Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 6,27-36

Sr. Christina Mülling (rk)

23.01.2011 in der evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart

Teil einer Predigtreihe: "Werte, die zum Leben helfen"

Gemeinschaft

Hier die Predigt hören.

 

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Im Psalm 122 haben wir gehört: „Friede wohne in deinen Mauern,  in deinen Häusern Geborgenheit." Eine ganz tiefe Sehnsucht des Menschen ist hier angesprochen. Wir alle sehnen uns nach einem Ort des Friedens und der Geborgenheit, an dem wir wachsen und uns entfalten können. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen, die Sie in Ihren Einrichtungen erlebten, genau das erfahren haben! Sie haben sich bei Ihnen geborgen, gut versorgt und aufgehoben gefühlt und darin Frieden erfahren. Auch zu uns kommen jedes Jahr viele Menschen ins Kloster, die gerade von dem Frieden und der Liebe, die sie dort erfahren angezogen werden und das auch zum Ausdruck bringen. Und vielleicht geht es Ihnen an dieser Stelle manchmal genauso wie mir: Ich denke dann innerlich: „O Gott! Wenn die wüssten!" Wenn die wüssten, wie schwer wir uns das Leben manchmal gegenseitig machen, wie Macht, Verletztheit und Unversöhnlichkeit immer wieder Konflikte heraufbeschwören. Aber das sehen die Menschen von außen oft nicht.


Offensichtlich gibt es 2 Seiten der ein und selben Gemeinschaft, die gleichzeitig da sein können: eine Leidensseite und eine Auferstehungsseite.
Jede Gemeinschaft, sei es eine Arbeitsgemeinschaft, eine Familie, eine Ordensgemeinschaft oder irgendeine andere Lebensgemeinschaft hat diese beiden Seiten. Das ist unsere Realität. Auf der einen Seite stehen Konflikte, Spannungen, unsere eigenen Begrenzungen und die der anderen, unsere eigene Liebesunfähigkeit und die der anderen, an denen wir leiden, das gemeinsame Ringen um Liebe und Frieden. Auf der anderen Seite stehen Erfahrungen, wo Beziehung glückt, Gemeinschaft beschenkt und wachsen lässt. Hier werden die Früchte des Ringens im Miteinander in Form von Liebe, Frieden und Geborgenheit sichtbar. Aber offensichtlich gibt es die eine Seite nicht ohne die andere..


Es ist nicht schlimm, dass es diese Leidensseite gibt, das ist unsere Realität mit der wir leben lernen müssen. Wichtig ist nur die Frage: Wie können wir mit den Spannungen, Verletzungen, Problemen so umgehen, dass sie uns nicht kaputt machen, sondern in den Frieden und die Versöhnung führen, sprich, dass wir, welche Gemeinschaft auch immer wir sind, zu einer Auferstehungsgemeinschaft werden. Ich möchte Ihnen dazu drei Schritte, die mir persönlich wichtig sind, nahe bringen.


Wir alle haben in unserem Herzen ein geheimes Waffenarsenal und wenn uns Unrecht getan wurde, wenn wir verletzt wurden, dann holen wir unsere Waffen heraus und schwingen innerlich die Keulen. Ich glaube, wenn wir ehrlich sind, dann drücken die Rache- Fluch- und Klagepsalmen am ehesten das aus, was in diesen Augenblicken in unserem Herzen vorgeht - und das vielleicht sogar in den frommsten Momenten. Wenn ich mich in so einer Situation ertappe, dann versuche ich erst einmal, einen Rat der hl. Klara zu berücksichtigen. Schau Dich im Spiegel Jesu an: Stelle Deine Gedanken, Deine Seele, dein Herz vor ihn hin und schaue, ob sie vor seiner Liebe, vor der Ewigkeit Bestand haben. Und vielleicht kommt es dann zu einem heiligen Erschrecken: Können meine Gedanken, Worte und Werke vor Gott angesichts seiner Liebe und der Ewigkeit bestehen? Das ist der erste Schritt, dass ich über das erschrecke, was in meinem Herzen an Rache, an Wut und Unversöhnlichkeit vorhanden ist. Ich meine hier nicht ein menschliches Erschrecken, das sich sofort verurteilt und sich selbst niedermacht. Ich meine hier ein heiliges Erschrecken. Ich schaue mich mit dem liebevollen Blick Jesu an, erkenne meine eigenen Untiefen und werde bereit, mich von seiner Liebe verwandeln zu lassen. Dies ist die Voraussetzung, die göttliche Therapie nun an mir zulassen.


Den zweiten Schritt und den Beginn der göttlichen Heilkur haben wir eben im Evangelium gehört: „Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln." Jesus lädt uns ein, unsere Waffen aus der Hand zu legen! Er sagt quasi zu uns: Mit all eurer Wut, eurer Verletztheit, eurer Rache und eurer Unversöhnlichkeit könnt Dir den anderen nicht verändern und euch nicht den Frieden geben. Kämpft mit meinen Waffen, denn nur ich habe die Macht Herzen zu wandeln und den Frieden zu schenken, den die Menschen nicht schenken können. Immer, wenn Du innerlich in Aufruhr kommst, segne diesen Menschen!

Segnen ist in diesem Fall ein Gebet gegen den Strich, gegen alle Gefühle und Regungen im eigenen Herzen. Aber wenn Sie das üben, werden Sie erfahren, dass ganz langsam dieser Segen ihr Herz durchdringen und den Aufruhr im Herzen befrieden wird. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Es ist ein langsamer Prozess, den wir uns zugestehen müssen. Am Ende aber erlangen wir unsere Freiheit wieder zurück, weil jedes erlittene Unrecht uns an den Verursacher des Unrechts bindet und unser Handeln steuert. Segnende Menschen sind freie Menschen, die im Konflikt auf die verwandelnde Liebe Gottes setzen!
Den dritten Schritt möchte ich mit dem hl. Bonaventura so benennen: Durch das Tor der Wunde treten!


Jesus hat für uns gelitten und sich verwunden lassen, damit er uns in unserem Leiden und Verwundungen begegnen und heilen kann. Geben Sie ihrer Wunde einen ganz konkreten Namen:     z. B. Ungerechtigkeit, Verlassenheit, Im Stich gelassen werden, Ausgeliefert werden, Übersehen werden und suchen Sie im Leben Jesu nach derselben Erfahrung. Wo wurde er ungerecht behandelt, verleumdet, im Stich gelassen … Sehr hilfreich kann es dabei sein ein Passionsbild zu betrachten, das meine Erfahrung, mein Leiden widerspiegelt. Und dann legen Sie im Gebet ihre Wunde in seine Wunde: Jesus in Deine Wunde des Verrates lege ich meine Wunde des Verrates und ich bitte Dich, heile Du diese Wunde, schenke mir den Frieden und die Vergebung, die nur Du geben kannst. Dort, wo Sie nicht oder noch nicht vergeben können, dürfen sie Jesus bitten, dass er an ihrer Stelle vergibt. Vielleicht ist es Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Jesus am Kreuz seinen Peinigern auch nicht vergeben konnte, aber er hat gebetet: „Vater vergib Du ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!“ Sie dürfen weinen, ihm alles geben, was an Gedanken in ihrem Herzen ist. Durch seine Wunden sind und werden wir geheilt. Darin liegt auch die tiefe Bedeutung des Betens des Kreuzweges, dass wir unsere eigenen Wunden, die Wunden der Menschen mit denen wir leben oder die der Welt in Berührung mit seinen Wunden bringen und so sein Heil in und unter uns wachsen kann. Die Wunden werden bleiben, vielleicht auch noch der Schmerz, aber sie werden befriedet und versöhnt sein wie die Wunden Jesu. Auch der Auferstandene war noch an seinen Wunden erkennbar aber es waren versöhnte Wunden, aus denen Vergebung und Erbarmen strömte.

 

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir lernen so mit unseren Konflikten und Verletzungen umzugehen, dann werden unsere Gemeinschaften wirklich zu Auferstehungsgemeinschaften, dann wohnt der Frieden in unseren Mauern und Geborgenheit in unseren Häusern. Amen!