Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 14,17–26

Pfarrerin Ruth Krönig (ev.)

13.04.2017 Gemeindehaus Sachsenäcker, Heilbronn-Neckargartach

Liebe Gemeinde,

am Schluss priesen wir Gott mit einem Lied. Am Schluss des Pessachmahls sangen wir Psalmen. Damit loben wir Gott und danken für die Befreiung. Halleluja.

So gehört sich das. So verlangt es die Ordnung. So ist es jedes Jahr.

Dabei war in dem Jahr gar nichts in Ordnung. Das war schon während des Mahls wie mit Händen zu greifen. Und einen Tag später stand ich dann von ferne und sah zu wie sie Jesus kreuzigten. All meine Hoffnung hing an diesem Kreuz. Doch jetzt: tot – aus und vorbei.

Was ich da noch nicht wusste: Am Tag nach dem Sabbat würden Frauen das Grab leer finden. Eine Gestalt in einem strahlend hellen Gewand würde ihnen sagen: „Jesus, der Gekreuzigte ist von den Toten auferweckt worden.“ Später würde er uns wieder begegnen und wieder mit uns an einem Tisch sitzen und wieder mit uns das Brot brechen.

Doch zurück zu diesem Pessachmahl, das wir gefeiert haben, bevor Jesus am Kreuz starb.

Als es Abend geworden war, sah ich sie kommen – Jesus und die Zwölf. Alles war vorbereitet: Die Speisen für das Pessachmahl. Die vier Becher. Die Kissen. Sie kamen herein. Alle fanden ihren Platz um den Tisch. Jesus mitten unter ihnen. Die Feier begann. Sie folgte der gewohnten Ordnung. Wie jedes Jahr.

 

Gründonnerstag. Gottesdienst wie jedes Jahr. Mit Abendmahl. Ich blicke in die Runde. Wir sitzen am Tisch. Vor allem bekannte Gesichter. (Vielleicht ein paar neue dabei.) Auch wir sind schon einige Zeit miteinander unterwegs als Gemeinde.

Wie sind Sie heute hier? Wie bin ich hier? Mit leichtem Herzen oder mit einer Last auf den Schultern?

 

Erinnerung an das letzte Pessachmahl, das Jesus gefeiert hat. Den Tod schon vor Augen.

Und auch wir haben den Tod vor Augen. Tagtäglich die Bilder in der Zeitung und im Fernsehen. Tagtäglich die Bilder, die die Nachrichten in unserer Phantasie aufsteigen lassen. Tote bei Anschlägen auf Kirchen in Ägypten, Tote in Stockholm, Tote in Sankt Petersburg, Tote im Mittelmeer, Tote im Krieg in Syrien und anderswo.

Jesus hat den eigenen Tod vor Augen. Und dass einer seiner Freunde ihn ausliefern wird.

Wie schwer oder leicht fällt es uns, uns hineinzuversetzen in die Stimmung damals beim Pessachmahl in Jerusalem?

 

Wir feierten Pessach wie jedes Jahr. Mit dem Volk Israel, mit unserem Volk ließen wir uns von Gott herausführen aus Ägypten. Aus der Sklaverei in die Freiheit. Die Befreiung feiern. Gott ein Loblied singen. Ich fühlte mich wohl in der Runde um den Tisch mit Jesus und den anderen Jüngerinnen und Jüngern.

Doch dann sagte Jesus: „Einer von euch wird mich ausliefern.“

Mir stockte der Atem. Wer sollte das tun? Und warum? Wir sind doch eine Gemeinschaft. Vertraut miteinander. Zuverlässig. Wir halten doch zusammen. Betretenes Schweigen.

 

Was müsste eine von uns jetzt sagen, um dieselbe Betroffenheit auszulösen?

Mir fällt nichts ein, was wirklich vergleichbar ist. Höchstens noch: Ich bin schwer krank. Ich werde bald sterben. Das bedeutet: den Tod vor Augen haben, ja – doch nicht verbunden damit, dass ich von meinen Nächsten ausgeliefert werde an Menschen, die mich töten. Das mag es zwar auch heute noch geben.

Doch in meinem Alltag kann ich mir kaum etwas vorstellen, was dem gleich käme, was Jesus hier sagt. Vielleicht im Krieg, wenn bisherige Nachbarn und Freundinnen sich gegen einander wenden. Vielleicht im Internet, wenn ein Mädchen von anderen der Lächerlichkeit preisgegeben und dem Spott ausgeliefert wird – bis sie keinen Ausweg mehr sieht und sich das Leben nimmt.

Doch wer ist da so hellsichtig und kann voraussagen: „Einer von euch wird mich ausliefern – einer, der jetzt mit mir isst.“

 

Traurigkeit legte sich wie ein schweres Tuch über uns. Manche hatten Tränen in den Augen.

- Stille -

Und dann brach ein Tumult los. Alle fragten nacheinander: „Das werde doch nicht etwa ich tun?“ Wir alle haben uns das wohl zugetraut: Jesus ausliefern. Und das hat uns erschreckt.

Aber Jesus ging gar nicht auf unsere Fragen ein. Er bot keinen Trost an. Für ihn war anscheinend klar, was kommen wird – ja, was kommen muss: „Der Mensch wird fortgehen, wie es geschrieben steht.“ Darum wird ihn einer ausliefern, der mit ihm das Brot in die Schüssel taucht. Wie gelassen er das aussprach. Doch dann: „Aber wehe jenem, der ihn ausliefert! Für diesen Menschen wäre es besser, er wäre nie geboren worden.“ Mir blieb der Bissen im Hals stecken. Wie konnte er so etwas sagen? Ja, Jesus konnte schon sehr hart sein, wenn jemand nicht wollte, was Gott will. Das hatte ich schon oft erlebt: Für mich oder gegen mich. Schwarz oder weiß. Ja oder nein. Dazwischen gab es nichts. Einmal hatte er gar zu Petrus „Satan“ gesagt.

Und wir aßen weiter.

Als ob nichts gewesen wäre, tat Jesus, was beim Pessachmahl immer getan wird: Er nahm ein Brot und sprach den Brotsegen: „Gesegnet bist du, Ewige, Gottheit Israels, König der Welt, der das Brot aus der Erde hervorbringt.“ Dann brach er das Brot und durchbrach die Ordnung, indem er sagte: „Nehmt, dies ist mein Leib!“

Danach ging das Pessachmahl in der überlieferten Ordnung weiter. Jesus nahm einen Becher und sprach den Segen über ihn: „Gesegnet bist du, Ewige, Gottheit Israels, König der Welt, der die Frucht des Weinstocks erschaffen hat.“ Er gab den Becher an uns weiter,

und wir tranken alle daraus.

Doch dann sagte Jesus wieder etwas Außergewöhnliches: „Das ist mein Blut des Bundes, das für alle vergossen wird. Ja, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, an dem ich sie in der Welt Gottes neu trinken werde.“

Am Schluss des Pessachmahls priesen wir Gott mit einem Lied. Dann gingen wir hinaus auf den Ölberg.

 

Diese Geschichte jagt mich durch ein Wechselbad von Gefühlen. Ich tauche mit ein in die Pessachfeier mit ihrer gewohnten Ordnung und erlebe mit, wie die Welt der Jüngerinnen und Jünger Jesu aus den Fugen gerät. Nichts ist mehr in Ordnung.

Da geht einer sehenden Auges auf seinen Tod zu– doch seine Freundinnen und Freunde verstehen es noch nicht. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt. Aber die ganze Tragweite können sie nicht erfassen. Und so sitzt Jesus in ihrer Mitte und ist doch allein.

Da weiß einer: „Einer meiner Freunde wird mich ausliefern.“ Harte Worte spricht er über ihn: „Wehe ihm! Besser, er wäre nie geboren worden.“  – Und doch setzt er sich auch mit ihm an einen Tisch.

Da durchbricht einer die überlieferte Ordnung und macht aus dem alten Fest etwas Neues: „Das Brot ist mein Leib. In dem Becher ist mein Blut des Bundes.“

Da setzt einer konsequent fort, was er schon die ganze Zeit gelebt hat. Vom Leib Jesu ging heilende Kraft aus, als die blutflüssige Frau ihn gerührte. Er weist die Unreine nicht zurück, sondern lässt zu, dass Kraft aus seinem Leib herausfließt und die Frau heilt.

Da holt einer die Ausgegrenzten, die die anderen Sünderinnen und Sünder nennen, in die Gemeinschaft des Bundes mit Gott hinein.

Da weiß einer: Das tue ich jetzt zum letzten Mal: „Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken“ und ist zugleich doch auch angesichts seines Todes voller Hoffnung: „In der Welt Gottes werde ich sie neu trinken.“

Da geht einer nicht nur auf seinen Tod zu, sondern zugleich auch auf Gottes Reich.

Da lässt sich einer stärken für das Schwere, das ihm bevorsteht.

Und am Schluss preisen sie Gott mit einem Lied und gehen hinaus, wo die Auslieferung wartet und der Tod.

 

So möchte auch ich leben können: mich hineinfallen lassen in die Traditionen und Ordnungen meines Glaubens. Dabei dennoch die Ordnung durchbrechen, wenn es notwendig ist. Aussprechen, was nicht in Ordnung ist, wenn es sein muss mit harten Worten. Aushalten, wenn die Welt aus den Fugen gerät, wenn wir Konflikte austragen und Streit haben, wenn mir Leid, wenn mir Schweres bevorsteht, wenn der Tod droht anderen und mir. Mich dann stärken lassen vom Brot und vom Saft der Trauben, von Jesu Leib und von seinem Blut des Bundes. Mich tragen lassen von der Hoffnung auf Gottes Reich, das kommt und schon wirkt. Gott preisen mit Liedern.

 

Leichter wird es, wenn wir das als Gemeinschaft leben, als Gemeinschaft des Glaubens und der Hoffnung, wenn wir einander stärken angesichts von Leid und Tod, wenn wir ein Lächeln, einen freundlichen Blick und gute Worte für einander haben, wenn wir gemeinsam Brot und Becher teilen und wenn wir gemeinsam singen. Und so lassen Sie uns, bevor wir das Mahl feiern und bevor wir hinausgehen – nicht auf den Ölberg, sondern zurück in unseren Alltag – Gott preisen mit einem Lied. Amen.