Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24,50-53

Hans-Jürgen Lieber (ev.)

15.04.2009 „Bibel heute“ im ERF

Himmelfahrt

Hier die Predigt hören

 

Am Ende des anschaulichen Evangeliums nach Lukas kommt Knall auf Fall der Schluß. Da bin ich etwas enttäuscht. Ich hätte mir noch mehr gewünscht. So viele wunderbare Berichte in diesem Evangelium. Denke ich nur an die herzerwärmende Weihnachtsgeschichte, das ergreifende Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ und viele andere Geschichten mehr. Und dann dieses knappe Finale! Ich hätte mir noch viele weitere Seiten vorstellen können wie in einem spannenden Buch. Nun, der Evangelist Lukas wird schon seine Gründe gehabt haben. Aber ratlos hat er mich dennoch gemacht. Alles ging einfach zu schnell.

Nicht besser waren die Jünger dran, die eben noch mit Jesus sprachen. Der Auferstandene mischt sich unter sie und hat Hunger. Während den Jüngern der Atem stockt, beißt Jesus in einen gebratenen Fisch! Vor aller Augen! Lebendiger kann man kaum sein. Kurzer Zeit später entschwindet er wieder. Diesmal endgültig. „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“

Das waren einfach zu viele Wechselbäder der Gefühle. Zuerst die Hinrichtung ihres Herrn und Meisters, die tiefe Verzweiflung, dann die unfassbare Auferstehung an Ostern, darauf wieder Normalität mit Gesprächen, sogar menschlichen Bedürfnissen wie Essen. Als alle wieder „Tritt gefasst haben“, reißt der Film. Jesus steigt einfach aus. Wahrscheinlich hat ihm Petrus noch nachgerufen: “Meister, das kannst Du uns doch jetzt nicht antun!“ Das scheint mir realistischer als das fromme „sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude.“ Mitnichten! Möchte man  rufen. Verwirrt, niedergeschlagen, wütend, fassungslos- alle Gefühle sind denkbar, nur nicht diese heilige Gefasstheit. Dazu waren die elf Männer viel zu aufgeladen. Erst später hat man sie zu Ikonen gemacht. Mit strengem Profil und Goldrand.

Jesus war ihre Hoffnung. Jesus war ihr Zentrum. Jesus war ihre Zukunft. Wie sollte es ohne ihn weitergehen? Wenn man die Darstellungen von Christi Himmelfahrt in der Kunst betrachtet, kommt einem die Verblüffung der Jünger entgegen. Jedem geht es doch so. Wenn mir der Tod einen geliebten Menschen entreißt, bin ich fassungslos. So wie es dem Evangelisten Lukas ergangen ist. Da fehlen einem die Worte. Woran kann ich mich festhalten? Welchen Sinn hatte das Ganze? Der Tod oder hier die Auffahrt in den Himmel sind unbegreiflich. Die Jünger werden geschockt gewesen sein.

Eben noch konnten sie sich überzeugen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Jesus war wieder unter ihnen. Lebendig allen menschlichen Erfahrungen zum Trotz. Es war also kein endgültiger Abschied wie ihn der Tod nun einmal darstellt. Man konnte mit Jesus wieder rechnen. Auf zu neuen Heilungen, neuen Bekehrungen! Vieles lag ja noch im argen. Die kleinen Leute in Israel brauchten weiter einen Anwalt. Die medizinische Versorgung in Galiläa war keinen Deut besser geworden. Und den überheblichen Schriftgelehrten und Hohen Priestern könnte der Auferstandene endlich mal Paroli bieten. Die unverschämten Leute in Jerusalem würden aus allen Wolken fallen! Und Petrus hätte seine zweite Chance. Diesmal wollte er mutiger sein, wenn es brenzlig wird.

 
Jeder der elf Jünger hatte sich etwas vorgenommen. Manche Pläne waren noch unreif. Da brauchten sie als Ratgeber  Jesus. Ihr Leben lag ja noch unfertig vor ihnen. Dieses völlig von Jesus veränderte Leben. Da hätte man seine Unterstützung  weiter gebraucht. So wie man sich einen Vater wünscht oder einen Lehrer, der liebevoll auf einen eingeht. Aber auch Väter und Lehrer müssen wir eines Tages verlassen. Ob wir wollen oder nicht, irgendwann sind wir auf uns gestellt. Vielleicht klingen uns ihre Worte noch lange im Ohr. Nichts anderes blieb den Jüngern übrig. Was Jesus begonnen hatte, sollten sie vollenden. Das hatte ihnen ihr Herr und Meister schon mitgegeben.

Wer aber hätte gedacht, dass alles so abrupt vonstatten ginge?! Ein gleitender Übergang als diese plötzliche „Himmelfahrt“ wäre bekömmlicher gewesen. Kein Zweifel. Nun weiß ich selbst, dass auch oder gerade Notlagen die besten Lehrmeister sind. Sie kommen oft ohne Ankündigung. Dann bin ich gefordert. Muß selbst klarkommen ohne die gewohnte Hilfe. Oder doch nicht? Wie den Jüngern steht es mir doch auch frei, mich im Gebet an Jesus zu wenden. Er, der doch alle Tage bei uns ist, auch wenn er leiblich nicht mehr unter uns weilt. Da kann ich mich stärken lassen, so dass mir Sachen gelingen, an die ich mich vorher nicht traute. Mein Selbstbewußtsein wächst so wie  meine Angst vorm Versagen weicht.

Mit hängenden Köpfen werden die Jünger von Bethanien nach Jerusalem gewandert sein. Sie mussten damit fertig werden,  nun ohne Jesu Beistand weiterzuleben. Ihr neues Leben  selbst in die Hand zu nehmen. Zurück zu den Fischernetzen am See Genezareth wollten sie auf keinen Fall. Dazu hatte ihnen Jesus schon zu sehr die Augen geöffnet für Lebenserfahrungen, von denen sie früher keine Ahnung hatten.

Vielleicht haben sie sich ja verabredet zu regelmäßigen Treffen. Wie eine Selbsthilfegruppe von Menschen gleichen Schicksals. Da konnten sie sich in den Arm nehmen und trösten. Bei diesen Treffen werden sie auch viele Gespräche geführt haben über Jesus, seine Lehren, seine Menschenliebe, seine Gerechtigkeit. Und sie werden sich an seine Worte erinnert haben: „Fangt an in Jerusalem und seid dafür Zeugen.“ Lukas 24, Vers.47und 48

Endlich fanden sie ihre Worte wieder. Denn nun hatten sie eine Aufgabe. Eine echte Herausforderung: die Frohe Botschaft ihres Herrn und Heilandes in die Welt zu tragen. Da fühlte sich selbst Petrus wieder besser. Er, der am liebsten Jesus an den Beinen festgehalten hätte bei dessen himmlischen Aufstieg. Aber so konnte er sein Versagen vielleicht doch wieder gutmachen. Die Geschichte ging weiter. Himmelfahrt war kein Abschied, nein, jetzt ging es erst richtig los. Über allem stand das Versprechen von Jesus: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Das ist kein Entschwinden in ein Nirwana, eine neblige Ferne. Das ist persönliche Verantwortung für die Seinen. Eine feste Adresse in allen Lebenslagen. Jesus wandelt zwar nicht mehr auf Erden,  behält aber die Menschen und so auch mich fest im Auge. Und das nicht unerbittlich wie ein Feldwebel, sondern liebevoll, vielleicht sogar mit einem kleinen Lächeln.

In Emmaus und Bethanien musste der Herr einfach noch einmal hereinschauen, den Jüngern Mut machen, dass sie es auch ohne ihn schaffen werden. Nun sähen sie ja, dass er nicht mit dem Tode fortgegangen ist. Diese Botschaft wolle er ihnen unbedingt bringen, damit sie für ihr Leben und darüber hinaus wüssten, euer Jesus hält die Hand über euch. Eigentlich hätte er ihnen damit wie ein Klassenlehrer das Abschlusszeugnis aushändigen können, seine Aufgabe war erfüllt. Jetzt konnten seine Schüler zeigen, was sie gelernt hatten.

Bestanden hatten sie alle. Das allerdings wusste nur Jesus. Nun konnte er seine irdische Schule verlassen. Er wählte dazu einen ungewöhnlichen Weg. Da waren die elf zu recht sprachlos. Aber bei jedem Klassentreffen würde er dabei sein. Bis heute.