte und seinem Problem, was zu Kapieren.

Bernd Z., mit Ach und Krach Achtklassenabschluss, ging vom VEB Kohlehandel als Heizer zum Rat des Kreises, überall hingen jetzt rote Fahnen und Bilder von Stalin und Grotewohl.

Dort suchten sie jemand, der durch die kleinen und engen Zwischengänge passte, wenn Kohlenlieferung kam oder die Füchse mit dem langen Eisenbesen vom Ruß zu reinigen waren.

Z. bekam Bestnoten.

Alle mochten ihn, er kam nie zu spät.

Und verschwiegen war er auch! Er soll auch zum Aufbauen Judo-Training gekriegt haben.

Sie hat das Bild nun vor sich liegen, streicht manchmal die Ecken glatt.

Wenn nachts heimlich eine Schwarzlieferung kam, sagt sie, die Autos natürlich immer ohne Licht, lag sein Kellerschlüssel immer an der verabredeten Übergabestelle hinter den Kohlen.

Keine Flasche Schnaps, Zigaretten oder Nylonstrümpfe fehlten am nächsten Tag oder waren kaputt; dabei war es üblich, ein paar Anteile abzuzweigen.

Gut so, denn den Cognac roch man noch am nächsten Morgen im ganzen Treppenhaus, da kannste noch so putzen.

Und er konnte sich stets darauf verlassen, hinter dem schmalen Schlitz unter dem Treppenschacht etwas für sich zu finden, mal Fleischkonserven mit Ami-Schrift drauf, auch mal sogar etwas Frisches. Das ließ sich alles umsetzen oder auch selber verwenden.

Nach einer kurzen Pause, vor uns liegen noch andere Fotos, Frau M. hatte Tee gemacht:

Manchmal muss es nachts irgendwie geschossen haben.

Niemand wusste was Genaueres.

Ob´s was Ernstes war oder die Russen nur wieder gesoffen hatten.

Da war dann immer in der Ansorg-Villa bis frühmorgens Licht und draußen mussten im Jeep die Fahrer warten. Drushba. Freundschaftstreffen.

Ab und zu ließen sie im Frost vorsichtshalber die Autos an oder gleich durchlaufen.

Meine Mutter hat einmal einem Fahrer was zu Essen gebracht, der musste dort stundenlang warten. Er hatte es nicht genommen, die einfachen Soldaten durften nichts annehmen. „Wergieftet“ machte meine Mutter nach „Er hat nach den Brotpacket geschlagen.“

Und nach einer kleinen Pause: „Vollgekotzt haben die das ganze Auto, und der Fahrer musste es wegmachen“

Einmal waren Schüsse gefallen, aber diesmal war gar kein Freundschaftstreffen, kein Licht im großen Saal oder sonst wo beim Rat des Kreises.

Das war auch die Zeit, als Bernd Z. nicht mehr heizen musste, sondern nach oben durfte. Eigenes Zimmer, eigener Schreibtisch.

Er ging jetzt im Anzug.

„Das Schwein“ war Verbindungsmann zu den Russen geworden.

Musste nicht mehr heizen und Asche schleppen und so.

Er schrieb jetzt.

Berichte.

Unauffällig.

Auffälliges.

Nun war Ruhe.

Keine Schüsse mehr.

Keine Fahnenflucht mehr.

Auf Z. war Verlass.

Dann hatten sie Parterre aus dem Nachbarhaus in aller Herrgottsfrühe den Gustav abgeholt, weil er angeblich einen Russen versteckt hatte. Seine Kinder haben das ganze Haus zusammengebrüllt. Wer ihn gemeldet hat…? Sie zieht die Schultern hoch und schaut durch mich hindurch.

Danach zog Bernd Z. um.

Ins Nachbarviertel.

Dort waren die Wohnungen fast nicht zerbombt und die meisten Scheiben noch drin.

Und in den Straßen standen schöne alte Bäume und es gab richtige Gaslaternen, mit Glas drin. Und bald hatte er auch einen eigenen Fahrer.

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Gestern nun haben wir Bernd Z. begraben.

Niemand war gekommen.

Ich sollte kommen, aber „ohne Talar, ganz persönlich und rein privat“, nicht als Pfarrer kenntlich, aber er habe sich –angeblich, denke ich - einen Pfarrer gewünscht. Nun gut.

Nur Frau M. ist am Grab.

Ihre Enkelin hatte sie im Rollstuhl hingebracht.

Wir haben uns aus der Schule gekannt.

Bernd war immer so leicht zu erschrecken.

Er hatte sonst niemand.

Sie hatten später einmal zusammen in den Urlaub gewollt,

aber am Tag vorher hatte Bernd Z. alles abgesagt.

Aber er hatte nicht aufgehört, ihr Blumen zu bringen.

Und sie waren auch zusammen in Konzerten, am liebsten Orgel, betont sie mit erhobenem Zeigefinger.

Dann sei ihre Mutter krank geworden.

Es gab ein Medikament, das ihr helfen könnte, sagte der Arzt. Aber nur im Westen, für Westgeld. Sie bekam es. „Mama hat noch schöne sieben ein halb Jahre gelebt, sagt sie.

Und auf meine fragenden Blicke wegen der Westmedikamente hin:

Nein, nein, in der Partei seien sie nicht gewesen.

Und ganz leise: Ich weiß, dass er sie besorgt und bezahlt hat, die ganze Zeit.

Der offizielle Kurs war eins zu vier Westmark, wissen sie, aber in Wahrheit waren es sogar bis einszehn. Beziehungen!

Einmal wollten wir tanzen gehen, nein, ich wollte es eigentlich.

Er hatte so schöne, weiche und leise Bewegungen.

Er war fast ein Kopf kleiner als ich - und das bei meiner Figur!“ Sie lacht.

Es wurde nichts. Nachts bekam ich dann Anrufe.

Ich hörte ihn am anderen Ende atmen. Bernd, bist du das?

Ich wusste es genau. Er war einfach zu feig, immer nur feig.

Bis ich eines Tages, zugeben, ich hatte was getrunken, einfach „Ich hab dich lieb“ sagte.

Sein Schweigen war tätlich.

Wer dran war, fragte meine Mutter jedesmal.

Als sie wegen ihres Kehlkopfes schon fast nicht mehr reden konnte, sagte sie einmal mehr zu sich selbst:

„Ich weiß sowieso dass der das immer ist, das Schwein.“

Das mit dem Schwein hatte ich genau gehört, aber sie stritt es anschließend ab.

Er legte immer nach ein paar Sekunden auf.

Einmal hätte er mich beinahe geküsst.

Ihre Rehaugen leuchten.

Ich habe den Eindruck, dass ihre Enkelin das auch alles zum ersten Mal hört.

„Wir waren zum Freitagskonzert in Michaelis.

Er war wütend über den Pfarrer, weil der nach jedem Satz wie eine Schallplatte sagte:

`Aber das muss jeder für sich selbst wissen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Seitdem hieß er bei uns immer nur `die Schallplatte`.

Aber das andere aus der Bibel wusste Bernd noch.

Also das mit den zwei Söhnen.

Wo der eine mit seinem Erbe gegangen ist und hatte dann bald nichts mehr, sie wissen schon, Partys und Weiber und so…

Und die ganze Zeit hat sein Vater auf ihn gewartet.

Und ihn umarmt, als er ihn wiederhatte.

Und der andere Bruder zu Hause, wo er nun aus der Fremde total kaputt zurückkommt, hatte über seinen eigenen Bruder gesagt: `Wer sich mit Schweinen abgibt, wird selbst dreckig. Einmal Schwein, immer Schwein.`

Da habe ich es neben mir in der Bank an seinen zitternden Schultern gemerkt. Bernd hat weggeguckt und geheult. Sein Rücken war gegen mich. Das war die Zeit, als meine Mutter die teuren Spritzen aus dem Westen kriegte, ich weiß es, er hat´s die ganze Zeit alles besorgt. Ich habe seine Hand genommen. Wir waren dann bei ihm zu Hause. Mehr war´s ja nicht. Aber er war sicher glücklich, irgendwie eben. Wenn es verlorene Seelen gibt, dann war Z. eine. Und nun hat ihn Gott gerufen. Und sie fügt noch hinzu: Ich kann nicht mal vom ihm sagen, ob er das geglaubt hat. Aber ich weiß, dass Jesus ihn trotzdem will.

Wir verabschieden uns.

Der Friedhofsmitarbeiter schaute auffordernd;

er wollte die Urne Freitag Nachmittag noch schnell zumachen.

Und ich weiß, sie wird für ihn beten, auch wenn sie das nicht gesagt hat.

Und ich weiß, alles Versäumte blüht noch einmal auf.