Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 7,36-50

Pfarrer Thomas Berkefeld (kath.)

12.06.2016 Pfarrkirche Sankt Oliver in Laatzen

Liebe Schwestern und Brüder,

es war vor einiger Zeit in Mailand in der Pinacoteca di Brera. Eigentlich hatte ich schon genug gesehen. Mein Kopf schwirrte von Farben und Bildern, die ich gar nicht mehr wirklich auseinanderhalten konnte, meine Augen waren müde und brannten von der trockenen Museumsluft. Aber zwei Räume galt es doch noch aufzusuchen. Man wollte ja auch nichts verpasst haben. Also machte ich weiter. Etwas lustlos betrat ich den ersten der noch ausstehenden Räume und dann hing da ein Bild, dem es doch nochmal gelang, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Vielleicht war es zunächst seine pure Größe im Vergleich zu den anderen Gemälden im Raum, die es mich wahrnehmen ließ (ich schätze 7 x 3 Meter), und dann auch die Tatsache, dass es sich unverkennbar um einen Veronese handeln musste. Also ein Bild dieses bedeutenden Malers der Spätrenaissance. Aber dann fiel mein Blick auf das Zentrum dieses großen Bildes. Und was ich da sah, machte mich betroffen. Eine solche Szene hatte ich auf einem Gemälde von so einem Format nun wirklich nicht erwartet. Ich sah zwei Hunde, die eine Katze tot bissen.

Wie schrecklich! Dieser Kampf um Leben und Tod. Dieser ungleiche Kampf: Zwei gegen eine.

Die Katze musste durch die Tür herein gehuscht sein, die im Hintergrund zu sehen war. Und war nur wenige Meter dahinter von den Wachhunden gestellt worden. Was glaubte sie nur, hier zu finden? Warum war sie nicht draußen geblieben – sie könnte noch leben? Welch unselige Tür, die ihr da offenstand.

Ich war nicht der einzige Betrachter dieser Szene. Auf einmal bemerkte ich die vielen anderen, die gleich mir auf dieses Drama schauten. Manche sahen ein wenig angewidert hin, anderen war die Betroffenheit anzusehen, einer lachte. Er hatte sichtbar Gefallen an dem ungleichen Kampf. Vielleicht mochte er keine Katzen – ich weiß es nicht.

Ich konnte ihn auch nicht fragen, denn er war genauso wie die anderen Zuschauer Teil des großen Gemäldes. Veronese hatte ihn und sie gleich mitgemalt und links und rechts der Kampfszene in zwei Tischgruppen Platz nehmen lassen. 30-40 Personen, die seit rund 450 Jahren Augenzeugen dieses Ereignisses sind. Ich war an diesem Tag nun dazu gestoßen. Und mit ihnen sah ich, was da gerade geschah.

 

Es war still. Im Museum ist es ja nun meistens still, aber mir kam es so vor, als käme diese Stille trotz all seiner Dramatik aus dem Bild vor mir. Als hielten wir alle die Luft an. Und Mitleid und die Ohnmacht angesichts der schier unversöhnbaren Feindschaft zwischen Hund und Katze lähmten uns. Das arme Tier! Hilft denn keiner?

 

Schließlich ging ich ein paar Schritte näher an das Bild heran, um von dem kleinen Schild darunter den Titel des Gemäldes zu erfahren:

 

„Paolo Caliari, genannt Veronese, Das Gastmahl im Hause des Pharisäers Simon“

 

Ich stutzte und ich suchte nach der eigentlich doch zentralen Szene, die zu diesem Titel gehört. Und ich fand sie links, am äußersten Rand des Bildes, dem Licht entzogen fast schon im Dunklen: Auf dem untersten Platz am Tischende: Christus. Ihm zu Füßen kauernd die Frau, den Blicken der übrigen Mahlgemeinschaft verborgen (sie sind mit dem Tierkampf  beschäftigt) mit Ausnahme des Simon, der ihm gegenüber sitzt, sich leicht vorneigt und mit<s> </s>regloser Miene auf das Geschehen herabblickt, hinter ihm stehend vielleicht die eigene Frau, vor Empörung die Hand in die Hüfte gestemmt:

„Wer hat da wieder nicht aufgepasst?

Wer hat sie in diese Gesellschaft hereingelassen, in die sie nicht gehört – diese Katze????

Durch welche Tür nur mag sie hereingekommen sein?“

Jesus schaut auf dem Gemälde ganz ruhig zu den beiden herüber. Es ist als hörte ich ihn sagen: „Ich bin die Tür.“

 

Zwei Hunde beißen eine Katze tot. Die alte Feindschaft tobt sich aus. Sie hätte wissen können, dass hinter der Tür die Wachhunde lauern. Und doch, die Szene weckt in den Menschen Mitleid mit dem unterlegenen Tier, nur - niemand kann ihm mehr helfen.

 

Eine Frau liegt am Boden. Sie weiß, dass sie hier eigentlich nichts zu suchen hat, und wenn sie entdeckt würde: niemand hätte Mitleid mit ihr. Sie hatte eine Grenze überschritten, die sie jeglichen Mitleids unwürdig machte. Alle wissen: Sie ist die Sünderin. Sie ist Gott feind. Und jeder, der Gott liebt, muss sie hassen.

Und niemals hätte sie diesen Raum betreten, so dumm war sie ja nun auch nicht. Homo homini lupus – der Menschen ist dem Menschen ein Wolf, ein Hund. Niemals hätte sie diesen Raum betreten, wenn da nicht diese Tür gewesen wäre.

Und sie glaubte und sie wusste, dass diese Tür ihretwegen hier offenstand.

 

Sie glaubte und sie wusste, dass hinter dieser Tür nicht die alte Feindschaft toben würde: Gott gegen den Sünder. Nein, sie glaubte und sie wusste, dass sich hinter dieser Tür ein neues Leben auftun würde, Sünden vergeben, sie musste nur gehen.

Und sie lässt es an dieser Tür zurück, ihr altes Leben. Das kostbare Massageöl einst für die Freier. Sie gibt es weg. Sie widmet es um zum Zeichen einer ganz anderen Liebe, und sie geht in Frieden.

 

Christus sagt:

„Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,9f)