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Predigt über Lukas 8,22-25

Lukas Forster

in Basel

Es ist wohl etwas aussergewöhlich eine Predigt mit Rolf Knie zu beginnen, doch heute scheint mir dies angebracht. Nicht etwa um einen Streit über seine Bilder zu führen. Das ist Geschmackssache und wäre eine endlose Debatte. Nein, ich weiss ja auch eigentlich fast nichts über Rolf Knie, doch das was ich von ihm weiss, hat mich fasziniert:
Da lebt ein Mensch in einer Zirkusfamilie, im Zirkusleben. Lernt vieles um den Zirkus herum kennen, liebt den Zirkus. Fühlt sich darin wohl, zunächst geborgen, sicher und findet in diesem Zirkussystem Halt.
Doch offenbar kam die Zeit wo es Rolf Knie nach Veränderung zumute war. Wo er Unzufriedenheit fühlte. Er erlebte eine Spannung zwischen "bleiben" und "weggehen". Nicht nur weggehen vom Zirkus, sondern weggehen vom Zirkus und dem dort Gelernten und weggehen von den Freunden und der Familie und der Familientradition. Hinein in eine andere Welt.
Also zunächst wohl langsames weggehen in eine Übergangsphase ohne rechte Orientierung.
Bis er nach einigen Jahren schliesslich wieder Halt und Ruhe in einem neuen Heim und im neuen Beruf als Maler, und in einem neuen Freundeskreis gefunden hat.
Wenn wir uns diese Geschichte vor Augen halten, können wir feststellen, dass es in jedem Leben in kleinerem oder umfassenderem Ausmaß Phasen der Ruhe und Erfüllung gibt und Phasen der Veränderung, der Gefahr, des Wandels, des Wechsels, der Unsicherheit, des Leides, der Angst. Bis schliesslich wieder Ruhe und Entspannung am neuen Ort entstehen kam.

Nun gibt es ja in jedem Menschenleben Phasen der Ruhe und Phasen der Veränderung oder der Gefahr. Und diese Phasen beziehen sich keineswegs nur auf die Fragen der Berufswahl.

Ein Umzug in eine andere Wohnung, von einem Ruheort, von der Heimat von einer Ruhephase in einem vertrauten Heim hinein in die Veränderung, ins "Zügelkisten packen". Mit einem neuen Ziel. Auf zu einem neuen noch unvertrauten Zuhause. Wovon trennt man sich nun, und was wird an den neuen Ort mitgenommen? Diese und viele andere Fragen beschäftigen einem in solchen Zeiten der Veränderung. Und oft dauern die Phasen der Veränderung, der Anpassung an die neue Situation länger als einem lieb ist.
Doch auch in zwischenmenschlichen Bereichen erleben wir Zeiten der Ruhe und Zeiten der Veränderung. Eine Beziehung kann friedlich, harmonisch andauern. Man ist sich trotz manchem Auf und Ab des Partners gewiss, und auf einmal kann alles in Frage gestellt werden oder auf einmal kann alles in Unruhe geraten. Phasen der Beziehungsbindung, der Ausgeglichenheit, des Gelingens der Beziehung und dann die Phase der Veränderung, man ist sich des Partners nicht mehr sicher. Damit erleben wir oft auch eine Art Gefahr für das eigenen Wohlergehen. Angst vor dem Verlassenwerden oder dem Ungeliebtsein kommt auf. Diese Veränderungen könnte sich innerhalb einer Beziehung abspielen, oder diese Veränderungen können in Richtung Trennung gehen und Trennung kann geschehen. Und es kann lange gehen, bis man wieder ruhig wird und es erträgt und es vielleicht sogar genießen kann, alleine zu sein und entweder dadurch oder auch durch einen neuen Partner wieder eine Phase der Ruhe eintreten kann.

Ein anderes, aber sehr gutes Beispiel für Phasen der Veränderung und der Ruhe ist das Eintreten in den Ruhestand. Von der gewohnten, und auch geregelten Arbeit, die einem hoffentlich Erfüllung und Freude bereitet hat. Von der Ruhephase, von der Phase der geregelten und strukturierten Arbeitswelt hinein in eine Phase der Veränderung, in die Übergangsphase, in ein Leben ohne diese Struktur und ohne den geregelten Arbeitstag. Auch hier ist Flexibilität gefragt. Auch hier gibt es eine oft eine unruhige Phase der Veränderung, der Umorientierung. Angst, nun nicht mehr gebraucht zu werden, Angst, nun der Gesellschaft nichts mehr zu nutzen, kann in dieser Zeit aufkommen. Und oft dauert es lange, bis der Ruhestand wirklich zum Ruhestand werden kann. Bis man Struktur, bis man Sinn und Friede wieder finden kann.

Einerseits Phasen der Ruhe, der Sicherheit, des "geregelten Ablaufs", der sicheren Beziehung. Die Phase des Zusammenseins, der Gewissheit und andererseits Phasen des Durcheinanders, der Regellosigkeit, der Unsicherheit der Veränderung, der Haltlosigkeit des Sturms, später wieder hinein in eine Phase der Ruhe. Mit Sicherheit kennen auch Sie solche Phasen der Ruhe oder der Veränderung, möglicherweise im beruflichen Bereich, möglicherweise hinsichtlich des Wohnortes oder auch innerhalb ihrer persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen oder auch gerade zu diesem Menschen, den sie besonders lieben.
In dieses Vorwissen von diesen zwei verschiedenen Phasen, die unser Leben begleiten, hinein lese ich ihnen den Predigttext.
Wir stellen uns vor: Eine grosse Volksmenge hört am Ufer des Sees Genezareth Jesus zu. Es scharen sich so viele Menschen um Jesus und seine Jünger, dass Jesus vorschlägt ans jenseitige Ufer des Sees überzusetzen.

Predigtext:
Luk 8.22b-25... er sprach zu ihnen: Laßt uns übersetzen an das jenseitige Ufer des Sees. Und sie fuhren ab. Während sie aber fuhren, schlief er ein. Und es fiel ein Sturmwind auf den See, und das Boot füllte sich <mit Wasser>, und sie waren in Gefahr. Sie traten aber hinzu und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Er aber stand auf, bedrohte den Wind und das Gewoge des Wassers, und sie legten sich, und es trat Stille ein. Er aber sprach zu ihnen: Wo ist euer Glaube?

Damit sind wir beim Hauptteil Predigt. Die Gliederung richtet sich exakt nach dem Text.
Darin sind zwei Punkte enthalten:
1. Die Geschichte der Jünger auf dem See (nicht die Stillung des Sturmes, denn die Geschichte berichtet ja nicht nur von der Stillung)
2. Die Lehre

1. Die Geschichte
Er sprach zu ihnen: Laßt uns übersetzen an das jenseitige Ufer des Sees. Und sie fuhren ab.
Nichts Weltbewegendes ist da geschehen. Des öfteren setzt man über an das andere Ufer. Es gehörte zum damaligen Leben, sich mit Schiffen an andere Orte bringen zu lassen. Hier der sichere Boden, das Festland, da das Wasser, willkürlich und kaum Halt bietend, und als Ziel wiederum das Festland. Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer des Sees liebe Gemeinde.
Weg vom sicheren Boden des Festlandes hinein in den See. Wo der Boden noch Halt und Sicherheit bieten konnte, ist nun auf dem Wasser eine andere Grundlage gegeben. Wasser ist willkürlich und lässt sich auch von äusseren Umständen formen. Dennoch, das Leben bringt es selbstverständlich mit sich: Weg vom festen Boden, hinaus auf den willkürlichen See.
Um mit unseren Beispielen zu sprechen: Hinüber zu einem anderen Ort, zu anderen Menschen, neuen Beziehungen, in andere Unterkünfte, in andere Wohnungen. Weg von der Ruhephase, weg vom Festen, Gewohnten, in die Ungewissheit der Überfahrt, in die Veränderung hinein.
Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer des Sees. Und sie fuhren ab. Ab in die Veränderung. Sie begaben sich aufs Wasser. Das Schiff und das Wasser bestimmten nun hintergründig die Sicherheit und das Geschehen und nicht mehr das Festland. Und es war kein grosses Wagnis, nun auf das Schiff zu gehen und abzufahren. Es wäre nicht korrekt, diesen Schritt auf den See nun zu mystifizieren und daraus ein Dogma zu machen und zu sagen, jetzt werdet mal offen für Veränderung! Es war der Alltag. Veränderung, Bewegung liebe Geschwister ist Alltag. Alltag dass man mit einem Schiff eine Überfahrt vornahm, genauso wie solche Veränderungen und Zeiten der Unsicherheit in bezug auf die Wohnsituation, auf den Beruf oder in bezug auf Beziehungen für uns vielleicht nicht gerade zum Alltag, aber doch zum Leben gehören. Und nun, auf dem willkürlichen Wasser, in diesem Schiff ohne feste Unterlage geschieht folgendes: Während sie aber fuhren, schlief er (Jesus) ein. Und es fiel ein Sturmwind auf den See, und das Boot füllte sich <mit Wasser>, und sie waren in Gefahr. Wie wahr liebe Gemeinde. Wie wahr ist es doch, dass das Übersetzen an ein anderes Ziel, an einen anderen Ort mit Sturm und Gefahr verbunden ist. Während sie aber fuhren, schlief er ein. Und es fiel ein Sturmwind auf den See, und das Boot füllte sich <mit Wasser>, und sie waren in Gefahr.

Es ist gut zu erkennen, wie die Jünger mit Jesus von der Ruhephase des Festlandes in die Veränderung, in die Gefahr gekommen sind. Nicht nur einfach in Gefahr, sondern in Lebensgefahr, in Todesangst. Bewegung an einen anderen Ort, Bewegung und Veränderung in uns selbst bringen Gefahr und Angst mit sich. Veränderung, insbesondere wenn sie durch äussere Umstände bedingt ist, wird selten geliebt. Nicht immer bedeutet Veränderung Gefahr für den Leib, sondern oft ganz persönlich empfundene Angst vor dem neuen, Angst vor dieser Unsicherheit. Wir alle kennen unsere Nullpunkte in unserer Lebensgeschichte. Sie haben immer mit Veränderung zu tun. Denken wir zurück an unsere Beispiele. Eine berufliche Umorientierung kann in tiefe Zweifel stürzen. Ein Übersetzen in andere Bindungen und Beziehungen kann stürmisch werden. Der Boden wird einem genommen, die Gefühle finden keinen Halt mehr. Hier geht es in gewissem Sinne auch etwas ums Überleben, um Todesangst. Vielleicht auch eine Art Todesangst, nichts mehr wert zu sein und zu nichts nütze. Trennungsangst kann Todesangst sein. Die Angst oder gar Gewissheit vom Partner, vom Bruder, von der Schwester von dem Sohn, von der Tochter oder der Mutter oder dem Vater nicht mehr so sehr geliebt zu werden. Das sind so typische Nullpunkte in mancher Biographie. Der Sturmwind auf der Überfahrt bringt die Jünger in Todesangst, was bringt dich in Todesangst oder was hat dich vielleicht kürzlich in eine solche tiefe Angst versetzt, oder was ist vielleicht heute deine Todesangst?

Während sie aber fuhren, schlief er (Jesus) ein. Und es fiel ein Sturmwind auf den See, und das Boot füllte sich <mit Wasser>, und sie waren in Gefahr. Während sie aber fuhren, schlief er ein.

Und nun kommt hinzu, dass dieser Jesus, Symbol und Inhalt unseres Glaubens, in der Zeit dieser Not, dieser Angst, dieser Verzweiflung nicht einmal merklich anwesend ist. Das ist Einsamkeit pur. Das ist Angst pur. In einer Geschichte, aus dem Leben gegriffen. Der Nullpunkt in deinem Leben, die Angst, die Not die du vielleicht gerade aktuell spürst, und der Jesus ist nicht merklich anwesend. Das fühlt sich etwa so an:
Denke ich an Gott, muss ich seufzen; sinne ich nach, dann will mein Geist verzagen.
Du lässt mich nicht mehr schlafen; ich bin voll Unruhe und kann nicht reden ...
Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist.
Wird der Herr mich denn auf ewig verstossen und mir niemals mehr gnädig sein? Hat Gott seine Gnade vergessen, im Zorn sein Erbarmen verschlossen? Ps. 77

Wie gut beschreibt doch dieser Psalm diese Nullpunkte, diese Angst und Gefahr unserer vergangenen oder auch aktuellen Lebensgeschichte.

Wir sehen die Jünger in tiefer Not, in Todesangst. Auf diesem Schiff dem Wasser und dem Sturm ausgesetzt. Und es ist klar, was sie nun tun, tun sie nicht aus denkerischer Leistung, kein überlegtes Handeln, sondern die pure Angst treibt sie dazu. Ihr Überlebenstrieb, ihre Panik, ihr Instinkt.
Sie traten aber hinzu und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Die Jünger gehen in ihrer Not zu Jesus und äussern ihre Angst, und dazu treibt sie der Wunsch zu überleben! Man ist versucht, diese Stelle auszulegen, in dem man nun sagt: "Auch wir dürfen in unserer Not zu Jesus gehen und ihn um Hilfe rufen, und er wird und dann erhören". Doch das wäre nicht ganz korrekt.

Denn die Jünger tun es nicht, weil sie es in einer Predigt so gehört hätten oder so gelernt hätten, sondern sie tun es aus dem dramatischen Moment, aus dem Affekt heraus. Die Jünger gehen in ihrer Not zu Jesus und äussern ihre Angst, und dazu treibt sie die der Wunsch zu überleben und nicht Frömmigkeit! So etwas lässt sich kaum lernen. Man kann es hören, und das verändert, aber befolgen, das geht kaum.

Die Jünger haben nicht resigniert, nein, sie hatten noch immer den festen Wunsch zu überleben. Habe immer den Wunsch zu überleben! Sie traten aber hinzu und weckten ihn auf und sprachen: Meister, Meister, wir kommen um! Die Jünger wenden sich in ihrer Not aus dem Affekt heraus an Jesus. "Es gibt Hoffnung" werden sie sich gesagt oder werden sie gefühlt haben. In diese dramatische Situation hinein, wo die Jünger aus Todesangst in einer Dramatik und Panik Jesus um Hilfe bitten, kann und will ich nicht mit eigenen Worten sprechen. Hier erklärt und illustriert sich die Bibel selbst.

Womit haben wir, es hier zu tun?
Rö. 4.5 Die Hoffnung aber ... (läßt nicht zugrunde gehen)
Können wir die inneren Prozesse dieser Menschen, dieser Jünger nachvollziehen? In dieser Geschichte wird das Wesen der Hoffnung so greifbar. Hier haben wir es mit Hoffnung pur zu tun. Fern von theoretischen Überlegungen, was denn nun Hoffnung sei, hier wird Hoffnung nicht in einem Bibelkurs empfohlen oder gar eingeübt, hier geht es nicht um Intellektualität, hier wird das Leben geschildert. Es geht wortwörtlich um Leben, hier geht es ums Überleben und darin um Hoffnung in reinster und dramatischster Form. Aus der ausweglosen Situation heraus wird Jesus spontan und instinktiv zur letzten Hoffnung.

Meister, Meister wir kommen um ... die Hoffnung aber...liebe Gemeinde, die Hoffnung aber. Wer ist sie denn die Hoffnung? 1. Tim 1 1. Paulus, Apostel Christi Jesu nach Befehl Gottes, unseres Heilandes, und Christi Jesu, unserer Hoffnung.
Hoffung ist nun seit dem neuen Bund eine Person und keine Erkenntnistheorie.
Meister, Meister, wir kommen um! sagen die Jünger, "und Christi Jesu, unserer Hoffnung". Rö. 4.5 Die Hoffnung aber ...(läßt nicht zugrunde gehen)
Meister, Meister ich komme um, sagst vielleicht du ... und Christi Jesu, deine Hoffnung". Rö.4.5 Die Hoffnung aber ...(läßt nicht zugrunde gehen)

Er aber stand auf, bedrohte den Wind und das Gewoge des Wassers; und sie legten sich, und es trat Stille ein.
Jesus erlebt die Todesangst der Jünger und leidet mit, und er handelt unmittelbar zur Entschärfung der Situation, zunächst ohne zu lehren. Das gehört alles zu Teil 1. Der Geschichte, noch nicht zur Lehre.
Er aber stand auf, bedrohte den Wind und das Gewoge des Wassers; und sie legten sich, und es trat Stille ein.
Diesen Satz braucht man nicht auszulegen, es genügt ihn vorzulesen.
Was heisst das nun? Nun folgt ein Kernsatz in dieser Predigt:
Durch den neuen Bund gibt es Festland, selbst auf dem Wasser. ... und es trat Stille ein.
Wer ist mit Dir in deinem Sturm in deiner Überfahrt, auch wenn er nicht merklich anwesend ist? Wer ist Herr über Deinen Sturm in deiner Überfahrt?
Es ist der Christus

Darum:... und Christi Jesu, unserer Hoffnung. Rö.4.5 Die Hoffnung aber ... läßt nicht zugrunde gehen.
... nicht zugrunde gehen, welch passende Wortwahl gerade für dieses Beispiel.

Eine runde abgeschlossene Geschichte, diese Geschichte der Seefahrt weg vom Land, des Sturmes und der Meeresstille.
Können wir etwas aus dieser Geschichte lernen?
Und liebe Gemeinde, das ist keine einfache Frage. Schnell wäre man bereit zu sagen, ja wir können etwas lernen: Immer wenn wir in Not sind, rufen wir im Gebet Jesus an und er wird uns dann helfen. Doch das ist bei aller zunächst augenscheinlicher Plausibilität nicht der Kein dieser Geschichte. Das wäre zu oberflächlich, ja es ist nicht der Sinn der Sache. Es geht in dieser Geschichte nicht darum sie 1 zu 1 zu übernehmen! Es geht nicht darum aus dem Verhalten der Jünger etwas verstandesmässig zu lernen! Das wäre der Sache nicht auf den Grund gegangen. Doch worum in aller Welt geht es dann? Es ist Jesus selbst, der die Lehre dieser Geschichte ja unmittelbar anschliesst.

Und nun folgt der 2. kürzere Teil, die Lehre.
Er aber sprach zu ihnen: Wo ist euer Glaube? (MK: 40: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?)
Nun folgt ganz eindeutig ein Lehrteil von Jesus. Nun ist gehandelt worden, die Situation ist entschärft. Jetzt lehrt Jesus. Dies tut er gänzlich unabhängig vom tatsächlichen Ereignis. Glaube war keine Bedingung für das Handeln/die Hilfe Jesu. Nun lehrt Jesus die Jünger. Er lehrt sie nicht an einer Theorie, sondern er lehrt sie am soeben erlebten Ereignis. Und Jesus lehrt nur eins: Den Glauben!
Wo ist euer Glaube? (MK: 40: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?)

Mancher unter uns mag diese Frage Wo ist euer Glaube? als moralisch oder gar überheblich empfinden. Als Denkzettel für die Jünger. Doch sehen wir exakter auf den Kontext und die Formulierung dieser Lehre: Wo ist euer Glaube? Jesus konnte anhand eines praktischen Beispiels, in dem er die Situation mit den Jüngern reflektierte, in dem er auf diese Sturm-Situation zurückschaute erklären, was Glaube ist. Er hat diesen Glauben nicht aktiv von den Jüngern erwartet. Er hat diesen Satz nicht gesagt, weil er in dieser Situation ernsthaft Glauben erwartet hätte und den Jüngern sagen wollte: Das nächste mal im Sturm wendet dann einfach den Glauben an, dann klappt es schon. Nein, es ging darum, dass er durch die Dramatik der Situation besonders gut lehren konnte, was Glauben vermag, was Glaube ist und wie sehr wir Grund haben zu glauben. Und natürlich wäre es den Jüngern zu wünschen gewesen, sie hätten mehr Glauben gehabt, doch erwarten konnte man das in dieser Situation nicht, und natürlich hat Jesus das gewusst. In deinem Nullpunkt konnte man von dir nicht Stärke erwarten. Da steht man nicht mehr drüber. Man kann nicht von dir erwarten, dass du mehr aktiv glaubst, wenn du nicht mehr kannst.

Wo ist euer Glaube?
Wir leben in Phasen der Ruhe und der Veränderung. Diese Zeiten der Veränderung können Angst, Todesangst in uns hervorrufen. Und Jesus platziert in diese Zeit der Not, der Angst, der Panik, in diesen Nullpunkt deines Lebens hinein einen Begriff. Den Glauben!
Christus geht, wenn auch manchmal nicht merklich, mit uns durch Veränderungen und durch unsere Nullpunkte. Es gibt Festland, selbst auf dem Wasser. Das ist die erste grosse Aussage der Geschichte der Jünger auf dem Wasser. Doch die Zweite ist nicht minder wichtig. Der Glaube! Und kaum ein Wort wird so missverstanden wie der Glaube.

Und hier liegt der Schlüssel zum Verständnis dieses Textes: Das hauptsächliche Problem besteht darin, dass wir Glaube damit verbinden, etwas mehr zu tun, nämlich eben mehr zu glauben. Aktiver zu werden im Glauben. "Plus etwas". "So haben wir es in der Jungschi gelernt" hat mir kürzlich jemand gesagt. "Wenn du nur mehr glauben würdest, dann würde dies oder jenes besser gehen, diese oder jene Gebetserhörung eintreffen". Wenn du nur etwas mehr glauben würdest. Doch Jesus hat in dieser Situation nicht erwartet, dass die Jünger in ihrer Todesangst etwas mehr tun. Was denn bitte? Nein. Sondern etwas weniger! Meine lieben Geschwister. Und ich spreche aus tiefster Überzeugung alle an, die hier anwesend sind: Wenn du dich jetzt in einem Sturm, in einem Nullpunkt befindest. Und du siehst keinen Ausweg mehr. Dann tue nicht etwas dazu. Dann tue nicht etwas mehr. Das Geheimnis des Glaubens besteht vielmehr darin etwas weniger zu tun. Etwas weniger wovon? Etwas weniger "sich sorgen um die Umstände der Welt".
Wenn Jesus den Jüngern bezüglich dieses Sturmes sagt: Wo ist euer Glaube, dann sagt er nichts anderes als: Wo ist euer "sich-nicht-sorgen".
Welch tiefe Frage, die dem sorgenvollen Wesen des Menschen den Spiegel zeigt. Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für euch (1. Pet. 5.7), ist eine Umschreibung des Glaubens. Die Jünger hätten sich nicht zu sorgen brauchen. Hätten nicht etwas mehr zu tun brauchen. Haben wir dieses Bild von den Jüngern im Schiff vor Augen, voller Angst mitten im Sturm: Wo ist euer "sich-nicht-sorgen?" Das ist mal eine interessante Frage von Jesus, welche die Sache auf den Punkt bringt?

Liebe Geschwister: Wo ist dein "nicht mehr sorgen"?

Glaube heisst, etwas weniger sich sorgen um die Umstände der Welt. Doch wie ist das möglich. Warum und vor allem auf welchem Grund. Glauben hat man sinnvollerweise in etwas, was eben Grundlage bietet. Kann man sich weniger sorgen, wenn niemand sich an meiner Stelle sorgt? Nein. Glauben (sich nicht sorgen) dürfen wir und können wir, weil gesorgt ist. Glauben dürfen wir, weil da jemand ist, der stand hält.

Zusammenfassend erstens zur Geschichte der Jünger auf dem See: Dort wo du deine Sicherheit verlassen musst, dort wo Veränderung und Wandel unausweichlich sind, dort wo der Sturm, wo dein Nullpunkt dich in Todesnot treibt, auch dort kommt der Gründer dieses neuen Weges, der Christus (wenn auch manchmal unmerklich) mit, und kann um Hilfe gerufen werden. In solchen Situationen ist er unsere Hoffnung, und die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen.
Und Jesus lehrt uns im 2. Teil der Predigt und des Bibeltextes: Weil wir eine Hoffnung haben, auf die es sich zu hoffen lohnt, ist in dieser Situation der Glaube, ist dieses im-Sturm-etwas-weniger-tun sehr wertvoll und entlastend und schenkt Gelassenheit und versetzt Berge. Und wenn nun jemand fragt: Wie kann ich mich denn aktiv noch mehr diesem Jesus hingeben? Was soll ich denn in meinem Sturm noch mehr tun?
Nun, nach diesem neuen Weg, dem neuen Bund, nun nach Golgatha, ist es erlaubt, auf der Grundlage dessen, der unsere Hoffnung ist, gerade in deiner Zeit des Sturms weniger zu tun. Zu glauben.
Es ist alles getan. Der Grund ist gelegt. Es gibt Festland, selbst auf dem Wasser. Es gibt eine Hoffnung. Hoffnung lebt.