Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,1-19

Pfarrer Daniel Hess

24.12.2016 Stadtkirche in Aarau (CH)

Christnachtfeier

Liebe Gemeinde

Was macht eigentlich ein Pfarrer, der den Weihnachtskoller hat? Das kann ja schon einmal vorkommen. Gehört quasi zum Berufsrisiko. Aber was macht er dann? Soll er sich einfach nichts anmerken lassen? Soll er so tun wie nichts wäre und trotzdem eine erbauliche Predigt halten? Aber: Ist er dann noch glaubwürdig oder macht er den Leuten nicht einfach etwas vor? Und was, wenn ihm das nicht recht gelingen will? Soll er einfach eine Predigt vom letzten Jahr nehmen? Das würde ja wahrscheinlich ohnehin niemand merken. Weihnachten bleibt sich ja meistens gleich und lebt von der Wiederholung.

Was macht eigentlich ein Pfarrer, der den Weihnachtskoller hat? Sie ahnen es vermutlich schon: Auch wenn diese Frage ziemlich allgemein und unverfänglich daherkommt, so rede ich an dieser Stelle ja wohl von mir, von mir selbst. Ja, ich muss zugeben, es gibt Momente, da überkommt mich der Weihnachtskoller. Dabei habe ich sie im Grunde genommen gerne, die Advents- und Weihnachtszeit. Mit ihren Besonderheiten, mit ihren Bräuchen, mit ihren Lichtern und Dekorationen. Mit den Guetzli und dem feinen Essen, mit dem gemütlichen Beisammensein. Kurz: Die Weihnachtszeit mit allem, was dazugehört. Das volle Programm. Ich möchte sie nicht missen. Es würde mir etwas fehlen.

Aber es gibt Momente, da ist es anders. Momente, in denen sich bei mir plötzlich ein Widerspruch auftut. Ein Widerspruch zwischen diesem Glanz und Gloria und meinem eigenen Empfinden. Es gibt Momente, in denen ich beides nicht zusammenbringe. Diese Festtagsstimmung und der Alltag. Ich bringe es nicht zusammen. All die O du fröhliche-Lieder mit den Nachrichten und Schreckensmeldungen dieser Woche, mit den Bildern aus Berlin. Aus Syrien. Oder woher auch immer. Ich bringe es nicht zusammen. Die Botschaft, die der Engel verkündet mit all den Hiobsbotschaften, die uns ausgerichtet werden. Hiobsbotschaften von Krieg und Terror. Von Entlassungen und Stellenbabbau. Von Armut auch bei uns. Hiobsbotschaften, die von zunehmender Gewaltbereitschaft berichten und von der wachsenden Angst vor Überfremdung. Ich bringe sie nicht zusammen, diese festliche Stimmung auf der einen Seite und die Verunsicherung auf der anderen Seite. Eine Verunsicherung, von der ich den Eindruck habe, dass sie sich mehr und mehr ausbreitet und immer grösser wird.

Und in diesen Momenten, in denen ich all dies nicht zusammenbringe, möchte ich mich am liebsten dieser ganzen weihnächtlichen Betriebsamkeit entziehen, die überall herrscht. Aber das ist oft leichter gesagt als getan. Nicht einmal der Fernseher bringt in diesem Fall Ablenkung. Selbst dort wird noch auf jedem zweiten Kanal Jingle Bells geträllert oder ein besonders witziger Weihnachtsmann macht irgendwelche Faxen.

Und in einem solchen Moment frage ich mich ernsthaft, was dies alles soll. Weihnachten, dieses ganze Theater und dieser Rummel, der da Jahr für Jahr veranstaltet wird. Was also macht ein Pfarrer, der den Weihnachtskoller hat? Mir hilft in diesem Fall nur eines: Homöopathie. Und ich meine damit nicht irgendwelche Kügelchen zum Schlucken. Sondern das Prinzip, welches sich diese Medizin zu Eigen gemacht hat. Das Prinzip nämlich, ähnliches mit ähnlichem zu heilen. Mir hilft gegen den Weihnachtblues nur eines: die Weihnachtsgeschichte. Die Weihnachtsgeschichte so wie sie in der Bibel steht.

Wenn ich mich auf sie einlasse, mich mit ihr auseinandersetze, merke ich schnell einmal, dass sie mehr ist als eine nette liebliche Geschichte oder ein frommes Märchen. Denn auch die Weihnachtsgeschichte spielt in einer alles anderen als heilen Welt. „Es geschah aber in jenen Tagen“ so beginnt sie. Und dann erzählt sie. Erzählt, was in jenen Tagen alles passierte. Erzählt von den Menschen und ihrem beschwerlichen Alltag. Erzählt davon, was damals alles zusammen kam, das überhaupt nicht zusammen passte. Und sie erzählt eigentlich von lauter Unstimmigkeiten, Ungereimtheiten, Unpässlichkeiten. Nichts passte damals zusammen. Aber auch gar nichts! Der Befehl des Kaisers Augustus, der das ganze Volk als Manövriermasse in der halben Weltgeschichte herumjagt. Die beschwerliche Reise für Maria und Josef, die sich ihr Elternwerden weiss Gott anders vorgestellt hatten. Diese ungeklärte Frage der Vaterschaft, die ihre Beziehung belastet. Die drei Weisen aus dem Morgenland, die sich dummerweise nach Jerusalem verirren. Herodes, der über Leichen geht, nur um seine eigene Haut zu retten. Und dann Bethlehem. Dieser Ort, aus dem Josef kam und wo doch niemand auf ihn und seine Verlobte wartet. Niemand, der  für die beiden Platz hat. Am Schluss landen die zwei völlig abseits, in einem schitteren Stall. In einer ungastlichen Gegend.  Einer Gegend, in die sich höchstens ein paar Hirten verirren. Hirten, jene verrufene Gesellen und dubiose Gestalten, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte.

Aber ausgerechnet in diesen Tagen, in denen nichts wirklich zusammen passt und in dieser dunklen und verlassenen Gegend, wo es niemand für menschenmöglich halten würde, ausgerechnet dann und ausgerechnet dort, passiert es. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte. Und davon, dass plötzlich eine Stimme zu hören war, die sagt: Fürchtet euch nicht! Davon, dass in der Dunkelheit der Nacht plötzlich fröhliche Lieder angestimmt wurden. Davon, dass ein Engel bei den Menschen die Sehnsucht nach Frieden weckte. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte und davon, dass Menschen sich bewegen liessen von dieser Botschaft: Ehre sei Gott in der Höhe. Davon, dass ein Stern auf dem Weg leuchtete. Davon, dass mitten in der Nacht ein Lichtglanz zu sehen und zu spüren war. „Und es geschah“ erzählt die Weihnachtsgeschichte und davon, dass ausgerechnet in jener Zeit und in jener Gegend, in der nichts zusammen passte, Gott Mensch wurde. Ausgerechnet dann und ausgerechnet dort!

Und genau das macht für mich die Weihnachtsgeschichte so unheimlich stark. Das ist für mich Medizin: tröstlich und heilsam. Weil die Weihnachtsgeschichte all diese Ungereimtheiten nicht ausblendet und überspielt, sondern mit hinein nimmt in das Geschehen und mir deutlich macht, dass Gott mich nicht alleine lässt. Gott lässt mich nicht alleine, auch dort nicht, wo ich selber nicht weiter weiss. Gott lässt mich nicht allein. Auch dort nicht, wo ich vieles nicht zusammenbringe. Gerade deshalb wurde Gott in Jesus Christus Mensch. In all diese Widersprüchlichkeiten hinein. Er hielt all diese Widersprüche aus und hat sie nicht zuletzt auch schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Um uns eine Hoffnung, um uns eine Perspektive zu geben. Oder wie es der deutsche Theologe Jochen Klepper einmal formulierte: „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt!“ Genau von diesem Licht, das in unser Dunkel hineinleuchtet, von diesem Licht erzählt die Weihnachtsgeschichte. Dieses Licht will sie uns näher bringen. Dafür will sie uns die Augen öffnen. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.

Nur auf etwas verzichtet die Weihnachtsgeschichte. Nur etwas erzählt sie nicht. Sie erzählt kein Happy-End. Kein erlösendes Ende, das all die Ungereimtheiten und Widersprüche einfach auflösen würde. Täte sie das, wäre die Weihnachtsgeschichte ja tatsächlich nichts anderes als ein Märchen, weit weg von unserer Realität.

Aber sie erzählt kein Happy-End. Sie verzichtet überhaupt auf ein Ende. Sie erzählt von keinem Schluss. Sie erzählt vielmehr einen Anfang. Ein Anfang, der Gott mit uns macht. „Und es geschah.“ Da in jener Nacht und immer wieder neu. Sie erzählt von der Verheissung des Anfangs. Damals und heute.

„Und in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Sagt Hermann Hesse. „Und in jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Mir scheint, in der heiligen Nacht ist etwas von diesem Zauber spürbar. Bis heute. Trotz allem. Mir scheint, uns Christinnen und Christen bleibt nur eines: Nicht aufhören anzufangen. Nicht aufhören anzufangen dieser Verheissung zu trauen. Hier, jetzt und heute. Amen.