Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 5,1-11

Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit

15.07.2001 in der Ev. Dreifaltigkeitsgemeinde Berlin-Lankwitz

Predigtpreis 2001 für die beste Predigt

Predigt steht in gekürzter Fassung als mp3-Datei zur Verfügung

Vorbemerkung:
Die folgende Predigt wurde in einem Gottesdienst gehalten, der unter einem besonderen Motto - "Gottesdienst für offene Ohren" steht. Alle zwei Monate lädt die evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde in Berlin-Lankwitz zu diesen Gottesdiensten ein. Sie stehen im Zeichen moderner Musik - in diesem Fall eine Mischung aus Gospel- und Popsong gemischt mit Taizégesängen. Der Predigt unmittelbar voran geht ein Popsong von Cornelius Beck, Titel "Through it all" - ein persönlich vorgetragenes "Glaubenbekenntnis."

 

"Through it all!" - trotz allem, durch alles, was ich erlebt habe, hindurch glaube ich - Cornelius Beck hat seine Geschichte gesungen, das Evangelium des heutigen Sonntags erzählt gleichfalls eine solche Geschichte: "Through it all!"

Lukas 5, 1-11 (Übersetzung nach Francois Bovon, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament III/2 Neukirchen 1996)

Und es geschah, als ihn die Menge umdrängte und das Wort Gottes hörte,
da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Seeufer liegen;
die Fischer aber waren aus ihnen ausgestiegen und wuschen die Netze.
Da stieg er in eines der Schiffe, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren.
Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Schiff aus.
Als er aber aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon:
Fahre weg ins tiefe Wasser,
laßt eure Netze ins Wasser hinunter, um etwas zu fangen.
Und Simon antwortete und sprach:
Meister, die ganze Nacht hindurch haben wir uns gemüht und nichts gefangen;
Auf dein Wort aber werde ich die Netze ins Wasser hinunterlassen.
Und als sie das getan hatten, fingen sie eine große Menge Fische ein, ihre Netze aber waren am zerreißen.
Und sie winkten den Gefährten im anderen Schiff, sie sollten kommen und mithelfen. Und sie kamen und füllten beide Schiffe, so dass sie am Sinken waren.
Als Simon Petrus das aber sah, ließ er sich vor den Knien Jesu nieder und sagte: Gehe weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr.
Erschrecktes Staunen hatte nämlich ihn und alle mit ihm erfaßt über den Fischfang,
den sie zusammen getan hatten, ebenso Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Simons Teilhaber waren. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen lebend fangen.
Und sie fuhren die Schiffe ans Land zurück, verließen alles und folgten ihm nach.

 

Ich bin Menschenfänger von Beruf - wie klingt das in Ihren Ohren? In meinen klingt es alles andere als verheißungsvoll. Zumindest würde ich niemals wagen, mich auf diese Art und Weise vorzustellen, wenn ich nach meinem Beruf gefragt würde. Pfarrerin bin ich, Theologin - so würde ich antworten. Von Berufs wegen predige ich, vertrete die Kirche, versuche, für andere Menschen dazusein, lade sie ein, so würde ich mich erklären.

Menschenfängerin. Wer läßt sich - außer spielenden Kindern - schon gerne fangen? Da klingt in meinen Ohren etwas mit von "einwickeln", Leuten etwas aufschwatzen - und überhaupt: Eigenständige Menschen von heute, die lassen sich nicht fangen. Religion ist kein Zwang und erst recht kein Fischernetz, in dem eine zappelnde Menge hilflos nach Luft schnappt.
Menschenfängerin - nein Danke!

Mit der beeindruckenden Nummer vom großen Fischzug des Petrus konnte Jesus damals gewiß die Fischer beeindrucken - und die Dorfbevölkerung am See Genezareth. Heute zählen andere Auftritte.

Da hätte sich der Meister schon auf dem Bildschirm sehen lassen müssen. Vorher ein Gang in die Maske. Eine Schicht Puder, damit das Gesicht nicht glänzt im Scheinwerferlicht. Vorteilhafte Kleidung, perfektes Äußeres und dann beginnt die Show. Keine Zeit für stundenlange Belehrungen, hier wird getalkt. Witzig, spritzig, kurz und knapp, denn sonst schaltet die Menge ab.
Überhaupt - nicht der Inhalt der Rede zählt. Ausstrahlung, Überzeugungskraft - und vor  allem: der Unterhaltungswert.

Fünf Menschenfischer von heute waren vor drei Tagen auf dem Bildschirm am Werk: die fünf Berliner Spitzenkandidaten zu Gast bei Maybritt Illner, dem Polittalk im ZDF. Klaus Wowereit, Frank Steffel, Gregor Gysi, Sibyll Klotz und Günther Rexrodt. Menschenfischer von heute. Mit Erfolg: drei Millionen Zuschauer sahen zu - 16% Marktanteil.
Und wer's nicht erlebt hat, konnte es gestern in der Zeitung nachlesen. Mit Photos und gnadenloser Einzelauswertung eines jeden Kandidaten. Drei Millionen Zuschauer - ein großer Fischzug.

Vielleicht stimmt meine Ausgangsthese gar nicht. Wenn Ausstrahlung und Unterhaltungswert stimmen, lassen wir uns offensichtlich doch ganz gern angeln. Ist doch eigentlich auch nichts dabei, oder?
Die Kirchennetze hängen allerdings seit langem schon etwas schlaff und mehr leer als voll im Wasser. Hin und wieder schwimmt jemand vorbei und fühlt sich wohl bei uns. Dass die Netze nach wie vor nicht voll sind bis zum Zerreißen, daran haben auch zahlreiche missionarische Aktivitäten hierzulande nichts geändert. Große Schilder am Berliner Dom weisen auf eine Kircheneintrittsstelle hinter der Pforte hin. Für Jugendliche werden Handy-Gottesdienste entwickelt. Segen läßt sich im Internet bestellen: 16 Tage lang für nur 9,90 DM. Sie singen und spielen, machen Musik, die abweicht vom Üblichen und hoffen auf offene Ohren - jede unserer Verkündigungssendungen im Radio oder Fernsehen versucht, Menschen zum Zuhören zu bringen. Wir wollen in der Kirche Menschen eine Heimat bieten und wir wollen sie - bei allem Ernst, der der biblischen Botschaft ohnehin anhaftet - auch unterhalten! Wir geben uns redliche Mühe - jeder und jede von uns - doch 3 Millionen Zuschauer, die wird kein noch so geniales Wort zum Sonntag je erreichen.

Fischer, Fischer - wie tief ist das Wasser - wie kommen wir darüber - und wie kommen wir an die Fische?

In der Bibel ist wieder einmal alles anders und offensichtlich auch wesentlich einfacher. Jesus, der Wanderprediger, muß erst gar keine Menschen mühsam anwerben. Sie sind bereits da. Und dem Prediger wird es zu eng bei so vielen Zuhörern. Also steigt er in ein Boot und läßt sich hinaus rudern. In angemessenem Abstand redet er weiter zur Menge. Die eigentliche Sensation aber vollzieht sich nicht vor Publikum, sondern unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Wenn wir uns auf den Begriff des Menschenfängers einlassen, lohnt sich ein Blick auf dieses Zentrum der Geschichte.

Der "Meister", wie ihn Simon Petrus nennt, begleitet seinen künftigen Jünger auf dessen Terrain, in seinen Alltag. Nach der Lehre kommt nun die Praxis. Und die sieht folgendermaßen aus: Petrus und seine Kollegen haben Sorgen. Sie haben sich redlich abgemüht in ihrem Beruf, aber umsonst. Auch wenn Jesus kein Fischer ist, sondern Zimmermannnssohn aus Nazareth, die Not der Fischer hat er erkannt. Und durch seine vorherige Botschaft an die Menschen am Ufer muss er ihr Interesse geweckt und ihre Anerkennung gewonnen haben. Petrus läßt sich jedenfalls auf die Empfehlung des Wanderpredigers, eines Laien in Sachen Fischfang, ein: "Auf dein Wort werde ich die Netze hinunterlassen." Mitten am Tage, in der heißen Mittagssonne, wo bekanntermaßen kein Fisch auch nur Anstalten macht, ins Netz zu gehen.
Die Aktion ist von umwerfendem Erfolg gekrönt. Ein Erfolg, der sich nicht vor den Augen der Massen abspielt, sondern hinter den Kulissen. Eine Handvoll Fischer hält nun mit aller Kraft die schweren Netze. Soviel Erfolg ist unheimlich. Für Petrus ganz klar überirdisches Wirken. Er bekommt Angst. Angst vor der Nähe Gottes.

Ein ganz normaler Mensch bin ich - bekennt Petrus: "Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!" Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und Unvollkommenheiten.

Doch so wie er ist, nimmt ihn Jesus. Er engagiert ihn. Es ist dabei nicht wichtig, wie, wo, wann und ob Petrus seinem verantwortungsvollen Auftrag, den er nun erhält, nachkommen kann. "Du wirst!" - "Du wirst von nun an ganz großen Fang machen. Menschenfang."

Wie fangen wir - die wir doch in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth stehen, Nachfolger des Petrus, wie fangen wir Menschen?

Ich kann mich bei allem Bemühen der Annäherung nicht an diesen Begriff gewöhnen. Menschenfänger - das behagt mir nicht. Doch Menschen dafür gewinnen, dass sie - und wenn es nur für einen Augenblick ist - ihre Ohren öffnen für die Botschaft, die uns wichtig ist, das möchte ich.
Ich möchte kein Netz spannen, in dem sie einfach hängen bleiben. Doch ein Netz erfüllt ja auch noch einen anderen Zweck. Ein wenig frei und unbekümmert erlaube ich mir hier, mit den Bildern zu spielen, denn nicht im Wasser hängt mein Netz - eher ist es in der Luft gespannt. Direkt über dem Boden vermag es, Menschen zu fangen - aufzufangen, die das Gleichgewicht verloren haben. Und wer sich in den luftigen Höhen des Lebens bewegt, balanciert konzentrierter, sicherer über das Seil mit dem Wissen: Mir kann nichts passieren, ich lebe mit Netz und doppeltem Boden.

Mehr als spektakuläre Aktionen, öffentlichkeitswirksame Fernsehauftritte und hohe Einschaltquoten, mehr als spektakuläre Kirchenein- oder austrittszahlen, mehr als professionelle Menschenfischer zieht dieses Lebensgefühl den Fisch an Land, den Menschen in die Lüfte: Mein Leben hat diesen doppelten Boden, dieses Netz, das mich auffängt und in der Krise nicht dem freien Fall überläßt. Es wird gehalten von dem, der sich selbst als guter Hirte sah, der jedem Einzelnen nachgeht, nicht der erfolgversprechenden Masse. Fest gespannt ist dieses Netz durch ihn und meine Gefährten - für Petrus die Fischerskollegen, für mich die Gefährten im Glauben.

Wir hängen nicht ab von Erfolg oder Mißerfolg unseres Alltages. An Ausstrahlung und Unterhaltungswert mißt sich unser Wert nicht. Die Attraktivität unseres Glaubens, das ist unser Lebensgefühl. Und hier sollten wir uns vom Predigttext ruhig hinterfragen lassen: Der routinierte Fischer Petrus läßt seine Erfahrungen, auch seinen Mißerfolg hinter sich. Er hört mit offenen Ohren auf die Stimme Jesu. Mit Zuversicht anstatt mit Besserwisserei, Resignation oder Verbohrtheit reagiert er auf dessen Anweisung: "Auf dein Wort hin werde ich die Netze ins Wasser hinunterlassen!" Das heißt soviel wie: Ich versuch's noch einmal. Ich gebe mir und meiner Umwelt eine neue Chance. Ich glaube, es kann gelingen.

Ein solches Verhalten kennen wir von Kindern. Wie selbstverständlich ermutige ich meine Tochter, die mit ihren zwei Jahren alles alleine machen möchte: "Du kannst das - mach das, versuche es." Tag für Tag. Und wie oft gönne ich mir dagegen selber den Zuspruch Gottes, seine Zusage und Zuversicht, dass ich mein Leben gelassen und offen angehen darf. Wie oft sage ich tatsächlich: "Eigentlich glaube ich nicht daran, dass das ganze Unternehmen von Erfolg gekrönt sein wird - trotzdem: "Auf dein Wort hin werde ich die Netze ins Wasser hinunterlassen!"

Lebe ich selbst in der Gewißheit dieses tragenden Netzes unter den Füßen, das mich Selbstvertrauen entwickeln läßt? "Fürchte dich nicht!" - diesen Satz ruft Gott uns zu - aus der Tiefe, neben uns, über uns. "Fürchte dich nicht!" - dieses Lebensgefühl wollen wir versuchen weiter zu vermitteln.

"Wir fürchten uns nicht. Und auf dein Wort hin werden wir die Netze ins Wasser hinunterlassen." Das möge unsere Zuversicht, unsere Ausstrahlungskraft, unser Unterhaltungswert, unsere Überzeugungskraft sein.