Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,17-27

Pfarrerin Iris Brendler (ev.-ref.)

28.02.2016 Kirche der ev.-ref. Kirchengemeinde Lemgo/Brake

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

es ist, als steckte er fest. Es geht nicht vor und nicht zurück.

Hinten laufen die Füße wie im Hamsterrad: weiter, weiter, immer weiter im Kreis, nur nicht stehenbleiben, sonst geht gar nichts mehr.

Sie brauchen das Geld. Die Kinder müssen unterstützt werden, das Haus abbezahlt. Er kann jetzt nicht einfach aufhören, das geht nicht. Zu viel hängt daran. Man ist Verplichtungen eingegangen. Außerdem wird er gebraucht bei seiner Arbeit. Wenn er jetzt ausfiele – nicht auszudenken, es wäre ein Katastrophe – für den ganzen Betrieb, für die Kollegen. Chaos. Also weiter, immer weiter. Funktionieren. Das Rad am Laufen halten.

Vorne der Kopf. Normalerweise drehen sich die Gedanken mit imTakt des Hamsterrades. Immer im Kreis: Die Arbeit, die Kinder, das Haus, der Urlaub, die Arbeit, die Kinder, das Haus, der Urlaub...Am besten gar nichts anderes denken, sonst kommt man noch aus dem Takt. Nicht ablenken lassen, sonst gerät das ganze Gebäude ins Wanken.

Aber die Gedanken sind frei... da schleicht sich so eine Sehnsucht ein, nach mehr.

Nicht im materiellen Sinn, das ist es nicht. Für ein noch größeres Auto müßte man einfach kräftiger treten im Hamsterrad. Nein, es ist die Sehnsucht nach anderem. Nach einem anderen Leben. Ohne Verpflichtungen. Ohne dass andere ihm sagen, was er zu tun hat. Ohne Hamsterrad. Eine Sehnsucht nach Freiheit. Freiheit von all dem, was ihn in seinem Gleichschritt gefangen hält.

Natürlich ich das völlig unrealistisch. Man kann nicht einfach aussteigen. Das ist etwas für Idealisten und Spinner. Er braucht schon die Sicherheit, das für ihn und seine Familie am Morgen die Brötchen auf dem Tisch stehen. Und sich verschlechtern, das will man ja auch nicht. Und das geht eben nur, wenn er so weiter macht, wie bisher.

Das sagt er sich immer, wenn sie ihn wieder anfliegt, diese Sehnsucht. Versucht, sich selbst wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Und doch – etwas bleibt. Eine Traurigkeit über die Wege, die er nicht gegangen ist. Eine Sehnsucht nach dem, was abseits liegt von dem Weg, der er eingeschlagen hat.

Nein, so ganz im Takt läuft sein Kopf doch nicht. Irgendetwas will da in eine andere Richtung.

Noch läuft alles wie immer. Noch ist der Befehl zum Richtungswechsel nicht bei den Füßen angekommen. Noch läuft er brav, wie er muss. Aber wird das noch lange gutgehen?

Zumal es ihm in der Mitte regelrecht die Luft abschnürt. Es ist eng dort, es tut richtig weh. Sein Herz kann gar nicht richtig frei schlagen, so fühlt es sich an. Er ist wie eingeklemmt. Er steckt fest. Wenn es nicht bald in die eine oder andere Richtung geht, dann – ja, was dann? So jedenfalls hält er nicht mehr lange durch.

Was soll ich nur tun?, fragt er sich.

Reden kann er mit niemandem so recht. Wer würde ihn schon verstehen? Du hast doch alles, was du dir nur wünschen kannst, würde er zu hören bekommen, was willst du denn noch? Es fehlt dir doch an nichts. Manch einer würde sich glücklich schätzen, wenn es ihm ginge wie dir: da stimmt doch alles: das Materielle und das Finanzielle, die Arbeit, die Familie – alles in Ordnung.

Es ist ja wahr. Und trotzdem kann er sich nicht wehren gegen seine Gedanken, gegen seine Sehnsucht. Gerade, wenn er mal zur Ruhe kommen will, fangen seine Gedanken an zu rotieren.

Als er heute Morgen aufgewacht ist, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Alle anderen waren noch im Tiefschlaf. Leise ist er aufgestanden, hat sich mit seiner Tasse Kaffee an den Küchentisch gesetzt – da kam der Gedanke wieder: Das kann doch nicht alles sein. Es muss doch einen Zustand geben, in dem man glücklich ist und zufrieden – auch schon vor dem Ruhestand.

Aber er kommt nicht weiter an der Stelle. Also beschließt er, die Ruhe des Sonntag-Morgens einfach zu genießen, nimmt einen Schluck Kaffee und schnappt sich die Wochenend-Zeitung. Als der Packen Werbung herausrutscht, wirft er ihn ärgerlich auf den Boden. Was soll er mit alle dem Zeug? Davon wird man auch nicht zufriedener. Ein Großteil der dicken Zeitung besteht aus Anzeigen: Urlaub, Häuser, Autos. Er wird noch ärgerlicher. Das hat er alles. Was soll das? Bei den Stellenanzeigen bleibt er hängen. Vielleicht sollte er sich beruflich verändern? Aber es ist alles nicht besser als das, was er hat, ganz im Gegenteil. Unzufrieden wirft er die Zeitung zu der Werbung auf den Boden.

Er beschließt, den Frühstückstisch zu decken; das ist mal etwas Sinnvolles. Die ganzen Langschläfer werden bald aufstehen, inzwischen ist es schon mitten am Vormittag. Nebenbei macht er sich das Radio an – das wird ihn wohl ablenken.

Der Kultursender ist noch eingestellt, der ist ihm der Liebste. Aber heute Morgen will wohl gar nichts gutgehen – er gerät mitten in einen Gottesdienst. Das ist nun wirklich nicht sein Ding. In der Kirche war er das letzte Mal zu Weihnachten, und das auch nur, weil man das eben so macht. Gerade will er am Sender drehen, da hört er den Pfarrer den Predigttext lesen: 

 

„Und als er sich auf den Weg machte, kam einer gelaufen und warf sich vor ihm auf die Knie und fragte ihn: ´Guter Meister, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben?` Jesus sagte zu ihm: Was nennst du micht gut? Niemand ist gut außer Gott. Du kennst die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst niemanden berauben, ehre deinen Vater und deine Mutter.`Er sagte zu ihm: `Meister, das alles habe ich befolgt von Jugend an.`Jesus blickte ihn an, gewann ihn lieb und sagte zu ihm: Eines fehlt dir. Geh, verkaufe, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir! Der aber entsetzte sich über dieses Wort und ging traurig fort, denn er hatte viele Güter. Da blickt Jesus um sich und sagt zu seinen Jüngern:`Wie schwer kommen doch die Begüterten in das Reich Gottes.`Die Jünger aber erschraken über seine Worte. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: `Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes.` Sie aber waren bestürzt und sagten zueinander: `Ja, wer kann dann gerettet werden?` Jesus blickt sie an und spricht: `Bei Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott. Denn alle ist möglich bei Gott.“

 

Nun hat er das Radio doch nicht ausgemacht. Er hat zugehört, da hat ihn etwas gefesselt.

Ein Nadelöhr – das war es. Genau so fühlte er sich: wie mitten in einem Nadelöhr. Der Kopf war durch, aber es ging und ging nicht weiter. Er kam einfach nicht durch. Ein Kamel würde es eher schaffen als er. Was für ein komisches Bild – aber genau so war es. Es war völlig aussichtslos – es würde einfach immer so weiter gehen. Und irgenwann würde sein Leben um sein, und er würde dieses Gefühl, das ihm etwas fehlte, immer noch haben.

Er war genau wie dieser reiche junge Mann, der da zu Jesus gekommen war. Der kam auch nicht weiter. Der hatte auch alles und war doch nicht erfüllt. ´Ins Reich Gottes´` wollte er. Na gut, so nannte er es. Aber er meinte bestimmt auch etwas, was ihn erfüllen und zufrieden machen sollte. Der war doch auch nicht wirklich glücklich mit seinem Leben, dem fehlte doch auch etwas.

Es war merkwürdig, dass er sich ausgerechnet in einem, der in der Bibel vorkam, wiedererkannte. Das hätte er nicht gedacht.

Und was ihn am meisten erstaunte: Jesus - der ihm ja eigentlich ziemlich fremd war -

dieser Jesus hatte das ziemlich schnell durchschaut: `Eines fehlt dir...` So war es – irgendetwas fehlte. Vielleicht war es ja doch nicht alles weltfremdes Zeug, was in der Bibel stand. Obwohl: alles verkaufen und den Armen geben – das konnte ja wohl auch nicht die Lösung sein. Er mußte doch von etwas leben, hatte seine Familie zu ernähren. Und sollte das etwa glücklicher machen, selbst nichts mehr zu haben? Er beutete schließlich niemanden aus, ab und zu spendete er sogar etwas – sollte das nicht reichen? Man konnte schließlich auch Gutes tun mit seinem Geld – da konnte es doch nicht grundsätzlich schlecht sein, etwas zu besitzen. Nein, das verstand er dann doch nicht. - Hier ging es ihm – das merkte er jetzt – auch wie diesem reichen jungen Mann. Der hatte ja auch nichts anfangen können mit Jesu Antwort. War traurig wieder weggegangen. Was war das nur für eine merkwürdige Geschichte?

        Als er hörte, dass seine Frau die Treppe herunter kam, schreckte er aus seinen Gedanken auf. Das Radio lief noch – gerade wurde etwas gesungen – schnell machte er aus. Er fühlte sich ertappt. Er war froh, dass seine Frau nicht nachfragte. Sie deckten den Tische gemeinsam zuende, dann kamen die Kinder – und der Sonntag lief an wie jeder Sonntag.

Und auch die Arbeitswoche, die dann begann, lief ab wie immer. Nur mit dem Unterschied, dass seine Gedanken immer mal wieder zu diesem reichen jungen Mann wanderten. Das Bild, wie er sich umdrehte und traurig wieder wegging, wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Die ganze Geschichte beschäftigte ihn mehr, als er wollte. Irgendwie war es seine Geschichte. Sollte sie so traurig enden?

Er erinnerte sich, dass die Geschichte mit dem Weggang des reichen jungen Mannes noch nicht zuende gewesen war. Da war noch etwas mit den Jüngen gewesen. Vielleicht sollte er das noch einmal nachlesen. Dazu bräuchte er allerdings eine Bibel. Er hatte allerlei Bücher in seinem Regal stehen, aber eine Bibel war nicht dabei. „Eins aber fehlt mir...“, dachte er selbstironisch. Er könnte ja auf dem Heimweg von der Arbeit in den Buchladen gehen und sich eine kaufen. Warum eigentlich nicht? Ja, das würde er machen.

Als er das Buch auf die Ladentheke legte, sah er die Augen des Buchhändlers aufleuchten – er schien sich zu freuen, dass er eine Bibel verkaufte.

Er griff in seine Tasche, um sein Portemonnaie herauszuholen – und griff ins Leere. Wie peinlich, er hatte es wohl heute Morgen Zuhause liegen lassen. Er war wirklich etwas durch den Wind in letzter Zeit. Wortreich und mit rotem Kopf entschuldigte er sich und wollte die Bibel zurückstellen – da sah er den Buchhändler den Kopf schütteln. „Nein, nein, nehmen Sie sie mit, ich schenke sie Ihnen.“  „Ja, aber – Sie müssen doch auch etwas verdienen. Ich kann auch schnell Geld holen.“ „Nein, das ist  in Ordnung so. Es kommt nicht alle Tage vor, dass jemand eine Bibel haben möchte.“ Verwundert bedankte er sich und verließ den Laden. So etwas war ihm noch nie passiert. Draußen wog er die Bibel in seiner Hand. Das Buch war etwas Besonderes – allein schon deshalb, weil er es geschenkt bekommen hatte. Er hatte auf einmal das Gefühl, einen richtigen Schatz mit nach Hause zu bringen.

Zuhause zog er sich bald ins Schlafzimmer zurück und begann zu blättern. Dünne Seiten, eng bedruckt. Wie sollte er da diese Geschichte mit dem reichen jungen Mann wiederfinden? An einer Stelle blieb er hängen beim Blättern: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangst nach dir aus trockenem, dürren Land, wo kein Wasser ist.“  Er fühlte sich angesprochen. Schon wieder. Er hatte gar nicht recht gewußt, wonach er sich sehnte. Sollte es hier zu finden sein, in diesem Buch? - Jetzt die Stelle mit dem reichen Jüngling, es gab ja schließlich Internet, da würde er bestimmt Hilfe finden. Er wurde fündig, schlug auch seine Bibel an der Stelle auf – und da war es. Ach ja, wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen..., und über diese Worte erschrecken die Jünger. „Wer kann gerettet werden?“, fragen sie. Offenbar waren sie genauso ratlos. Er war aber auch wirklich radikal, dieser Jesus. Aber am Ende stand dann doch wieder etwas Tröstliches: „Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott. Denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ War das jetzt eine Einladung doch auch für die Reichen – oder wie sollte man das verstehen? Würde am Ende doch alles gut, ob man nun sein ganzes Hab und Gut für die Armen gab oder nicht? Das verstand er immer noch nicht. Er blätterte wieder weiter zurück. Da war etwas dickgeddruckt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Und dann noch eine andere Stelle, auch dickgedruckt: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Auf einmal hatte er das Gefühl, dass ihm etwas dämmerte. Irgendwie paßte das alles zusammen. Ein bißchen so, als würde sich Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen legen. Es kam wohl darauf an, was an erster Stelle stand im eigenen Leben – so verstand er das. Wenn Gott und der Nächste an erster Stelle standen, dann rückten andere Dinge an die zweite. Dann müßte man im Zweifelsfall bereit sein, anderem den Vorrang zu geben vor den eigenen Interessen, dem eigenen Verdienst. - Er mußte an den Buchhändler denken. Der hatte das getan. Einfach so, mitten im Alltag. Hatte etwas verschenkt, weil es ihm offenbar wichtiger war, dass er die Bibel bekam als dass er selbst daran verdiente. Das faszinierte ihn. Der Mann war frei gewesen in seiner Entscheidung.

Fasziniert blätterte er weiter, und wieder blieb er an etwas Dickgedrucktem hängen:

„Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“

Ob das nun ganz so einfach war? Aber andererseits spürte er auch hier etwas von dieser Freiheit. Sich einfach hinwegsetzen über das, was sonst den Kopf besetzte, was die Füße weiter am Laufen hielt, was einem keine Luft zum Atmen ließ. Nach solcher Freiheit sehnte er sich.

Und es war ganz merkwürdig – aber irgendwie meinte er auf einmal, schon etwas davon zu spüren.

Natürlich würde er morgen wieder zur Arbeit gehen – das war schon nötig. Vieles von dem, was er tat, war nötig. Aber er wußte auf einmal, dass es noch mehr gab als sein Hamsterrad. Wichtigeres. Etwas, was auch so manches relativierte in seiner Wichtigkeit. „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seelee und mit all deiner Kraft – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ - Verrückt, sich so zu binden und so besetzen zu lassen – und gleichzeitig doch auf einmal so frei zu sein von Dingen, die ihn sonst Tag für Tag so quälten.

Ob das jetzt alles wirklich war – dass er auf einmal das Gefühl hatte, er könnte über Dinge hinwegsteigen, die er sich selbst in den Weg gestellt hatte? Aber wenn er an die leuchtenden Augen des Buchhändlers dachte, dann wurde ihm klar, dass das alles keine Spinnerei war. Vielleicht kam er ja doch durch sein Nadelöhr. Wohl nicht aus eigener Kraft, das nicht. Aber was hatte da noch am Ende gestanden? :

„Denn alles ist möglich bei Gott.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.