Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 24,50-53

Pfarrerin Helga Hanisch (ev A. B.)

10.05.2015 in der Trinitatiskirche in Waiern (AUT)

Himmelfahrt 2015

Mitteilung der Predigerin: Himmelfahrt, meine ersten Gedanken waren: Glaub ich das? Was glaub ich da? Wo erlebe ich das? Da ist mir eine Frau eingefallen, die sehr darum gekämpft hatte, ihre Missbrauchserfahrungen soweit zu bewältigen, dass sie befreiter leben kann (sie freut sich, dass ihre Geschichte Eingang in die Predigt gefunden hat). Eine wichtige spirituelle Verarbeitung war dabei, dass sie ihre eigene Auferstehung gefeiert hat. Aber damit war es noch nicht getan. Wichtig war am Ende auch die heilende Erfahrung, dass ihr ihre Therapeutin zugetraut hat, dass sie auch ohne ihre „greifbare“, nährende Gegenwart klarkommen und glücklich sein kann. So konnte sie zurückkehren in ihr eigenes Leben.
Dazu kam die Reflexion, dass wir Auferstehung als DAS Heilsereignis feiern, dass der Tod nicht das Ende ist, Gottes Liebe stärker ist; aber Christus trägt immer noch Wundmale. Der Weg der Leidensbewältigung ist mit der Auferstehung noch nicht zu Ende. Gott hält noch mehr bereit. Nämlich: Himmelfahrt. Die Himmel als Aufenthaltsort von Gott selbst, als besseres Heimatland (vgl. Hebr 11,16 und Phil 3,20), als Ort, an dem wir Gemeinschaft mit Gott haben, eine unsichtbare Welt, aber doch eine Wirklichkeit – wenn ich Jesus ernst nehme, eine Wirklichkeit, der ich schon in dieser Welt begegnen kann.
Dabei ist mir bewusst geworden, dass, wenn Auferstehung zeigt, dass wir überleben können, dann zeigt Himmelfahrt, dass wir unser Sein in vollem Ausmaß ergreifen indem wir nicht „nur“ überleben, nicht „nur“ leben, sondern Himmel erleben: wir dürfen glücklich leben. Dazu bedarf es der Begegnung, des Austausches, dem Teilen in Worten und auch tatsächlich durch das Essen. Dann muss man sich auf den Weg machen, dabei gehen Segnen und Abschiednehmen Hand in Hand, bis es zum Hinaufgetragen werden in den Himmel kommt. Ich empfinde es als Herausforderung, die Himmelfahrt wahr- und anzunehmen. Dass die Himmel im Plural sind hilft mir dabei, denn dadurch denke ich, dass es viele Chancen gibt Himmel(fahrt) zu erleben.
Das Niederwerfen der JüngerInnen erlebe ich als Verbindung zur Erde. Und die Herausforderung für mein Leben: beides gut zu spüren, den Boden unter mir, der trägt und den Himmel, der mich immer wieder mal umfängt, auch in Kleinigkeiten, und mir Glück schenkt und meiner Seele Flügel, weil ich getragen bin.
Ich habe mich auf die Verse 50-53 beschränkt, wobei die davor natürlich ein bisschen einfließen.
Ich lebe und arbeite als Pfarrerin in einer Kleinstadt in Österreich in der Diakonie de la Tour in der Seelsorge in einem Krankenhaus mit Schwerpunkt für Psychosomatik und in der Geriatrieseelsorge.

 

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Hinter Simone fällt die Tür ins Schloss. Etwas benommen steht sie draußen. Vorsichtig bewegt sie ihre Zehen in den Schuhen, sie spürt, dass da Boden unter ihr ist, der sie trägt. Es war Simones letzte Therapiestunde. Eine Zeit harter Arbeit liegt hinter ihr. Es war schwer und zwischendurch hat sie oft geglaubt, sie würde nie wieder glücklich sein können. Aber sie war gut begleitet gewesen. Nicht nur von der Therapeutin, die ihr immer wieder neu zugetraut hat, dass sie ihren Weg gehen kann. Ebenso von einer Freundin, die ihr immer wieder Mut gemacht hat. Auch indem sie gesagt hat: ich bete für dich.

Und jetzt? Jetzt steht Simone da, im Freien. Wolken sind zu sehen, doch immer wieder reißt der Himmel auf und sie spürt warme Sonnenstrahlen ihr Gesicht streicheln.

 

Wann haben Sie sich das letzte Mal ganz gespürt? So, dass Sie das Gefühl hatten, voll im Leben zu stehen? Mit beiden Beinen auf der Erde und doch mit der Fähigkeit die Flügel auszubreiten und zu fliegen?

Wenn Sie sich an eine solche Erfahrung erinnern, dann genießen sie dieses Gefühl. Wenn nicht, dann erlauben Sie sich, sich vorzustellen, wie das ist, wenn die Füße gut geerdet sind und der Boden trägt. Und die Wolken am Himmel weit ziehen und die Sonne durchbricht und Sie die warmen Strahlen spüren. Und auf einmal ist da das Gefühl, dass auch das Herz weit ist, ganz weit und Flügel bekommt.

 

Ich lese aus dem Lukasevangelium, dem 24. Kapitel die Verse 50-53:

50 Er führte sie hinaus bis in die Nähe von Betanien und erhob seine Hände und segnete sie. 51 Während er sie noch segnete, entschwand er ihnen und wurde in den Himmel emporgehoben. 52 Sie warfen sich anbetend vor ihm nieder und kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück. 53 Und sie waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

(LK 24, 50-53 BIGS)

 

 

Liebe Gemeinde, ich finde das so bewegend, was die Jüngerinnen und Jünger erlebt haben. Eben noch sitzen einige beisammen und fürchten sich. Sie sind traurig. Ihr Herz tut weh. Jesus ist umgebracht worden und sie haben keine Ahnung wie ihr eigenes Leben weitergehen kann. Sie haben ihre Hoffnungen und Träume begraben.

Da kommt auf einmal mitten in das dunkle Zimmer: Jesus. Das macht zuerst alles scheinbar noch schlimmer. Das bringt ihr ganzes Weltbild durcheinander, wenn das Leben trotzdem weitergeht wo doch alles aus zu sein scheint.

 

Jesus nimmt sich Zeit. Er wendet sich jedem und jeder zu. Sie dürfen die Wahrheit begreifen, Jesus anfassen und seine Wunden berühren. Sie essen miteinander und besprechen alles, was geschehen ist. Und langsam, ganz langsam begreifen sie, dass das Leben weitergeht. Es war Unrecht, was Jesus angetan wurde. Es war schrecklich. Aber es ist nur ein Teil des Wegs. Der Weg geht weiter. Der Tod ist nicht das Ende, da gibt es noch Auferstehung. Aber auch das ist noch nicht alles. Da steht Jesus, mit Wunden. Und jetzt? Jetzt nimmt er sie an der Hand und führt sie hinaus. Nach draußen, ins Freie. Dahin, wo der Himmel weit ist und offen.

Dann segnet er sie. Das geschieht mit offenen Händen. Nur wer loslässt, hat die Hände frei. Jesus ist bereit, sie loszulassen, er traut ihnen zu, dass sie auch ohne ihn zu spüren, ohne ihn begreifen zu können, gut ihren Weg durchs Leben gehen können.

 

Und er hat Recht. Direkt nach der himmlischen Erfahrung, dass Jesus in den Himmel hinaufgetragen wird, werfen sie sich auf den Boden. Sie müssen erst mal spüren, dass da fester Boden ist, der trägt. Und sie zeigen, dass da etwas geschehen ist, was sie nicht einfach so begreifen können. Sie werden später versuchen, davon zu erzählen, mit einer Geschichte. In der Hoffnung, dass sie andere dazu verlocken können, sich auch darauf einzulassen. Jesus ist in den Himmel hinaufgetragen worden, erzählen sie. In den Himmel hinaufgetragen … das ist etwas, das ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich kann mich mit Worten nur einem Raum nähern, der es erahnen lässt. Offener Himmel, ganz bei Gott aufgehoben sein, frei sein, ganz sein und getragen.

Da geht es mir nicht anders als den Jüngerinnen und Jüngern damals. Von Himmelfahrt können sie auch nur in Bildern reden. Aber was ihnen anzumerken ist, ist, dass sie diese Erfahrung verändert hat. Sie gehen ihren eigenen Weg. Dorthin, wo sie gebraucht werden. Sie haben große Freude, sie sind glücklich und sie suchen ganz bewusst Gottes Nähe.

 

Das war damals…. Zurück zu Simone, der Frau heute, die da unter dem weiten Himmel steht und nun so mutig ist, dass sie ihren Weg auch ohne wöchentliche Begleiterin geht. Die gerade den festen Boden unter sich spürt, der trägt. Und die Weite des Himmels über sich tief in sich aufnimmt. Simone hat auch eine Erfahrung gemacht, die nicht leicht weiterzusagen ist. Die Erfahrung, dass da trotzdem, trotz all dem Schweren, das sie erlebt hat, jemand da ist, der sie trägt. Der sie aus dem Schmerz hinaufgetragen hat ins Glücklichsein. Sie spürt, dass ihre Seele Flügel bekommen hat, weil sie trotz ihrer Wunden glücklich sein kann. Nicht immer. Aber zuerst immer mal wieder und dann immer öfter.

Wohin werden sie ihre Seelenflügel jetzt tragen? Nach Hause? Oder zu Freundinnen, um zu feiern? Vielleicht in die Kirche, um dort in der Stille intensiv „Danke“ zu sagen? Oder einfach zum nächsten Bus, um mitten unter den Menschen da drinnen zu spüren, dass sie lebt und glücklich sein kann?

 

Wohin wirst du gehen, wenn dieser Gottesdienst vorbei ist? Wie schaut der Himmel aus, der dich da draußen erwartet? Grau und verhangen, weil alles im immer gleichen Trott dahingeht? Oder bedrohliche Gewitterwolken, weil dich Streit erwartet? Oder ist es ein Himmel, in den du dich gerne hinauftragen lassen würdest: in gut Wetter, Sonnenschein und unendliche Weite?

Der Himmel kann allerhand bieten.

Simone weiß das. Sie wollte oft aufgeben und alles hinschmeißen. Bis sie einmal schwimmen war, an einem Sommertag im See. Da ist sie ans Ufer und hat sich hingelegt und ein bisschen in der Sonne gedöst. Beim Aufwachen sind ihr ihre Sorgen bewusst geworden, und sie wollte ihre Augen gar nicht öffnen, weil sie kurz vorm Losheulen war. Weil aber ewig daliegen nicht geht, hat Simone dann doch irgendwann die Augen geöffnet. Da war über ihr ein Wolkenherz, das innen offen war. „Und da hab ich geglaubt, dass da ein Segen ist, der mir helfen wird wieder glücklich zu sein!“

Ich hab so ein Wolkenherz noch nie gesehen. Aber ich glaube Simone, dass es das geben kann. Ein Herz aus Wolken, wie ein Bilderrahmen, aus dem der blaue Himmel hervorleuchtet. Genauso glaube ich den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, dass sie glücklich waren, obwohl Jesus nicht mehr bei ihnen war und obwohl sie ihn nicht mehr begreifen konnten.

 

Und ich wünsche mir und Ihnen allen hier, dass wir immer wieder neu darauf hoffen, dass da ein Segen ist, der uns helfen wird glücklich zu sein. Und dass Himmelfahrt nicht nur eine exklusive Sache ist, für Jesus, oder Menschen wie Simone, denen sich durch eine Therapie neue Lebensperspektiven öffnen. Sondern, dass jede hier das erleben darf: der Himmel ist offen und Gott kommt mir so nah, dass ich wirklich darin eingehüllt bin, von dieser Wirklichkeit. Sodass meine Seele auf einmal Flügel bekommt. Und ich in den Himmel getragen werde. Trotz all meiner Wunden an Körper und Seele.

Dass ich das erleben kann. In der Hand der Freundin, die einfach da ist, streichelt und nichts sagt, weil es gerade keine Worte gibt. In der Musik, die gerade so wohl tut. Und in den warmen Sonnenstrahlen, die dein Gesicht streicheln.

Gott kommt dir nah, der Himmel ist da, wo dich das Glück einhüllt, trotzdem. Obwohl manches weh tut und die Wunden wirklich sind. Trotzdem gibt es da auch manchmal himmlische Momente die der Seele Flügel verleihen, in denen du spürst: ich bin aufgehoben. Und dann kann da auch manchmal das Gefühl wachsen, dass ich „danke“ sagen möchte. Trotzdem. Gott loben. Trotzdem. Weil der Friede Gottes höher ist als alle unsere menschliche Vernunft. Möge dieser Friede unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus, der nicht nur auferstanden ist, sondern aufgefahren in den Himmel, damit auch wir uns auf die Suche nach den Flügeln machen, die uns in den Himmel tragen.

 

Amen