Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 10,35ff.

Prof. Dr. Peter Lampe

06.04.2003 Universitätsgottesdienst in der Peterskirche, Heidelberg

Predigtpreis 2003 für die beste Predigt

Predigt steht in gekürzter Fassung als mp3-Datei zur Verfügung

"We are all humans"

"We are all humans", "Wir sind alle Menschen", so weinte die Frau, am Boden kauernd. Vor wem sie diese Worte hervorstieß, zeigte die Kamera nicht. Eines der vielen Fernsehbilder dieses Krieges, eines der wenigen, die sich mir einbrannten. Ich habe vergessen, ob die Frau eine Kurdin oder vielleicht eine Schiitin war. Es spielt auch keine Rolle, denn wir sind alle "humans".

Wir sind alle Menschen. Wirklich? Oder sind die einen es mehr und die anderen weniger? Horchen Sie in sich hinein, fühlen Sie Ihre ersten instinktiven Reaktionen, wenn Bilder und Nachrichten über Sie einströmen! Wo tut es Ihnen noch weher, wenn sie von Toten und Verletzten hören? Wo ein bisschen weniger weh? Bei einem westlichen Toten mehr, bei einem republikanischen Elitegardisten weniger? Bei Zivilisten mehr? Bei getöteten Kindern weitaus mehr als bei erschossenen Soldaten?

We are all humans. Deklinierten wir diese Maxime durch, tönten unsere Nachrichten anders: Bei Basra feuerte eine Gruppe von Menschen auf eine andere Menschenansammlung. In Nasirija lenkte eine Menschentruppe eine andere ab, damit eine dritte Einheit von Menschen unbemerkt ins Krankenhaus der Stadt eindringen und dort eine schwer verletzte Frau aus der Kriegsgefangenschaft befreien konnte. Sie war neunzehn Jahre alt. Dann schossen andere Menschen aus ihren Panzern auf andere verschanzte Menschen. Und so weiter, und so weiter. Merken Sie etwas? Das wird langweilig! Da ist die Farbe heraus! Das ist nur noch absurd. Abgrundtief absurd. Da ist plötzlich das bös faszinierende Prickeln heraus, das ein solcher Krieg auch ausübt und einige Zeitgenossen vor den Bildschirmen festwachsen lässt.

Und merken Sie noch etwas? Wir alle dekuvrieren uns vor der "Glotze". Nicht nur die, die jenes Prickeln angesichts der rohen Gewalt verspüren mögen. Nein, auch alle anderen, denen im tiefsten Innern der Tod der einen weher tut als das Dahingerafftwerden der anderen. Auch die dekuvrieren sich, und das sind wir alle, die der Mord an Soldaten ein klein wenig weniger schmerzt als der an Kindern. Auch mit dieser edlen Gesinnung haben wir die Maxime des "we are all humans" bereits verraten. Das Monster des Krieges hat uns im Innersten eingeholt. Nein, es war immer da und zeigt uns in diesen Tagen wieder besonders die Fratze im eigenen, persönlichen Spiegel. Das Böse wohnt in jedem von uns, "we are all humans", wir sind alle im Abgrund des Bösen befangen. Auch die Friedensdemonstranten hier in Heidelberg, die an den Toren der amerikanischen Base die Wachsoldaten mit unflätigen Worten und Eiern bewerfen.

Wer die Welt in Schurken und Gute einteilt, Achsen von Bösen konstruiert und Koalitionen von Guten, hat nichts, aber auch nichts von uns Menschen verstanden; er begreift vor allem nicht sich selbst, ist seinem Ich nur an der Oberfläche begegnet. Am Altar lasen wir die Worte des Paulus - stellvertretend für ein einstimmiges biblisches Zeugnis:

"Was sagen wir denn nun? Haben wir einen irgendeinen Vorzug vor den anderen, die Juden vor den Griechen (zum Beispiel)? Gar keinen! Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind ...
Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.
Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, ...
Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben.
Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.
Ihr Rachen ist ein offenes Grab; ...
Otterngift ist unter ihren Lippen.
Ihr Mund ist voll Bitterkeit.
Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen.
Auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer,
und den Weg des Friedens kennen sie nicht."
(Röm 3,9-17).

Die Bibel ist Wegweiser hin zur Begegnung mit unseren Abgründen. Das Böse haust neben Gutem in jedem von uns. Wer dies begriffen hat, nimmt den ersten Schritt auf dem steilen Weg zur Feindesliebe unter seine Füße. Denn wer sich dem Potenzial des Bösen in sich selbst stellte, vermag sich langsam dem anderen Menschen zu öffnen: demjenigen, der einem fremd, feind, böse erscheint. Liebe deinen Feind - wie dich selbst. Das geht nur, wenn dem schlummernden Bösen im Selbst ins Auge geblickt wurde.

Der uns heute vorgeschriebene Predigttext aus Markus 10 führt uns ebenfalls in die Tiefe des Menschlichen, in einen dieser Abgründe, hinab zu einer der Urwurzeln des Bösen in uns. Wir sind bereits inmitten des Textes gewesen, Sie werden es gleich merken. Ich verlese die Verse 35 ff.:

"Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten:
Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
Er antwortete:
Was soll ich für euch tun?
Sie sagten zu ihm:
Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen.
Jesus erwiderte:
Ihr wisst nicht, um was ihr bittet ...
Als die zehn anderen Jünger das hörten, stieg der Ärger in ihnen über Jakobus und Johannes hoch. Da rief Jesus sie zu sich und sagte:
Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker bedrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, soll euch dienen, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Befreiungsgeld für viele."

Spüren Sie, inwiefern wir bereits inmitten dieses Predigttexts standen? Wir stufen das Menschliche ab. Am besten in Schwarz - Weiß: Gute - Schurken. Opfer - Täter. Aber haben die Täter keine Angst? Dieses neunzehnjährige Mädchen aus West-Virginia, eine Obergefreite, schritt sie nicht durch Todesängste? Und sind die Opfer unschuldig? - Wir stufen ab und ab: Die unserer Religion Zugehörigen sind näher dran am Menschlichen als die in unseren Augen Ungläubigen. Die Menschen in unserer Kultur sind näher dran als die in anderen Zivilisationskreisen. Freunde - Feinde. Freundliches Feuer - feindliches Feuer. Wir sind Meister im Abstufen des Menschlichen und bauen schillernde Skalen von Hackordnungen, mit vielen Sprossen. Von jeder lässt sich herrlich auf die je unteren herabblicken. Meister, lass uns beide doch zu deiner Linken und Rechten ganz dicht bei dir sitzen! Die anderen zehn Jünger sollen sich dann ruhig ärgern! Wir sind Weltmeister im Aufpäppeln des eigenen Selbstbewusstseins dadurch, dass wir andere in unserem Bewusstsein unter uns stellen. Wir brauchen das, für unser Selbstwertgefühl: das Herabschauen auf andere, die Selbstdefinition auf Kosten anderer. Gerade auch eine Universität mit ihrem akademischen Betrieb ist ein derartiger Tummelplatz: eine "Motz-Gesellschaft".

Perfide wird es besonders, wenn - wie in unserem Text - das Abstufen dadurch geschieht, dass die Nähe zu Gott als Kriterium für die Statusdefinition missbraucht wird: Wir sind näher an Gott als ihr - wie gut das tut! Unser Krieg ist gottgewollter und gerechter als eurer. Unser Jihad auch. Doch in Wahrheit gibt es keine "Gott-näheren", keine gerechten Kriege, nur selbstgerechte Krieger, so wie es selbstgerechte Friedensdemonstranten gibt. Es gibt vielleicht politisch notwendige Kriege - angezeigt wie der Tyrannenmord. Doch werden sie die Führenden schmutzig; kein hehrer Zweck rettet sie davor. Sie verstricken sich in Schuld - in einer Schuld, der sie nicht dadurch entrinnen, dass sie sich der Illusion hingeben, ihr Krieg sei gerechter als andere: Gott näher. "Ihr wisst nicht, worum ihr bittet", entgegnet Jesus.

Zum Wohle unseres Selbstwertgefühls stufen wir ab - und bringen unendlichen Ärger, unendliche Eifersucht, unendliche Verletzung in die Welt. Woher beziehen wir unser Selbstwertgefühl?, fragt uns der Text. Die erste Antwort lautet: Aus dem Herabschauen auf andere. Blamabel zerren die beiden Zebedaidenjünger unser Menschsein ans Licht.

Jedoch sind die beiden auch einer zweiten Antwortmöglichkeit auf der Spur. Und dieser zweite Weg vermag viel zu versprechen, wenn auf die erste Antwort verzichtet wird: Diese beiden Jünger versuchen zugleich ihr Selbstwertgefühl aus der Nähe zu Gott zu beziehen. Lässt sich dies auch so verwirklichen, dass es nicht auf Kosten der anderen geschieht? Im selben Kapitel des Markusevangeliums wird Jesus der Erwachsenen und ihrer Spielchen überdrüssig. Er wendet sich den Kindern zu und schließt sie unvermittelt in die Arme: sie, die in der Antike keine eigene Würde besaßen; auf die alle herabschauten, im wörtlichen Sinne herabschauten. In dieser Umarmung ist kein Platz mehr für "wer ist näher dran, wer weiter; wer links und wer rechts." Da ist nur noch der Herzschlag zu spüren; der Atem, die Wärme. Da bleibt vielleicht auch die Luft weg. In dieser Umarmung dämmert uns etwas von dem Eigenwert, den wir haben dürfen, ohne ihn über den Status der anderen definieren zu müssen. In dieser Umarmung beginnen wir etwas von unserem Selbstwert zu spüren. Es ist die Umarmung desjenigen, "der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Befreiungsgeld für die vielen." In dieser Umarmung dürfen wir gleich das Abendmahl feiern.

Amen.

  

Die prämierte Predigt ist in einem Predigtband erscheinen. Weitere Informationen sind unter http://theologie.uni-hd.de/wts/lampe/neukirch.pdf abrufbar.