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Predigt über Lukas 22,14-16

Pater Heribert Arens OFM


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Am Anfang war die Sehnsucht

....und fängt an!

Vor dem Haus eines alten Mannes ragt ein hoher Berg. Der Berg nimmt ihm das Licht, das er sich zum Leben wünscht. Was tut er? Er fängt an, nimmt Hacke, Schaufel und Schubkarre und beginnt, den Berg abzutragen. Die Nachbarn fangen an zu lächeln und zu spotten: „Jetzt ist er ganz verrückt geworden, der Alte!" Er sagt: „Wartet nur, ich werde das schon schaffen, Schaufel für Schaufel, Karre für Karre.“ „Das schaffst du doch nie!", sagen die Nachbarn. Er darauf: „Vielleicht habt ihr Recht. Aber wenn ich es nicht schaffe, dann werden meine Söhne weitermachen; wenn die es nicht schaffen, deren Söhne - irgendwann ist der Berg abgetragen.“ Die Legende mündet in den Satz: „Als Gott im Himmel dieses Vertrauen sah, da schickte er zwei Engel, die den Berg auf ihren Flügeln davontrugen.'

Sie wissen nichts mit sich anzufangen

Der fängt einfach an! Er hat ein Anliegen, trägt eine Sehnsucht nach Licht in sich, spürt die Herausforderung - und fängt an, Schaufel für Schaufel. Der Mann fängt an. Und ich denke daran, wie viele Menschen wissen nichts mit sich selbst anzufangen, wissen nichts mit ihrer Zeit, nichts mit ihren Fähigkeiten und Begabungen anzufangen - und darum fangen sie nichts an. Doch wenn du nichts anfängst, dann erschöpft es dich, dass du nicht anfängst, weil vieles unerledigt liegen bleibt. Das werden Sie kennen: „Unerledigtes erledigt mich!“

Nicht anfangen lässt den Berg immer höher werden, anstatt dass er abgetragen wird. Lustlosigkeit greift um sich und Nostalgie: „Früher, als ich noch konnte!“ Warum kann ich denn jetzt nicht mehr, wer sagt das denn?

Es fängt immer etwas an – fange Ich an?

Nicht wenige wissen nichts anzufangen mit sich selbst, mit ihrer Zeit, mit ihren Gaben. Gleichzeitig fängt immer etwas an: der Tag fängt an, die Woche fängt an, das Jahr fängt an, die Schule fängt an, das Eheleben fängt an, die Lebensmitte fängt an, das Altwerden fängt an - es fängt immer etwas an! Meine Herausforderung ist, dass ich dieses Anfangen nicht einfach nur geschehen lasse, sondern zu meinem Anfangen mache, dass ich anfange. Tue ich das nicht, lebe ich nicht, sondern werde gelebt. Das Leben geht an mir vorbei, wird zu einer Anhäufung, verpasster Chancen, zu einer Ansammlung ungelebten Lebens. Schade drum!

Erfüllende Anfänge, Anfänge, die Lust bereiten und weiterbringen, leben davon, dass ich anfange. Sie leben vom ICH, oder sie leben gar nicht. Die Faszination des Anfangens ist, dass ich anfange, dass ich mit meiner Art, mit meinen Gaben, mit dem, was mir gegeben ist, dem Anfang Gesicht gebe und Motor bin.

Die Sehnsucht - Motor des Anfangens

Von Exupéry stammt das Wort: „Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen." Die einen sitzen mitten zwischen Stapeln von Holz und machen Frühstückspause. Die anderen haben nichts - fangen an zu suchen - und bekommen das Schiff fertig. Die Sehnsucht ist der Motor, der mich anfangen lässt.

Die Sehnsucht nach Leben ließ den „verlorenen Sohn“ ins Leben aufbrechen. Die Sehnsucht ließ Maria und Johannes, den Jünger, den Jesus liebte, am Karfreitag unter dem Kreuz stehen. Die Sehnsucht ließ Maria von Magdala am Ostermorgen zum Grab laufen und führte sie zur Begegnung mit dem Auferstandenen.

Der heilige Augustinus schreibt: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch." Schließe ich mich dem an, darf ich sagen: Weil Gott Sehnsucht hatte, hat er die Welt, hat er den Menschen geschaffen: „Gott hatte Sehnsucht nach Wesen, die gemeinsam mit ihm lieben", so drückt es der Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus aus. Die Sehnsucht ließ Gott Mensch werden. Diesen historischen, diesen einmaligen heilsgeschichtlichen Anfang macht Gott - aus Sehnsucht! Darum die Menschwerdung Gottes. Die Sehnsucht lässt den Mann die Frau - die Frau den Mann suchen und finden. Weil meine Eltern Sehnsucht hatten, bin ich. Die Sehnsucht ist der Motor, die Kraft meines Anfangs - und meines Anfangens.

Sehnsucht - die Kraftquelle des Loslassens

Sehnsucht gibt auch die Kraft, das zu tun, ohne das du nicht anfangen kannst: loslassen. Ich kann nur anfangen, wenn ich loslassen kann, sonst komme ich nicht vom Fleck. Ich komme nicht in den Tag, wenn ich das Bett nicht loslassen kann. Ich komme nicht an die Arbeit, wenn ich das Frühstück und die Zeitung nicht loslassen kann. Ich komme nicht zum Feierabend, wenn ich die Arbeit nicht loslassen kann. Ich komme nicht in die Zukunft, wenn ich die Vergangenheit nicht loslassen kann. Das biblische Bild des Nicht-loslassen-Könnens schlechthin ist für mich die Frau des Lot. Sie hat Zukunft vor sich. Gott sagt ihr: Schau nach vorne, dann kommst du weiter - nicht rückwärts. Sie kann nicht loslassen, schaut rückwärts und erstarrt zur Salzsäule. Kann es sein, dass es in unserer Welt und auch in unserer Kirche so viel Erstarrtes gibt, weil wir nicht loslassen können, wo die Anfänge vor uns liegen? Ich ahne, dass für viele das Loslassen schwerer ist als das Anfangen.

Der Anfänger - ein Mensch der Sehnsucht

Wenn Sie und ich „Anfänger“ sein und bleiben wollen, entscheidet sich das daran, ob es uns gelingt, Menschen der Sehnsucht zu sein. Ich spüre, dass sich heute viele Menschen mit der Sehnsucht schwer tun. Ist doch die Sehnsucht, die aus der Mitte Gottes stammt, wie Gott selbst dem Wesen nach maßlos. Es gibt keine Sehnsucht mit Maß. Im Umgang mit dieser Maßlosigkeit entscheidet es sich, ob die Sehnsucht Motor für mein Leben sein kann oder nicht.

Viele Menschen tun sich schwer, die Maßlosigkeit ihrer Sehnsucht auszuhalten. Sie überfordern sich selbst, weil ihr eigenes Leben nicht alle ihre Sehnsucht beantworten kann. Sie überfordern ihre/n Partner/in, weil sie meinen er/sie müsste ihre maßlose Sehnsucht beantworten können - und das kann keiner, selbst in der harmonischsten Partnerschaft nicht. So gehen viele enttäuscht auseinander, machen Schluss miteinander anstatt neu miteinander anzufangen.

Andere lösen die Sehnsucht in den Plural „Sehnsüchte“ auf, weil sie dann kleine Portionen vor sich sehen, von denen sie glauben, sie könnten sie allein beantworten und befriedigen. Diese Strategie fördert aber nicht die Lebensenergie, vielmehr schürt sie die Gier nach immer mehr - zum Wohl der Anbieter in unserer Konsumgesellschaft, zum Schaden des Menschen.

Wer die Sehnsucht zum Motor seines Anfangens machen will, muss sich auf ihre Maßlosigkeit einlassen und lernen, damit zu leben. Er muss lernen, dass die Sehnsucht nicht zum „immer mehr“, sondern zum „immer weniger“ drängt, dass „Loslassen“ nicht Leben raubt, sondern Leben schenkt und erst den Weg freigibt, neu anzufangen.

Als Mensch der Sehnsucht gebe ich mich nicht der Illusion hin, ich selbst oder irgendeiner oder irgend etwas in der Welt könnte meine Sehnsucht befriedigen. Ich lebe darum mit der offenen Bereitschaft, dass es da etwas in meinem Leben gibt, das unruhig ist - und solange ich lebe unruhig bleibt. Aus dieser Unruhe setze ich meine Schritte und meine Anfänge. „Unruhig ist unser Herz, bis es zur Ruhe findet in Gott.“ (Augustinus)

Franziskus von Assisi - ein Vorbild des Anfangens

Franziskus betet in der Kirche San Damiano vor den Toren der Stadt Assisi ein Gebet voller Sehnsucht. „Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle." (in: L. Hardick/E. Grau: Die Schriften des heiligen Franziskus von Assisi, Werl, Franziskanische Quellenschriften, Band 1.) Vom Kreuz hört er die Stimme: „Franziskus, stelle mein Haus wieder her, du siehst doch, wie es zerfällt.“ Er schaut umher und sieht: Das Haus zerfällt wirklich. Und er fängt an - beim Nächstliegenden: Sein Vater ist reich , und auf was soll der Sohn eines reichen Tuchhändlers anderes kommen, als auf Geld? Er nimmt ein paar Tuchballen aus dem Lager, verkauft sie und gibt dem Priester der Kirche von San Damiano das Geld, um die Kirche zu erneuern. Der Priester nimmt das Geld nicht an. Franziskus muss sich etwas Neues einfallen lassen. Was tut er? Wiederum das Nächstliegende: Er geht, bettelt Steine und schleppt sie nach San Damiano und fängt an zu bauen. Er fängt wiederum mit dem Nächstliegenden an. Mit der Zeit begreift er, dass dieses Wort vom Kreuz die Kirche aus lebendigen Steinen gemeint hat: „Stelle die Gemeinschaft meiner Kirche wieder her." Und auch da tut Franziskus das Nächstliegende: wenn ich Kirche erneuern will, was liegt näher, als dass ich bei mir selbst anfange, bei dem Baustein der Kirche, der ich bin. Franziskus fängt beim Nächstliegenden an, erneuert sich selbst.

Und er hat nicht aufgehört, anzufangen: Martin Buber sagt: „Altsein ist ein herrlich Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt." Und das hat Franziskus nicht verlernt. Kurz vor seinem Tod sagt er seinen Brüdern: „Brüder, lasst uns endlich anfangen, wir haben noch nichts getan."

 

(Predigt erschienen in: Der Prediger und Katechet, Praktisch Katholische Zeitschrift, Erich Wewel Verlag in Donauwörth, 139. Jg.)


Zur Person:

Heribert Arens wurde 1942 in Werl/ Westfalen geboren. Er ist seit 1961 Franziskaner. Pater Arens studierte in Münster und Paderborn Philosophie und Theologie. Die Priesterweihe empfing er 1967 in Paderborn. Von 1989 bis 1995 war er Leiter des Noviziats der Ordensprovinz der Franzikaner. 1983 bis 1989 und seit 1995 ist Pater Heribert Provinzial der Sächsischen Franziskanerprovinz mit 23 Niederlassungen in Westfalen, Niedersachsen, Hamburg, Berlin sowie in den neuen Bundesländern. Von 1975 bis 1983 versah er einen Lehrauftrag für Homiletik am Priesterseminar in Paderborn. Seit 1978 ist er Mitglied im Redaktionsteam der Zeitschrift „Der Prediger und Katechet“ (Donauwörth). Veröffentlichungen u.a.: Die Predigt vom menschenfreundlichen Gott, Claudius Verlag, München 1980.