Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 12,41-44

Altbischof Klaus Wollenweber (ev.)

19.03.2017 Kreuzkirche zu Bonn

Liebe Gemeinde,

eine kleine Szene am Rande im Tempelgebiet von Jerusalem. Hier geschieht nichts Bedeutendes. Es geht um kein großes Ereignis oder Wunder. Es ist eine Szene in dem Markusevangelium, die angesichts der nachfolgend erzählten Geschehnisse schnell in den Hintergrund treten wird. Denn unmittelbar danach wird erzählt, dass Jesus verraten, gefangen genommen, verhöhnt, verurteilt und schließlich ans Kreuz gehängt wird. Dennoch ist diese kleine Episode am Tempel in der Verkündigung der Urgemeinde so wichtig genommen worden, dass sie uns überliefert wurde.

Es handelt sich – theologisch wissenschaftlich gesprochen - um eine sogenannte „ideale Szene“. Das heißt: Hier ist nur das Wesentlichste gesagt, herausgehoben und zielt auf das die Erzählung abschließende Wort Jesu: „diese Frau hat alles gegeben, was sie besaß – alles, was sie zum Leben nötig hatte.“Eine ganze Reihe von möglichen Fragen, wie wir sie heute stellen würden, bleibt unbeantwortet, z.B. wie und woher konnte Jesus die Vermögensverhältnisse der Witwe kennen? Warum setzte er sich im Tempelhof hin und beobachtete, was die Menschen in den Opferstock tun? Schon damals galt dieses Beobachten als unangemessen, genauso wie heute, wenn wir kontrollieren würden, was dieser oder jene Gottesdienstbesucherin in den Klingebeutel tut. Die Fragen bleiben offen; eine ideale Szene bringt eben keine Details, sondern in aller Kürze nur das Wesentliche.Jesus führt uns mit der Gestalt der Witwe den Menschentyp vor Augen, der in einer großen Freiheit des Vertrauens und des Glaubens lebt. Der Blick von uns, die wir diese Geschichte hören und bedenken, wird weggelenkt von dem Geld hin zu dem Menschen, der voll Vertrauen seinen letzten Groschen hergibt. Jesus selbst staunt über den Glauben der Witwe, die ihr Leben bedingungslos Gott anvertraut. Wenn Jesus seine Jünger zusammenruft, um ihnen diesen Vertrauens-Glauben beispielhaft vorzustellen, so können wir uns heute dadurch genauso herausgefordert fühlen. Selbst wenn 2000 Jahre zwischen dieser biblischen Szene und uns Menschen heute liegen, so stellt Jesus jetzt uns die Frage: Können wir ein solches Maß an Glauben und Vertrauen in unserem Leben aufbringen? Sie und ich – wir sind einzeln mit dieser Geschichte gefragt nach unserem lebendigen Gottvertrauen. Wir müssen wohl zugeben, dass wir - aus welchem Verantwortungsgefühl auch immer – so eine Lebensweise nicht übernehmen können. Es wäre in der heutigen Zeit, denke ich, einfach verantwortungslos. Dabei ist in dieser Szene vor Gott überhaupt nicht maßgebend, wie bedeutsam und reich wir heute in der Welt sind und leben oder welchen Einfluss wir in unserer Nachbarschaft und in der Gesellschaft haben. Wesentlich ist, wie dankbar wir Gott mit unserer Lebensweise antworten auf alles das, was Gott uns zuvor in unserem Leben geschenkt hat.Martin Luther hätte mit seinem befreienden und erneuernden Aufbruch zu seiner Zeit auch diese kurze biblische Geschichte als Beispiel für die Freiheit eines Christenmenschen heranziehen können. Denn aus der Geschichte von der „armen Witwe“ können wir bis heute lernen und erfahren, worauf es ankommt und was uns lebenslang trägt – auch in aller Armut und Not: Vertrauen allein dem gegenüber, der dich liebt! Nimm wahr und setz es in deinem Leben um, dass Gott dir ganz viel in Jesus Christus schon geschenkt hat und immer neu schenkt.Eine jüdische Lebensweisheit besagt: „wir werden geboren mit Fingern zu Fäusten geballt, und wir sterben mit geöffneten Händen. Wir können nichts mitnehmen von dieser Welt.“ Die Witwe hat ihr ganzes Leben auf eine Karte gesetzt: sie vertraut sich und ihr Leben ohne Vorbedingung Gott an. Darüber staunt Jesus und sagt dieses seinen Jüngern und uns heute. Es geht also in dieser beispielhaften Kurzgeschichte überhaupt nicht um Reichtum und Armut von uns Menschen. Wir müssen uns auch nicht selbst zwischen arm und reich einordnen.Auffällig ist, dass diese Beispielgeschichte Jesu nicht mit der Aufforderung endet: „Gehet hin und handelt ebenso!“ Damals hat Jesus seine Jünger allerdings mit in das Staunen über den Glauben der Witwe hineingenommen. Und heute will er uns ebenso mit in dieses Staunen hinein nehmen: nicht nachahmen, nein staunen! Staunen darüber, wie ein Mensch unendlich vertrauen kann. Und diese großartige Lebensfreiheit der Witwe kann uns neu herausfordern, über unsere eigenen ökonomischen Zwänge nachzudenken. Lassen wir uns herauslocken aus unseren Sorgen und unseren materiellen Rechnereien, aus unseren traditionellen Horizonten der Lebenssicherungen und des Misstrauens gegenüber der Zukunft? Entdecken wir doch lieber unsere Fähigkeit zum Vertrauen besonders da, wo wir uns angesichts unserer eigenen Lebenssituation arm und unfähig fühlen. Gott macht uns Mut zu kleinen, unscheinbaren Schritten im eigenen Leben.Der heutige Sonntag in der Passionszeit des Kirchenjahres lautet „Okuli“, das heißt: „Augen sehen“. Gottes Augen sehen die Zwiespältigkeit in uns, den Zweifel, die Angst, die zerbrochenen Herzen. Gott sieht auch das Unscheinbare in unserem Leben, unseren guten Willen, die kleinen mutigen Schritte, den ganz besonderen letzten Groschen. Auch wenn wir manchmal denken, dass sich in besonderen Beziehungssituationen zwischen Menschen kein Cent Einsatz mehr lohnt, so ist und bleibt die Verkündigung dieses Sonntags Okuli: Gott will uns ermutigen mit der Zusage, dass er uns nicht übersehen hat und uns nicht übersieht. Unser Vertrauen in Jesus Christus nimmt Gott wahr. Was nach menschlichen Maßstäben gering und achtlos erscheint, wird mit den Augen Gottes gesehen und festgehalten. Da können wir nur staunen!Bezeichnenderweise fällt auf die Witwe kein Glanz des Lobes oder der Anerkennung, keine Lichtspur des weiteren Lebens. Sie wird ihren Weg des Lebens gegangen sein – unbekannt und unerkannt. Sie ist nicht zum Vorzeigen! Sie sucht selbst auch nicht nach Anerkennung. Jesus sieht dies alles und staunt und möchte seine Jünger das Staunen lehren und sie zum Vertrauen auf den Gott ermutigen, der uns Menschen über alles liebt.

Im Markusevangelium steht diese Geschichte von dem Vertrauen der Witwe kurz vor den Geschehnissen der Passion Jesu. Jesus hat sich nochmals im Tempelhof hingesetzt und andere Menschen beobachtet. Ich frage: Sieht er sich möglicherweise selbst und erkennt sich in der Witwe? Er wird seinen Passionsweg gehen, begleitet vom Jubelruf „Hosianna!“ und vom Haßschrei „kreuzige ihn!“ der umstehenden Menschen. Nichts kann er von dieser Welt mitnehmen. Er ist allein, muss alles Vertrauen auf Gott setzen und kann sein Leben nicht absichern. Klar und zugleich grausam kann Jesus in dieser kleinen „idealen Szene“ seinen eigenen Weg sehen: er wird alles weggeben und opfern für die anderen.

Ich wünsche uns an diesem Sonntag Okuli, dass uns die Augen geöffnet werden: Lassen wir uns befreien von dem Versuch, in unserem Leben alles kalkulierbar und vorhersehbar zu machen. Haben wir vielmehr den Mut, uns auf das Wagnis des Vertrauens in Gottes Führung einzulassen. Sehen wir uns als Menschen, die Gott nicht allein lässt, schon gar nicht, wenn wir bereit sind, unser Leben letztendlich in Gottes Hand zu geben.

Amen