Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Markus 15,33-39

Pfarrer Ruedi Heinzer (ev.-ref.)

02.04.2010 im Schweizer Radio DRS 2 und DRS Musikwelle

Karfreitag

Hier die Predigt hören

 

Eine Antwort auf das Leiden?

Liebe Gemeinde am Radio

Heute kann man nicht ausweichen. Heute steht die alte, sperrige Frage auf der Traktandenliste der Kirchen: Wie kann ein guter Gott das furchtbare Leid in der Welt zulassen? Normalerweise gehe ich dem verflixten Thema auf Zehenspitzen aus dem Weg. Man kann ja nicht ständig probieren, mit seiner Taschenlampe die ewige Nacht des Universums auszuleuchten. Aber heute ist Karfreitag. Schenken wir der leidigsten Frage der Welt zehn Minuten Aufmerksamkeit! Ich glaube, dass das Sterben des Propheten Jesus am Kreuz, des „Sohnes Gottes“, wie Christen sagen, das Leid der Welt in ein besonderes, neues Licht taucht. Vielleicht kann man die unvermeidlichen Leiderfahrungen des Lebens anders tragen mit Karfreitag vor Augen. Hören wir den Evangelisten Markus, Kapitel 15.

„Sie kreuzigten Jesus, zusammen mit zwei Aufrührern, den einen links, den andern rechts von ihm. Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“, das heisst übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: „Hört, er ruft nach Elija!“ Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: „Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.“ Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.““

Das letzte Wort von Jesus war die verzweifelte Frage aus Psalm 22: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So erzählt das älteste Evangelium. Und Jesu letzte Lebensäusserung war dieser gottverlassene Schrei. Keine Antwort gab es auf seine Frage. Jede schlimme Antwort wäre besser als dieses Schweigen: keine Antwort. Wer Tod, Trennung und Schmerz erfährt, weiss, wie es ist. Die Frau, die ihr Totgeborenes auf den Arm nimmt; das Kind, das zuschaut, wie man die Leiche seiner Mutter aus den Trümmern gräbt; der Mann, der versteinert die Diagnose aus dem Mund des Arztes vernimmt, – alle fragen „Warum?“ und kriegen keine Antwort. Gott lässt seine Leidenden schmoren in Sinnlosigkeit.

Das andere grosse Drama der Bibel, das Buch Hiob, erzählt, wie Unglück und Krankheit über den gerechten Hiob kommen und ihn ins Elend stürzen. Wie er da in der Asche sitzt und seine bösartigen Geschwüre kratzt, kommt seine Frau und schreit:“Wie lange willst du dich noch an deinen Glauben klammern!? Fluche Gott und stirb!“ Aha, diese Frau kenne ich! Es ist meine Ratio, meine Vernunft. Sie sagt hämisch: „Es kann doch alles nur Zufall sein, sinnloser Zufall. Ein so genannter guter Gott, eine irgendwie geartete, höhere Intelligenz könnte doch nie zuschauen, was da unten abläuft! Denk an die Erdbeben, denk an die grauenhaften Gefängnisse, Konzentrationslager, an die unzähligen brutal zu Tode Gefolterten. Hör doch auf mit deinem „allmächtigen lieben Vater“, „der alles so herrlich regieret“. Gib endlich deinem logischen Denken Recht, vergiss diesen Gott und heiz den Ofen mit deiner Bibel.“ Frau Hiob ist nicht leicht zum Schweigen zu bringen. Vielleicht höre ich ihre Stimme noch auf dem Totenbett.

Hiob hörte sie, aber er hörte nicht auf sie. Und auch ich höre hier mal nicht auf die Logik meines Denkens. Warum nicht? Weil gerade die Logik meines Denkens selber sagt: Gibt es einen Gott, so kann er mit logischen Gedanken nicht erfasst werden. Die Logik unseres Spatzenhirns kann nur mit Raum und Zeit arbeiten. Und heute sagen es Astronomie und Quantenphysik, dass Raum und Zeit unzureichende Begriffe sind, um das ganz Grosse oder das ganz Kleine der Schöpfung zu erfassen. Das gilt erst recht von der schaffenden Kraft selbst, hinter allem, was ist! Liebe Frau Hiob, liebe Ratio: Zum Geld zählen und Krimi lesen möchte ich auf dich nicht verzichten! Aber bitte, halt am Karfreitag den Mund. Heute fragen wir nach Dingen zwischen Himmel und Erde, von denen die Schulweisheit nicht einmal träumt.

Irgendwie stirbt da Gott am Kreuzgalgen, an den ihn seine Menschen hängten. Das sagt der Glaube. An jenem Kreuz, im tiefsten Leid – da ist irgendwie Gott drin. Das ist natürlich eine Glaubensfrage. Ich weiss schon: Manche denken, Jesus sei ein Mensch gewesen, nichts weiter, ein Prophet. Mit dieser Ansicht ist natürlich nicht zu erkennen, dass Gott im Leiden ist. Aber die Botschaft des Evangeliums ist deutlich anders. Haben Sie es beachtet? Im Jesusbüchlein des Markus ist es ein römischer Hauptmann, der erste Nichtjude, der die Erkenntnis ausspricht: „Wahrhaftig; dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Und zwar sagte er das, heisst es, als er Jesus „auf diese Weise sterben sah“, also sterben in Verzweiflung, mit der unbeantworteten Frage auf den Lippen. Da am Kreuz ist Gott: im Leiden ist Gott, sagt das Evangelium. Ist das eine frohe Botschaft?

Ich weiss es noch nicht, jedenfalls stellt es die übliche Religion auf den Kopf. Die übliche Religion sagt: Gott ist jene Macht, die dir hilft und dich belohnt, wenn du anständig bist und dir Mühe gibst. Die übliche Religion gibt es in tausend Abarten auf der Welt und die meisten von uns liebäugeln mit ihr für ein paar Jahre ihres Lebens: Gott hilft dir, wenn du gut bist. Diese Religion fällt am Karfreitag zusammen wie ein Kartenhaus. Markus sagt es mit dem Bild der alten Religion: Der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste verdeckte, riss entzwei von oben bisunten. Nun sieht man ins Allerheiligste und was ist zu sehen? Der leidende Christus.

Da hängt er inmitten von Verbrechern. Es ist nicht zu verstehen, warum es ihm so gehen muss. Er hätte es wahrhaftig anders verdient. Hält sich Gott denn an gar keine Regeln? Jesus brachte Tausenden das Gottvertrauen, er gab ihnen neue Hoffnung. Er war ein beliebter Rabbi und missbrauchte seinen Einfluss nicht zum eigenen Vorteil. Er war der Mensch, an dem „Gott Wohlgefallen“ hatte, wie Markus schreibt. Und dieser Sohn Gottes geht unter Schmerzen kläglich zugrunde! Das ist nicht zu verstehen. Aber etwas Neues berührt unser Herz. Gott ist zwar die Macht, die wir anrufen, um uns vor Leid zu bewahren. Aber zugleich ist Gott auch in unserem Leid. In Leid und Schmerz berühren wir Gott selbst. Ostern wird dann sagen: Gott ist es, der das Leid wendet. Aber Karfreitag sagt: Gott ist es, der in uns leidet. Logisch ist es nicht, vielleicht aber wahr.

Diese Ahnung, dass Gott im Leid ist, hilft ertragen. Der Weg des Sohnes Gottes führt durch Leiden und Tod. Er ist auch mein Weg. Zwar scheuen selbst meine Freunde vor meinem Leiden zurück. Man wechselt die Strassenseite, wenn ich komme. Nobody Knows the Trouble I‘ve Seen - Keiner kann ermessen, was ich durchmache. Aber: Gott ist da mit drin. Im Leiden ist Gott mir sehr nah; so nah, dass ich ihn auch im Glauben nicht mehr wahrnehme. Nur die Ahnung bleibt noch: Er leidet in mir.

Und bei dieser Ahnung sollten wir es belassen. Sie wissen ja, wir Theologen haben ein Flair für Übertreibungen. Ich bin drauf und dran, weiterzufahren: „Nur im Leiden kann man dem wahren Gott begegnen!“ Oder: „Der Gott von Jesus ist kein nützlicher Gott. Nicht im Erfolg ist er zu finden, nur im Scheitern!“ Aber das sind doch dumme Sprüche. Auch als Jesus einem Blinden das Augenlicht wiedergab, war Gott drin. Und wer abends „uf em Bänkli vorem Huus“ sitzt und dankt für einen friedlichen Tag, berührt ebenfalls Gott. Trotzdem: Karfreitag - auch im Leiden ist Er.

Das hören nun vielleicht „Pan-Theisten“ und rufen: „Sagen wir ja schon immer. Überall und in allem ist Gott.“ Nein, tut mir leid. So weit geht meine Ahnung nicht. Das ist mir wieder eine rationale Übertreibung. Ich ahne Gott im leidenden Jesus, ja. Aber diese Ahnung würde ihren Trost verlieren, wenn Gott einfach überall wäre. Wie soll ich es sagen? Es ist tröstlich zu wissen, dass ein Mensch bei mir bleiben will, auch wenn ich sterbe. Aber dass es immer und überall Menschen hat, auch wenn ich sterbe, tröstet mich nicht. Das ist mir zu abstrakt. Und gibt es nicht auch Gottloses in dieser Welt, Orte und Zeiten und Absichten, wo Gott nicht ist?

Dass Gott auch im Leiden ist; ist eine Ahnung, und bei der sollten wir es belassen. Sonst kommt noch einer auf die Idee, das Leiden zu verherrlichen, das Leiden gar zu suchen, um Gott zu finden. Es habe seinerzeit Kirchen gegeben, welche die neuerfundene Pockenimpfung ablehnten, weil sie das Leiden als Strafe Gottes verstanden und meinten, man dürfe doch Gott nicht ins Handwerk pfuschen. Aber das ist doch Masochismus, nicht Evangelium! Das Evangelium des Karfreitags, dass Gott auch im Leiden ist, soll man nur erzählen. Bastelt man daraus irgendein rationales Dogma, tappt man mit Sicherheit in eine Falle.

Die Ahnung, dass Gott auch im Leiden ist, enthebt uns übrigens der leidigen Notwendigkeit, in jedem Leiden einen Sinn zu suchen. Unser Hirn ist halt so gestrickt, dass es uns leichter fällt, Leiden zu ertragen, wenn wir einen Sinn darin erkennen. Unser Hirn sucht von selber eifrig nach Sinn, sobald wir Leid sehen oder erfahren. Habe ich mir das Leid selber zuzuschreiben? Will Gott vielleicht strafen? Will er, dass ich mein Leben ändere? Will der Schmerz mich erziehen? Wozu? Habe ich in früheren Leben Dummheiten angestellt? Muss ich mein Karma abarbeiten?

Karfreitag sagt: Du musst dir keinen Sinn für das Leiden ausdenken. Dein Leid ist nicht sinnlos, weil der, welcher das Leben selber ist, auch für sich den Weg des Leidens und Sterbens gewählt hat. Sinn-Antworten aber, die der Mensch sich ausdenkt, sind meistens Holzwege. Der Sohn Gottes bekam keine Antwort auf seine verzweifelte Warum-Frage. Aber halte dich offen für die Ahnung, dass du im Leiden Gott selber berührst. Amen.

 

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