Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 1,15

Pastor Jan-Peter Graap (ev.-freik.)

20.08.2017 Freie evangelische Gemeinde (FeG) Hannover

ZDF-Gottesdienst

Liebe Gemeinde,

kennen Sie die heilige „Impatientia“, die heilige Ungeduld? Diese seltsame Heilige zieht viele in den Bann, auch mich. Alles muss schnell gehen, sagt sie.

Und so bestelle ich im Schnellrestaurant aus dem Autofenster mein Mittagessen. Ich reise im Hochgeschwindigkeitszug mit 250 Stundenkilometern durchs Land. Und nur „ein Mausklick“: Dann kommt doch bitteschön allerspätestens morgen mein neues Buch per Bote nach Hause! Die Packer in den großen Logistikzentren im Online-Handel können ein Lied davon singen.

Die heilige „Ungeduld“ hat uns alle fest im Griff: Damit alles sofort passieren kann, halten wir uns jederzeit verfügbar. Das Smartphone liegt neben dem Bett auf Standby, das Auto hat eine Freisprechanlage.

Tja, mal ehrlich: Sind das nicht klassische Merkmale von Sklaven? Die Gefangenen von heute tragen keine Ketten aus Stahl, die Fesseln sind digital!

Andererseits: Ich bin auch ganz froh, wenn ich gebraucht werde und nichts verpasse. Aber wie ergeht es denen, die von diesen Möglichkeiten abgeschnitten sind? Lothar Hanisch hat es angedeutet: Der Wechsel in den Ruhestand fällt vielen Menschen schwer. Besonders, wenn „der Müßiggang“ unfreiwillig geschieht: Jung, engagiert, fremd – Flüchtlinge besuchen unseren persischen Gottesdienst am Nachmittag. Und sie würden so gerne wenigstens als Aushilfskraft irgendwo arbeiten – in einem Café oder woanders. Sie werden sogar händeringend gesucht. Doch die Bürokratie macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Die Langeweile nimmt sie in Geiselhaft.

Langeweile auf der einen, Ungeduld und Stress auf der anderen Seite. Unser Leben kann gewaltig aus der Balance kommen. Ein Symptom der Neuzeit? Keineswegs! Die heilige Impatientia, die heilige Ungeduld, trieb ihr Unwesen schon zu biblischen Zeiten.

Besonders auf Kain, den ältesten Sohn von Adam und Eva, hatte sie es abgesehen. „Unstet und flüchtig zog er umher“ (Gen. 4, 12), nachdem er seinen Bruder umgebracht hatte. Seine neue Heimat hieß Nod, auf Deutsch „Unruhe“. Es war das Land der Rastlosigkeit.

Dort krempelte Kain die Ärmel hoch und gab seiner Unruhe einen schöpferischen Ausdruck: Er baute eine Stadt, erzählt die Bibel. Seine Betriebsamkeit steckt auch in uns. Was wäre beispielsweise der in Hannover tätige Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz ohne seine kreative Unruhe gewesen? Oder Lena Meyer-Landrut: Der damals 18-jährigen flogen die Herzen zu, als sie vor sieben Jahren den 1. Platz beim Eurovision Song Contest schwungvoll gewann.

Sie und ich – wir können gar nicht anders: Die Schaffenskraft wurde uns in die Wiege gelegt, egal ob wir nun kleine oder große Talente sind. Diese Energie sollten wir auch nutzen. Doch Vorsicht: Nicht jedoch so, dass uns völlig der Atem genommen wird.

Davor warnten schon die alten Griechen: In einer ihrer Erzählungen wohnte Chronos, der Gott der Zeit, in ihrem „Götterhimmel“. Dass unsere Lebenszeit abläuft, erklärten sie sich damit, dass Chronos seine eigenen Kinder auffrisst. Ein drastisches Bild. Doch wenn wir in diesen Tagen die Bilder aus Barcelona sehen, scheint es zu passen: Irregeleitete Terroristen reißen Menschen mitten aus dem Leben.

Ohne, dass sie wenigstens noch einmal Abschied nehmen konnten. Sagen, was andere Menschen ihnen bedeutet haben. Wofür sie dankbar sind. Oder was vielleicht noch offen ist.

Permanent im „Unruhestand“ sein, ohne sich den wesentlichen Fragen des Lebens zu widmen, ist schädlich.

Selbst der schöpferische Kain und seine Nachkommen wären irgendwann im Schweiße ihres Angesichts zugrunde gegangen, wenn Gott ihnen nicht die Fesseln ihrer versklavenden Arbeit abgenommen hätte.

Ja: Es gibt einen himmlischen Befehl zum Faulenzen, denn Gott ruhte selbst am Tag sieben seiner Schöpfung. Weil Gott die Sklaverei und Ausbeutung zuwider ist, hat er sein Volk befreit. Gott will, dass seine Geschöpfe einen Tag in der Woche aufatmen können.

So sollen sie ihr Auskommen haben, auch ohne sieben Tage rund um die Uhr arbeiten zu müssen. Richtig gehört: Schluss mit der „heiligen Unruhe“! Wir sind frei! Denn „Sabbat“ heißt wörtlich: „aufhören“.

SENDEPAUSE.

Und so kannten die alten Griechen zum Glück noch ein zweites Wort für die Zeit: Den „kairos“, den erfüllten Augenblick. Eine Zeit, die nicht mit Terminen voll ist, sondern voller Muße und innerer Balance. Im „Kairos“ leben heißt: Die Mühle des Alltags anhalten, ihr bewusst entkommen und der Arbeit für einen Tag den Rücken kehren!

Dann kann ich mich für Gottes Gegenwart öffnen und Erfüllung erfahren. Im Hier und Jetzt. Denn Jesus hat diesen „Kairos“ für die Gegenwart angekündigt und er verheißt gleichermaßen eine neue Welt, in der es kein Leid, kein Schmerz, keine Angst, keinen Tod noch Terror gibt.

Als er auf die Straße trat, um seinem Volk Gottes Liebe zu predigen, sagte er: „Die Zeit (kairos) ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Richtet Euer Leben neu aus und glaubt an das Evangelium!“ (Mk. 1, 15)

An diese Worte hielt er sich auch selbst und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Sein eigener Tag bestand auch nur aus 24 Stunden. Tausende wollten etwas von ihm, bedrängten ihn. Doch er behielt die Balance. Und Jesus zog sich zurück, nahm sich Auszeiten, so wie Gott am siebten Tag ruhte, und ging dabei mit seinem himmlischen Vater in Klausur.

Die Zeit mit anderen Augen zu sehen, das möchte ich auch von Jesus in einer Zeit der Dauerbeanspruchung lernen. Gelegentlich spreche ich deshalb vor diesem Kreuz im Gebet: Ich gehöre nicht den Aufgaben; ich gehöre nicht den Menschen; ich gehöre nicht mir selbst! Ich gehöre Jesus allein!

Im Gespräch mit Gott kann es uns gelingen, unsere inneren Antreiber zu entlarven und ihnen die Macht zu nehmen. Innere „Sklavenhalter“ wie den Drang zur Perfektion, den Zwang, anderen zu gefallen oder auch die Angst vor innerer Leere. „Richtet euer Leben neu aus!“ dieser Aufforderung Jesu kann ich folgen, wenn ich erkenne: Gottes Gnade genügt!

Wenn Jesus in seiner Predigt von Umkehr spricht, dann meint er auch eine bewusste Lebensstil-Änderung für uns alle. „Frische Brötchen am Sonntag?“ „Liberalisierte Laden-Öffnungszeiten?“ Nein, danke! Sabbat meint: „Finger weg! Betreten verboten!“ Damit wir wieder mehr Zeit füreinander haben und auch mal lernen, einfach nur abzuschalten.

Für mich als Christenmenschen bedeutet der freie Tag: „Leg die Uhr ab, pack das Smartphone in die Schublade und genieß den Augenblick!“ Dann such ich mir einen ruhigen Platz, lese Bibelworte und notiere in mein Tagebuch persönliche Erlebnisse mit Gott und meinen Mitmenschen. Das empfinde ich wie ein Leben in Zeitlupe, wo ich aufmerksam werde für die Gegenwart Gottes in meinem Leben.

Oder wie neulich im Urlaub: Mitten in schwedischer Sommeridylle stoppe ich die Fahrt meines Kanus. Die Wassertropfen perlen vom Paddel. Ich staune über das herrliche Panorama, lehne mich zurück und schaue in den „offenen Himmel!“ Ein Moment, in dem Sie meinen, Ihr eigenes Blut im Körper rauschen zu hören. Ein zeitloser Augenblick, ein Gefühl von Ewigkeit, Liebe und Dank... Ein unverfügbares Geschenk aus Gottes Herrlichkeit. Darum Augen auf für den „kairos“, den kostbaren heiligen Moment, bei dem sich Himmel und Erde berühren und das Leben wieder in Balance kommt. AMEN