Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7,11-17

Pfarrer em. Dr. Ferdinand Kerstiens (rk.)

05.06.2016 St. Heinrich, Marl

Wir kennen die Geschichte des heutigen Evangeliums unter dem Titel „Auferweckung des Jünglings von Nain“. Aber das lenkt vom Wesentlichen ab. Die Hauptsache ist nicht der Tote und seine Auferweckung. Das Entscheidende geht über ihn und seine Bahre hinweg. „Als Jesus sie – trauernde Witwe - sah, wurde er vom Erbarmen überwältigt und sagt ihr: Weine nicht!“ Und dann gibt Jesus der trauernden Frau ihren wieder zum Leben erweckten Sohn zurück. Jesus und die verzweifelte Frau – das sind die Hauptfiguren dieser Szene. Wenn wir also einen Titel brauchen, dann müsste er heißen: Jesus erbarmt sich einer verzweifelten Frau.

 

Als der Herr diese Frau sah, wurde er vom Erbarmen überwältigt. An zwei anderen Stellen finden wir diese Redeweise: Der Samariter wird vom Erbarmen überwältigt, als er den unter die Räuber Gefallenen sieht, genauso wie der barmherzige Vater. Als er sieht, dass der verlorene Sohn zurückkommt, da überwältigt ihn das Erbarmen, so dass er wider alle Etikette dem Verlorenen entgegenläuft, ihn umarmt und mit ihm und allen ein Fest feiert. Was Jesus hier in Gleichnissen erzählt, das tut er selber. Er bleibt kein Zuschauer beim Elend der Menschen. Er gehört nicht zu den bloßen Passanten. - Das ist ja für uns und die Menschen unserer Zeit die große Gefahr: Dass wir zu bloßen Passanten des Elends, zu Zuschauern der Not werden! - Wenn Jesus Leid erblickt, ist er immer sofort mitten darin, dann betrifft ihn das selbst. So bringt er es nicht fertig an der Frau vorüberzugehen. Er muss sich ihr zuwenden.

 

Diese Frau ist ausgeraubt worden von dem brutalsten Mörder, dem Tod. Er hat erst ihren Mann genommen, jetzt ihren Sohn. So ist sie ganz alleine. Ihr menschlicher Schmerz ist verständlich. Aber darüber hinaus hat dieser Tod für sie schwerwiegende Folgen. Die Witwen und Waisen galten in Israel vielfach als die Rechtlosen. Die Witwe hat jetzt nichts mehr, worauf sie sich stützen kann, keinen Menschen, auch keinen, für den sie da sein kann. Mit diesem Kind begräbt sie ihre Hoffnung und ihre Zukunft.

 

Deswegen trage ich zu diesem Gottesdienst diese Stola. Sie ist gewebt von den Witwen in Guatemala, deren Männer und Söhne von der brutalen Militärdiktatur ermordet wurden. Noch heute suchen sie vielfach nach deren Grabstellen, nach den Massengräbern. Doch diese Witwen wollten ihre Hoffnung auf Gott und auf ihr Leben nicht aufgeben. Da haben sie sich auf die alte Kunst der Majas besonnen, von denen sie als Ureinwohner des Landes abstammen, und haben Schals und eben solche Stolen gewebt. Und sie haben gebeten, dass überall, wo diese Stolen im Gottesdienst gebraucht werden, man ihrer ermordeten Männer und Söhne gedenke. Das tun wir auch heute, wo wir das Evangelium von der Witwe hören, die ihren Sohn verloren hat.

 

Ist es nicht auch so bei vielen Familien, um die sich unsere Partnerinnen und Partner in Brasilien bemühen? Vielfach sind die Männer weg, wohin auch immer. Alkohol, Drogen, andere Frauen. Die Mütter müssen sich oft alleine um ihre Kinder kümmern. Aber wie? Oft sterben ihre Kinder an vermeidbaren Krankheit, an Durchfall oder Erkältungskrankheiten. In dem Projekt, in dem unsere Gäste leben und arbeiten, geht es genau um diese Mütter und ihre Kinder. Ihr beiden, Valberlene und Maria Gorete, helft mit euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass die Kinder überleben können, gleichsam zum Leben erweckt werden wie es im heutigen Evangelium Jesus tut. Dafür wollen wir euch und Gott danken!

 

Jesus wird vom Erbarmen mit dieser Frau in Nain überwältigt. Was dann geschah, können wir nicht fassen. Wir können es nur hinnehmen, wie es erzählt wird. Es ist der auferstandene Herr, der selber den Tod besiegt hat, der uns in dieser Geschichte gegenübertritt. In dieser Szene wird schlaglichtartig deutlich, wer dieser Jesus ist, für die Witwe und ihren Sohn, für uns.

 

Wenn bei einer nächtlichen Autofahrt plötzlich ein Wegweiser auftaucht und dann schnell wieder in der Dunkelheit verschwindet, dann wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. So leuchtet in dieser Szene der Wegweiser für uns auf und auf ihm steht: LEBEN!

 

Dies gilt für alle dunklen Wegstrecken auch unseres Lebens und richtet unsere Aufmerksamkeit auf solche Erfahrungen, die vielleicht nur kurzfristig aufleuchten, aber uns das Vertrauen schenken, auf dem richtigen Weg mit diesem Jesus zu sein, der uns zum Leben führt. Alle Wege können zu Lebenswegen werden.

 

So dürfen wir auch unseren kleinen Beitrag zum Leben der Kinder in Campina Grande verstehen. Wir können ein wenig den von Armut und Not geplagten Müttern helfen ihre Kinder zu bekommen und zu behalten, voll mit Lebensmut und Lebenskraft, indem wir eine Zeitlang aus der Ferne ihr Leben begleiten und unterstützen. Wir möchten mit euch in Campina Grande und durch euch den Müttern und ihren Kindern zum Leben helfen!

 

Die Geschichte bei Nain ist eine Geschichte des Mitleidens und des Erbarmens und der Kraft des Trostes und des Lebens, die aus den so oft als schwächlich empfundenen oder diffamierten Haltungen des Mitleidens und Erbarmens erwächst. Die „Gutmenschen“ heißt das heute. Gott sei Dank gibt es viele davon auch in unserer Stadt!

 

Zum Abschluss ein Wort von Heinrich Böll, auch auf dem Hintergrund der Menschen auf der Flucht und hier mitten unter uns: 

 

„Es wird uns eingeredet, dass Mitleiden in den Bereich der Sentimentalität gehört. Das ist eine Lüge. Mitleiden ist eine ungeheure Kraft, eine große Energie, und auch eine schöpferische Phase gehört zum Mitleiden. Man will uns einreden, die Zeit der Humanität sei vorbei, die Zeit des Mitleidens sei vorbei. Harte Herzen brechen leichter als mitleidige Herzen, die eine große Kraft haben.“