Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 15,16-21

Pastor Stefan Herb (ev.-meth.)

02.04.2017 Zionskirche in Kirchheim/Teck

Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht. So beginnt der Brief, liebe Schwestern und Brüder, den Antoine Leiris einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 über Facebook an die Mörder seiner Frau gerichtet hat. Ich weiß nicht, wer ihr seid, fährt Leiris fort, und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn der Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die den Körper meiner Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr es darauf angelegt habt… Und am Ende des Briefes konfrontiert Leiris die Attentäter mit seinem kleinen Sohn: Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade aus seinem Mittagsschlaf aufgewacht ist. Er ist gerade mal siebzehn Monate alt; er wird seinen Nachmittagssnack essen wie jeden Tag, dann werden wir wie jeden Tag zusammen spielen, und sein ganzes Leben lang wird dieser kleine Junge euch beleidigen, weil er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass bekommt ihr nicht.
„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Eine ungewöhnliche und ganz erstaunliche Botschaft von einem Menschen an die Mörder seiner Frau! Vor kurzem habe ich auch das kleine Buch gelesen, das denselben Titel trägt: Meinen Hass bekommt ihr nicht. Es enthält den bewegenden Bericht von Antoine Leiris über die Tage nach dem Attentat bis zur Beerdigung seiner Frau. Und es ist wirklich so: aus keiner einzigen Zeile spricht Hass. Es sind leise Töne, die den Bericht prägen. Ich habe das Buch mit großem Respekt vor einem Menschen aus der Hand gelegt, der sich nicht vom Hass infizieren lässt.
Meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich musste dabei an die Passions-Geschichten denken, die uns in diesen Wochen beschäftigen. Erinnert Ihr Euch noch an die Verhöre, die Jesus über sich ergehen lassen musste und an die Demütigungen und die Gewalt, die man ihm angetan hat? Und habt Ihr Euch auch darüber gewundert, wie Jesus sich dabei verhalten hat?  Nach dem Todesurteil, das Pilatus gefällt hatte, wurde Jesus den Soldaten überlassen und aufs Neue schwer misshandelt. Markus berichtet weiter (15,16ff.): Die Soldaten brachten Jesus in den Innenhof des Palastes, dem sogenannten Prätorium. Dort versammelte sich die ganze Kohorte um ihn. Dann hängten sie Jesus einen purpurfarbenen Mantel um. Sie flochten ihm eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf. Sie jubelten ihm zu wie einem König: »Hoch lebe der König der Juden!« Dabei schlugen sie ihm mit einem Stock auf den Kopf und spuckten ihn an. Sie knieten nieder und warfen sich vor ihm auf den Boden.
Eine groteske Szene. Vor einer Kulisse von 500 Soldaten – so viele mindestens machen eine Kohorte aus – spielt sich die Krönung eines Königs ab. Das Ganze ist natürlich eine Parodie und eine absolute Verhöhnung: Jesus wird mit den königlichen Insignien ausgestattet: Ein roter Umhang muss her und eine Krone. Normalerweise tragen Könige ein Diadem aus goldenen Blättern. Für Jesus tut’s ein Kranz, aus Dornen geflochten. Und dann vergnügt sich die Soldateska damit, dem König mit gespielten Ehrbezeugungen und Kniefällen zu huldigen. Dabei spucken sie ihn an und schlagen ihn auf den Kopf. Ein makabres, grausames Schauspiel.
Jesus schweigt. Er wehrt sich nicht. Er erträgt das böse Spiel. Jesus weigert sich, seinen Feinden ein Feind zu werden. Es ist, als ob er sagen würde: Meinen Hass bekommt ihr nicht. Woher nimmt er die Kraft dazu? Was macht ihn stark?  
Unter der Oberfläche der Passionsgeschichte verbergen sich Psalmen, Geschichten und Lieder aus dem Alten Testament. Sie tragen das ganze Geschehen wie Pfeiler eine Brücke. Sie bilden das Fundament, auf dem sich alles abspielt. Und sie geben Jesus den nötigen Rückhalt. Die heutige Spott- und Hassgeschichte wird unterfangen und gestützt von einem Text aus dem Propheten Jesaja. Dieses Buch enthält vier ganz besondere Lieder; sie singen alle von einem Menschen, der in einer außergewöhnlichen Beziehung zu Gott steht und von ihm beauftragt ist, den Schalom Gottes bis in die letzten Winkel der Erde zu tragen. Dabei stößt er aber auf Widerstände, die schließlich so massiv werden, dass er um sein Leben fürchten muss. Im dritten dieser vier Lieder erhalten wir Einblick in seine prekäre Situation (Jesaja 50,6.7): Ich habe meinen Rücken hingehalten, wenn sie mich schlugen, und mein Kinn, wenn sie mir die Barthaare ausrissen. Ich habe mich von ihnen beschimpfen lassen und mein Gesicht nicht bedeckt, wenn sie mich anspuckten. Sie meinen, ich hätte damit mein Unrecht eingestanden, aber der HERR, der mächtige Gott, steht auf meiner Seite. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kieselstein und halte alles aus. Ich weiß, dass ich nicht unterliegen werde.
Stellen wir uns das ruhig einmal ganz konkret vor: Jesus steht im Innenhof des Prätoriums, umringt von Soldaten, ihrem Spott und ihrer Gewalt wehrlos ausgeliefert. Nach außen hin verstummt, fangen die Worte innen aber plötzlich an, sich zu formieren und lebendig zu werden: Ich habe mich von ihnen beschimpfen lassen und mein Gesicht nicht bedeckt, wenn sie mich anspuckten. Die Worte in seinem Herzen und die bitteren Erfahrungen mit den Soldaten fließen zusammen. Innen und außen werden für Jesus eins. Es ist für ihn wie ein Déjà-vu, er weiß sich plötzlich in einer Situation, die ihm nicht unbekannt ist und die ihn deshalb nicht überrollt. Im Gegenteil, Jesus beginnt, sich allmählich sicherer zu fühlen, getragen und gestärkt: Sie meinen, ich hätte damit mein Unrecht eingestanden, aber der HERR, der mächtige Gott, steht auf meiner Seite. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kieselstein und halte alles aus. Ich weiß, dass ich nicht unterliegen werde.
Ein starkes Bild: Das Gesicht hart machen wie einen Kieselstein. Im Wissen um die Nähe Gottes, um seinen Beistand wachsen Jesus ungeahnte Kräfte zu, er wird widerständig und kann Spott und Schläge an sich abprallen lassen. Ich werde dabei an eine Strophe aus dem Lied ‚Jesu, meine Freude‘ erinnert, in der Neufassung von Gerhard Schöne: „Bist nicht tot zu kriegen. Niemand kann besiegen deiner Liebe Kraft. Wer dich foltert und erschlägt, hofft auf deinen Tod vergebens. Samenkorn des Lebens.“
Jetzt wissen wir, woher Jesus seine Kraft bezieht und wer ihn stark macht: Es ist Gott, sein Vater im Himmel, der ihm in dieser unerträglichen Situation beisteht, sich mit ihm eins macht. Und jetzt fangen wir vielleicht auch an zu begreifen, warum er sich nicht wehren muss, warum er den Hass der Soldaten nicht zurück gibt. Meinen Hass bekommt ihr nicht. Nein, ich lasse mich von euch nicht anstecken. Es ist die Kraft der Liebe, die den Hass besiegt.
Was können wir aus all dem lernen? Zwei Dinge. Erstens: wir brauchen einen ausreichend großen Bibeltext-Vorrat in unseren Herzen, um auch in schwierigen Situationen unseres Lebens bestehen zu können. Unser Ziel müsste es also sein, die Bibel zum meistgelesenen Buch bei uns werden zu lassen. Zweitens: Wir nehmen die Feindschaft nicht an, wenn sie uns von anderen aufgezwungen wird. Wir lehnen es ab, uns ihren Hass zu eigen zu machen. Nein,  unseren Hass bekommen sie nicht. Wir sind  nicht die Feinde unserer Feinde, sondern  machen uns immer wieder klar, dass wir Kinder unseres Vaters im Himmel sind. Sein Gebot aber ist die Liebe.
 
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Was jetzt kommt, klingt nach einer kurzen Atempause für Jesus vor dem letzten, großen Akt im Drama der Passion: Nachdem sie ihn (Jesus) so verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Und sie führten Jesus aus der Stadt, um ihn zu kreuzigen. Da kam ein Mann vorbei. Es war Simon von Kyrene, der Vater von Alexander und Rufus. Er kam gerade vom Feld zurück. Den zwangen sie, für Jesus das Kreuz zu tragen.
Nach allem, was war, ist das nun doch überraschend: Ein humaner Zug bei den Soldaten? Blitzt tatsächlich etwas Menschlichkeit auf bei ihnen? Vermutlich haben sie bei der Zwangsverpflichtung von Simon aber gar nicht an Jesus gedacht, sondern nur an ihre eigene Mühe, die sie mit dem Kreuz haben würden. Simon von Kyrene war wohl nur das zufällige Opfer ihrer Bequemlichkeit. Was sich aber in Wahrheit hier abgespielt hat, ist den Soldaten gänzlich verborgen geblieben. Lassen wir ein Bild sprechen. Auch Bilder sind Auslegungen. Manchmal decken sie tiefe Wahrheiten auf.
Da kam ein Mann vorbei. „Ja, ich bin zufällig vorbeigekommen,“ erzählt Simon. „Eigentlich stamme ich aus Nordafrika, aus Kyrene, einer Stadt in Lybien. Da wohnen viele Juden. Auch mich hat es dorthin verschlagen. Aber zum Passahfest bin ich fast jedes Jahr in Jerusalem. Dann wohne ich immer bei Verwandten, die ich in Jerusalem habe. Und manchmal helfe ich ihnen bei der Arbeit auf dem Feld. Auch heute war das so. Auf dem Rückweg in die Stadt hinein treffe ich dann auf diesen seltsamen Zug von Menschen, darunter viele Soldaten, Richtung Golgata, hinaus aus der Stadt. Ich ahne schon, was das zu bedeuten hat. Plötzlich sehe ich mitten in der Menge diesen geschundenen Menschen mit dem Querbalken eines Kreuzes auf dem Rücken. Das wird nicht mehr lange gut gehen, denke ich. Und schon packt mich einer der Soldaten und zwingt mich ziemlich unsanft dazu, dem armen Mann die Last abzunehmen.
Aber der nimmt mich einfach nur stumm an seine Seite. Nun sind wir zusammengespannt wie unter einem Joch. Ich sehe ihn nicht an. Ich spüre nur seinen Körper dicht an mir, seinen Atem, und ich habe Sorge, dass ich zu schwach bin. Aber ich muss das Kreuz auf mich nehmen. Ich habe keine andere Wahl.
Mit meiner linken Hand umgreife ich fest den schweren Balken. Mit meiner rechten umschlinge ich Jesus. Irgendwie werden wir’s schon schaffen. Gemeinsam. Und dann spüre ich auch seine Hand an meiner Seite und seinen Arm um mich geschlungen. Was für eine unerwartete Geste! Jesus hält mich. Er trägt mich. Und ich fühle mich getragen. Seltsam, wie wir da, den Blick gemeinsam nach vorne gerichtet, Golgata entgegen gehen. Es ist, als ob Jesus mir sagen würde: „Komm mit! Ich zeige dir den Ort meiner Liebe zu dir.“
Seht ihr das Herz – am unteren Bildrand in der Mitte? So nahe sind wir uns gekommen, dass wir ein gemeinsames Herz haben. Ja, sein Herz schlägt für mich und meines für ihn. Die Liebe macht eins.“
Wie gesagt: von all dem haben die Soldaten nichts geahnt. Sie haben nur ihre Arbeit getan. Hätte einer von ihnen den Platz von Simon eingenommen – wer weiß, was daraus geworden wäre! So aber war es Simon, der mit Jesus – buchstäblich – in Berührung gekommen ist, der seine Liebe erfahren hat.
Nein, meinen Hass bekommt ihr nicht, sagt Jesus. Mein Geheimnis ist die Liebe. Die Liebe Gottes, meines Vaters. Sie macht mich stark. In dem offenen Brief von Antoine Leiris an die Attentäter von Paris steht ein Satz – vielleicht erinnert Ihr Euch –, der mich besonders berührt hat: „Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt.“ Ich werde jetzt etwas tun, was man eigentlich nicht tun sollte: Ich reiße diesen Satz aus seinem ursprünglichen Zusammenhang und höre ihn als Botschaft von Gott: „Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt.“ In diesem Einssein Gottes mit Jesus, seinem Sohn, liegt eine unbezwingbare Kraft. Sie heißt Liebe. Darum: Meinen Hass bekommt ihr nicht. Aber meine Liebe.
Liebe Schwestern und Brüder, noch ein kurzes Nachwort: Rufus und Alexander, so erfahren wir, waren die Söhne von Simon aus Kyrene. Offenbar waren sie den Leserinnen und Lesern des Markusevangeliums bekannt. Das aber kann nur heißen, dass sie Christen geworden sind und zur Gemeinde gefunden haben. Ob Simon, ihr Vater, ihnen von seinem Erlebnis unter dem Querbalken des Kreuzes an der Seite Jesu erzählt hat? Ganz bestimmt. Halleluja! Amen.