Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 13,31-37

Superintendent Lothar Kuschnik

25.11.2007 in der Auferstehungskirche Arnsberg. Übertragen im Deutschlandfunk

Hier die Predigt hören

 

Friede sei mit Euch, und Gnade von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

 

Liebe Gemeinde, Himmel und Erde werden vergehen. Jesus sagt das im Markus Evangelium.  Das ist ein Satz, den niemand hören will, behaupte ich. Himmel und Erde werden vergehen.  Da will ich gar nicht hinschauen, vorstellen will ich es mir schon gar nicht. Aber wenn ich einen Augenblick nachdenke, fallen mir  doch Situationen ein, wo ich mich genau so gefühlt habe.

 

Mein Himmel ist vergangen und der Boden unter meinen Füßen ist weg. Der Verlust eines Menschen verändert  von jetzt auf gleich unser eigenes Leben. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“. „Alle unsere Pläne waren plötzlich zerstört.“ „Ich habe keinen Lebensmut mehr.“ So beschreiben Menschen ihr Empfinden beim Tod eines Angehörigen. Der Himmel ihres Lebens ist vergangen, die Erde unter den Füßen entzogen. Die Seele ist wund.

„Jeder Morgen bringt eine neue Qual, und am liebsten wäre ich auch nicht mehr da.“ So fühlen sich Tage und Nächte der Trauer an.  „Wer das nicht erlebt hat, kann es nicht nachempfinden“, sagen sie. Viele von uns haben am Grab eines Menschen gestanden, den wir geliebt haben. Dessen Verlust uns bis ins Mark getroffen hat. Das verbindet uns an diesem Sonntag, den wir den Totensonntag nennen.  

An diesem Sonntag sind wir besonders empfindsam, vielleicht den Tränen nah. Fragen tauchen auf: Welche Bedeutung hat der Tod für mein Leben? Was bleibt, wenn alles vergeht? Diese Fragen brauchen Raum.  Dabei begleiten uns die Worte Jesu und  ein Lied. Sie haben die Melodie gerade vom Klavier gehört. Es ist das Lied Tears in Heaven.

Der Gitarrist Eric Clapton hat es geschrieben. Er hat im  März 1991 seinen vierjährigen Sohn Connor verloren. Der Kleine stürzte aus einem Hotelfenster, das eine Putzfrau offen gelassen hatte. Alptraum aller Väter und Mütter. Ein sinnloser Tod. Neun Monate zog sich Eric Clapton völlig zurück.  Seine Trauer hat dieses Lied geboren. 

Ganz behutsam, fast zweifelnd fragt er seinen Sohn: „Würdest Du meinen Namen kennen, wenn ich dich im Himmel sähe? Würde  es dasselbe sein?“ Dann  kommt Clapton zu einem ersten Halt „Ich muss stark sein und weitermachen, denn ich weiß ich gehöre (noch) nicht  in den Himmel.“

Hören wir einen Augenblick zu.

Lied

Wann vergehen Himmel und Erde? Diese Frage hat Menschen unabhängig von ihrem eigenen Schicksal zu allen Zeiten beschäftigt. Diese Frage war immer auch ein gutes Geschäft, wenn Menschen anderen Menschen damit Angst gemacht haben: morgen geht die Welt unter. Der amerikanische Präsident George Bush hat Bilder der Endzeit benutzt, um seinen brutalen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen und in seiner Sprache: die „Achse des Bösen“ zu bekämpfen. Mit Szenarien der Endzeit spielen Hollywoodfilme viel Geld ein, wenn Bruce Willis mal wieder die Welt retten muss.

Was sagt eigentlich Jesus dazu? Der muss es doch wissen.

Jesus  sagt: „Von dem Tag aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ So ist das. Kein Geschäft mit der Angst zu machen. Basta. Weder die Engel noch der Sohn wissen Bescheid. Die Stunde kennt allein der, der die Zeit schuf, kein Raum für Spekulationen. Erfrischende Nüchternheit.

Wenn niemand die Stunde des Endes weiß, was können wir dann tun?

Nun zunächst leben wir unseren Alltag und schieben den Gedanken an die Ewigkeit zur Seite.  Der Tod trifft immer die anderen. Wir selbst insgeheim halten uns ja für unsterblich, jedenfalls tagsüber. Die Ängste verschieben wir in die Nächte. Na ja, und dann ist Arbeit ein gutes Mittel, um sich selbst auch nicht mehr zu spüren. Das Leben läuft wie in einem Hamsterrad weiter und weiter, getrieben von meinen Gedanken. Ich kann sie gar nicht zum Stoppen bringen. Veränderung ist so schwer. Wo ist mein Einbruch von Ewigkeit?

Jesus malt in wenigen Worten ein Bild, das uns aufrütteln kann. Es hat nur eine Botschaft: wach auf. Öffne Deine Augen! Rechne im Hier und Jetzt mit der Ewigkeit! 

Lausche auf die Botschaft Deines Herzens, Deine innere Stimme, verschiebe Deine Träume nicht. Lebe Dein Leben, denn: Dies ist Dein Leben.

Das Bild sieht so aus: Ein Mann geht auf eine Reise und lässt sein Haus zurück. Seinen Knechten gibt er  Zeit während seiner Abwesenheit, Aufgaben zu erfüllen. Jedem gibt er eine Aufgabe. Er traut ihnen zu, dass sie das schon machen werden. Sie tun, was sie tun.  Sie tun das in seinem Namen. Er steht im Geiste hinter ihnen. Das stärkt und gibt Kraft. Die Bibel hat dafür das wunderschöne Wort:  „Vollmacht“.  Und einem gibt er eine besondere Aufgabe, der soll aufpassen, wann der Herr des Hauses zurückkommt. Egal ob nachts oder am Tag. Er soll ihm die Tür öffnen und bereit sein.

Einige Ideen zu diesem Bild. Das Haus spricht mich an. Ist es das äußere Haus, in dem ich wohne oder mein inneres Haus, mein Seelenhaus? Was ist, wenn diese Häuser mit Tod und Ewigkeit konfrontiert werden?

Wenn der Tod in ein Haus kommt, verändert es sein Gesicht. Es riecht anders, es klingt anders. Wo vorher das Leben in Fülle war, schreckt plötzlich das Ticken der Uhr, hallt in leer gewordenen Räumen. Davon erzählen Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, ihn vielleicht zuhause gepflegt haben. Diese Leere, die Stille, das Loch. Schwer auszuhalten, weil jeder Gegenstand und jedes Kleidungsstück gemeinsame Geschichte atmet.

Häuser verändern sich, wenn die Menschen gehen, die ihnen ihr Gesicht gegeben haben. Manchmal bleibt für den Zurückgebliebenen dann nur der Aufbruch in ein neues, passendes Haus. Manchmal genügt es,  ein Zimmer in seinem Seelenhaus für die Erinnerung zu behalten und in die anderen Zimmer wieder das Leben einziehen zu lassen. 

Mein inneres Haus verändert sich angesichts von Tod und Ewigkeit. Mir wird klar: Alles hat ein Ende, was lebt. So entdecke ich plötzlich den Trost in dem Satz: Himmel und Erde werden vergehen. So wie die Welt und mein Leben einen Anfang hat, haben sie auch ein Ende. Auch die Trauer hat ein Ende. 

Jesus lädt mich ein, den Blick zu heben, um zu sehen, woher  mir Hilfe kommt.  Jesus sagt: öffne Deine Augen. Öffne Deine Ohren: Lausch auf die Botschaft Deines Herzens.  Rechne jede Stunde mit der Ewigkeit.

Dies ist dein Leben und nicht die Generalprobe, sondern die Aufführung. Der Gedanke an die Ewigkeit hilft mir, die Augen für die Wirklichkeit zu öffnen. Dann kommen  auch die anderen Menschenkinder in den Blick. Was kannst du tun in der Vollmacht des Hausherrn hier in seinem Welthaus ? Wen musst du trösten, wen anklagen? Wen musst du begleiten ganz behutsam, wen mit den Folgen seines Tuns konfrontieren? Wann, ja wann musst du „dem Rad in die Speichen fassen“, wie Bonhoeffer es genannt hat? Und erinnere Dich daran: du hast die Vollmacht vom Hausherrn bekommen. Du handelst in seinem Namen auf seine Weisung und sein Gebot hin.

Nun gibt’s ja ein Problem: Aus diesem Wachen und Wachsam sein kann neuer Stress entstehen. Aber keine Sorge. Gott selbst hat einen wunderbaren Türhüter bestellt.

Der passt auf dich auf. Der behütet dein inneres Haus, dein Seelenhaus. Martin Luther sagt das  in seinem Morgensegen, den wir alle kennen so: Dein heiliger Engel sei mit mir. Dieser Engel spricht in der Stille. Er erinnert dich an die Ewigkeit.  

Ach, und noch etwas gefällt mir an diesem Bild. Wenn Gott der Hausherr ist, dann ist er ja jetzt unterwegs. Das heißt, er kann jedes Haus  zu einem Hospiz, einem Ort der Liebe und Fürsorge machen  für Kranke und Sterbende, für Arme und Reiche, und ich bin ganz sicher: Er findet  auch den Weg in die Häuser der Mächtigen dieser Welt. Denn auch für sie gilt: Himmel und Erde werden vergehen.    

Der Unterwegs-Gott ist nicht eingesperrt in seine Kirche. Aber seine Kirche sorgt für sein Haus.

Hören wir noch einmal wie Eric Clapton Gottes Haus im Himmel und seinen Platz auf der Erde sieht. Dabei täuscht der Titel des Liedes. Clapton ist sich sicher, dass da keine Tränen im Himmel mehr sein werden. So wie wir es in der Offenbarung gehört haben.   

Ich übersetze jetzt die nächsten Verse:

„Würdest du meine Hand halten, wenn ich dich im Himmel sähe?

Würdest du mir helfen es auszuhalten, wenn ich dich im Himmel sähe?

Ich werde meinen Weg durch Tag und Nacht finden, weil ich weiß, dass ich nicht bleiben kann,  hier im Himmel.

Die Zeit kann dich fertig machen, die Zeit kann deine Knie fesseln.  Zeit kann dir das Herz brechen; sie macht dich zum Bettler.

Hinter der Tür ist Frieden. Ich bin sicher, und ich weiß, es wird keine Tränen geben hier im Himmel.“ 

Lied

Was bleibt von einem Menschenleben? Was bleibt am Ende der Zeiten?

Als ich die Wohnung meiner Mutter auflösen musste, wurde ich sehr persönlich mit der Frage konfrontiert: was bleibt von einem Leben? Alles war da: meine ersten Schuhe und die Fleißkärtchen aus der 2. Klasse, Bücher meines verstorbenen Vaters, seine Gitarre und vieles mehr. Was bleibt?

In vielen Ordnern sauber dokumentiert das Leben einer Familie im Nachkriegsdeutschland im Ruhrgebiet. Die Quittung für den Palisanderschrank und die erste Couchgarnitur. Vom Munde abgespart. Jetzt verschenkt, und der Rest kommt auf  den Sperrmüll. Was bleibt?  Jesus sagt: es bleibt das Wort. Die vertraute Geste und ein Gefühl tiefer Dankbarkeit. Es bleibt die  Liebe, der ich mein Leben verdanke.

So ist das am Ende: Jesu Worte werden bleiben. Sie stellen Beziehung her, denn ein Wort hat immer ein Gegenüber. Jesu Worte stellen die Beziehung zu ihm selbst her. So wie jetzt an diesem Morgen hier in dieser Kirche und überall da, wo wir auf sein Wort hören.  In seinen Worten heißt das: „siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Seine Worte sind ewig, sie erreichen unser Herz im Leben und im Sterben, wenn wir es wollen, wenn wir die Kraft haben, uns öffnen. Seine Worte rufen uns ins Leben, sie rufen uns in die Liebe. Sie schaffen Räume, wo uns sonst nur der Klos im Hals stecken bleibt, und wir verstummen.

Ich habe das selbst erlebt: Ich denke an die junge Frau, die ich beim Sterben begleitet habe. Ihre beiden Kinder waren zum Abschied in die Klinik gekommen. Ein Mädchen und ein Junge 14 und 16 Jahre alt. Sie lebten allein mit der Mutter.  Die Strahlen der sinkenden Sonne füllen das Zimmer, und mir ist der Hals wie zugeschnürt. Wir fassen uns bei den Händen, sprechen das Vaterunser und ein Segensgebet. Die Kinder weinen, die Mutter auch. Nach einer Zeit des Schweigens sagt sie: ich gehe in den Frieden. Gott behüte Euch.

Sie streichelt  ihre beiden, die sie noch einmal umarmen. Die Kinder gehen, ich bleibe im Krankenzimmer.

Gegen Morgen dreht sie ihren Kopf in das Licht des anbrechenden Tages. Ihr Gesicht entspannt sich, sieht ganz jung und klar aus. Ihr Atem vergeht und sie stirbt.

Meine Worte werden nicht vergehen. Die Worte Jesu schaffen einen Raum, der weiter greift als alle Todesangst.

Seine Worte verändern unseren Blickwinkel. Sie sagen uns: Schau auf die Taten Gottes in deinem kleinen Leben. Die Situationen der Bewahrung und des Trostes. Gib solchen Erfahrungen Raum und deine Seele wird ruhig werden. Ruhig. Wie das Wasser in einem  Teich, wenn der Wind vergeht. Du musst deinen Halt nicht  in dir allein finden und  allein stark sein. Du kannst deine Sorgen und deine Trauer teilen. Bei Gott bist du geliebt ohne jede Bedingung, ohne jede Leistung, das sagen uns die Worte Jesu. 

Wenn wir uns an die wirklich bedeutenden Augenblicke unseres Lebens erinnern, dann nämlich als uns die Liebe begegnet ist, war das ein tiefes Erkennen des anderen. Als wenn er oder sie schon seit aller Zeit in unserer Seele gewartet hätte. 

Dies ist eine Vorahnung der Liebe Gottes. Seine Liebe eifert nicht und sucht nicht das Ihre. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Diese Liebe wartet auf uns, wenn Himmel und Erde vergehen. In dieser Liebe  leben wir, es ist nur ein Schritt aus dem Haus unserer Sorgen.

So wird jeder Totensonntag zu einem Sonntag der Ewigkeit.

Wenn wir uns an die Menschen erinnern, die wir verloren haben, wissen wir,  dass auch sie in dieser Liebe geborgen sind. Ohne Wenn und Aber.

Ihre Namen sind im Himmel aufgeschrieben, und Gott hat sie bei ihrem Namen gerufen. Und das bleibt!!!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, wird unsere  Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen.