Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 15,21

Hans Andreae, ev. Pfarrer i. R.

24.03.2016 ev. Kirche Eppendorf, Bochum

Der Kreuzträger                                 

Es war Simon von Kyrene, der dadurch berühmt wurde, dass er das Kreuz Jesu auf seinem Rücken trug. Eine Tat, nur für einen Augenblick, die aber selbst nach zwei Jahrtausenden nicht vergessen ist. In den Evangelien findet sie ihre kürzest mögliche Erwähnung in einem einzigen Vers. Dort wird berichtet: „Unterwegs trafen sie auf einen Mann, der gerade vom Feld in die Stadt zurück kam und zwangen ihn, das Kreuz zu tragen; es war Simon von Kyrene, der Vater von Alexander und Rufus“.  Das ist alles, was man erfährt.

Gern hätte ich wohl noch ein paar Informationen gehabt; vielleicht über die Motivation jenes Mannes, und ob er Jesus schon vorher gekannt hat oder ob er später noch zu seinem Jünger-Kreis   hinzugestoßen ist. Wir erfahren es nicht! Auch nichts über seinen Lebensweg. Nur eben, dass er aus Kyrene stammt, einem Ort in Nordafrika, dem heutigen Libyen. Aber aus welchem Grund kam er in das etwa tausend Kilometer entfernte Jerusalem? Was hat ihn dorthin verschlagen? Auch das wissen wir nicht! Merkwürdig hingegen die Erwähnung seiner beiden Söhne. Ob sie später noch eine Rolle gespielt haben – als die Söhne eines bekannten Mannes?  Aber dann wäre das Wissen um ihre Bedeutung auch recht bald verloren gegangen, denn außerhalb unserer Fundstelle  werden sie nicht mehr erwähnt.

Simon von Kyrene, ohne Zweifel eine Randfigur in der Passionsgeschichte! Und doch hat sich sein Name den Christen ins Gedächtnis eingeprägt. Denn die Sache mit dem Kreuztragen ließ sie nicht los. Hatte nicht Jesus oft genug gepredigt:  „Du aber nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!“ Dann hätte Simon von Kyrene ihnen sinnfällig vor Augen geführt, was gemeint sein könnte. Als einziger in der Schrift hätte er den Ruf Jesu wörtlich befolgt! Wurde Simon von Kyrene also dadurch zu einer Symbolfigur für die Kreuzes­nachfolge? Das hat die Christen fortan nicht mehr losgelassen. Und es bewegt auch meine Phantasie. – So  male ich mir aus, wie alles gewesen sein könnte und wie es dazu kam, dass Simon von Kyrene zu dem Kreuzträger wurde.  

Meine erste Überlegung:  Was mag ihn wohl bewogen haben, sich für Jesus aufzuopfern? War es pures Mitleid? …ein Herz für Menschen in einer besonderen Notsituation? Oder spielte etwa ein gewisser Oppositionsgeist gegenüber  der römischen Besatzungs­­macht eine Rolle? – Ich nehme einfach mal an, dass vieles auf purem Zufall beruhte und stelle es mir so vor: Simon kommt von harter Feldarbeit wieder in die Stadt zurück. Nach einem Tag mühsamer Plackerei schmerzen ihm alle Glieder und er ist rechtschaffen müde. Nun sieht er dem Ausklang des Tages im vertrauten Familienkreis entgegen. Vielleicht jetzt noch ein anregendes Gespräch mit der Frau und den Söhnen?

Noch ehe er das Stadttor passiert, gerät er in einen Menschenauflauf.  Viel Volk hat sich angesammelt, das offenbar eine Sensation wittert. Simon kennt die Szene sehr genau, die sich auf dieser Straße immer wieder abspielt. „Einen hat’s erwischt“ denkt er, „der wird zum Richtplatz geführt. Sie kommen alle hier vorbei.“ Den Mann, den sie heute in Ketten abführen, kennt er nicht. Er hat ihn nie gesehen.  Aber irgendwie beginnt die Sache doch, ihn zu interessieren. – Erbärmlich  zugerichtet sieht dieser Mensch aus. Die Soldaten haben – wie meist üblich – erst einmal ihren Spott mit ihm getrieben. Er trägt einen Kranz aus Dornengeflecht. Die  Stacheln haben sich tief in seinen Kopf gebohrt und Blut läuft ihm über die Stirn. Deutliche Spuren von brutaler Folter sind ihm ins Gesicht gezeichnet.

Aber merkwürdig: Dieser Mensch flucht und schimpft nicht wie all die andern, wenn sie hier vorbei geführt werden. Man merkt ihm nichts an von Hass auf seine Peiniger und von Wut über das Unrecht, das man ihm vermutlich antut. Denn oft genug sind sie nicht Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entgegen gehen, sondern sie sind arme Kerle, die in die Mühlen der Macht geraten sind und die nun gnadenlos niedergemacht werden. – Ergeben  schleppt der Mann das Kreuz, obwohl er es kaum noch schafft. Er schleppt den Kreuzesbalken mit einem Eifer, ja mit einer Inbrunst, als gelte es, die Schuld der ganzen Welt auf sich zu nehmen.

Simon geht ein Stück näher an das Geschehen heran, um genau zu beobachten, was sich hier abspielt. – Nein, ein einfacher Tagelöhner ist der nicht und auch kein Rebell! Seine Statue ist feingliedrig, fast ganz ohne Muskeln und Sehnen. Ein Asket vielleicht? Ein frommer Einsiedler? – „Feiges Spiel!“ denkt Simon, „diesen Mann derart brutal zu quälen!“ – Immer und immer wieder bleibt er stehen, am Ende seiner Kraft. Aber dann schwankt er mit zittrigen Knien ein Stückchen weiter, von einer inneren Kraft getrieben, die auch den letzten Lebensfunken noch aufbietet, um den Weg zu Ende zu bringen.

„Der packt das nicht!“ ruft ein Soldat dem andern zu, „der ist fix und fertig! Den kriegen wir den Hügel nicht mehr hinauf!“ – Und dann sieht Simon die Augen eines der Soldaten auf sich gerichtet. Schnell versucht, er dem Blick auszuweichen. Zu spät! Ein gewaltiger Schrecken durchfährt seine Glieder wie ein Blitz, als er den Soldaten rufen hört: „He, du Muskelprotz, komm du mal her! Pack hier mal mit an!“ – Simon fühlt ohn­mächtige Wut in sich aufsteigen. „Was soll das! Was hat er damit zu tun! Wie kommen die dazu, ihn zum Dienst verpflichten zu wollen?“ Aber er weiß auch: „Jetzt bloß keinen Aufstand! Keine aufmüpfigen Widerworte! – Diese Soldateska versteht keinen Spaß! Und im Recht fühlen die sich so wie so!“

Schon packt ihn eine harte Faust im Nacken und stößt ihn unter den Balken. Das Gewicht des Balkens sinkt auf seine Schulter. – „Mein Gott, ist der schwer, bleischwer!“ Das hätte er nicht gedacht! „Kein Wunder, dass der da bald zusammengebrochen wäre“. – Dennoch, das Kreuz lässt der Fremde auch jetzt nicht los, als müsse er es behüten und persönlich dafür Sorge tragen, dass es heil oben auf dem Galgenhügel ankommt. So schleifen die beiden Stück für Stück das schwere Holz den Berg hinauf.

Unterwegs erlebt Simon die Todesangst eines Delinquenten, wenn er zu seiner Hinrichtung geführt wird. Es ist, als solle er selbst nun den grausamen Kreuzes­tod durchleiden. Todesdunkel umgibt ihn. Das Volk am Straßenrand, es verblasst zu Schemen. Das Gaffen, das Grinsen, die gleichgültig-mitleids­ergebenen Gesichter nimmt er kaum noch wahr. – Tiefe Traurigkeit legt sich auf seine Seele. Angstvoll-zitternd spürt er das Herz in seiner Brust hämmern. – Der Tag, der hinter ihm liegt, der Weg, der ihn hierher führte, sie sind wie weggebrochen. Wie ferne Schatten erscheinen vor seinem inneren Auge die Menschen, die er einst liebte. Fremd sind sie ihm plötzlich: die Frau, die Söhne. Zukunftspläne für sie oder die Hoff­nung auf bessere Zeiten, all das berührt ihn nicht mehr. Sein Herz, es wie tot. – Mutterseelenallein, fast mechanisch, stapft er Schritt für Schritt die Straße hin­auf, ein nicht enden wollender, qualvoller Weg!

Dann plötzlich ein gewaltiger Ruck, dass er fast zu Boden geht. Sie haben ihm das Kreuz von der Schulter gestoßen. Ein Ellenbogen drückt ihn beiseite. Er wird  nicht mehr gebraucht. Sie sind auf der Bergkuppe angekommen. – Simon sinkt benommen in den Staub am Wegrand.  Die Hände vors Gesicht geschlagen sitzt er regungslos da,  für lange, lange Zeit, unbe­achtet von all den  vorbeihastenden Menschen, die fast über ihn stolpern. In seinem Kopf nichts als Dumpfheit und Trostlosigkeit und Leere.

Als er endlich wieder zu sich kommt und aufblickt, haben sie das Kreuz mit dem Mann bereits aufgerichtet. Ehrfurchtsvoll sieht Simon zu ihm hinauf. „Du hast dein Kreuz würdevoll getragen, wie sonst niemand es kann! Und auch ich hätte es ohne dich bis hier oben niemals geschafft. Nur gut, dass du an meiner Seite geblieben bist!“ –

Simon von Kyrene: Der Mann, der das Kreuz Jesu trug, für einen Augenblick nur, doch tapfer und unter  großen Schmerzen.  Er wurde zu einer Symbolfigur für alle Menschen, die das Kreuz des Leidens auf sich nehmen müssen; – ein Vorbild für jeden Kreuzträger?

Drei Anmerkungen hierzu mögen mir noch gestattet sein: Zum ersten können wir von Simon lernen: Niemand wird  das Kreuz des Leidens freiwillig und ohne Zögern auf sich nehmen, als sei es die vornehmste Christenpflicht, das Kreuz zu tragen. Nein, das Kreuz wird dir auferlegt, ja aufgezwungen. Es wird dir so zu sagen auf den Rücken geworfen – wie jenem Simon. Bestenfalls kannst du dies erdulden. Du musst es er-tragen und durchleiden. Und wenn du dich auch dagegen auflehnen wolltest – es wird dir nichts nützen!

Zum zweiten: Keiner von uns wird durch Kreuztragen zum Helden, auch wenn das gelegentlich so aussehen sollte. Denn mögen Außenstehende auch sagen: „Wie tapfer hat er die schwere, unheilbare Krankheit getragen!“...  „Wie getröstet und gefasst hat sie den Tod ihres Ehemannes hingenommen!“…  „Wie stark und mutig geht sie ihren Weg, plagt und rackert sich ab für die Kinder, und niemals hörte man sie jammern und klagen!“ – Wie gesagt, als Außenstehende mögen wir dies alles manchmal bewundern. Aber übersehen wir doch nicht die Tränen, die geflossen sind, die Verzweiflung, die einen Menschen überfiel,  die Nächte, in denen er sich sagte: „Es geht nicht mehr! Ich schaffe es nicht!“ – Wer in die Situation kommt, sein Kreuz tragen zu müssen, leidet unsäglich darunter. Mitunter geht er durch Todesqualen, und er kann nur noch unsern Gott um Kraft bitten und darauf hoffen, an seinem  Kreuz nicht zu zerbrechen.

Und schließlich ein Drittes: Der Gewinn, den du am Ende davon trägst, ist nicht, das Kreuz getragen zu haben. Sondern dein Gewinn ist, es im rechten Augenblick abge­nommen bekommen zu haben. Dein Gewinn ist, dass Christus es für dich trägt, dass er an deiner Seite bleibt, weil er viel zu barmherzig ist, um mit anzusehen, wie du am Leiden zugrunde gehst. – Sein Leiden am Kreuz war Leiden für dich. Niemand konnte so geduldig wie er es tragen. Er trug es hingebungsvoll und gottergeben, damit du am Ende von allem Leiden erlöst bist. Amen.