Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24

Pastoralreferent Wolfram Rösch (ev.)

17.04.2017 ev. Lukas Kirche, Schwäbisch Hall

Ökum. Ostermontagsgottesdienst

Leben im Zeichen des Brotes

 

Manche Wege wollen nicht enden. Man läuft und läuft, meint, dass hinter der nächsten Biegung endlich das Ziel in Sichtweite sei, doch nichts dergleichen. Eine endlose Weite scheint sich aufzutun und wieder nur ein Weg, auf und ab, Rechtskurve, Linkskurve. Neue Hoffnung, das Ziel zu sehen; doch bald: Wieder eine Enttäuschung mehr.

 

Zwei Menschen machten sich damals auf den Weg. Sie wollen nur fliehen, alles hinter sich lassen. Einer soll Kleopas geheißen haben, der andere Name bleibt offen. Beide sind unterwegs, weg von dem Ort, wo sich ihre größte Katastrophe ereignet hat. Da, wo jener am Kreuz sein Ende gefunden hatte, auf den sie gehofft und so viel gesetzt hatten. Ihr eigener Weg will auch heute nicht enden. Sein Ziel ist ebenso eine Katastrophe. Emmaus ist kein Ausflugsort, sondern eine Trümmerlandschaft. Auch hier hatten die Römer ein Exempel statuiert. Wie sie in Jerusalem am Kreuz Menschenleben zerstört hatten, so haben sie Emmaus dem Erdboden gleichgemacht. Zwar einige Jahre vor Jesus, aber die Erinnerung hielt sich. „Leg dich nicht mit den Besatzern an, es könnte Dein Tod bedeuten.“

 

Sie waren auf dem Weg, geschockt. Nur fort vom schrecklichen Erlebnis. Sie diskutierten und redeten, ließen noch einmal und noch einmal das Geschehen Revue passieren. Sie suchten Trost und Halt in den alten Schriften, versuchten sich aufzumuntern, suchten Gründe für eine Erklärung, rangen um Worte, um das Unsagbare auszudrücken. Doch alle Versuche liefen ins Nichts. Der Weg wollte kein Ende nehmen.

 

Bis da auf einmal der Fremde neben ihnen stand, den Weg mit ihnen teilte, ihre Spur aufnahm. Wohin er wollte, das interessierte sie nicht. Es tat gut, nochmals alles einem scheinbar Unbeteiligten zu erzählen, gemeinsam neue Worte zu finden, Spuren zu entdecken, die vielleicht dem Ganzen einen Sinn geben konnten. Sie erzählten ihm alles, was passiert war und wunderten sich, dass er anscheinend nichts mitbekommen hatte, was in Jerusalem geschehen war. Sie sprachen von den Frauen, die ein leeres Grab vorfanden, erzählten von irgendwelchen Engeln, die meinten Jesus lebe. Doch sie konnten sich keinen Reim auf das Ganze machen.

 

Es tat gut, alles herauszulassen, was so in ihnen steckte: die Wut, die Ohnmacht, die Zweifel, die Leere, die Gottesferne. Es half ihnen einigermaßen einen klaren Kopf zu bekommen. Sie spürten ein wenig Erleichterung auf dem Weg, der kein Ende nehmen wollte. Und plötzlich war auch ein klein wenig von jener Wärme zu spüren, die sie empfanden, als sie damals mit Jesus unterwegs waren, als er die alten Worte ihrer Schrift neu deutete. Auch der Unbekannte sprach von Mose, von der besonderen Gottesnähe die Mose erlebte, vom Aufbruch aus dem Sklavenhaus Ägyptens, den er wagte, von den Weisungen zum Leben, die er auf dem Sinai empfing. Der Fremde sprach weiter und erzählte vom Propheten Jesaja, vom Gerechten der leiden musste, obwohl an ihm nichts auszusetzen war, vom Sündenbock, kein Tier wie früher bei den Alten, sondern ein Mensch.

 

Der Weg schien kein Ende zu nehmen, doch plötzlich hinter der letzen Biegung standen sie vor den Trümmerhaufen des alten Ortes, vor den Trümmerhaufen ihrer eigenen Existenz. Hier bot sich ihnen die Chance, zaghaft, anfangshaft, alles nochmals neu zu betrachten, die Perspektive zu wechseln, die Steine wegzuräumen, die den Weg versperrten, die Trümmer, die ihren Zugang zu sich selbst blockierten. Und sie entdeckten neue Wege zwischen den Steinmassen, neues Leben, blühende Blumen, die sich auf der verbrannten Erde entwickelt. Sie sahen Tiere wie die Klippdachse, die mit ihren Jungen in den zerstörten Häusern Schutz und Unterschlupf gefunden hatten, Vögel, die ihre Nestern in den Bäumen bauten, die wieder junges Grün zeigten.

 

„Bleib bei uns, die dunkle Nacht der schlimmen Gedanken, die dunkle Nacht des Todes möchte wieder über uns hereinbrechen.“ Sie nötigen den Fremden, mit ihnen Schutz in einem Trümmerhaus zu suchen. Und sie teilen miteinander, nicht nur ihre Geschichten, nicht nur das Schicksal auf dem Weg zu sein, sondern auch das Brot, das sie dabei hatten. Der Fremde sprach ein Dankgebet, er pries Gott für die Erde, für das Korn, das dort wachsen kann, für die menschliche Arbeit, die daraus Brot bereitet. Er nahm es, brach es und gab es ihnen. Dann fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, als ob ihnen eine große Kraft die Augen geöffnet hätte. Und sie begriffen.

 

Der Weg hatte ein Ende genommen: mitten in den Trümmern, in ihrer Ohnmacht, in den zerstörten Existenzen. Sie konnten jetzt aufbrechen, zurückgehen, dahin von wo sie geflohen waren. Sie waren verwandelt wie das Brot, das der Fremde – und sie merkten es, dass es Jesus war – mit ihnen geteilt hatte. Verwandelt konnten sie neu auf ihre Wunden schauen, die zwar da waren, aber nicht mehr weh taten, neu die alten Worte der Propheten hören, die jetzt ihre waren und aus denen sie jetzt Worte der Ermutigung und des Aufbruchs hörten, neu dem Tod ins Auge sehen, der zwar immer noch da war, aber im Glauben seinen Schrecken verloren hatte. Sie sind Kumpane geworden, Mit-Broter, Brot-Teiler, mit Jesus, mit den Frauen und Männern, die gemeinsam mit ihnen Jesus nachgefolgt sind, die jetzt in Jerusalem waren. Der Weg hatte ein Ziel erhalten. Nicht mehr Flucht, sondern Rückkehr, nicht mehr Resignation, sondern Verwandlung hieß es jetzt. Der neue Aufbruch im Zeichen des Brotes, das sich verwandelt und teilt, konnte beginnen.

 

Mein Blick geht von Emmaus in unsere Gemeinde. Wir bezeichnen uns selbst als ein Teil dieser Bewegung, die die Frauen und Männer damals in Jerusalem in Gang gebracht hatten, weil sie die frohe Botschaft weitererzählten, weil sie Jesu Worte immer wieder lebendig werden ließen, weil sie so handelten wie Jesus gehandelt hatte. Aber wir spüren, dass wir immer noch auf dem Weg sind, der oft kein Ende zu nehmen scheint. Auch wir müssen auf unzählige Trümmer blicken. Der ursprünglich gemeinsame Weg hat sich sogar in viele unterschiedliche Pfade aufgeteilt. Das mag vielleicht so in Ordnung sein, aber schmerzhaft sind die Mauern und Gräben, die dazwischen errichtet wurden und Verbindungen unmöglich machen. Einige Gräben stammen aus grauer Vorzeit und kaum jemand, allenfalls einige Spezialisten, weiß noch, warum da eine Trennung ist. Andere Mauern sind vor Kurzem hochgezogen, frisch und gut in Schuss. Nicht selten endet der Weg in einer Sackgasse. Ein Weitergehen ist unmöglich.

 

Ich spüre, die Erzählung von Emmaus hat nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Nicht selten stolpern wir als Kirchen, als Kirche auf unserem Weg, der nicht enden will. Ein Ziel, falls es das noch gibt, ist in unerreichbare Ferne gerückt. Man diskutiert zwar über die Marschausrüstung, die Wegbeschaffenheit, das Schuhwerk und die richtige Landkarte. Doch trotz der vielen Worte kommt man nicht voran, oder ist sogar stehen geblieben. Der Stillstand scheint zum Kennzeichen geworden zu sein.

 

Die Trümmerhaufen sind noch vorhanden. Sie entstanden, weil Gewalt, Bomben und Waffen das Sagen hatten, weil Menschen resignierten und den Geschmack am Leben verloren hatten. Erneut breitet sich die Nacht aus, über Menschen, über die Gesellschaft, über die Kirche. „Bleibe bei uns – verlass uns nicht.“ Die Sehnsucht nach mehr ist da, nach Wärme, Halt, nach der Kraft, die durch das Brechen des Brotes frei wird.

 

Noch sehe ich da die großen Gräben, tief und kaum zu überbrücken; die Formalismen, die überall aufgestellt sind, Alleinstellungsmerkmale um ihrer selbst Willen. Mein Blick geht nach Emmaus. Dort wurden keine Einlassbedingungen konzipiert und formuliert, keine klugen Reden gehalten und dicke Satzungsbücher gewälzt. Da nahm der Eine einfach das Brot, brach es und gab es weiter. Ich höre seine Stimme mitten in den Trümmern der Zerstörungswut und der kaputten menschlichen Existenzen: „Handelt so wie auch ich gehandelt habe, meine Kumpane. Teilt das Leben, teilt den Glauben und teilt das Brot, damit Brücken entstehen über die tiefe Gräben, damit Mauern durchlässig werden. Wagt den Aufstand im Zeichen des Brotes. Sprecht vom Leben, das sich immer wieder zeigt, trotz des Todes.“

 

Und ich spüre wie sich mir und meiner Kirche eine Weite öffnet, weil wir alle mit dem Geheimnis des Lebens in Berührung gekommen sind, weil wir das Brot auf eine offene Zukunft hin miteinander teilen. Auf einmal sehe ich die illustre Gemeinschaft, die sich damals um Jesus geschart hat: Fromme und Sünder, Etablierte und Zweifler, Menschen die die Umkehr wagten, die Neues begannen im Zeichen des Brotes. Ich sehe Grenzen, die überwunden wurden, die nun keine Bedeutung mehr hatten, im Zeichen des Brotes. Ich erfahre eine Gerechtigkeit, bei der Menschen nicht mehr unter die Räder kommen, Gemeinschaft, in der man nach dem anderen schaut, in der Friede entstehen kann im Zeichen des Brotes. Ich sehe eine Kirche, plural und vielfältig, offen, bei den Menschen, ohne festgezurrte Glaubensartikel, gepresst in Katechismen und neue Dogmen, eine geschwisterliche Kirche, die nicht die Unterschiede einebnet und negiert, sondern benennt und versucht, mit ihnen zu leben, im Zeichen des Brotes.

 

Ich hoffe auf einen Weg, der ein Ziel hat, weil Menschen ernst mit der Auferstehung machen und den Aufstand gegen Lähmung, Resignation und den Tod wagen. Ich sehe einen Weg, wo Weggefährten zu finden sind, wo man selbst der namenlose Zweite ist. Und ich glaube an einen Weg, bei dem der Auferstandene geheimnisvoll mitgeht, zuhört, Fragen stellt, unterbricht, zum Nachdenken ermutigt und das Brot bricht, ganz besonders, wenn die dunkle Nacht sich über uns ausbreiten will. Und auf einmal öffnet sich eine Zukunft ungeplant und unverfügt, die vom neuen Leben spricht, das da entsteht im Zeichen des Brotes.