Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7, 11-15

Pfarrer Dirk Klute

30.03.2017 Psychiatrische Klinik in Lengerich/Westfalen

„Du bist für mich gestorben!“                                                  

Ich mag „wildes Denken“. Wildes Denken ist das Gegenteil von geordnetem Denken. Geordnetes Denken bewegt sich in festen logischen oder wenigstens anerkannten Bahnen. Geordnetes Denken kommt dann zu „richtigen“, halbwegs akzeptablen Ergebnissen.

Wildes Denken dagegen ist ein bisschen „neben der Spur“, etwas verrückt, assoziativ, kreativ. Und so, dass die Experten mit dem Kopf schütteln. Und nicht nur die.

Die Bibel ist ein ausgezeichnetes Buch für wildes Denken. Würde man sie nämlich nur „geradlinig“ lesen, man wäre schnell damit fertig: Man müsste ein paar dicke Bücher schreiben, wo „die“ richtigen Deutungen drin stehen, und dann ist die Sache erledigt.

Aber wenn Sie sich die Bibel als Lebensbegleiterin erwählen, dann wird sie Ihnen immer wieder anders begegnen. Dann werden Sie z.B. an ein und derselben Geschichte immer neue Aspekte entdecken und weitere, vielleicht völlig andere „Les-Arten“ finden. Je nach dem, wer Sie gerade sind, wie Sie drauf sind, was bei Ihnen im Leben zur Zeit ansteht. Und auch: Was denn die Les-Arten derjenigen Leute sind, mit denen Sie sich darüber unterhalten.

Gerade die verschiedenen Les-Arten „der anderen“ finde ich immer wieder spannend. Ich erlebe das oft beim „Bibel-Café“: In manchen Wochen bringe ich denselben Text montags in Lengerich mit, mittwochs in der Forensik in Rheine, donnerstags in der psychiatrischen Abteilung in Rheine. Und  meistens laufen die Gespräche in sehr verschiedene Richtungen. Auch innerhalb einer Runde gibt es ungefähr so viele Lesarten wie Teilnehmende.

Ich mag wildes Denken, aber manchmal ist es „zu“ wild. Das ging mir so bei folgender Geschichte:

Und es begab sich (…), dass Jesus in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.

Und da sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. (Lukas 7, 11-15)

Darauf ein Teilnehmer ungefähr so: „Ich glaube gar nicht, dass der junge Mann tot war! Der hat sich nur tot gestellt, um von seiner Mutter weg zu kommen!“

Meine „innere“ Reaktion: Sympathie für diese kreative Idee. Aber ich müsste gleich trotzdem wohl steuernd eingreifen, damit wir jetzt nicht bei dieser ungewöhnlichen Interpretation bleiben.

Dann jedoch konnte ich immer mehr an dieser Deutung finden: Wir kamen nämlich darauf, wie schwer das manchmal für Eltern ist, ihre Kinder loszulassen, sie ziehen zu lassen. Erst recht wohl Mütter, die haben die Kinder ja neun Monate in sich getragen und oft auch an ihrer Brust gehabt. Und hier auch noch eine Witwe, die ihren Mann verloren hat, und der Junge ist ihr Einziger, ihr Ein und Alles.

Das ist jetzt das Dilemma: Die Mutter hält ihren Jungen ganz fest. Aber der wird immer größer, dem wird die Umklammerung zu eng, der will sein eigenes Leben. In solchen Situationen kommt es nicht ganz selten zu so etwas wie dem „sozialen Tod“: Sozialer Tod, das ist Beziehungs­abbruch. - „Der ist für mich gestorben“; „Ich bin für die gestorben!“ Der Zustand nach dem ganz großen Knall zwischen Eltern und Kind, oder eben hier: zwischen Mutter und Kind. Erst „Ich hasse dich!“ - Wer so brüllt, ist wenigstens noch in Beziehung. Und danach: Gleichgültigkeit. - „Die Alte interessiert mich nicht! Die ist für mich gestorben“ Kennzeichen: Wenn man überhaupt noch den anderen erwähnt, dann in der dritten Person. Man redet nicht mehr MIT-einander.

An dem Punkt sind wir hier in der Geschichte: Den lieben Jungen, den sie mal hatte, den hat die Mutter nun endgültig verloren, den muss sie heute zu Grabe tragen. Ein ganzes Dorf begleitet sie, die wissen ja auch, was geschehen ist. Aber im Grunde ist sie allein. Und er, der junge Mann? Er ist jetzt „draußen“. Auf dem Sprung sozusagen. Die engen Mauern des Örtchens hat er hinter sich.

Tote gelten zu biblischen Zeiten als „unrein“ und damit als unberührbar. So ist es hier auch. Den Jungen berührt nichts. Er reagiert auf nichts. Die Tränen der Mutter erreichen ihn nicht. Cool wirkt er. Um nicht zu sagen: eiskalt. Und die Mutter, die hütet sich, ihm zu nahe zu kommen. Auch wenn sie es um alles in der Welt gerne würde, ihn in die Arme schließen, ihn nie wieder loslassen.

Und nun kommt Jesus ins Spiel. Ihn berührt spannenderweise an dieser Stelle nicht der „Tote“. Nicht der, der für seine Mutter nicht mehr ansprechbar ist und der sich auch nicht mehr von ihr berühren lässt. Sondern: Sie, die Mutter, „jammert ihn“.

Und was macht Jesus? Er wendet sich ganz dem zu, der für alle anderen gestorben ist: Er berührt den Unberührbaren; er spricht den an, der auf niemanden mehr hört; mit seiner Autorität fordert er den Toten zu etwas auf, was der schon lange nicht mehr gemacht hatte: Sich aufrichten.

Mhm, dumm gelaufen für den jungen Mann, wenn er sich wirklich nur tot stellte, um aus der Umklammerung seiner Mutter heraus zu kommen. Denn am Ende heißt es: Jesus gab ihn seiner Mutter.

Oder? Na ja, nicht ganz. Der Junge ist nämlich ein anderer geworden: „Der Tote richtete sich auf und fing an zu reden.“ Wieder ganz wild gedacht: Vielleicht hatte er das beides in der Umarmung seiner Mutter gerade nicht gemacht: Sich aufrichten, sich groß machen. Und: Reden. Vielleicht auch    manchmal das letzte Wort haben. Wenn JETZT die Mutter ihren Sohn wieder hat, dann ist er nicht mehr ganz derselbe.

Nicht jede Eltern-Kind-Geschichte endet so gut. Manch einer kommt nie aus der Umklammerung heraus und bleibt immer Kind. Manch anderer bleibt „tot“ für seine Eltern: Das bedeutet dann für die Eltern wie für das Kind: verwaist sein müssen. Und trauern. Vielleicht tränenreich vor Hilflosigkeit oder Wut, vielleicht „cool“ verkleistert. Aber Trauer. Die hoffentlich meisten Eltern-Kind-Geschichten enden besser, ohne dass es erst zu so einer großen Dramatik kommt.

Und Jesus? Jesus kann Ihnen als Vater oder Mutter Hoffnung machen: Dass er vielleicht „mein“ Kind noch da erreicht, wo es für mich unerreichbar ist; dass er berührt, wenn sich mir jede Nähe verbietet; dass er ein offenes Ohr findet, wo mein Kind für mich allemal und vielleicht auch für alle anderen taub ist. Das er Leben weckt, wo alles tot und am Ende ist.

Und als Kind? Es ist vielleicht nicht nur angenehm, wenn mich jemand auch da noch erreicht, wo ich unerreichbar sein will und alle schmerzenden, einengenden Beziehungen gekappt habe. Aber eben auch diese wohltuende Erfahrung: Da berührt mich jemand, ohne dass ich mich umklammert fühle. Da richtet mich jemand auf, nachdem ich mich immer klein gemacht fühlte. Da habe ich endlich den Mut zur eigenen Stimme und rede und rede und werde gehört. Und so kann ich irgendwie verwandelt wieder vorsichtig meine Fühler ausstrecken.

Was geht Sie das alles an? Nun ja, „Kind“ waren und sind wir irgendwie alle, ob es uns passt oder nicht.

„Eltern“ sind wir nicht alle. Aber ich meine: Das, was in dieser Geschichte passiert, das gibt es in etwas abgewandelten Formen auch in anderen persönlichen, „engen“ Beziehungen – in Freundschaften, Partnerschaften, unter Geschwistern zum Beispiel. Der „soziale Tod“ muss kein Schicksal sein. Aber er KANN kommen. Vielleicht als Ende, vielleicht als Durchgangsstadium, wie in dieser Geschichte.

Geb‘s Gott, dass wir darin nicht immer nur auf uns selbst und auf die anderen geworfen sind. Sondern dass Christus mit im Spiel ist – mit seinem Mit-Leid, seiner Berührung, seiner Ermutigung und Aufforderung. Dass er aufrichtet, Zungen löst, Ohren öffnet.

Gebet:

Christus, mein Leben soll nicht ohne Dich sein. Und deswegen, auch wenn es manchmal unbequem werden kann: Komm Du auch in meine Beziehungen hinein! Und was nicht tot bleiben soll, das belebe Du neu! Amen.