Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,1-11

Pfarrer Roland Hadorn (ev.-ref.)

06.06.2010 Evang.-ref. Kirche Klosters, CH

I.    Fischer gelten als eigenes Völkchen. Haben nicht nur ihre eigene Kleidung, auch ihre eigene Sprache, zu der das Fischerlatein dazu gehören kann. Ich darf das sagen, weil ich das Fischen und was dazu gehört, selber betrieben habe. Wie kann man nur stundenlang Würmer baden? - kann es heissen, wenn wieder einmal das Unverständnis geäussert wird. Die Fischer macht das meistens nicht nass, sie wissen weshalb man dies kann.

Was habe ich doch als Jugendlicher gestaunt, als ich mit dem Aetti unterwegs war, er mit Fischrute, ich als Beobachter. Da kommt ein anderer Fischer uns entgegen und sagt im Vorübergehen „Petri Heil!“, worauf Aetti zurück gibt: „Petri Dank!“. Manche warfen sich gegenseitig einfach dies zu: „Petri!“.

An Petrus habe ich damals nicht gedacht. „Petri“ habe ich als Fischer übernommen. Eine Art Beschwörungsformel fürs Glück des guten, grossen Fangs.

II.    Petrus – ein Fischer. Anders als wir damals. Er Berufsfischer. Auch hier: Eigene Welt, eigene Sprache, eigene Gesetze. Dieser Beruf trägt damals etwas ein, man hat sein Auskommen, ist wer. Es wird sich durchaus Berufsstolz entwickelt haben können. Man weiss etwas und kann etwas.

Auch wenn’s mal leer ausgehen kann, wie vergangene Nacht bei Petrus. Ein Fischer hat das nicht gern; aber er wird damit leben lernen. Es kann leer ausgehen. Und nun dieses Wort: Nochmals, hinaus. Zur Mittagszeit, wenn das Fischvolk am Trägsten ist und nur nochmals leere Netze winken. Das kommt wohl nur Laien in den Sinn.

„Vergiss es!“ – sagt der Bootseigentümer Petrus dann doch nicht zum Prediger. Sagt, wenn - dann „auf dein Wort“. Es mag dann heraus kommen, was will: viel oder wenig oder nichts – auf dein Wort.

Es liesse sich auch so deuten (es steht nicht da!): Diese Blamage vor so viel Volk wirst du, Prediger, auf deine Kappe zu nehmen haben – ich handle „auf dein Wort“.

Gesagt, getan. Das Ergebnis ist bekannt. Petri Heil. Ein Glücksfang. „Anfängerglück“ könnte Petrus für sich denken, der Prediger hat Anfängerglück. Oder könnte diesem sagen: Wenn du willst, kannst du einstweilen bleiben. Der Prediger würde zum Fischer, zumindest zum Fischer auf Bewährung. Der Prediger wird nicht Fischer, der Fischer wird Prediger.

III.    Petri Heil. Ein Glücksfang. Dem Fischer Petrus ist dieses Glück nicht Geheuer. Er könnte das alles aus Sicht des Berufsfischers sehen: Anfängerglück, könnte den Prediger anheuern – wollen mal sehen, jedenfalls gutes Geld wirft er ab, dieser Zug. Er, der Berufsfischer sieht diesen Fischzug nicht aus dieser Sicht.

Was sagt ein Fischer nach dem Fischzug seines Lebens? Viel wäre möglich, viel Fischerlatein läge drin, gewiss. Was sagt ein Fischer nach dem Fischzug seines Lebens? Kennten wir die Bibel und diesen Text nicht – wäre je zu erwarten gewesen, dass Petrus nach diesem Zug sagt: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch, Herr!“?

Was ist geschehen? Es steht nicht da. Also muss es beim Versuch bleiben. Jenem Versuch, dem Geschehen etwas näher noch zu kommen.

Von aussen zeigt sich dies: Eine erfolglose Nacht des Berufsfischers. Ein Prediger predigt – das „Wort Gottes“, wie Lukas berichtet. Danach eine sinnlose erscheinende Bootsfahrt. Der Glückszug des Petrus. Ein kurzes Gespräch zwischen dem Prediger und dem Fischer. Und schliesslich – nach diesem Zug! – wird alles liegen gelassen „und (sie) folgten ihm nach“.

Von aussen gesehen kann man nur den Kopf schütteln. Wie ist das möglich?

Ist es alleine dies: Der Berufsfischer ist sich doch wohl sicher: Keinen Schwanz von einem Fisch wird der Prediger, werden wir auf dieser Fahrt zur Mittagszeit zu sehen bekommen. Keinen Schwanz. Und dann – ziehen sie eine Ladung ein, die ein Boot zum Sinken gebracht hätte, die selbst zwei Boote tief ins Wasser drückt.

Ist es alleine dieses himmelweite Auseinander: Nicht einen Schwanz –  dann zwei Boote voller Fische?

Jedenfalls begibt sich der Prediger aufs ureigenste Terrain des Berufsfischers Petrus. Dort, wo ihm wohl nicht so schnell einer etwas vormachen wird. Dort geschieht das, was geschieht. Dort, wo einer genau weiss, welches die Bedingungen sind, die dazu gehören, dass Netze sich füllen. Und nun füllen sich unter schlechten, wenn nicht schlechtesten Bedingungen die Netze, wie wohl nie zuvor.

IV.    Der Prediger verliert kein Wort. Es geschieht. Petri Heil. Und dann spricht Petrus: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch, Herr!“. Geh weg von mir. Als ob er diese Nähe nicht länger ertragen könne. Was für eine Nähe? Sie wird qualifiziert durch die zweite Satzhälfte „ich bin ein sündiger Mensch, Herr“. Der Prediger sagt ihm das nicht, eher schon sagt ihm das der Fischzug.

Vielleicht so: Dem Fischfang gehört seine Sorge. Ihm trägt er Sorge. Er, der Fischfang, sorgt für ihn. Davon lebt er. Nun kommt der Prediger in seine Nähe und es zeigt sich: es kann noch ein anderer für ihn sorgen, als er selbst. Er, der Fischer Petrus, müht sich ab, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr über Jahr. Sorgt für sich. Nun kommt einer und füllt ihm die Netze im Handumdrehen.

Wieder himmelweites Auseinander: Hier sein tägliches Mühen mit alldem, was sein muss; dort diese wenigen Worte „Fahr hinaus“.

Ein so leichtes ist es diesem anderen zu sorgen. Und wie – im Übermass, und das im Handumdrehen. War ihm dies in die Ferne gerückt: dass er zwar für sich selbst zu sorgen hatte; aber hinter dem und durch dieses hindurch auch ein anderer seine Hand im Spiel hatte? War ihm dies in die Ferne gerückt: diesem zu vertrauen, sich diesem ganz anzuvertrauen?

Zwischenspiel

Sein Lebensnetz jedenfalls scheint zu reissen. Just in dem Augenblick, wo er bekommt, was er von berufeswegen und als Mensch braucht und will. In diesem Augenblick, da er’s bekommt, im Übermass bekommt, reisst sein Lebensnetz.

Hatte er sein Leben zu fest auf seinen Beruf abgestellt? Hast du was, dann bist du was? Bringt ihm der Prediger von der Nähe jenes Gottes, auf den es sich als Lebensgrundlage zu verlassen gilt? Ist das von dem, das ihn als sündiger Mensch kennzeichnet:

Hat er unter des Alltags Sorgen zu wenig mehr mit diesem Gott gerechnet? Und wird ihm mit einem Schlag, mit einem Fischzug klar: es ist letztlich nur auf einen Verlass, auf den Einen? Bringt diese Einsicht sein selbstgeknüpftes Lebensnetz zum Reissen?

Es muss in diesem fundamentalen Fischzug fundamentales mit dem Innenleben des Paulus geschehen. Anders käme es kaum dazu: aus Fischer wird Prediger.

V.    Petrus bezeichnet sich als sündigen Menschen, jetzt ergeht das Wort es Predigers „Ängstige dich nicht!“. Diese Formel findet sich in der Bibel, wenn es ganz Nahe wird zwischen Gott und Mensch. Ängstige, fürchte dich nicht. Offensichtlich deckt hier diese Nähe auf von dem, was ist. Oder deckt auf von dem, was nicht ist. Als ob ein Mensch auf den Grund seines Lebens sähe und davon vom Schaudern gepackt wird! (vgl. V. 9!)

Und so wie diese Nähe aufdecken kann, kann sich auch zudecken, schützen. „Ängstige dich nicht“, kann verstanden werden als Bergungsformel, als Trostformel. „Schauder hatte ihn gepackt“ – diese aufdeckende Nähe. Jetzt soll er wieder zu sich finden, und so ein Wort, worin er sich bergen soll: „Ängstige dich nicht“. Gesprochen nicht von irgendeinem, für Petrus: gesprochen vom Herrn.

Dies folgt auf „ich bin ein sündiger Mensche“. Mehr nicht. Da wird nicht moralisiert. Da wird balsamiert. Und er wirkt, der Balsam: dem, dem Petrus erst noch sagte: „Geh weg von mir“ - diesem wird er folgen, und das bis ans Ende seiner Tage.

So fällt er, von einem Schauder gepackt, offensichtlich durch sein materielles Lebensnetz für einen Augenblick ins Nichts; da spannt sich unter ihm bereits ein unsichtbares Netz, und diesem wird er fortan vertrauen, wie er den eigenen Netzen vertraut hat - und: daran weiter knüpfen, an diesem unsichtbaren Netz.

VI.     Denn: jetzt soll er Menschen fangen. Seltsames Bild. Und doch – wieder dem Terrain des Petrus entnommen. Ein Fänger ist er. Und das soll er bleiben. Sieht man, wie friedlich und gewaltlos Petrus selber gefangen wurde, braucht man diesem Fangen von Menschen nicht zu wehren.

Wird ab und an mit irgendwelchen Fängereien versucht, den Menschen von sich und seiner Herkunft zu entfremden – hier: Petrus wird mehr als nicht zu sich gefunden haben und dann auch zu seiner Herkunft. Diese Herkunft spricht vom unsichtbaren Netzwerk, das gespannt ist unter einem Menschenleben.

So gründet Petri Heil, das Heil des Petrus in diesem göttlichen Netzwerk. Alte Sprache: im Heil, das der Heiland bringt. Und so wird aus dem Fischer Petrus, der Fische fängt, später der Jünger Petrus, der Menschen davon erzählt: vom Heil. Und dieses, das weiss nun keiner besser als Petrus, ist ein anderes Heil als unser bekanntes „Petri Heil“.