Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 15,20-37

Pastor Wolfgang Blaffert

13.04.2001 in Den Haag

Den Predigttext für den Karfreitag haben wir bereits in der Lesung gehört (Mk. 15, 20-37). Einige Verse daraus möchte ich wiederholen:
"Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: König der Juden…Und die vorübergingen, verspotteten ihn und sprachen: hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz ! Und zur neunten Stunde rief Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ? Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, laßt sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme! Aber Jesus schrie laut und verschied…"

Liebe Gemeinde !
Karfreitag, der dunkelste Tag unseres Glaubens. Der Tag der Ungewißheiten,der Trauer, des Zweifels. An diesem Tag stirbt nicht einfach nur ein armer Wanderprediger aus Nazareth.
An Karfreitag wird alles fragwürdig. Welchen Sinn macht es, Gott zu vertrauen, wenn Gott in der Not nicht da ist; wenn er sich nicht zeigt; wenn er das Ungeheuerliche geschehen läßt ? An Karfreitag zieht der Glaube selbst sich radikal in Zweifel und alles mit, worauf er baut.
Karfreitag ist der Blick in den Abgrund.

Es ist auffällig, daß uns solch ein Blick nicht erspart wird.
Sämtliche Evangelien haben diesem Geschehen einen breiten Raum eingeräumt - und auch bei Markus ist der Nachhall jener Erschütterung spübar, welche die Welt der ersten Anhänger Jesu zum Einsturz brachte und auch in den frühsten Gemeinden noch lange nachbebte.
Der Tod an sich ist etwas Unabwendbares. Niemand kann ihm davonlaufen. Er setzt den Schlußakkord eines jeden Lebens. Aber Tod ist nicht gleich Tod. Er besitzt ein sanftes und ein fratzenhaftes Gesicht. Er kann Räuber sein und Helfer.

Der Tod Jesu aber ist ein Skandal. Der Skandal der Ohnmacht des Guten gegenüber dem Bösen. Der Skandal, daß einer, der immer im Gespräch gelebt hat mit Gott, im entscheidenden Moment scheinbar ohne Antwort bleibt. Der Skandal, daß Dummheit und Blindheit diesen Tod verursacht haben.
Es ist tiefstes Nichtverstehen, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Sein Tod ist eine tödliche Kette von Irrtümern und Mißverständnissen.

Das beginnt bereits beim Verrat des Judas. Judas geht es nicht ums Geld. Für ihn ist der Messias ein politischer Befreier, der die Herrschaft der Römer bricht und dem Volk die Selbstbestimmung zurückgibt. Jesus zögert ihm zu lange. Darum verrät Judas ihn. Er liefert ihn ans Messer, damit Jesus endlich den Aufstand ausruft. Judas irrt sich.
Aber der verhängnisvolle Weg ist eingeschlagen, und die Henker Jesu werden die Richtung nicht mehr ändern.
Der Prozeß, der ihm gemacht wird, ist ein Scheinprozeß mit gekauften Zeugen und korrupter Gerichtsbarkeit. Es ist ein politischer Prozeß, in dem es darum geht, einen Aufrührer unschädlich zu machen. "König der Juden" - das sagt alles: wer so genannt wird, kann in den Augen der Herrschenden selbst nur ein Ziel haben: die Herrschaft an sich zu reißen - ein fataler Irrtum. Jesus ist kein Widerstandskämpfer, kein Politrebell und auch kein Putschist. Er will etwas ganz anderes. Aber niemand begreift ihn mehr. Er ist unverstanden und allein.

Diejenigen, die am Kreuz vorübergehen, sehen nicht den Geschundenen, sondern nur den Verlierer, und Verlierer haben zu keiner Zeit Konjunktur gehabt. Die einstigen Bewunderer nehmen ihm dessen Niederlage übel. Sie haben sein Auftreten mit großen Erwartungen verknüpft, haben eigene Wünsche mit seiner Person verbunden, ohne wirklich zuzuhören, ohne hinzuschauen, ohne zu verstehen. Jetzt fühlen sie sich betrogen - und aus Bewunderung wird Enttäuschung, wird Spott. Was kann schon dran sein an einem, der mit so hohem Anspruch aufgetreten ist und nun die personifizierte Hilflosigkeit darstellt ? Ein Scharlatan, mehr nicht.

Ihr Hohngesang trifft den Kern ihres Nichtverstehens: sie stoßen sich an der Machtlosigkeit Jesu; daran, daß er Opfer ist und nicht Sieger. Das machen sie ihm zum Vorwurf.
Denn in seiner Niederlage erkennen sie ihre eigene. Sie sind selbst Besiegte; unterjocht von einer fremden Macht - von Rom. Der schärfste Gegner Jesu, das religiöse Establishment, schließt sich den Spottgesängen an und treibt es dabei auf die Spitze. Wenn du jetzt vom Kreuz herabsteigst, dann wollen wir dir glauben. Die Hohenpriester und obersten Pharisäer fühlen sich sicher. Ihnen kann nichts geschehen. Sie amüsieren sich köstlich und haben ihren Spaß. So freuen sich Gewinner. In diesem Augenblick kann man ihnen ohne Maske begegnen und sehen, was sie in Wirklichkeit sind: Menschen, die ihr Menschsein vergessen haben, weil sie die Macht anbeten, weil sie zerfressen sind von dem Wunsch, Macht zu besitzen und Macht auszuüben. Sie reden von Gott, doch sie haben ihn längst verloren.

Und Jesus ? Hat nicht auch er sich geirrt ? Ist nicht auch er aus der Höhe gefallen ?
Er, der die Leichtigkeit des Seins entdeckt und gelebt hat, ist eingeholt worden von den Realitäten dieser Welt, die sich mit dem Kreuz ihre ureigenste Visitenkarte ausstellt: Ort der Grausamkeit, Ort der Dummheit.

Schmerzen und Spott - das erntet nun der Mann, der anderen das Leben öffnen wollte; der einen Ausweg kannte aus Furcht und Gewalt; der wußte, wie man Gott nahe kommen konnte und der unumstößlich daran glaubte, daß diese Nähe unverlierbar war.

Jetzt, am Kreuz, geht es ums Ganze. Jetzt muß sich zeigen, was wahr ist und was falsch.
Wenn man den Kreuzigungsbericht des Markus aufmerksam liest, fällt auf, daß Jesus dabei lange Zeit in den Hintergrund tritt. Andere übernehmen die bestimmenden Rollen: diejenigen, die den Gekreuzigten mit Verachtung überschütten.

Jesus selbst reagiert darauf nicht. Er schweigt. Vielleicht hört er noch nicht einmal, was zu seinen Füßen alles gerufen wird. Denn er scheint mit etwas anderem beschäftigt. Er ringt um sein Vertrauen. Er ringt darum, Gottes Nähe nicht zu verlieren. Er ahnt oder er weiß, daß dann tatsächlich alles vergeblich war - ein großer Irrtum.

Jesus hat nur ein Ziel: Gott nahe zu bleiben. Nur wenn das gelingt, ist sein Weg nicht umsonst gewesen. Nur dann gleicht er nicht einem Bergführer, der meint, eine Route durch unzugängliches Gelände gefunden zu haben, bloß um am Ende im Schnee steckenzubleiben.
In diesem Augenblick steht alles auf dem Spiel.
Und Jesus wird verlieren.
Und Jesus wird gewinnen.
Er verliert, weil Gott selbst von Jesus nicht auf eine bestimmte Vorstellung festzunageln ist, sondern immer größer ist als jedes Bild, das man sich von ihm macht. Gott antwortet nicht. Er stößt Jesus in die tiefste Verlassenheit und zerbricht all seine Gewißheit. Er läßt ihn allein, weil niemand über Gott verfügen kann, nicht einmal der Gekreuzigte.

So bleiben am Ende nur ein Klageruf und etwas später ein unartikulierter Schrei. Das ist tiefste Verzweiflung. Das ist schwärzeste Nacht. Jesus hat verloren. Weiter hinunter geht es nicht.
Doch selbst in der Katastrophe bleibt Jesus auf Gott bezogen. Er hat ihn verloren, doch er ruft nach ihm und sucht nach ihm. Er gibt Gott nicht auf.
Sein Vertrauen ist bis ins Letzte erschüttert und fragwürdig geworden. Er kehrt sich dennoch nicht ab. Seine Verzweiflung hat immer noch einen Gegenüber, selbst wenn der ihm aus dem Blick geraten ist.
Dieser Tiefpunkt ist zugleich der Wendepunkt.
Und das kündigt sich ausgerechnet in seinem Verzweiflungsruf an: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ? Dies sind Worte aus dem 22. Psalm. Ein Klagepsalm, der plötzlich umsclägt in einen Lobpsalm. Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewig leben, heißt es dort.

Jesus hat verloren.
Jesus wird gewinnen.
Er wird Gott neu begegnen; erst jetzt wird er erfahren, daß die Nähe zu Gott tatsächlich unverlierbar ist, selbst im Tod.
Jesus am Kreuz weiß noch nichts von Ostern. Aber wir wissen es. Und die Evangelien haben es gewußt. Denn alles, Leben und Sterben Jesu, ist von Ostern her geschrieben. Nur deshalb wird das Furchtbare so ausführlich dargestellt. Weil hinter allem Entsetzen und hinter aller Trauer eine unbändige Freude aufscheint.
Sie wischt das Dunkle nicht weg - doch sie verleiht ihm eine andere Dimension. Was immer unser Leben verdunkelt, es wird nicht bleiben. Gott ist auch dort, wo wir ihn nicht mehr entdecken. Und seine Antwort auf alles Elend, auf die Herrschaft des Todes ist Ostern.

Karfreitag ist ein dunkler Tag, aber kein sinnloser. Erst seitdem läßt sich sagen:
Der Glaube ist groß genug, daß in ihm auch Raum ist für Zweifel; die Freude ist stark genug, daß in ihr auch Raum ist für Trauer.
Karfreitag und Ostern kann man nicht trennen. Sie gehören zusammen. In ihnen haben wir das ganze Leben, die unzerstörbare Nähe Gottes.