Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 2,21-24

Christine Hoffmann (ev), Promotionsstudentin

25.12.2014 in der reformierten Kirche Hochdorf (CH)

Weihnachten 2014

Jesus ist geboren. Die besinnlichen Stunden der Vorweihnachtszeit sind noch sehr präsent. Die Straßen sind heute nicht nur in Freiburg, wo ich gerade herkomme, sondern auch hier in Hochdorf, wie leer gefegt. Die Menschen sind zu Hause, bei Freunden oder Verwandten, bei einem guten Buch oder einem heißen Tee. Von Alltag keine Spur. Es ist die Zeit der Freude – das große Fest.

Und doch möchte ich mit Ihnen heute in einen Alltag einsteigen, der mir – und Ihnen vielleicht auch – sehr fremd ist. In einen Alltag, der mit diesem ganzen Weihnachtsgeschehen möglicherweise noch viel mehr zu tun hat, als all das Feiern und Essen drum rum. In den Alltag von Maria und Josef – in die Tage nach Jesu Geburt.

Das Lukasevangelium berichtet uns davon:

 

21 Und als acht Tage zu Ende waren, so dass man ihn beschneiden sollte, wurde sein Name Jesus genannt, der vom Engel genannt worden war, bevor er im Mutterleib empfangen wurde.

 22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Moses zu Ende waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn zu zeigen dem HERRN

 23 wie es geschrieben steht in dem Gesetz des HERRN, dass Alles männliche, das öffnet den Mutterleib den HERRN heilig heißen soll

 24 und, wie es das Gesetz des HERRN vorschreibt, ein Schlachtopfer geben soll: Ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

 

Liebe Gemeinde,

der Autor des Lukasevangeliums präsentiert sehr sachlich eine gesetzestreue, traditionelle, arme jüdische Familie, die sich streng an die ihnen vorgegebenen kultischen Riten hält. Die Betonung des Alltäglichen und die Verwurzelung im jüdischen Kontext liegen dem Autor besonders am Herzen, unterstreicht er doch die Befolgung des Gesetzes allein drei Mal in diesen vier Versen. Gerade nach den vergangenen Stunden der religiösen Spitzenerlebnisse wirkt dies nahezu fad.

 

Vielleicht hat es jedoch einen besonderen Grund, warum Lukas gerade und nur bei diesem Bericht einer scheinbar ganz gewöhnlichen Familie subtil und fast unbemerkt ein wundervolles und rundes Bild zeichnet. Das Bild einer der wohl berühmtesten Nebenrollen der Welt – das des Josef!

Josef, von vielen als eher „dekorativ“, wenn nicht gar als überflüssig, als der „Laternenhalter“ im Weihnachtsgeschehen gesehen.

Josef, der aufgrund seiner angeblichen Zeugungsunfähigkeit in der Kunst oft als alter, klappriger Mann dargestellt wird.

Josef, der so schnell verschwindet wie er aufgetaucht ist.

Josef, über den wir so gut wie nichts wissen.

Und ausgerechnet in diesem kleinen, so unscheinbaren Abschnitt, in diesen vier Versen soll er seinen „großen“ Auftritt im Lukasevangelium haben?

Oft genannt wird er bei Lukas nicht – und wenn, dann fast ausschließlich in Verbindung mit Maria. Auch nach einem Zitat von Josef können wir im Neuen Testament lange suchen. Aber wer war er? Was ist seine Rolle, seine Aufgabe?

Aus heutiger, ergebnisorientierter Sicht könnte man es so zusammenfassen: Das einzig Außergewöhnliche, was Josef zustande brachte, war, dass er seine Frau nicht verließ oder anzeigte, sondern mit ihr zusammenblieb und sie unterstützte. Immerhin war sie schwanger und das der Legende nach nicht von ihm.

Ein Dummkopf? Einer, der es nicht merkt? Einer, der sich seines Wertes nicht bewusst ist?

 

Aber damit nicht genug: Er tat etwas, was es – wenn nur irgend möglich – zu vermeiden galt.

 

Lesen wir nochmal genau nach:

In Vers 22 heißt es: Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Moses zu Ende waren.

Es geht hier um ihre Reinigung.

Dass Maria sich nach der Geburt einer kultischen Reinigung unterziehen muss, ist in der jüdischen Kultur selbstverständlich. So schreibt es Leviticus 12 vor.

 

Im vorliegenden Vers finden wir aber überraschender Weise eine Pluralformulierung. Im Kontext des Verses ergibt dies jedoch durchaus Sinn, denn dort ist ausschließlich von Maria und Josef als Handelnden die Rede. Zudem müsste man sich sonst fragen: wer war der Legende nach denn noch da?

Ihre Reinigung bezieht sich also explizit auf Maria und Josef. Ein Mann hat sich einer Reinigung nach der Geburt aber nur zu unterziehen, sofern er bei dieser Geburt anwesend war – assistierte, die Hebammenfunktion übernahm. Können wir also davon ausgehen, dass Josef nicht nur die finanzielle und emotionale Unterstützung von Maria und ihrem Kind darstellte, sondern bei der Geburt Jesu selbst die Geburtshelferrolle einnahm? Vor meinem geistigen Auge entsteht folgendes Bild: Josef, mit blutverschmierten Händen, durchtrennt die Nabelschnur, die den kleinen Jesus mit Maria verbindet, und holt das Jesuskind auf diese, auf unsere Welt.

Er ist der erste, der den kleinen Jesus hält, trägt und erst dann seiner Mutter in die Arme legt. Für mich ist das nichts Ungewöhnliches – auch mein Vater hat meine Geschwister und mich vor meiner Mutter im Arm gehabt. Die Älteren unter uns wissen jedoch, dass es noch vor 50 Jahren überhaupt nicht üblich war, als Vater der Geburt des eigenen Kindes auch nur beizuwohnen – wie ungewöhnlich mag es also erst vor über 2000 Jahren gewesen sein?

 

Vielleicht ist Josef derjenige, der die Botschaft, die mit Jesus Christus auf unsere Welt kam, als erster voll lebte. Einer, der liebte. Der liebte, wo Liebe erforderlich war. Eine Liebe, die den anderen annimmt ohne zu hinterfragen, selbst dann und besonders dann, wenn dies den geltenden Moralvorstellungen widerspricht, oder mit Rationalität nicht zu erklären ist.

 

Dieser Josef steht für seine Familie ein, weiß, was „dran ist“, was gemacht werden muss, was nötig ist. Josef dringt mit seiner großen Menschlichkeit in die Geschehnisse ein und bricht eine außeralltägliche Geschichte mit seiner Alltäglichkeit auf. Und dadurch lässt er diese zu dem werden, was sie heute ist: Eine zutiefst menschliche Geschichte.

 

Es ist sein Pragmatismus, der die Geschichte von Jesus Christus seinen Lauf nehmen lässt. Er packt an, wenn es seiner Hilfe bedarf. Er zieht mit der Familie nach Jerusalem und stellt, trotz seiner schwierigen finanziellen Lage, die Opfergabe, auf die die beiden Tauben hinweisen. In Leviticus 12 wird ein Schaf als Opfergabe gefordert, was jedoch bei Nichtvermögen auch durch zwei Tauben ersetzt werden kann. Die zwei von Josef und Maria gegebenen Tauben weisen somit auf ihre Armut hin.

 

In der Erzählung von Lukas tritt uns ein gottesfürchtiger, ein liebender Josef entgegen. Er verkörpert alltägliches Menschsein und ist dabei in der jüdischen Religion tief verwurzelt. Durch seine Alltäglichkeit wird uns die so außergewöhnliche Geburtsgeschichte Jesu überhaupt erst zugänglich gemacht. Er ist einer wie wir. Ein ganz Gewöhnlicher.

Er ist nie aktiv tätig, sondern wird nur implizit erwähnt. Josef ist der stille Begleiter und dabei doch Teil der heiligen Familie. Deshalb wird er auch zurecht in einem „wir“ mit Maria genannt.

Wie wir in den folgenden Versen bei Lukas lesen können, entscheiden beide für das Kind, und er behandelt Jesus wie seinen eigenen Sohn. Tut er es mit Selbstverständnis? Aus Sorge? Wir wissen es nicht. Aber er tut es – und dies, ohne einen Mehrwert davon zu haben!

Seine Einfachheit und Bescheidenheit machen ihn zum Vorbild.

 

Josef ist durch seine Assistenz bei Jesu Geburt der Geburtshelfer unseres christlichen Gottes. Und dennoch ist seine Geschichte die einer kleinen, leicht zu übersehenden Nebenrolle. Aber einer Nebenrolle, die mit ihrem Tun die Welt verändert hat. Vielleicht also die Geschichte des ersten Christen?

 

Amen