Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,14

Dr. Thomas Meurer

13.12.2001 in der Jugendvesper der Abtei Königsmünster, Meschede

Predigtpreis 2002 für die beste Predigt

 

Predigt steht in gekürzter Fassung als mp3-Datei zur Verfügung

Unfriede auf Erden und den Menschen kein Wohlgefallen

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Mein Verhältnis zu dem Engel an unserer Weihnachtskrippe daheim ist seit Kindertagen gespannt. Nicht nur, dass er mich mit seinem lockigen Haar und seinem hellblauen, fast weißen Gewand seit ich denken kann an Tante Änne erinnert, er widersetzt sich auch alle Jahre wieder dem beherzten Versuch, ihn am Dachfirst des Stalles zu befestigen, durch wenigstens einen Sturz vor die Füße der heiligen Familie. Wenn es endlich gelungen ist, ihn dort zwischen Himmel und Erde an der Dachspitze des Stalls zu fixieren, hängt er mit seiner Banderole da: „Gloria in Excelsis Deo“. Mit der rechten Hand deutet er nach unten auf das Geschehen im Stall. Seine Linke und seine Augen sind nach oben zum Himmel erhoben. Ich muss gestehen: Ich mag ihn nicht. Und das hat wirklich gar nichts damit zu tun, dass er mich an Tante Änne erinnert. Es ist wohl eher so, dass er mich irritiert. Seine Haltung, die so leicht und beschwingt sein soll, hinterlässt bei mir einen beinahe körperlichen Schmerz. Er versucht, Himmel und Erde zueinander zu bringen. Ein Kraftakt, der in mir eher Mitleid und Bedauern weckt.

In wenigen Tagen werden wir wieder Weihnachten feiern. Weihnachtsmärkte, Weihnachtsdekorationen und die in allen Kaufhäusern unüberhörbaren Weihnachtslieder versuchen uns davon zu überzeugen, dass jetzt die schönste Zeit im Jahr ist, dass Kummer und Harm still schweigen und dass eine Zeit für uns angebrochen ist, die uns eine große Freude bringt. Aber stimmt das denn? Sind das nicht immer dieselben alten Geschichten aus zweitausendundeiner Nacht, in der ein kleines Kind - die personifizierte Bedürftigkeit und fleischgewordene Angewiesenheit - der Welt ein neues Gesicht geben soll? Wäre es nicht ehrlicher, zuzugeben, dass diese Erde und die Menschen auf ihr keinen Deut besser geworden sind, dass diese Welt immer noch, ja vielleicht sogar mehr denn je, ihre Fratze zeigt? Weder Weltfriede noch sozialer Friede sind am Anfang dieses dritten Jahrtausends in absehbare Nähe gerückt. Statt sozialem Frieden wachsende Not der Erwerbslosigkeit und wo die nicht ist, die Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Statt Weltfrieden eine durch Terroranschläge verunsicherte Weltgemeinschaft, in der tiefe Verletztheit und eine unbezähmbare Angst dazu führen, grenzenlose Ge­rechtigkeit durch ungezügelte militärische Gewalt durchsetzen zu wollen. Hat Lukas den Engeln des sogenannten „Weihnachtsevangeliums“ nicht vielleicht doch den falschen Text in den Mund gelegt? Hätten sie nicht zutreffender vom Unfrieden auf Erden künden müssen und davon, dass unter den Menschen kein Wohlgefallen herrscht?

Der Engel am Dachfirst des Stalls meiner Weihnachtskrippe wird sich in diesem Jahr sicher nicht mehr anstrengen müssen als zu den Kriegsweihnachten der vierziger Jahre oder zu den Weihnachtsfesten, an denen in unserer Familie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod oder zerbrochene Beziehungen sich als ungebetene Gäste eingestellt hatten. Und doch frage ich mich, warum dieser zwischen Himmel und Erde ausgespannte Engel nicht einfach seine Banderole zusammenrollt und weggeht. „Gloria in Excelsis Deo“, Ehre sei Gott in der Höhe! - Wer kann das noch sagen angesichts dieser Welt? Ich stelle mir vor, dass der Engel an meiner Krippe einfach weggeht, jetzt gleich. Dass er die Nase voll davon hat, beständig die Hände nach Himmel und Erde ausstrecken zu müssen, um zusammenzubringen, was seiner Meinung nach zusammengehört. Und ich stelle mir vor, dass er es leid ist, zu sehen, dass sich auf Erden immer noch keine himmlischen Zustände durchgesetzt haben und dass Gott sich in der Höhe mit einem immer sparsamer werdenden „Gloria!“ zufriedenzugeben scheint. So ist das wohl mit denen, die „vom Himmel hoch“ herkommen: Sie stürzen auf den harten Boden dieser Welt, werden niedergedrückt durch den Unfrieden auf Erden und das fehlende Wohlgefallen unter den Menschen. Engelsdepression. Materialermüdung.

Heinrich Böll erzählt in seiner Novelle „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (entstanden 1952) vom silbrig gekleideten rotwangigen Engel an der Spitze des Tannenbaums seiner Tante Milla, „der in bestimmten Abständen seine Lippen voneinander hob und ’Frieden’ flüsterte.“ (Werke, Bd. 1, 813). Als Tante Milla im Krieg beginnt, jeden Abend - ein ganzes Jahr hindurch - Heilig Abend zu feiern und der mechanische Engel an der Tannenbaumspitze ohne Unterbrechung sein „Frieden!“ flüstern muss, ist dessen Mechanik auf Dauer der Anforderung nicht gewachsen. Die Abstände zwischen seinen Rufen verkürzen sich, bis seine Stimme zu guter Letzt kollabiert. Hat sich nicht am Ende auch die Botschaft jener ersten Weihnacht durch ihre alljährliche Wiederkehr bis zur Karikatur hin verbraucht? Drohen nicht ihre Boten angesichts des immer schneller und - zumindest mit Blick auf die Kaufhäuser und Weihnachtsmärkte - immer früher wiederkehrenden Weihnachtsfestes leiser zu werden und am Ende resigniert zu verstummen? Vielleicht wäre längst eine Weihnachtsabstinenz fällig, eine weltweite Entscheidung, wenigstens ein Jahr auf Weihnachten zu verzichten, damit sich unsere Sinne wieder erholen und wir wieder neu empfindsam werden können für das, was Weihnachten sagen will.
Empfindsamkeit hat mit Ästhetik zu tun. Aber was im Geschiebe der Weihnachtsmärkte, im Geschrei der Lichterketten und illuminierten Weihnachtsmänner und im Gebrüll der Gerüche aus Bratwurst- und Glühweinbuden, was im Kaufzwang der vorweihnachtlichen Zeit mit uns geschieht, ist wohl eher unästhetisch zu nennen. Ich will das nicht verdammen und niemandem - auch mir selber nicht - die Freude an all diesen Dingen nehmen. Aber ich will bewusst machen, was da mit uns geschieht: dass sie unablässig am Werk sind, die „Weihnachtsanästhesisten“. Dass sie uns unempfindlich machen für die Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren. Friede und Wohlgefallen aber sind Kategorien der Empfindsamkeit. Sie sind Gebilde der Ästhetik.

Kunstvoll und ästhetisch ist auch der Lobpreis, den Lukas den himmlischen Heerscharen in seinem „Weihnachtsevangelium“ in den Mund legt. An dem Zweizeiler „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“ (Lk 2,14) haben sich viele Bibelwissenschaftler die Zähne ausgebissen. Wie ist gemeint, was Lukas den himmlischen Heerscharen dort in den Mund legt? Die aus dem Weihnachtsevangelium so vertraute Form der Übersetzung gibt den griechischen Text nur unzureichend wieder. Von „doxa“ ist da die Rede, die in den Höhen Gottes sein soll. Die Bedeutung des Wortes „doxa“ spannt sich von „Meinung“, „Ansicht“ bis hin zu „Herrlichkeit“ und „Majestät“. In Gottes Höhen herrscht - so könnte man vielleicht sagen - ein „guter Ruf“, da geht es ästhetisch zu: Licht und Lobpreis stehen im Vor­der­grund. Lukas zeichnet einen scharfen Kontrast: hier die verweigerte Herberge, Krippe und Stall, die harte Lebenswelt der Hirten - dort der Lichtglanz göttlicher Herrlichkeit. Die unästhetische Erde trifft auf die Ästhetik des Himmels. Wo aber die Ästhetik des Himmels die Erde berührt, wo - wie hier im Gottesdienst, hier in dieser Klosterkirche und auch in der Schönheit der Begegnungen hier in der Oase - die Empfindsamkeit des Himmels uns zu berühren versucht, da kann Friede werden. Innerer Friede. Ein Friede, der nach Außen strahlt, der buchstäblich schön macht, der das Wohlgefallen aneinander fördert.

Das erste Weihnachtsfest in diesem neuen, dritten Jahrtausend: Es ist zugleich ein Weihnachtsfest globaler Konflikte und weltweiter Auseinandersetzungen. Im globalen Dorf dieser Welt haben die Geschehnisse und der Streit im Nachbarhaus eben unmittelbare Auswirkungen auf uns. Doch alle Globalisierungen und Vernetzungen machen doch nur dann Sinn, ja sie sind nur dann schön, wenn diejenigen, die da miteinander in Kontakt treten, dem Kind in ihnen, das immer noch eine Herberge sucht, die Tür nicht verschließen und sich weiterhin offen halten für die „doxa“, für die Ästhetik des Himmels.
Religion und Kirche, Glaube und Religionsunterricht sind heute vielfach Gegenstand heftiger Diskussionen. Brauchen wir das alles noch? Sind das nicht „Altlasten“ einer längst vergangenen Zeit? Ich glaube nicht! Religion ist ein Lernort der Ästhetik, ohne den Wohlgefallen aneinander und Solidarität miteinander und der aus beiden erwachsende Frieden nicht möglich ist. Die weltweiten Probleme werden wir nicht lösen können. Wir würden es selbst dann nicht vermögen, wenn wir an machtvollen Positionen der Weltpolitik stünden. Aber wir können uns verändern. Jeden Tag neu! Und dazu ist uns etwas geschenkt: die Ästhetik des Himmels, gebündelt im Licht der Weihnacht.

Seit Jahren schon begleitet mich eine kleine Erzählung. Sie rührt mich immer wieder neu. Sie stammt von Karlheinz May und erzählt vom Weihnachtsfest des Kriegsjahres 1943:

Die Erinnerung an das Weihnachtsfest 1943 ist in mir noch sehr lebendig. Seit Sommer desselben Jahres war unser Vater in Russland vermisst. Am Weihnachtsabend rückte die Familie eng zusammen: unsere Mutter, mein Zwillingsbruder Hermann und ich, fünf Jahre alt.
Außer einem Teller mit Mutters Plätzchen (immer dieselbe eine Sorte - ich habe noch heute den Geschmack auf der Zunge…) gab es kaum etwas an Geschenken. Aber jeder von uns erhielt eine kleine Kerze. Mutter erzählte uns vom Christkind: dass es das Licht in die Welt gebracht hat und für alle Menschen da ist. Und gewiss hätte jetzt auch Vati irgendwo in Russland eine Kerze vom Christkind erhalten und sie angezündet und würde jetzt an uns denken…
Wir haben lange Jahre auf die Rückkehr unseres Vaters gewartet. Er kam nicht wieder. Das hat dem „Licht des Glaubens“ nichts anhaben können.
Ich glaube, dass uns Mutter damals das Wichtigste gesagt hat, was von Weihnachten zu sagen ist.

Wenn Ihr dieses „Licht des Glaubens“ an jedem Tag - nicht bloß an Weihnachten - in euch am Brennen zu erhalten versucht, werdet Ihr spüren, wie euch diese inwendige Wärme verändert. Johannes XIII hat in seinem „Dekalog der Gelassenheit“ als Impuls für sein Leben geschrieben: „Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.“ Darauf kommt es an!

Der Engel an meiner Weihnachtskrippe wird auch in diesem Jahr vermutlich mehrmals herunterfallen, bis es mir gelingen wird, ihn am Dachfirst des Stalls zu fixieren. Vielleicht werde ich ihn in diesem Jahr erlösen und ihn in der Nähe von Ochs und Esel oder inmitten der Hirten postieren. Ein buchstäblich heruntergekommener Engel, der an die Ästhetik des Himmels, an das „Licht des Glaubens“ in der „Gebrechlichkeit dieser Welt“ (Heinrich von Kleist) erinnert …

Amen.