Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 9,57-62

Pfarrer Jan Bernhard Langfeldt, SJB (ev.)

19.03.2017 Johanneskirche in Benzenzimmern

Christ sein – Nachfolger sein

 

Liebe Gemeinde,

liebe Schwestern und Brüder,

 

Christus sucht keine Bewunderer, sondern Nachfolger. – Das hat mit beinahe diesen Worten einst der dänische Denker Sören Kierkegaard (1813 – 1855) behauptet.[1] Und schauen wir in die Heilige Schrift, dann stellen wir fest, dass es stimmt: Die Seinigen bezeichnet der Herr als „Jünger“ (Joh 13, 35 u. a.) und als „Freunde“ (Joh 15, 15); er kennzeichnet sie als die, die er liebhat (vgl. Joh 15, 9), und als seine Nachfolger (vgl. Mk 1, 17 u. a.) eben – von Bewunderern, Anhängern oder etwas in der Art ist dagegen nicht die Rede.

 

Und, liebe Gemeinde, das ist kein Zufall. Das hat System.

 

Denn der Bewunderer ist jemand, der einen anderen – einen Popstar beispielsweise, eine Sportmannschaft, einen Künstler, Politiker oder Prediger – bestaunt und verehrt, der sich vielleicht auch persönlich von seinem Idol etwas verspricht und mit ihm mitfühlt. Er ist jemand, der Zeit und Geld und Energie darauf verwendet, sein Idol am Werk zu sehen. Und aus dem, was ihm der Verehrte bietet, zieht der Bewunderer seine Freunde: als Sportbegeisterter im Stadion, als Kunstkenner in der Galerie oder im Konzert. – Allein, der Bewunderer nimmt sich den, den er verehrt, nicht zwangsläufig auch zum Vorbild, sondern belässt es häufig dabei, über das zu staunen, wozu er selbst nicht willens oder in der Lage ist. So muss jemand wie ich, der gerne Boxkämpfe anschaut, durchaus nicht auch selbst in den Ring steigen. Dass jemand Mozart (1756 – 1791) liebt, bedeutet keineswegs automatisch, dass er auch selbst ein Klaviervirtuose ist.

 

Ganz anders der Nachfolger. Er bleibt nicht beim Staunen, Bewundern oder Verehren stehen, sondern er nimmt sich den, dem er anhängt, darüber hinaus auch ganz persönlich zum Vorbild. Der Nachfolger freut sich nicht nur über das, was der von ihm Verehrte tut, sondern er zieht gemeinsam mit ihm an einem Strang. Er meditiert nicht nur den Weg des Idols, sondern er tritt tatsächlich in dessen Fußstapfen, geht seinen Weg nach und mit und weiter. – So wie ein echter Fußballfan etwa, der die Spiele seiner Mannschaft nicht einfach bloß anschaut und aus der Ferne mit ihr mitfiebert, sondern der als der sprichwörtliche zwölfte Mann auch ins Stadion geht und seinem Team aktiv den Rücken stärkt. So wie der politische Aktivist, der nicht nur diese oder jene Partei bevorzugt und bei ihr sein Wahlkreuz macht, sondern der im Sinne seiner Überzeugung auch auf die Straße geht und Plakate klebt, Leserbriefe schreibt oder am Wahlkampfstand diskutiert; der sich vielleicht sogar selbst als Kandidat aufstellen lässt. So wie die Malerin schließlich, die nicht nur staunend vor den Werken eines verehrten Meisters stehenbleibt, sondern die seinen Stil kopiert, annimmt und zu ihrem eigenen macht.

 

Christus, wie gesagt, sucht keine Bewunderer. Er sucht keine Claqueure, die seine Güte preisen, aber selbst nicht nach dem Wahre, Guten und Schönen streben. Er sucht keine Anbeter, denen der, den sie anbeten, fremd und fern bleibt. – Aber was Jesus Christus sucht, das sind eben Nachfolger: solche, die nicht allein Gebete sprechen, sondern die selbst zum Gebet werden; solche, die nicht einfach an ihn glauben, sondern die aus und in seinem Glauben leben; solche, die nicht nur Christgläubige sind, sondern mit ihm Christen – mit Gott Gesalbte, durch die Er selbst Sein Werk tut. Wie ein geflügeltes Wort der Theologie es dann auch so treffend auf den Punkt bringt:

 

„Christianus alter Christus.“ – „Der Christ ist ein anderer Christus.“[2]

Sind wir, liebe Schwestern und Brüder, aber einer dem anderen spürbar Christus? Leben wir wirklich und tatsächlich in seiner Gegenwart und als seine Nachfolger? Und erblicken unsere Zeitgenossen, wenn sie uns sehen, auch etwas Göttliches an uns? – Oder sehen die Leute lediglich die Menschen, die wir von Natur aus eben sind: uns mit unseren angeborenen Stärken und Schwächen, die wir ja zweifelsohne haben, mit unseren Begabungen und Fehlern, mit unseren nur diesseitigen Hoffnungen und Befürchtungen, Interessen und Zielen? – Ich denke, diese Frage sollten wir alle uns in Abständen immer mal wieder stellen, auch und insbesondere auch als Geistliche.

 

Denn eine Gefahr, so kommt es zumindest mir vor, ist für uns als Christen, aber auch für uns als christliche Gemeinde, ja immer und überall gegeben: diese Gefahr, dass wir, anstatt echte Nachfolger zu sein, wieder nur zu staunenden Bewunderern Christi werden; dass wir die „erste Liebe“ (Offb 2, 4), wie es in der Heiligen Schrift heißt, verlassen; dass unser Christsein – womöglich ohne dass wir es merken – verflacht, erstarrt und mit der Zeit an Kraft und Leben einbüßt – bis dass aus Bewunderung Lauheit und aus Lauheit schließlich wieder Unglaube wird.

 

Christus sucht keine Bewunderer, sondern Nachfolger. – Und nicht zuletzt im heutigen Evangelium, das wir eben gehört haben, vernehmen wir seinen Ruf. Denn er meint auch und in besonderer Weise sogar auch uns, Schwestern und Brüder, wenn er fordert:

 

 „Folge mir nach!“

 (Lk 9, 59)

 

„Folge mir nach, ohne zu zögern oder zurückzusehen! Schau nicht nach hinten, was hätte sein können, nach links oder nach rechts, was es woanders noch gibt – sondern geh entschlossen weiter auf dem Weg, den ich mit dir begonnen habe! Orientiere dich an mir, denn ich selber bin dieser Weg! Mach möglichst alles so wie ich, denn ich selber bin die Wahrheit und das Leben!“

 

Aber wir, liebe Gemeinde, wir bleiben oft taub für Gottes Ruf zur Nachfolge. Wie einst Petrus, so verleugnen auch wir Christus immer wieder: durch unsere Worte, häufiger noch aber durch unsere Taten. Gerade hier, im so genannten christlichen Abendland, sind wir, will mir scheinen, bequem geworden und satt, träge und weich gegen uns selbst. Nur allzu gern hören wir, was wir wohl hören wollen – dass wir uns nicht ändern müssen etwa oder dass Gott dieses oder jenes bestimmt nicht so meint, wie Er es gesagt hat –, aber der Herausforderung eines entschiedenen Christentums weichen wir oft aus oder schieben sie vor uns her wie eine überfällige Diät. Ein bisschen wie Sankt Augustinus (354 – 430), der in jungen Jahren gebet hat:

 

 „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, nur gib sie nicht schon jetzt!“[3]

 „Gott rufet noch.“[4]

 

So heißt es in einem Gesangbuchlied des evangelischen Mystikers Gerhard Tersteegen (1697 – 1769). Und tatsächlich ist Gottes Ruf zur Nachfolge keineswegs verklungen. Er ist heute noch genauso klar und fordernd wie in den Tagen der biblischen Väter oder zur Zeit Jesu. Er meint uns nicht weniger als die ersten Jünger oder die großen Heiligen zurückliegender Jahrhunderte. – Ja dieser Ruf hat eventuell sogar an Dringlichkeit gewonnen, da der dreieinige Gott ja weiß, worum es dabei letztlich geht: um Sein Reich nämlich, von dem im heutigen Evangelium die Rede ist, und um das Heil der Menschen; um das tatsächliche Zusammensein mit dem, der den Seinigen zwar nicht die Annehmlichkeiten dieser Welt, vielmehr aber das wahre Leben und einen ewigen Horizont in Aussicht stellt: „weiten Raum“ (Ps 31, 9), wie es im Psalter heißt, und jene Geborgenheit, die Freiheit ist.

 

„Wer mir dienen will,“, spricht Christus, „der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.“

(Joh 12, 26)

 

Was, liebe Schwestern und Brüder, bedeutet das aber konkret? – Die Antwort ist leicht gegeben. Denn es bedeutet nichts anderes als so zu leben, wie es Jesus gefällt und wie er selbst heute leben möchte. Es bedeutet, Christus zu kennen und sich immer und bei allem, was man tut oder lässt, zu fragen, ob er es wohl auch so tun oder lassen würde. Es bedeutet, nicht mehr zuerst sich selbst zu sehen und die eigenen Bedürfnisse, sondern ihn: ihn, der uns als Kirche und durch ihre Traditionen, allen voran durch die Heilige Schrift, anspricht und führt; ihn, der uns in unserem Nächsten begegnen, in unseren Glaubensgeschwistern und den bereits Vollendeten im Himmel; ihn, der in besonderer Weise auch in Gestalt der Armen und Notleidenden, der Schwachen und Marginalisierten unter uns ist. Dem Motto des heutigen Sonntags Oculi entsprechend, das da lautet:

 

„Oculi mei semper ad Dominum.“ – „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“

(Ps 25, 15)

 

„Ich sehe stets auf den Herrn: daheim genauso wie im Beruf; dort, wo ich politisch aktiv werde, genauso wie im kleinen Kreis meiner Freunde und Verwandten; wenn ich für mich bin nicht weniger als draußen in der Öffentlichkeit, in der Gemeinde oder auf der Straße.“

 

Christus sucht keine Bewunderer, sondern Nachfolger. – Vorhin habe ich den heiligen Augustinus mit einem kleinen Augenzwinkern zitiert. Nun, zum Schluss, möchte ich diesen bedeutenden Nachfolger Christi noch einmal im vollen Ernst zu Wort kommen lassen und mit seinen Worten beten:

 

„Wohlan, Herr, wirke, wecke uns auf und ruf uns zurück! Entzünde uns und reiß uns hin! Sei uns Glut und sei uns Süße! Auf, la[ss]t uns lieben, la[ss]t uns eilen!“[5]

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.


[1] Vgl. Kierkegaard, Sören, Einübung im Christentum. […], München 2005, 245 – 264.

[2] Cyprian (200 - 258) zitiert in:

Johannes Paul II, Geschenk und Geheimnis. Zum 50. Jahr meiner Priesterweihe, Nürnberg 1997, 104.

[3] Augustinus, Bekenntnisse, Frankfurt a. M./Hamburg 1956, 141 (^= Confessiones 8, 7).

[4] EG 392, 1.

[5] Augustinus, Bekenntnisse, 135 (^= Confessiones 8, 4).