Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2

Dr. theol. Edgar S. Hasse (ev.-luth.)

24.12.2013 vor der Küste Marokkos

Weihnachtspredigt an Bord der Mein Schiff 1 von TUI Cruises, einem Kreuzfahrtschiff mit rund 2000 Passagieren. Die Predigt habe ich am Heiligen Abend 2013 um 23 Uhr im Theater des Schiffes vor rund 250 Besuchern gehalten

Das Ereignis der Stille zwischen Afrika und den Kanaren - Christmette

© TUI Cruises (v.l.: Tatjana Gerber, TUI-Gastgeberin, Edgar S. Hasse, TUI-Cruises Bordseelsorger, und Kreuzfahrtdirektor Martin Schwarz)

Predigt Christmette für die Gäste 24.12.2013

„Mein Schiff 1“

Liebe Passagiere,

liebe Schwestern und Brüder,

Zu einem Mönch, der in einem einsamen Kloster lebte, kamen einst Leute und fragten ihn: „Was für einen Sinn sieht du in deinem Leben – in dieser ewigen Stille und Einsamkeit?“ Der Mönch war gerade dabei, im Klosterhof mit einem Eimer Wasser aus dem Brunnen zu holen. Er sagte zu den Besuchern: „Schaut jetzt in den Brunnen hinein. Was sehr ihr da?“

Sie schauten in die Tiefe. „Wir sehen nichts, gar nichts.“

Nach einer Weile forderte der Mönch die Besucher erneut auf, in den Brunnen zu blicken. Als die Leute sich über den Brunnenrand beugten, fragte er sie: „Was seht ihr jetzt?“ sie antworteten: „Jetzt sehen wir uns selbst.“

Da sagte der Mönch: „Als ich vorhin Wasser geschöpft habe, war das Wasser noch unruhig. Jetzt ist es ruhig geworden. Das genau ist die Erfahrung der Stille: „Man sieht sich selbst. Und wenn man mit sich selbst zur Ruhe gekommen ist, sieht man auch die Welt mit ganz anderen Augen - und man kann Gott begegnen.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Ihre Gedanken und Gefühle in dieser Stillen, heiligen Nacht, zu einer Begegnung mit der Stille führen.

Ein erfüllter Tag geht heute zur Neige, der Heilige Abend auf einem Schiff, dem Wohlfühlschiff 1 von TUI Cruises. Sie haben die vergangenen Stunden gefeiert als ein Fest der Familie, vielleicht auch als Fest der Geburt Jesu. Sie haben den Komfort und den Luxus an Bord genossen, die Gala, das Rahmenprogramm, den Blick auf das weite Meer. Und bestimmt sind Sie froh darüber, in diesen Tagen nicht für alles selbst verantwortlich zu sein: Weder für das Schmücken des Tannenbaumes noch für das opulente Weihnachtsessen. Sie haben sich bewusst entschieden, das Fest aller Feste fernab vom inszenierten Rummel in Deutschland zu feiern. Hier, auf der „Mein Schiff 1“.

Doch kann es sein, dass es uns ein wenig schwer fällt, hier und heute die Heilige Nacht zu feiern? Nicht weit ist es zu den Moscheen an Land und zu den Menschen, die an den Einen, absoluten Gott glauben wie wir. Auf jeden Fall ist es ungewohnt, bei warmen Temperaturen das Christfest zu begehen – fernab von der deutschen Weihnachtssentimentalität, fernab von einem Festtagsrummel, der vielen von uns zu Hause einfach auf die Nerven geht. Wären wir in Deutschland, wären wir in Mitteleuropa, würden wir zu später Stunde in einem schlecht geheizten Gotteshaus sitzen, einen Wintermantel tragen und am Ende womöglich durch den Schnee stapfen. Oder wir säßen vor dem Fernseher und guckten den Papst in Rom.

Unter südlichem Himmel vor Afrika entfaltet sich eine andere Atmosphäre. Die Rede von Weihnachten, die jüdisch-christliche Geschichte von Tausendundeiner Nacht, gewinnt auf diesem Schiff, eine neue Bedeutung. Es geht nicht mehr um Äußerlichkeiten, um Kommerz und weiße Weihnachten, den Festtagstrubel mit den vielen Verwandten und die alljährliche Frage: Fondue, Kartoffelsalat, Gans oder Hummer?

Es geht bei uns, hier und heute, in ganz besonderer Weise um das Wesen, den Kern der Heiligen Nacht. Sonst wären wir nicht, in diesem Theater und auf dieser Bühne , wo es gerade im vergangenen Frühjahr besonders laut war. Denn hier feierten die Heavy Metal Fan auf ihrer ersten, eigenen Kreuzfahrt bei TUI Cruises die musikalischen Helden der Szene.

Es geht jetzt um die Stille. Um die Stille, Heilige Nacht, in der unserer Herr Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria, auf diese Welt kam.

Wir leben in einer lauten Welt, auch wenn es in unseren Häusern und Gärten behaglich sein mag. Wer direkt an einer stark befahrenen Straße steht, wird einer Lautstärke von 80 Dezibel ausgesetzt. Der Start eines Flugzeugs fordert unsere 15 000 Hörzellen mit 120 Dezibel. Wie leise ist dagegen ein leichter Landregen, den wir mit gerade mal 30 Dezibel gerne hören.

Auch auf dem Schiff kann es laut sein. Aber wir können an Bord auch Stille entdecken. Ich meine zum Beispiel die Momente, wenn wir auf einem der Decks stehen und zum Mond und zu den Sternen blicken. Das Universum über uns lebt und webt im langen, ewigen Atem der Stille. Schauen Sie heute in der Heiligen Nacht oder morgen, wenn keine Wolken am Himmel sind, auf diesen nächtlichen, glänzenden Himmel. Fangen Sie so die Stille in Ihrer Seele ein. Die stille, heilige Nacht. Den Mond, der glänzend Hof hält mit Saturn und Jupiter und all den anderen gestirnten Geschöpfen über uns. Es ist die Stille, aus der die Schöpfung atmet.

An Weihnachten gewinnt die Rede von der Stille, der stillen Nacht, stets neue Aufmerksamkeit. Zumindest wird sie in dem alten Choral „Stille Nacht“ besungen, im Kreis der Familie genauso wie in den Gotteshäusern und im Fernsehen und Radio. Stille ist in Deutschland auch jetzt, weil das öffentliche Leben spätestens seit dem Ladenschluss um 14 Uhr am Heiligen Abend praktisch zum Erliegen gekommen ist. Die Menschen haben sich mit ihren Familien in die eigenen vier Wände zurückgezogen. Sie feiern in ihren Privatkathedralen, den festlich geschmückten Weihnachtzimmer mit leuchtenden Tannenbäumen. Es sind nur wenige Stunden der Stille über dem Land, aber sie prägen sich ein.

Wir unterbrechen mit diesem großen Fest und in der Christnacht ganz besonders den sonst so hektischen Alltag. Das wollen wir auch jetzt tun, da wir uns hier treffen und die anderen irgendwo in den Suiten und Kabinen feiern oder in den Bars sitzen.

Die Weihnachtsgeschichte bei Lukas ist ein ganz besonderes Dokument der Stille. Um das zu erklären, müssen wir noch einmal genauer hinschauen. Wer eigentlich redet, wer spricht in der Heiligen Nacht von Bethlehem? Es ist der Himmel, der spricht. Es sind die Engel, die sagen: Fürchtet Euch nicht. Die sagen: Frieden auf Erden. Der Himmel spricht, der Mensch aber schweigt. Lukas erzählt nicht, wie genau das Kind zur Welt kam. Er schildert nicht die Ängste und Sorgen der jungen Mutter. Es wird auch kein Wort mitgeteilt, dass Josef etwas gesagt hätte.

Stattdessen heißt es bei Lukas im Neuen Testament:

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Nicht einmal der erste Schrei des Kindes, das erste Atemholen außerhalb des Mutterleibs, wird uns überliefert. Das Jesuskind sagt und schreit nicht, es kann nichts sagen und braucht auch nichts zu sagen, weil es selbst Wort, Gottes Wort ist.

Nichts von den Wehen und dem Geburtskampf der werdenden Mutter. Für den Vorgang der Geburt selbst interessiert sich Lukas nicht. Ihm ist lediglich wichtig, in welch ärmlichen Umständen das Jesuskind zur Welt kam. In einem Stall, bei den Tieren. Und die Krippe war ein steinerner Futtertrog.

Es sollte uns nachdenklich machen, dass der Mensch, dass die Menschen in jener Nacht schweigen. Die Hirten schweigen, die heilige Familie schweigt, Maria, Josef und selbst das Neugeborene. Warum ist das so? Warum fehlt der Hinweis auf den sprechenden, redenden, schreienden Menschen, auf den spezifischen Urschrei des Menschen, auf das, was unser Menschsein so entscheidend auszeichnet und von den Tieren unterscheidet?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Weil Gott allein spricht. Wenn Gott bei den Menschen zur Sprache kommen will, setzt er eine Grundbedingung: Dass er, der Mensch, still ist und schweigt. Dass der Mensch nicht spricht, dass er seine Worte einmal ruhen lässt. Erst im Schweigen der Sprache, in der Stille, wird Gott uns Menschen ganz nahe. Wird er zum Ereignis für uns. Klar und leuchtend nah in seiner Herrlichkeit.

Gott allein ist der Handelnde in jener Heiligen Nacht. Er spricht, indem seine Engel sprechen und den Menschen Frieden auf Erden und Gottes Wohlgefallen verkünden.

Ich lade uns also alle ein, jetzt still zu werden in dieser Heiligen Nacht auf der Mein Schiff 1.

Schauen Sie in den Brunnen wie die Besucher des Mönches aus der Geschichte. Geben Sie Ihren Gefühlen Raum. Ihrer inneren Freude und Zufriedenheit; Ihrer Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Vielleicht auch Ihrer Trauer nach persönlichen Schicksalsschlägen und dem Verlust eines geliebten Menschen. Blicken Sie in die Tiefe, in den Schmerz. Er ist da ­ - aber er ist lediglich ein Teil ihres Lebens.

Sie sind auf dem Schiff unterwegs und suchen innere Ruhe, vielleicht auch das Glück.

Lassen Sie sich mit offenem Herzen von Gott bewegen und mit Freude beschenkt werden. So wird die Stille zu einem Ereignis.

(…/ Hier erfolgt eine Pause von einigen Minuten. Nur die Schiffsmotoren sind zu hören)

„Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!“

So sprach der Engel in die Stille der Heiligen Nacht. Er sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“

Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, möge uns, den Schweigenden und den Hörenden, im Ereignis seiner Liebe nahe sein.

Amen