Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,1-11

Pfarrer Dr. Erik Panzig (ev.)

02.04.2017 Martin-Luther-Kirche, Markkleeberg-West

Handwerkergottesdienst

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Handwerkerinnen und Handwerker, liebe Kinder, liebe Gemeinde,

Ich habe mein eigenes Handwerkszeug mitgebracht; die Luther-Bibel (Model 2017 als App) und meinen Computer mit digitaler Predigt. Sodann die typische schwarze Berufskleidung für lutherische Pastoren, den Talar; mit weißem Innungszeichen, dem durchgeschlitzten Beffchen (Für die Kenner der Zeichensprache: reformierte Beffchen sind durchgenäht, unierte Beffchen sind halbgeschlitzt).

Doch das wichtigste Handwerkszeug eines Lutheraners ist die Stimme. Ich hoffe, laut und deutlich genug zu sprechen, damit Sie mich bis in die letzte Kirchenbank hören können. Zum Predigen gehören auch die Hände für die Gesten. Aber nicht nur dafür. Des Pfarrers Handwerk ist das Werk zupackender Hände diakonischer Nächstenliebe. Pfarrers Handwerk ist Menschenfischer-Handwerk.

Der Predigttext für den heutigen Handwerkergottesdienst steht bei Lukas im 5. Kapitel in den Versen 1 bis 11. Er ist überschrieben mit den Worten „Der Fischzug des Petrus“:

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.
2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Was tun Fischer, liebe Gemeinde? Sie fischen. Nein; das tun sie in dieser Geschichte gerade nicht. Sie sitzen am Ufer und waschen ihre von Algen verdreckten Netze. Sie setzen ihre wichtigsten Werkzeuge instand. Netzwirken ist ihr mühsames Handwerk.  

Der Evangelist Lukas berichtet auch von zwei am Ufer liegenden Fischerbooten. Bootsbauer vom See Genezareth haben sie gebaut. Den Steven, die Spanten und die Planken haben die Handwerker zusammengefügt. Das Ruder, das Steuer, den Mast und den Baum haben im Umgang mit Holz begabte Hände eingesetzt. Für die Takelage waren die Segelmacher zuständig. Und das Tauwerk haben die Seiler hergestellt. Um ein Fischerboot funktionsfähig auszustatten, mussten auch zu Lebzeiten Jesu viele Gewerke zusammenarbeiten. Ein Netzwerk von Fachleuten war nötig, bevor die Fischer ihre Netze auswerfen konnten. Petrus sagt zu Jesus:  „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“

Aus den müden Worten des Fischers spricht die Erfahrung der Vergeblichkeit. Kein Fisch im Netz. Außer ein paar Löchern in den Netzen haben sie nichts aus dem Wasser geholt. Aus den Worten des Fischers höre ich auch Empörung. Das ist eine Zumutung. Die ganze Nacht haben sie gearbeitet. Sollen sie jetzt noch eine Sonderschicht fahren? Die Forderung Jesu ist eine Infragestellung klassischer Werte des Handwerks. Die Berufserfahrung der Fischer wird Infrage gestellt. Das Maßhalten scheint unwichtig zu sein. Von Arbeitszeitregelungen ganz zu schweigen.

Ich habe eigene Erfahrungen als Fischer und Angler gemacht. Für sechs Jahre war ich Finnland, im Land der 1000 Seen. Dort gibt es einen Fisch namens Siika (dt. Felchen). Der kommt erst dann in Ufernähe, wenn das Eis schwindet (Anfang April). Und er beißt nur auf Regenwurm, der auf Grund gelegt ist. Ich konnte Erfahrungen der nordischen Petrijünger zurückgreifen, als ich mein Heil am Finnischen Meerbusen versuchte. Ich habe auch versucht, die Meerforelle zu fangen (finn. Meritaimen), den Fisch der 1.000 Würfe. Die Fangaussichten liegen bei ein pro Mille – Vergeblichkeit vorprogrammiert. Hier hatte ich kein Glück.

Jesus zu Petrus: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Die galiläischen Fischer lassen sich ein auf das Gebot und gegen alle ihre Erfahrung – Gotteswerk contra Handwerk – berufspraktisches Wissen versus gutgläubiges Vertrauen. Kann das gut gehen? „Wo es tief ist …“ – Die Fischer sollen hineinsteuern in eine unklare und vielleicht auch gefährliche Situation. Geht es den Handwerkern in Deutschland heute nicht ähnlich? – Industrie 4.0 = Handwerk 4.0? Wer kann heute abschätzen, ob digitale Präzisionsfertigung handwerkliches Geschick überflüssig machen wird, wann 3D-Drucker gutes Handwerkszeug ersetzen werden?
Früher mussten Menschen vor den von Maschinen ausgehenden Gefahren geschützt werden. Heute sind es intelligente Maschinen, die vor dem Eingriff von Menschen geschützt werden müssen, um einen fehlerfreien Produktionsablauf zu gewährleisten.

„Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische …“ Was passiert rein praktisch in der Fischer-Geschichte: die alten Netze beginnen zu reißen, die traditionellen Boote drohen zu sinken. Innovation ist hochgradig angstbesetzt. Chancen werden als Risiken wahrgenommen. Das war schon früher so. Und es wird immer Menschen geben, die Angst vor der Veränderung traditionell überkommener Lebensweisen haben. Doch Handwerk galt über Jahrhunderte als fortschrittliches Werk. Wie sonst erklären sich beispielsweise die großen Veränderungen in den Baustilen? Aus der Schlichte der trutzigen Romanik wurde atemberaubende und himmelwärts strebende Gotik; aus der Klarheit uns Strenge der Renaissance entstand üppiger und verspielter Barock, wie wir ihn auch hier in dieser schönen Kirche bewundern können.

Auch der Fischer Petrus hat Angst. Ein Schrecken hatte ihn erfasst. Und Jesus muss ihm zurufen: „Fürchte dich nicht!“ – Diese Worte kennen wir aus der Weihnachtsgeschichte. Was hier den Fischern gilt, das gilt allen Menschen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Wir brauchen keine Angst vor dem Neuen und Unbekannten haben. Wir können darauf vertrauen, dass Gott unsere angstbesetzten Situation kennt. Er ist an deiner Seite; gerade dort, wo es tief ist.

Die Geschichte vom wunderbaren Fischzug des Petrus erzählt von Menschen und Fischen. Jesus zieht Menschen und Fische an. Dieser wundersame Jesus ist Herr über die Seelen der Menschen und wunderbarer Herrscher über die Naturgewalten. Seine Macht reicht weiter und wirkt tiefer als die Menschen damals ahnen sollten und als viele heute glauben können. Größer als das Erstaunen über den wundervollen Fischfang ist die Faszination über Jesus selbst. Denn „sie [die Fischer] verließen alles …“. Wider alle Handwerkerehre verlassen die Männer ihren angestammten und vertrauten Platz. Die Boote bleiben an Land zurück. Die Netze haben sie an den Nagel gehängt. Die Frage ist berechtigt: Was wird aus Frauen und Kindern? Wer wird sie versorgen? Und wer gibt die Fertigkeiten weiter? – Nachwuchsprobleme kennt heute auch das deutsche Handwerk. Noch nie blieben in Deutschland so viele Ausbildungsplätze unbesetzt wie im Jahr 2017. „Made in Germany“ – eine gefährdete Marke?

Die jungen Leute fehlen in den Handwerksberufen. Sie wandern zum Studieren in die großen Universitätsstädte ab. Schwierigkeiten bei der Übergabe der Betriebe in die Hände der nächsten Generation sind an der Tagesordnung. Und Traditionsabbrüche sind in traditionellen Gewerken kein Fremdwort. Alte Fertigkeiten sind vom Aussterben bedroht, weil nur noch wenige alte Männer und Frauen sie beherrschen

„und folgten ihm nach …“   Sie werden Menschenfischer werden. Keine Fische mehr mit Netzen und Leinen fangen, sondern Menschen mit brennender Zunge und feurigem Herzen überzeugen. Die Geschichte vom Fischzug des Petrus ist eigentlich keine gute Handwerker-Geschichte. Da wäre es besser gewesen, wenn Jesus als Berater hätte gewonnen werden können, quasi als Trendscout mit Gewinnbeteiligung.

Doch die wunderbare Erfahrung bleibt: „… sie kamen und füllten beide Boote voll …“. Gott gibt in seiner Gnade viel mehr, als wir zum Leben brauchen; erschreckend viel, geradezu überbordend viel. Wer sich auf Jesus einlässt, der vertraut Gott mehr als den Menschen. Wer Jesus Hand an das eigene Lebenswerk legen lässt, dieser Mensch lebt im Vertrauen, dass es gut werden wird.

Amen.