Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 1, 1-8

Dr. med. Udo Niedergerke (kath.)

10.12.2017 Cella St. Benedikt

Impulspredigt

Liebe Brüder, liebe Gemeinde,

dass jemand, der nicht ordiniert ist, ein Laie also, eine Predigt hält, das Wort Gottes auslegt, ist auch nach dem II. Vatikanischen Konzil nicht selbstverständlich, wenngleich das Konzil die Türen für Laien weit geöffnet hat. Offiziell gilt nach wie vor das Predigtverbot. Darum lege ich die Betonung auf Impuls und weniger auf Predigt und danke  für die Einladung, in diesem ganz besonderen Raum  heute sprechen zu dürfen.

Johannes der Täufer ist für mich eine der bemerkenswertesten und bewunderungswürdigsten  Personen der hl. Schrift. Er hat uns auch noch heute viel zu sagen, vielleicht gerade heute. Er kann uns Vorbild sein, nein, er muss oder zumindest er sollte uns Vorbild sein.

Vom Leben des Täufers, haben wir eine recht genaue Kenntnis, was  Ausdruck seiner biblischen Bedeutung ist. Er  wurde nach Darstellung des Lukasevangeliums zur Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, als Sohn des Priesters Zacharias und Elisabeth aus dem Geschlecht Aarons geboren, etwa ein halbes Jahr vor Christus. Die Ehe der beiden war lange Zeit kinderlos. Zacharias betete und opferte im Tempel und erhielt durch den  Erzengel Gabriel schließlich die Verheißung, dass ihm ein Sohn geboren würde. Aber auch gottesfürchtige  Priester wie Zacharias sind  nur Menschen und nicht frei von Zweifeln, und, die biologische Uhr auch damals schon vor Augen,  bat er ungeduldig um ein Zeichen und wurde wegen seines Zweifels mit Stummheit geschlagen. Elisabeth wurde dann, wie verheißen, im hohen Alter schwanger und wurde von ihrer Verwandten Maria besucht. Diese Begegnung ist uns aus vielen mittelalterlichen  Gemälden vertraut. Als es um die Namensgebung ging, schrieb-laut Lukasevangelium-Zacharias den Namen „Johannes“ auf eine Wachstafel, erhielt nun seine Stimme zurück und brach in einen Lobgesang aus.

Etwa um das Jahr 29/30 begann sein öffentliches Wirken als Täufer. Er muss eine charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Gekleidet war er, wie wir gehört haben, mit einem Gewand aus Kamelhaaren, trug einen ledernen Gürtel um die Hüften und, so wird er in der Malerei dargestellt, einen  Bart, wie es nicht nur damals die Mode war.

Propheten haben sich seither, will mir scheinen, nicht sehr geändert. Auch heute haben sie einen ähnlichen Habitus die Gurus unserer Tage, die Prediger und Verkünder. Auch sie rufen zur Umkehr auf, zur Buße  und drohen mit ewiger Verdammnis. Auch sie können Menschen faszinieren und haben Gefolgsleute. Auch sie haben eine Idee, eine Utopie, ein Heilsversprechen.

Asketen sind sie aber in aller Regel nicht. Sie führen ein eher komfortables Leben. Ebenso wenig kommen sie aus der Wüste. Sie sind in der Yellow Press zuhause. Sie fliegen mit  Jets ein und  besitzen eine Armada von Luxusfahrzeugen, die von ihren Followern finanziert werden.

Es liegen 2 Jahrtausende zwischen dem biblischen Ereignis und unserer Zeit. Aber nicht nur deshalb sind die Unterschiede zu Johannes evident. Um materielle Werte geht es ihm nicht, auch nicht um Komfort. Um kulinarische Highlights eher auch nicht. Heuschrecken und wilder Honig sind nicht jedermanns Sache. Nicht einmal um seine Person geht es. Nein, nicht er steht  im Mittelpunkt. So erfahren wir über ihn nur das, was dem Evangelisten für seine Charakterisierung als Bußprediger  und Täufer notwendig  erscheint. Beschrieben werden seine sehr bescheidene, ärmliche und vermutlich abgenutzte und zerrissene  Kleidung  und seine Stimme. Das erste  Ausdruck seiner Lebensweise, das andere Ausdruck seiner Berufung, Rufer zu sein in der Wüste.

Ihm  geht es  um Buße und Umkehr. Dazu aufzurufen ist seine Bestimmung. In seiner Person selbst begegnen uns menschliche Tugenden, wie Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit,  Mut und Demut, Dienen und Bescheidenheit und natürlich nicht zuletzt auch der Glaube an den Erlöser und an die Erlösung. Die Taufe  war hierfür ein wichtiges Zeichen. Deshalb ließ sich auch Jesus öffentlich von Johannes im Jordan  taufen.

Auf die Frage seiner zahlreichen Anhänger. „Was sollen wir denn tun, um der ewigen Verdammnis zu entgehen“, heißt es im Lukasevangelium, „Wer zwei Gewänder hat, gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Und zu den Zöllnern sagte er: „Verlangt nicht mehr als festgesetzt ist“ und zu den Soldaten: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold“.

Wunderbar, sagen wir, großartig! Das ist es! Das ist er! Und ebenso begeistert waren seine Anhänger. Sie dachten im Stillen, „Ist er vielleicht selbst  der Messias?“ Aber anstatt sich feiern zu lassen, antwortet er bescheiden: „Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich. Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem heiligen Geist taufen.“

Noch einmal zurück zum historischen Johannes. Kurz nach der Taufe Jesu wurde er ins Gefängnis geworfen. Er hatte kritisiert, dass Herodes  die Frau seines Halbbruders in zweiter Ehe geheiratet hatte. Deren Tochter forderte bei einer Party als Belohnung für ihre besondere Tanzperformance  von Herodes den Kopf von Johannes. Den überreichte sie dann als Rache für seine Kritik auf einer Schale ihrer Mutter. Auch diese Szene ist in vielen Gemälden festgehalten.  Am 29. August gedenken wir seiner Enthauptung, am 24. Juni, 6 Monate vor Christi Geburt, seinem Geburtstag. Johannes der Täufer ist  der letzte Prophet des Alten und der erste Märtyrer des Neuen Testaments.

 Er starb, liebe Gemeinde, für seine Überzeugung.  Mutig, der Wahrheit verpflichtet.   Er war aber auch Diener. Auch hierin kann er uns Vorbild sein. Dienen! Wer möchte heute noch dienen? Wer noch Knecht sein und nicht Herr? Wer stellt sich bescheiden hinten an, wenn es etwas zu verteilen gibt? Wer lässt dem anderen den Vortritt, wenn es um den eigenen Vorteil geht? Natürlich gibt es diese Mitmenschen unter uns. Es gibt sie noch die Ehrenamtlichen, die sich um Migranten und politisch Verfolgte kümmern, die Nahrungsmittel bei den Tafeln an die Armen  verteilen, die Paten und Mentoren, die mit Kindern lesen und Schularbeiten machen oder die jetzt in der Weihnachtszeit auf Basaren und vielen Veranstaltungen Geld für wohltätige Zwecke sammeln. Sie alle dienen und machen sich dienend verdient. Allen sei Dank! Behalten Sie Ihre positive Meinung, auch wenn Sie Enttäuschungen erleben. Stützen und helfen wir dann einander. Und denken daran, es wir jemand kommen, nein, er ist bereits unter uns, der  stärker ist  als wir. Auch und gerade auf seine Unterstützung dürfen wir bauen.

In keiner Zeit wurden so viele Christen in so vielen Ländern unterdrückt und verfolgt wie gegenwärtig. Ich denke an die, die um ihres Glaubens willen benachteiligt, ausgegrenzt und misshandelt  werden. Ich denke auch an den islamistischen Terror, der auch uns und unser Land verändert hat. Wir gehen heute mit anderen Gedanken und nicht mehr  unbeschwert über die Weihnachtsmärkte. Unser: „Wir lassen uns nicht unterkriegen!“ klingt mit jeden Anschlag nervöser, zunehmend weniger überzeugend. Als müssten wir uns selbst Mut zusprechen. Meine Frau und ich waren vor 3 Wochen in Köln, besuchten das lateinische Hochamt im hochgotischen Dom, wo u.a.  2 Mädchenchöre aus Würzburg und Köln geradezu himmlisch sangen, und waren tief ergriffen. Als wir anschließend auf der Domplatte standen, waren plötzlich ganz andere Gefühle da, die Erinnerung an die Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16. Wir konnten uns nicht dagegen wehren. Die Worte des Johannes an die Soldaten:  „Misshandelt niemand, erpresst niemand“, bekamen eine beängstigende Aktualität.

In einer zunehmend säkularisierten Umwelt trauen wir uns doch kaum noch, öffentlich unseren Glauben zu leben. Hier sind wir geborgen in einer Cella, einer Zelle. Kürzlich las ich von einer in Berlin, einer vermeintlich toleranten Stadt, lebenden christlichen Familie, in der gebetet wird. Überschrift: „Mama, das ist doch normal, dass wir beten, oder?“ Wir denken, na klar ist das normal. So dachte auch der  Sohn. Als er aber ahnungslos in der Schule darüber berichtete, erntete er Unverständnis, Spott und Hohn. „Wie uncool ist denn das?“ Er wurde gehänselt, gemieden und gemobbt. Die Familie zog als Konsequenz zum eigenen Schutz  in den Süden Deutschlands. Nicht jeder hat den Mut, die Stärke und Wortgewalt eines Johannes. Nicht jeder kann sich wehren. Manchmal bleiben nur Resignation und Rückzug.

Oder denken wir an die kontroverse Diskussion bei uns, im evangelisch geprägten Norden Deutschlands, den Reformationstag  als Feiertag einzuführen. Einen weiteren christlichen Feiertag! Wieder das „Wie uncool ist denn das?“ Kann man das anderen Religionsgemeinschaften oder den Atheisten überhaupt zumuten? Man müsste ihm Sinn und Form geben. Dann werden sich auch Nichtprotestanten angesprochen fühlen. Vielleicht könnte man dann sogar dem unsäglichen Halloween-Unwesen den Garaus machen. Aber das ist wohl bereits schon Wunschdenken!

Unsere Willkommenseuphorie der letzten Jahre, liebe Gemeinde, ist inzwischen einer nüchternen Betrachtung gewichen. Die Probleme der Integration so vieler Menschen aus fremden Kulturen werden immer konkreter. Unser Umfeld wird nicht christlicher, sondern muslimischer, das ist so. Darauf müssen wir eine Antwort finden. Wir möchten den Fremden gern eine Heimat geben, unsere Heimat darf uns dabei aber nicht fremd werden. Wie unser Alt-Bundespräsident sagte: „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich“. Das müssen wir erkennen und danach handeln.  „Wer zwei Gewänder hat“, so Johannes,  „gebe eines davon dem, der keines hat.“ Das heißt im Umkehrschluss, das andere, das darf er behalten. Zwar sollen wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst,  das darf aber nicht zur Überforderung oder gar Selbstaufgabe führen.

Ich möchte schließlich noch an diejenigen erinnern, die bei uns auf der Straße leben, unter Brücken schlafen, sich in Hauseingängen quetschen, die ebenfalls unserer Hilfe bedürfen und die häufig nicht einmal ein Gewand besitzen, die frieren und erfrieren. Und es werden immer mehr. Allein in Hannover sind ca. 600 Menschen obdachlos und 4.000 wohnungslos. In Deutschland wird die Zahl der wohnungslosen Menschen von 2017 auf  2018 um 350.000 auf 1,2 Millionen ansteigen. Und das darf uns als Christen nicht gleichgültig lassen.

Seien wir wie Johannes, seien wir Rufer in unserer Wüste, und rufen den Verantwortlichen-und verantwortlich sind wir alle-zu: „Schafft bezahlbaren Wohnraum! Wohnrecht ist Naturrecht!“ Niemand lebt gern und freiwillig auf der Straße. Straße macht krank. Straße tötet. Die Lebenserwartung Obdachloser liegt unter 47 Jahren und damit 30 Jahre unter der unsrigen.

Zurzeit  läuft im Neuen Rathaus eine Fotoausstellung: „Mein Hannover-Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt“. Gemeinsam mit der Diakonie und der LHH haben wir die Idee entwickelt. Auf Grund der großen Aktualität wurde die Ausstellung, die ursprünglich bis zum 30. 11. terminiert war, bis zum 17. 12. verlängert und ist täglich von 10-18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenfrei. Besuchen sie diese Ausstellung!

Die Fa. Rossmann hat 100 Einwegkameras gespendet, die an wohnungs-und obdachlose Menschen verteilt wurden. Aus 1716 Fotos hat eine Jury 350 ausgewählt, die jetzt in der Ausstellung zu sehen sind. Und das Ergebnis ist faszinierend und macht nachdenklich zugleich. Ziel ist es, diese Menschen vom Rand unserer Gesellschaft in die Mitte zu rücken, in unser aller Blickfeld und ihnen Aufmerksamkeit, Achtung und Würde zu geben. „Individuelle Not, wie Obdachlose sie erleben, erlaubt oft weder aufrechten Gang noch Würde“, sagt hierzu der Philosoph und Soziologe Oskar Negt, „Ihre Beseitigung schafft die materiellen Voraussetzungen, dass eine angstfreie Existenz und damit Würde möglich ist.“

Das ist grundgesetzlicher Auftrag und zutiefst christliches Gedankengut. Vergessen wir nicht die, die unserer Hilfe so dringend bedürfen und setzen wir uns ein für die Ärmsten der Armen. „Was Ihr den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Und Papst Franziskus hat es ganz radikal formuliert:“ Wer nicht lebt um zu dienen, verdient nicht zu leben“.

Johannes der Täufer kann uns auch da Vorbild sein, der Rufer, der Diener, der Mutige und Gerechte, derjenige, der für seine Überzeugung zum  Märtyrer  wurde und in Demut auf den Erlöser hinwies, der uns mit dem heiligen Geist getauft hat. Sein hebräischer Name lautet: Gott ist gnädig! Sei Gott auch uns gnädig! Ein Anliegen nicht nur Martin Luthers, mit dem ich im Reformationsjahr im Geist der Ökumene  schließen möchte. Amen.